Schräges Spielzeug Geigerzähler unterm Tannenbaum

Weltraum-Euphorie, Hippie-Bewegung, Atom-Kult: Der Zeitgeist schlägt sich immer auch im Kinderzimmer nieder. Im vergangenen Jahrhundert häufte sich dort einiges an - vom Göring-Püppchen über die Gasmaske bis zum Ebola-Plüschtier.

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Endlich Uran entdeckt! Die beiden Jungs strahlen übers ganze Gesicht. Der eine kniet nieder und gräbt mit einer Schaufel ein Loch in die Erde. Der andere hält einen rechteckigen, mit einem Kabel versehenen Kasten in der Hand. "Geigerzähler" steht unter der Schwarz-Weiß-Illustration auf dem Spielzeug-Karton. "Sicher! Aufregend! Lehrreich!": Mit diesem Slogan warb die US-Firma Gilbert in den Fünfzigerjahren für ihren Publikumsrenner: den Gilbert U-239 Geigerzähler.

Zu den Bestsellern jener Zeit gehörte auch das Gilbert-Atomlabor, inklusive einer "Wilsonschen Nebelkammer" sowie radioaktiver Mineralien, zu haben für 42,50 Dollar (entspricht aktuell knapp 420 Dollar). Nachdem das US-Atomlabor im März 1950 auf der Spielwarenmesse in Nürnberg vorgestellt worden war, zogen die deutschen Schuco-Spielwarenwerke mit der biegsamen Tanzpuppe "Mister Atom" nach. Die Firma Wilesco entwickelte sogar das Modell R 200: eine Spielzeug-Dampfmaschine in Form eines Mini-Atomkraftwerks.

Wie ein Rausch erfasste die Atomeuphorie in den Fünfzigerjahren die Industriestaaten der Erde - und drängte mit aller Macht in die Kinderzimmer. "Spielzeug ist immer ein verkleinertes Abbild der realen Umwelt. Es antwortet unmittelbar auf das Zeitgeschehen. Und das manchmal mit einer verblüffenden Geschwindigkeit ", sagt Urs Latus, Restaurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Spielzeugmuseums Nürnberg.

Wie schnell die Industrie mitunter auf gesellschaftliche Trends reagiert, zeigt etwa das Beispiel der Raumfahrt-Spielzeuge: Kaum hatte die Sowjetunion im Herbst 1957 ihren Sputnik-Satelliten in den Orbit geschossen und die Hündin Laika auf ihre Mission befördert, produzierten die Spielwarenhersteller auch schon eifrig Astronautenhelme, Mini-Laikas, Mondraketen und andere Gimmicks für Kinder.

Dieser Mechanismus funktioniert seit Beginn der industriellen Massenproduktion von Spielzeug, wie Latus am Beispiel des Krimkriegs 1853 bis 1856 nachweisen kann: "Sofort kamen Figuren aus Pappmaché, Holz oder Zinn auf, die den Konflikt thematisierten."

Ob Atom-Kult oder Raumfahrt-Manie, Hippie-Bewegung, Do-it-yourself-Welle oder Disko-Fieber: Verlässlich jagen die Hersteller von Kinderspielzeug den Trends nach. Auf die vollbusige Barbie, Kunststoff gewordenes Männertraum-Heimchen aus den späten Fünfzigerjahren, folgte 1968 - gleich eine doppelte gesellschaftliche Revolution - eine männliche und schwarze Barbie-Version namens Brad.

Ab 1974 eroberte dann wiederum die Sunshine-Family die Herzen der amerikanischen Mädchen: Statt Glitzershirts trugen diese Öko-Püppchen funktionale Outdoor-Kleidung in gedeckten Farben. Und statt ihre blonden Mähnen zu toupieren, töpferten die Blumenkinder-Puppen lieber Teetassen, spannen Garn oder melkten ihre Kühe.

Antisemitisches Brettspiel "Juden raus"

Doch Kinderspielzeug spiegelt nicht nur gesellschaftliche Moden wider oder verewigt die jeweils populären Stars und Schurken in Plüsch und Plastik - sei es Eisbär Knut, Osama Bin Laden oder Lady Di. Spielwaren wurden in der Geschichte vielfach auch für Propagandazwecke missbraucht.


Vom Killerhai über den Plüsch-Papst bis hin zum Atombaukasten: Klicken Sie sich mit einestages durch die Galerie bizarrer Kinderspielzeuge.

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Schräges Spielzeug: Erdbeben-Türme und Gangsterkoffer

So sollten während des "Dritten Reichs" Würfelspiele wie "Stukas greifen an" oder "Der Siegeslauf des Hakenkreuzes" die Treue zur NS-Ideologie fördern. Besonders perfide: das antisemitische Brettspiel "Juden raus" aus dem Jahr 1938. Das Ziel bestand darin, möglichst viele Juden einzusammeln und vor die Tore der Stadt zu verbannen.

Die Hersteller bewarben das Propaganda-Spiel, eine Mischung aus "Fang den Hut" und "Mensch ärgere Dich nicht", mit dem Slogan "außerordentlich heiter und zeitgemäß". Dazu brausten während des Zweiten Weltkriegs Unmengen an Panzern und Jagdbombern durch die Kinderzimmer.

