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05. Juni 2014, 16:33 Uhr

Verfolgung Homosexueller in Deutschland

20 Jahre Doppelleben

Ein Multimediaprojekt von , und Sara Maria Manzo

Als Bundesanwalt musste Manfred Bruns jahrzehntelang einen Rechtsstaat vertreten, der ihm seine eigene sexuelle Orientierung verbot. Nach seinem Coming-out setzte er sich für die Abschaffung des Paragrafen 175 ein, der Schwulsein in Deutschland unter Strafe stellte.

Manfred Bruns strampelt gerne. Jeden Nachmittag steigt der pensionierte Bundesanwalt auf sein Fahrrad und radelt durch seine Wahlheimat Karlsruhe. 15, 20, manchmal sogar 25 Kilometer kommen so am Tag zusammen. "Wenn ich gehe", sagt er, "hab ich inzwischen große Probleme. Aber auf dem Fahrrad spüre ich das nicht. Mein Rad ist wie ein Rollstuhl für mich."

Bruns, 79, tiefblaue Augen, geduldiger Blick, hat in seinem Leben schon viel Ausdauer gezeigt. Seit er ein kleiner Junge war, weiß er, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Seit 22 Jahren lebt er mit seinem Lebensgefährten zusammen. Verheiratet ist Bruns trotzdem noch mit einer Frau. Mit ihr hat er auch drei Kinder und vier Enkel. "Ich habe eisern an der Ehe festgehalten", sagt er. Und: "Ich habe mir jahrelang etwas vorgemacht."

Wenn Bruns redet, dann klingt das unaufgeregt, fast ein bisschen langsam. Um seine Aussagen zu unterstreichen, wählt er starke Worte wie "eisern" oder "schrecklich". Man merkt, dass er seine Geschichte schon häufig erzählt hat. Und trotzdem kennen sie wohl viel zu wenige Menschen in Deutschland.

Bruns hat einen der größten Unrechtsparagrafen der Nachkriegszeit abgeschafft. Er hat dafür gesorgt, dass der Paragraf 175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde. Mehr als 120 Jahre hat der "175er" die Rechte homosexueller Männer in Deutschland massiv eingeschränkt, bis er 1994 gestrichen wurde.

Kampf gegen sich selbst

Bruns ist selbst zwar nie auf Grundlage des "175er" verurteilt worden. Trotzdem hat der Paragraf ihn daran gehindert, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Jahrzehntelang hat Bruns deshalb gegen die sinnlose Vorschrift angekämpft, gegen Chefs, Minister und große Teile der Gesellschaft. Und auch ein bisschen gegen sich selbst.

Bruns ist Jahrgang 1934, seine Jugend verbrachte er in den prüdesten Jahren der Nachkriegszeit. Bis heute muss er manchmal verlegen schmunzeln, sobald er über Sex redet. Wer sich in den Fünfzigern oder Sechzigern outete, wurde zu einem Asozialen im eigentlichen Sinn: Er wurde an den Rand der Gesellschaft gedrängt. "Die fielen einfach aus dem bürgerlichen Raster heraus", erinnert sich Bruns heute.

Er ist es gewohnt, in jenem Raster zu bleiben. Bruns kam aus einem erzkatholischen Elternhaus, strengte sich an in der Schule, studierte Jura - und verleugnete seine Homosexualität vor sich und seinem Umfeld. "Ich war nicht in der Lage, das richtig zu benennen."

Kein Mensch vermutet, dass Bruns schwul ist

1961 heiratete er seine Frau Helga. Mit ihr führte er über Jahre eine zutiefst traditionelle Ehe: Sie kümmerte sich um die Familie, gab ihren Apothekerberuf auf, er machte Karriere. 1963 kam Bruns in Karlsruhe zur Bundesanwaltschaft. Und noch immer vermutete kein Mensch, dass er schwul war.

Am Bundesgerichtshof, seinem Arbeitsplatz, stand er jahrelang für einen Rechtsstaat ein, der ihm seine innersten sexuellen Gefühle verbot. Bis 1969 war Geschlechtsverkehr unter Männern in Deutschland strafbar. Auch danach wurde schwuler Sex noch jahrzehntelang geahndet, wenn einer der Männer noch nicht volljährig war. Die Grundlage: Paragraf 175 Strafgesetzbuch. Es ist jener Paragraf, den Bruns später abschaffen sollte.

Doch bevor es so weit war, musste er erst einmal ein Geständnis ablegen und ein Geheimnis lüften - wie er im Video erzählt.

