Schiffskatastrophe an Heiligabend Zickzack ins Verderben

Erst schlug der Torpedo ein, dann brach Chaos aus: An Heiligabend 1944 versenkte ein deutsches U-Boot den Truppentransporter "Léopoldville". Hunderte US-Soldaten starben, obwohl sie gerettet hätten werden können. Die Alliierten vertuschten alles - die Geschichte eines Weihnachtsdramas.

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Für Angelo Catalano war dieser Tag immer etwas ganz Besonderes, ein doppeltes Fest, denn für ihn fielen Weihnachten und sein Geburtstag auf denselben Tag. Den 21. Geburtstag aber musste er unter ungewohnt widrigen Umständen feiern - an Bord eines Truppentransporters, auf eisiger See, fern der Heimat New York. Und gerade sein Geburtstag sollte ihm diesmal kein Glück bringen.

Weihnachten 1944: Im britischen Hafen Southampton gingen 2235 US-Soldaten an Bord des belgischen Truppentransporters S.S. "Léopoldville". In Europa tobte die entscheidende Phase des Zweiten Weltkrieges. Erst eine Woche zuvor hatten die Deutschen in den Ardennen überraschend eine Großoffensive gestartet und überraschende Erfolge gehabt. Die Alliierten brauchten dringend Verstärkung.

Die "Léopoldville" sollte Verstärkung über den Kanal ins französische Cherbourg bringen - ein internationales Unternehmen: Die Soldaten waren US-Infanteristen, die Crew setzte sich aus Belgiern und Kongolesen zusammen, die Koordination für den Konvoi mit vier Zerstörern und einem weiteren Transporter lag bei der britischen Royal Navy und Kommandant John Pringle. Sein Ziel erreichte der Truppentransporter nie. Was mit dem Schiff in diesen Tagen passierte, sollte der Öffentlichkeit allerdings erst Jahrzehnte später in vollem Umfang bekanntwerden - als sich ein ehemaliger New Yorker Polizist auf die Suche nach Zeugen der Katastrophe begab.

Ein lauter Knall

Die meisten der jungen Soldaten ahnten nicht, welche Gefahr die neunstündige Passage bedeutete. Die Deutschen hatten nur einen Tag zuvor in der Gegend ein Küstenschiff versenkt, und ihr Auftrag, den alliierten Nachschub zu verhindern, galt auch an Weihnachten - obwohl sie selbst in Feierlaune waren. An Bord von U-486 war die Weihnachtstorte schon gebacken und die Sahne angerührt, als Kapitän Gerhard Meyer den alliierten Schiffskonvoi bemerkte. Die Bescherung wurde verschoben. Das deutsche U-Boot machte sich gefechtsbereit.

Im Zickzackkurs näherte sich die "Léopoldville" dem Hafen von Cherbourg. An Deck feierte Unteroffizier Angelo Catalano unbeschwert mit Freunden seinen Geburtstag. Andere Soldaten dösten in ihren Kabinen, sangen Weihnachtslieder oder freuten sich auf den Heiligen Abend an Land in Frankreich. Schon am Vorabend hatten sie in England vorgefeiert; aus Kaugummihüllen war silbernes Lametta für einen Tannenbaum entstanden, Zigarettenpackungen und Postkarten hatten den Weihnachtsschmuck ersetzt, und ein Stern war kurzerhand aus einer Dose gestanzt worden.

Kurz vor 6 Uhr ging Catalano unter Deck, um zur Feier des Tages Süßigkeiten zu holen, die er extra dafür in England gekauft hatte. Doch kurz darauf beendete ein lauter Knall abrupt die besinnliche Stimmung. Wasser drang ein, Alarmglocken heulten auf. Das mächtige Schiff erzitterte und stand dann still. Um 17.54 Uhr, nur fünfeinhalb Meilen vor Cherbourg, war die "Léopoldville" von einem Torpedo aus den Rohren von U-486 am Heck getroffen worden. Angelo Catalano kehrte nie wieder an Deck zurück, sein 21. Geburtstag wurde sein Todestag.