"Ökopoly" zur Weltverbesserung

Nach 1945 galt Kriegsspielzeug in der Bundesrepublik als verpönt. Ein einstimmig gefasster Beschluss des Bundestags vom 23. Juni 1950 setzte sich gar zum Ziel, "Herstellung und Vertrieb von Kriegsspielzeug jeglicher Art in dem Gebiet der Bundesrepublik zu verhindern." Doch kam es nicht zu einer gesetzlichen Regelung - spätestens seit der Wiederbewaffnung marschierten die Soldaten wieder im Gleichschritt durch die deutschen Spielstuben.

In der DDR wurde Kriegsspielzeug sogar zur Verbesserung des Images der Nationalen Volksarmee instrumentalisiert: 1957 wurden Erzieherinnen in einem Rundschreiben des Ministeriums für Volksbildung dazu aufgefordert, den Nachwuchs durch militärisches Spielzeug "zum Frieden zu erziehen".

In der BRD, so Latus, diktierte "weniger der Staat denn der Markt" die Trends für Kinder. Dafür rollte im Westen, etwa im Zuge der Umweltbewegung, die Welle des Weltverbesserer-Spielzeugs heran. Ging es bei "Ökolopoly" (1983) darum, ein ökologisches Gleichgewicht auf Erden zu schaffen, retteten die Kinder beim Würfelspiel "Sauerbaum" (1988) gemeinsam den Wald vor dem sauren Regen. Mit erhobenem Zeigefinger hantierten auch die Entwickler des Spiels "Wenn es leckt" (1985): Das Ziel bestand darin, Giftmüllfässer aufzuspüren, bevor sie durchrosten.

Tödliches Virus mit Knopfaugen

Den Erwachsenen mag solch pädagogisch wertvolles Spielzeug Freude bereiten. Die Kinder indes begeistern sich - in Vergangenheit wie Gegenwart - weit mehr fürs politisch Inkorrekte: für Katastrophen und Kriege, Mord und Totschlag. So freute sich der US-Nachwuchs der Sechziger- und Siebzigerjahre an Weihnachten nur mäßig über das Pädagogen-Monopoly "Blacks and Whites", mit dem die Mittelschicht für den Alltagsrassismus sensibilisiert werden sollte.

Viel populärer waren Spielwaren wie das Winchester-Gewehr, das James-Bond-Gangsterkit oder der legendäre Erdbeben-Turm, der auf Knopfdruck heftig zu wackeln begann. Die US-Firma Remco bewarb ihren Todesturm 1976 mit dem Slogan "Macht aus einem echten Unglück ein stundenlanges fantasievolles, aufregendes Spiel!" Laut Spielzeughistoriker Latus besitzt solches Spielzeug eine wichtige psychologische Funktion: "In ihrem Spiel verarbeiten die Kinder, was in den Medien thematisiert wird. Und das ist manchmal eben schwer verdauliche Kost", so Latus.

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Ein aktuelles Beispiel für die Popularität des Makabren: das Ebola-Plüschtier, ein braunes Virus mit Knopfaugen, laut US-Hersteller Giant Microbes absoluter Verkaufsschlager im Spätherbst 2014. Die Firma führt übrigens auch Schweinegrippe-Erreger, Streptokokken und Herpesviren im Sortiment - alles aus kunterbuntem Kuschelplüsch.

Dass selbst ausgewachsene Schöngeister mitunter nicht vor dem Sog des Grusel-Spielzeugs gefeit sind, beweist das Beispiel Johann Wolfgang von Goethes: Zu Weihnachten 1793 wollte der Dichter seinem gerade einmal vierjährigen Sohn August eine ganz besondere Freude bereiten - mit einer kleinen Guillotine.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Michael Schnickers, 18.12.2014
1. *seufz*
Die Plüsch-Mikroben gibt es schon seit etlichen Jahren, so auch den Ebola-Erreger. Als vor einigen Jahren Sarah Kuttner auf Lesereise war, überreichte sie jedem, der mit ihr zusammen aus ihren Büchern vorlas, anschließend eine dieser flauschigen Bakterien bzw Viren. So konnte man sagen: "Ich habe von Sarah Kuttner eine ansteckende Geschlechtskrankheit bekommen!" Ich durfte leider nie mitlesen...
Michael Müller, 18.12.2014
2. 007 als Bösewicht?
"1966, als der Bond-Bösewicht noch von Sean Connery verkörpert wurde". Da hat der Autor wohl was verwechselt...
Andre Bohmeier, 18.12.2014
3. *Doppelseufz*
Zu Bild 9: Diese Figuren waren nicht aus Elastolin, vielmehr war Elastolin eine Handelsmarke der Firma Hauser. Es gibt keinerlei Belege, für eine Zusammenarbeit der Firma Hauser mit und dem NS Regime. Vielmehr ist es so, dass Hauser einen Spielzeugmarkt im Geiste der damaligen Zeit bedient hat. So wie übrigens über 60 andere Firmen, die diese sogenannten Massefiguren Deutschlandweit hergestellt haben.
Franz Peter Winter, 18.12.2014
4. Seit Fukushima
wären Geigerzähler als Weihnachtsgeschenk sinnvoller denn je. Ich hab mir inzwischen einen gekauft und kann nur sagen, die von mir gemessenen Werte bei Fisch aus dem Pazifik sind geradezu alarmierend!
Reinhard Kupke, 18.12.2014
5. Sean Connery
war nie der Bond-Bösewicht, er war Bond selbst.
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