Schulzeit im Nationalsozialismus Beethoven gegen Hitler

Viele Lehrer predigten im Nationalsozialismus den Rassenhass. Uwe Siemon-Netto erlebte das Gegenteil: Seine Lehrer riskierten ihr Leben, um ihn vor dem Nationalsozialismus zu bewahren.

Schulunterricht in einem Lager für umgesiedelte Wolhyniendeutsche in Aussig (Protektorat Böhmen und Mähren) um 1940
Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte/Liselotte Purper (Orgel-Köhne)

Schulunterricht in einem Lager für umgesiedelte Wolhyniendeutsche in Aussig (Protektorat Böhmen und Mähren) um 1940


Mir ist es peinlich, den Namen meines ersten Klassenlehrers an der 4. Volksschule an der Elisenstraße in Leipzig vergessen zu haben, obwohl er doch meine Familie vor grauenvollen Repressalien des Hitler-Regimes bewahrte. Nennen wir ihn einfach Kretzschmar, das ist ein sehr sächsischer Name.

Herr Kretzschmar war der Inbegriff des Steißtrommlers aus der Zeit unseres letzten, lustigen Sachsenkönigs Friedrich August III., der sich 1918 mit dem legendären Ausruf "machd eiern Dregg alleene" vom Thron verabschiedet hatte. Kretzschmar war akkurat gescheitelt, trug einen schönen Schnäuzer, einen Zwicker, eine Fliege und Gutsherrenstiefel. In seiner Rechten hielt er stets ein Lineal parat, mit dem er uns auf die Fingerkuppen klatschte, wenn wir ein Verb falsch konjugierten oder im Unterricht heimlich zu essen wagten. Wir nahmen ihm das nie übel - damals waren Kinder weniger verweichlicht.

Eines Tages in meinem ersten Schuljahr, das mag im Frühling 1943 gewesen sein, brachte er ein Kurbelgrammofon ins Klassenzimmer. Nach dem Unterricht bat er fünf von uns Schülern, noch etwas zu verweilen. Wir wussten, dass er uns sehr zugetan war. Wir Kinder waren miteinander befreundet und entstammten keinem nationalsozialistischen, sondern einem dezidiert königstreu-bürgerlichen Milieu, dem auch er sich augenscheinlich verbunden fühlte. Er nudelte sein Grammofon an und legte eine Platte auf, von der ich heute weiß, dass es sich dabei um eine Aufnahme von Beethovens Fünfter Sinfonie handelte.

Kretzschmar spielte die ersten beiden Takte, das sogenannte Schicksalsmotiv, GGG-E-FFF-D. Dann nahm er den Tonabnehmer ab und fragte: "Wer von euch Jungs hat das gestern Abend im Rundfunk gehört?" Jeder von uns hob den rechten Arm.

"Hört zu", sagte er, "nächste Woche werden Männer in Braunhemden mit einem Grammofon in den Unterricht kommen. Sie werden die gleiche Platte auflegen und dieselbe Frage stellen wie ich. Hebt dann um Gottes Willen nicht eure Arme. Tut ihr's doch, kann's euch passieren, dass ihr eure Eltern nie wiedersehen werdet." Beethovens Schicksalsmotiv war nämlich das Sendezeichen der British Broadcasting Corporation (BBC) - diesen "Feindsender" zu hören und dann vielleicht auch noch seine Nachrichten unter die Leute zu bringen, wurde mit Zuchthaus oder gar der Todesstrafe geahndet.

"Schicken sie die Kerle doch an die Ostfront"

Nach der Schule holte ich immer meinen kriegsblinden Vater vom Landgericht ab. Er war dort Jugendstaatsanwalt. Wegen der Sache mit Beethovens Fünfter kam ich diesmal einige Minuten zu spät.

"Was war los?", fragte er mich, während ich ihn zum Mittagessen nach Hause führte.

Ich begann, es ihm zu erzählen.

"Pssst! Warte, bis wir zu Hause sind!", sagte er.

Bei Tisch setzten wir das Gespräch fort, sobald das Dienstmädchen das Esszimmer verlassen hatte.

"Dein Lehrer ist ein mutiger Mann. Sei immer nett zu ihm. Er hat für uns sein Leben riskiert", kommentierte mein Vater leise.