Die schwerste Entscheidung

Leutnant Bill Everhard wurde von der Explosion in seiner Kabine aus dem Schlaf gerissen. Sofort suchte er nach seiner Kleidung, zog sich hastig an, während zwei seiner Kameraden schon aus dem Raum stürmten. Dann kippte das Schiff plötzlich, Everhard stolperte aus der Kabine, die Tür schlug zu - und schloss einen Kameraden ein, der sich gerade noch anzog. Die Tür ließ sich nicht mehr öffnen. Im Gang stieg das Wasser schnell. Verzweifelt rüttelte Everhard an der Tür, während er seinen Freund von innen dumpf gegen das Metall donnern hörte. Als ihm das eisige Wasser bis zu den Achseln stand, traf Everhard die schwerste Entscheidung in seinem Leben: Er ließ den Freund zurück, um das eigene Leben noch zu retten.

An Deck war vielen Soldaten die Gefahr noch gar nicht bewusst; sie rauchten und warteten einfach. Das Schiff war manövrierunfähig, ja, aber es schien nicht zu sinken. Außerdem gab es keinen Befehl, das Schiff zu verlassen - zumindest behaupteten dies etliche Überlebende nach dem Krieg. Andere erinnerten sich an unverständliche Durchsagen auf Flämisch. Bill Everhard wiederum hatte schon bei der Abfahrt gewundert, dass es keine Notfallübungen gegeben hatte. "Zu keiner Zeit habe ich jemanden von der Crew gesehen, der die Situation kontrolliert hätte", bemängelte später ein US-Hauptmann in einer offiziellen Untersuchung.

Keine Einzelmeinung: "Uns wurde niemals der Befehl gegeben, das Schiff zu verlassen, und die Crew ließ auch nicht die Rettungsboote herunter", sagte ein anderer Hauptmann aus. "Hätte uns jemand gesagt, dass das Schiff wahrscheinlich sinken würde, hätten wir die meisten Männer in Rettungsboote bekommen und viele Leben retten können." Angeblich soll sogar fast die komplette belgische Mannschaft früh mit Rettungsbooten getürmt sein - was die Belgier später bestritten.

Vergebene Chance zum Abschleppen

Dazu kamen schwere Kommunikationsstörungen: Konvoi-Kommandant Pringle meldete die Attacke nur in die britische Zentrale nach Portsmouth, doch von dort leitete man die Nachricht erst 40 Minuten später nach Cherbourg weiter. Das Chaos wurde komplettiert durch unterschiedliche Radiofrequenzen an Bord der Schiffe und in Cherbourg. Dort wurde zudem bereits Weihnachten gefeiert, viele hatten frei oder waren in der Messe.

Dann ließ der Kapitän der "Léopoldville" auch noch den Anker werfen, damit das nicht mehr steuerbare Schiff nicht in ein Minenfeld treiben konnte - und vergab damit womöglich die Chance, den Truppentransporter noch in den rettenden Hafen zu schleppen. Kommandant Pringle befahl unterdessen seinen anderen Zerstörern, den zweiten Transporter des Konvois nach Cherbourg zu geleiten und Jagd auf die Deutschen zu machen. So blieb nur sein eigenes Schiff, die HMS "Brilliant", bei der kränkelnden "Léopoldville".

Erst als die ersten Verletzten an Deck getragen wurden und sich das Schiff mehr und mehr zur Seite neigte, begriffen alle den Ernst der Lage. Noch immer gab es keine Anweisungen, das Schiff aufzugeben. Stattdessen befahl jeder Offizier, was er gerade für richtig hielt.

Sprung ins Leben oder in den Tod

Inzwischen hatte sich die "Brilliant" parallel an die "Léopoldville" heranmanövriert; die Rettung schien nur wenige Meter entfernt. "Springt! Springt!", rief ein Offizier vom Zerstörer. "Ihr werdet nicht noch einmal so eine Chance haben." Es war ein Sprung ins Leben oder in den Tod. An diesem Tag war die Nordsee ungewöhnlich unruhig. Die Schiffe schwankten weit hin und her, und die Soldaten mussten nicht nur die Distanz richtig abschätzen, sondern für den rettenden Sprung auch einkalkulieren, wann die "Brilliant" tiefer als die "Léopoldville" liegen würde.

