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26. Februar 2008, 18:52 Uhr

Schwarz-Grün

Nazis, Terroristen, Waldmenschen

Koalition? Mit denen? Ein Vierteljahrhundert haben CDU-Politiker verbal auf ihre grünen Lieblingsgegner eingedroschen - nach der Hamburg-Wahl üben sich die Unionisten jetzt im Kuschel-Talk. Zeit für eine Revue der deftigsten Zitate aus einer Ära, als Schwarz und Grün noch wie Feuer und Wasser waren.

"Dass jetzt die ganze CDU auf die Grünen fliegt, dass kann ich nicht feststellen", sagt die Bundeskanzlerin Angela Merkel, im Nebenjob Parteivorsitzende der CDU, nach der Wahl in Hamburg am Sonntag. Nun, fliegen vielleicht nicht - aber eine Fluchtbewegung sieht anders aus. Merkels Generalsekretär Ronald Pofalla jedenfalls stupste die Hamburger CDU noch am Wahlabend in Richtung Schwarz-Grün. Das sei eine interessante Farbenkombination, "die über Hamburg hinaus ausstrahlen würde". Und der CDU-Vorstand gab Ole von Beust, dem Wahlsieger ohne klare Mehrheit, bei der Koalitionsfrage ausdrücklich "freie Hand".

So kündigt sich womöglich eine historische Zäsur an: Die Christenunion macht ihren Frieden mit den Grünen - und dann auch gleich gemeinsame Sache. Seit sich eine strategische Mehrheit links der Mitte herausbildet und die einzige Alternative der Union zur schwächelnden FDP die ungeliebte Große Koalition ist, wird im Adenauer-Haus notgedrungen umgedacht.

Minister tragen keine Turnschuhe

Dabei war die einstige Öko-Partei für eingefleischte Schwarze ein Vierteljahrhundert lang nicht weit weg vom Gottseibeiuns. Die Gegensätze schienen in hundert Jahren nicht überwindbar: Atomkraft hier - Windräder dort. Fünf Mark der Liter die einen - frei Fahrt für freie Bürger die anderen. Die Bundeswehr als die eigentliche Friedensbewegung - Soldaten als Mörder.

Und die tiefe Antipathie war nie nur eine Frage der politische Inhalte, sondern auch des Habitus und der sozialen Verortung. Strickende und stillende AbgeordnetInnen, Latzhosen und lange Haare lösten bei Konservativen lange heftige Beißreflexe aus; nicht minder, dass sich ein Minister - wie Joschka Fischer, der erste Grüne in einem Landeskabinett - in Turnschuhen vereidigen ließ. Als der einmal den Bundestagsvizepräsidenten - "mit Verlaub" - ein "Arschloch" schimpfte, tönte es umgehend aus den Reihen der Union: "Nazi!"

Der Staatsanwalt ermittelte

Die verbalen Breitseiten, die die buntgescheckten Politneulinge in den Anfangsjahren über sich ergehen lassen mussten, zeugen von einer, nun ja, robusten Streitkultur und wenig Scheu vor schiefen historischen Vergleichen - die führten in einigen Fällen sogar zu justiziellen Ermitttlungen, meist, wenn CSU-Politiker zugeschlagen hatten. Michael Glos etwa zog sich noch 1993 eine Strafanzeige wegen Verleumdung und Beleidigung zu, nachdem er erklärt hatte, die Grünen seien eine größere Gefahr als Republikaner und Rechte.

Mittlerweile, da die Grünen langsam ergrauen und ein veränderter Mainstream der Union mehr junge Anhänger beschert, hat sich der Ton zivilisiert - dass Abgeordnete beider Seiten sich ab 1995 zu gelegentlichen Mittagessen trafen, galt damals vielen Altvorderen zwar als unverzeihlicher Tabubruch. Heute sitzen die Kulinariker-Koalition der "Pizza Connection", voran CDU-Generalsekretär Pofalla, an den Schaltstellen und ebnen den Weg für parlamentarische Zusammenarbeit.

Wenn man in den Archiven nachschlägt, mit welcher Vehemenz die konservativen Status-quo-Bewahrer einst auf die grünen Weltverbesserer eindroschen, gewinnt man eine fundamentale Erkenntnis über die Union: Und sie bewegt sich doch.

Ganz schön sogar.

hmk

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