Hier wird um 1935 herum das Hetzblatt "Der Stürmer" als Lehrmaterial im Unterricht verwendet

Hier wird um 1935 herum das Hetzblatt "Der Stürmer" als Lehrmaterial im Unterricht verwendet

Ein halbes Jahr später wurden wir ausgebombt und lebten bei meiner frech-fromm-vornehmen Großmutter Clara Netto, dem sächsischen Äquivalent der Lady Violet aus der britischen Fernsehserie "Downton Abbey". Omi Netto pfiff bei einem Bombenangriff jammernde NSDAP-Funktionäre im Luftschutzkeller sinngemäß an: "Aber meine Herren! Ach nein, Herren sind sie ja nicht! Was immer sie sind: Reißen sie sich zusammen. Dies ist ihr Krieg, nicht unserer. Wir haben nichts gegen die Engländer, Franzosen, Amerikaner, Russen oder Juden."

Am nächsten Morgen kam die Gestapo, um sie wegen dieser "zersetzenden Worte" zu verhören. Sie streckte ihnen ihre Hände entgegen und forderte sie heraus: "Verhaften sie doch die Witwe eines sächsischen Offiziers." Die Geheimpolizisten trollten sich, aber Omi Netto rief ihnen nach: "Kommen Sie zurück! Ich bin mit Ihnen noch nicht fertig! Warum sind Ihre Goldfasane (so nannten wir die Parteibonzen wegen ihres vielen Goldlamettas an ihren braunen Uniformen) eigentlich so fett? Schicken Sie die Kerle doch an die Ostfront. Da werden sie abnehmen."

Die Gestapo kam nie wieder.

Ich behaupte nicht, aus einer Familie aktiver Widerständler zu stammen. Aber es gab doch ein Zwischending zwischen diesen, wie ich meine, edlen Rettern der deutschen Ehre und den Nationalsozialisten oder Mitläufern. Es gab Menschen, deren Zivilcourage sich darin manifestierte, dass sie wenigstens die ihnen anvertrauten Kinder vor dem braunen Gift des Hasses behüteten. Zu diesen kleinen Helden gehörten der Herr Kretzschmar, meine Omi Netto und auch ein weiterer Lehrer, dessen Namen ich keineswegs vergessen habe, dem ich aber aus persönlichen Gründen hier das Pseudonym Strand verleihe.

"Was ist Auschwitz?"

Ich wurde im Februar 1944 in eine Dorfpfarrei im Leipziger Hinterland evakuiert. Der Pfarrer war ein fanatischer nationalsozialistischer deutscher Christ, der mich ohrfeigte, wenn ich nach Art des Leipziger Bildungsbürgertums "welsche", also aus dem Französischen stammende, Ausdrücke benutzte, zum Beispiel Trottoir für Bürgersteig, Serviette für Mundtuch oder Sauce statt Tunke.

Beim Sonntagsgottesdienst saß ich immer neben Kantor Strand, der auch der Rektor der Dorfschule war, zum Blattwenden auf der Orgelbank. Sobald der Pfarrer, wie üblich, Adolf Hitler als Erlöser apostrophierte, flüsterte Herr Strand mir ins Ohr: "Er lügt, er lügt! Er verrät seinen Herrn!" Dietrich Bonhoeffer, der bei seinen Landsleuten den Mangel an Zivilcourage monierte, hätte an diesem Schulmeister seine Freude gehabt.

Zu Hause waren die Themen Hitler, Nationalsozialismus, Rassenhass tabu. In unserer Familie hörte ich das Wort "Jude" zwei Mal während meiner Kindheit. Zum ersten Mal geschah das nach einem unserer freitäglichen Hauskonzerte, zu denen oft mein Onkel Felix kam. Er traf grundsätzlich zu spät ein und verließ unsere Wohnung stets vor dem Ende der Soiree. Dann verschwand er rechtzeitig vorm Fliegeralarm in der Dunkelheit.

"Warum tut er das?", fragte ich Omi. Sie legte ihren Zeigefinger an ihren Lippen und antwortete: "Psst. Er ist Halbjude. Er darf nicht gesehen werden."

In den Nationalpolitischen Lehranstalten (Napola) sollte die zukünftige nationalsozialistische Elite erzogen werden. Hier ist die Anstalt in Schulpforta bei Naumburg zu sehen

In den Nationalpolitischen Lehranstalten (Napola) sollte die zukünftige nationalsozialistische Elite erzogen werden. Hier ist die Anstalt in Schulpforta bei Naumburg zu sehen

Der Zeigefinger an den Lippen gehörte zu den Gesten, die in meinen Kriegsjahren zur Norm gehörten. Einmal berichtete beim Mittagessen mein Onkel Carl Ballin meinem Vater:

"Du Karl-Heinz, die Gestapo hat meine neue Sekretärin abgeführt. Sie war Halbjüdin."