Etliche sprangen daneben, manche wurden im Wasser zwischen den Schiffsrümpfen zerquetscht. "Überall an den Schiffen war Blut", erinnert sich Richard Dutka. "Es war entsetzlich." Vor dem entscheidenden Moment sprachen Freunde einander Mut zu und hofften auf ein Wiedersehen Sekunden später auf der "Brilliant" - was nicht selten ausblieb. Bill Everhard bemerkte, dass der beste Zeitpunkt zum Sprung war, wenn beide Schiffe am weitesten auseinander waren und gerade wieder aufeinander zu drifteten. Er begann Zeichen zu geben, wann die Männer springen sollten. Die Methode funktionierte. Schließlich sprang er selbst, landete hart auf dem Deck - und musste sich vor Anstrengung sofort übergeben.

Andere weigerten sich zu springen und versuchten mit Rettungsbooten zu entkommen, in die sie niemand eingewiesen hatte. Oder sie zögerten zu lange: Um 19.29 Uhr war die "Brilliant" mit etwa 500 Überlebenden überfüllt und drehte ab. Hunderte Schiffbrüchige blieben zurück. Ihre einzige Hoffnung waren nun die vielen kleinen Rettungsboote, die inzwischen aus Cherbourg gekommen waren. Aber auch die konnten den Tod bringen statt der Rettung: "Es gab nichts Schlimmeres als dieses Geräusch - Plumph!", erinnert sich ein Retter. "Dann wusstest du, jetzt hast du jemanden erwischt", mit der Schiffsschraube.

"Was für ein Geschenk - Leben!"

Dann ging auf einmal alles rasend schnell. Das Heck der "Léopoldville" senkte sich steil in die Tiefe. Der 19-jährige Vincent Codianni stürzte durch ein Glasverdeck, landete blutend im Wasser - und "schwamm los wie der Teufel". Der Sog des untergehenden Schiffes zog ihn trotzdem sofort unter Wasser. Irgendwie schaffte er es wieder an die Oberfläche. "Ich dachte, mein Kopf platzt", erinnert er sich an den panischen Moment. "Heißes Wasser kam aus meinen Ohren, überall um mich herum trieben Körper, und ich hörte Soldaten schreien."

Auch Codianni wollte um Hilfe rufen, doch er brachte keinen Laut heraus - beim Sturz hatten Glassplitter seine Zunge verletzt. Seine einzige Chance war, dass ihn jemand zufällig finden würde. Er versuchte, ein Boot zu erreichen, doch es drehte ab. Als er sich schon fast aufgegeben hatte, las ihn ein französisches Fischerboot auf.

Wie Codianni wurden etliche halb erfrorene Soldaten im letzten Moment von Booten aus dem Wasser gezogen, in Decken gehüllt in den warmen Maschinenraum gelegt und in Cherbourg ins Krankenhaus gebracht - während am Hafen die Leichen in Reihen lagen und von einem Pastor den letzten Segen erhielten. Keith Simons wird niemals den Moment vergessen, als er, gerade aus dem Wasser gerettet, in Cherbourg ankam. Als erstes sah er ein großes Schild mit der Aufschrift "Frohe Weihnachten". "Ich dachte zuerst: Was für eine Ironie. Dann dachte ich: Was für ein Geschenk - Leben!"