"Weißt du, wohin sie das Mädchen verschleppt haben?"

"Nach Theresienstadt."

"Gott sei Dank, wenigstens nicht nach Auschwitz", sagte mein Vater, der damals noch nicht wusste, dass auch die Insassen des Konzentrationslagers Theresienstadt letztlich in Auschwitz landen würden.

"Was ist Theresienstadt?", fragte ich.

Jetzt war es an meinem Vater, den rechten Zeigefinger auf seine Lippen zu legen. Mit der anderen Hand deutete er auf Onkel Carls Esszimmerwände, was bedeutete: Sie haben Ohren.

Am nächsten Morgen führte ich ihn, wie üblich, durchs Connewitzer Holz. Wir waren allein.

"Was ist Auschwitz?", fragte ich ihn abermals.

"Versprichst du mir, den Mund zu halten!"

"Selbstverständlich, Vati!"

"In Auschwitz vergasen die Nazis die Juden."

"Warum das, Vati?"

"Weil sie Verbrecher sind."

"Wer, die Juden?"

"Nein, Uwe, die Nazis!"

"Woher weißt du, was sie in Auschwitz tun?"

"Von Ostfronturlaubern aus unserem Freundeskreis."

Das war 1944, noch viele Monate vor Kriegsende. Mir soll keiner sagen, die Deutschen hätten von Auschwitz nie etwas gehört. Ich wusste es, und ich war damals nur acht Jahre alt.

Eine internationale Studie hat Uwe Siemon-Netto zu diesem Artikel veranlasst. Demnach sind Deutsche, die während des "Dritten Reichs" zur Schule gingen, ihr Leben lang gegenüber Juden feindlicher eingestellt, als Schüler früherer oder späterer Zeiten.

Zur Person
  • Uwe Siemon-Netto
    Uwe Siemon-Netto, gebürtiger Leipziger, ist seit 60 Jahren Journalist. Er hat sich unter anderem mit seinen Berichten vom Vietnamkrieg einen Namen gemacht. Siemon-Netto, ein promovierter lutherischer Theologe, lebt in Südkalifornien und Frankreich. Zum 500. Jubiläum der Reformation hat er mit "Luther. Lehrmeister des Widerstands" die deutsche Übersetzung seiner Doktorarbeit herausgebracht.
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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Bernd Scherwatzki, 19.07.2015
1. Schön zu lesen.
Widerstand ist möglich. So oder So.
Inge Rothschild, 19.07.2015
2. Pflichtlektüre
Danke!
Rolf Radicke, 19.07.2015
3. Gute Lektuere,
sollte insbesondere auch von jenen Foristen nicht verpasst werden, die "Krieg ist Krieg", "Befehl war Befehl" als Ausrede fuer all die Schandtaten benutzen. Mutige Leute liessen sich nicht nur nicht missbrauchen, sie machten ihre Opposition deutlich, selbst auf die Gefahr hin, verhaftet zu werden.
Michael Schmidt, 19.07.2015
4. Und trotzdem..
eine humane menschliche Erziehung, menschliches Miteinander ALLER, lernt man eben durch Eltern und Lehrer. Woher sollten das also tausende Jugendliche haben, die seit 1933 solche Vorbilder nicht hatten?
Hans Georg Trebbien, 19.07.2015
5. Widerstand war möglich?
Dieser Auszug aus Herrn Siemon-Nettos Werk zeigt doch eher das Gegenteil: Die Haupttätigkeit der Nonkonformisten war das Schweigen, das Flüstern, das sich Verbergen. Der NS-Apparat war nicht so dämlich, dass er das nicht gewusst hätte. Deshalb gab es nicht nur Institutionen der gewaltsamen Unterdrückung, sondern auch ein geschicktes Lügengespinst, mit dem einerseits unbedarfte Oppositionelle ruhigt gehalten, und andererseits einzelne Aktionen modifiziert werden konnten, bevor sich ein flächendeckender Widerstand formierte. Theresienstadt ist so ein Beispiel. Die Wochenschau prahlte damals: "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt!"
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