Großangelegte Vertuschung

Doch 763 Soldaten an Bord der "Léopoldville" hatten weniger Glück und starben, darunter auch der Kapitän, der auf dem Schiff blieb, bis es zweieinhalb Stunden nach dem Angriff unterging. 650 Soldaten wurden verletzt. Für die USA war es ein Unglück von nationalem Ausmaß, die Toten kamen aus 46 der 48 Bundesstaaten. Nur auf dem Truppentransporters HMT "Rohna", der im November 1943 von deutschen Bombern versenkt wurde, starben mehr Amerikaner auf See. U-486 hingegen überstand am Grund des Ärmelkanals die Bomben der britischen Zerstörer unbeschadet. Mit Stunden Verspätung feierten die Deutschen ihr kleines Weihnachtsfest - und versenkten zwei Tage später zwei alliierte Fregatten.

Für die Angehörigen der Toten begann ein zäher Kampf um die Wahrheit, denn die US-Behörden versuchten, den Untergang zu verschweigen, und registrierten die Untergegangenen als "vermisst". Das ließ Raum für vage Hoffnungen, die das US-Kriegsministerium wider besseres Wissen nährte. Erst nach und nach bestätigte es die Todesfälle, ohne Angabe der Umstände. Trotzdem sickerten schon bald Informationen durch - Überlebende deuteten das Unglück in Briefen zwischen den Zeilen an, eine Nachrichtenagentur berichtete. Das zwang die US-Armee den Untergang eines Transporters "irgendwo auf dem europäischen Kriegsschauplatz" zuzugeben, doch sprach sie weiter nur von 248 Toten und 517 Vermissten.

Erst Jahrzehnte nach dem Krieg machte ein ehemaliger New Yorker Polizist die Katastrophe erstmals einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Durch Zufall war Allan Andrade auf die Geschichte der "Léopoldville" gestoßen, die seinen Ermittler-Instinkt weckte. Er ist bis heute überzeugt, dass das Desaster vertuscht werden sollte, "weil es wegen der Fehler für alle beteiligten Behörden peinlich war". In den USA wurden die Dokumente zum Fall erst 1959 freigegeben, in Großbritannien gar erst 1996. Andrade hat mittlerweile mit mehr als 500 Überlebenden oder den Angehörigen von Opfern gesprochen. Auch ein Neffe des berühmten Malers Norman Rockwell erfuhr erst durch Andrades Recherche vom Schicksal seines ehemaligen besten College-Freundes - und verarbeitete das in eigenen Zeichnungen.

Auch Jerry Catalano konnte lange keinen Frieden mit dem Drama schließen. "Weihnachten war die Erinnerung an Tod, nicht die Freude über Christi Geburt", schrieb der Bruder des ertrunkenen Geburtstagskindes Angelo Catalano an Andrade. "Es dauerte Jahre, bis wir wieder Weihachten so feiern konnten, wie es sein sollte."



insgesamt 3 Beiträge
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Florian Geier, 26.12.2008
1.
"Wie schon im Ersten Weltkrieg führten die Deutschen auch im Zweiten Weltkrieg einen unerbittlichen U-Bootkrieg." Daß die Briten ebenso unerbittlich, bspw. mit U-Boot-Fallen, Seekrieg gegen die deutschen U-Boote führten und wie schon im Ersten Weltkrieg (damals 500.000 Tote, v.a. Kinder) versuchten, Deutschland durch eine Seeblockade auszuhungern, das muß der SPIEGEL-Leser schon selbst wissen, aus dem Artikel geht das nämlich nicht hervor. Auch nicht erwähnt wird, daß U 486 am 12. April 1945 nur vier Tage nach dem Auslaufen zur zweiten Feindfahrt von einem britischen U-Boot versenkt wurde.
Hans Hans Tholken, 18.12.2014
2. gerettet hätten werden, oder hätten gerettet werden?
"......Hunderte US-Soldaten starben, obwohl sie gerettet hätten werden können." Besser wäre wohl "...,obwohl sie hätten gerettet werden können."
Peter Jürgensen, 02.03.2016
3. Krankes Schiff?
Das Schiff "kränkelte" nicht, auch wenn man vielleicht ein torpediertes Schiff als krank bezeichnen möchte. Das Schiff krängte. (Duden: "schwaches Verb - (von Schiffen) sich seitlich neigen, um die (waagerechte) Längsachse drehen")
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