Es war auf der Beerdigung seines Schwagers Anfang der Achtziger, als Bruns immer konkreter an sein Coming-out dachte. Neben ihm stand seine Frau, sie hörten die Ansprachen der Trauergäste. "Wenn ich jetzt hier läge", dachte er, "dann würden sie vermutlich ähnliche Reden halten. Aber kein Mensch wüsste, wer ich wirklich bin - nicht einmal meine eigene Frau."

Als ob es das Schicksal so wollte, blieb auf der Rückfahrt nach der Trauerfeier der Zug mitten auf der Strecke stehen. Stundenlang unterhielten sich die beiden über die Beerdigung. Schließlich sagte Bruns seiner Frau, was ihm noch vor ein paar Stunden durch den Kopf gegangen war. "Wir haben die halbe Nacht durchgeredet."

Er sagte seiner Frau, dass er sich zu Männern hingezogen fühle. Zu dieser Zeit besuchte Brunsspezielle Saunen, in denen sich Männer unter anderem zum Sex trafen.

Auch wenn sie von dem außerehelichen Sex nichts wissen wollte, nahm Bruns' Frau die Neuigkeiten ihres Mannes erstaunlich gelassen auf. "Ich habe sehr viel Glück gehabt", sagt Bruns rückblickend. "Ich habe eine wunderbare Frau gefunden, die mich so toleriert, wie ich bin." Bis heute sind die beiden offiziell Mann und Frau.

Sicherheitsrisiko nach Coming-out

Bald outete sich Bruns auch gegenüber seinen jugendlichen Kinder, kurz danach weihte er seinen Chef, Generalbundesanwalt Kurt Rebmann, ein.

Doch nicht jeder kam mit der Ehrlichkeit so gut zurecht wie Bruns' Familie: Einige Kollegen mieden ihn plötzlich, 1983 zog ihn Rebmann, sein Chef, sogar von allen Staatsschutzsachen ab, weil er Bruns nach seinem Coming-out angeblich für ein Sicherheitsriskio hielt. 1985 berichtete schließlich die "Bild"-Zeitung: "Bundesanwalt Manfred Bruns bekennt: Ich bin schwul."

Angst um seinen Job hatte Bruns dennoch nicht. Vielmehr verlieh ihm die neue Situation plötzlich eine Schlagkraft, mit der er selbst nicht gerechnet hätte. Als Bundesanwalt, der sich öffentlich dazu bekannte, schwul zu sein, konnte er sich plötzlich ganz offen für die Rechte von Homosexuellen einsetzen.

Eines der größten Probleme der Szene in den Achtzigern war - außer der Stigmatisierung und Panikmache nach dem Ausbruch der Aids-Epidemie, wogegen sich Bruns ebenfalls einsetzte - vor allem der Paragraf 175. Er kriminalisierte Schwulsein noch immer.

Auch früher schon war Bruns dabei in Schwierigkeiten geraten, seine sexuelle Orientierung und die Arbeit als Bundesanwalt miteinander zu vereinbaren. Als Teil der Revisionsabteilung musste er in den Siebzigerjahren auch Verurteilungen nach dem Paragrafen 175 bearbeiten. "Da hatte ich sehr große Probleme mit. Aber es war nun einmal geltendes Recht, und das wusste jeder."

Als 1989 schließlich die Mauer fiel, war das auch so etwas wie eine Wende für die Homo-Szene. Hoffnung kam auf, dass mit der Eingliederung der neuen Bundesländer der Paragraf 175 endlich auch in der alten Bundesrepublik abgeschafft würde. Denn in der DDR war der "175er" schon 1968 weitgehend gestrichen worden. 20 Jahre später gab es überhaupt keinen Homo-Paragrafen im DDR-Strafgesetzbuch mehr.

Im gerade erst wiedervereinten Deutschland führte das zu einer paradoxen Gesetzeslage. Während im Westen Berlins ein erwachsener Mann in den Knast wandern konnte, weil er sich auf eine Beziehung mit einem Jugendlichen eingelassen hatte - ging so etwas einen Staatsanwalt in Ost-Berlin nur bei unter 16-Jährigen etwas an. "Das ist auch so vom Bundesgerichtshof gebilligt worden", sagt Bruns. "Nur: So konnte es nicht weitergehen."

Gewinner beim Reform-Pingpong

Nach seinem öffentlichen Coming-out engagierte sich Bruns deshalb umso nachdrücklicher für die Änderung der Vorschrift. Zusammen mit dem Schwulenverband in Deutschland, dem heutigen LSVD, dem Bruns noch immer als Vorstand angehört, setzte er sich für die Abschaffung des überholten Paragrafen ein. Er legte sich mit Ministern an, stritt mit ihnen an Runden Tischen, schrieb Stellungnahmen und verteidigte sie in Anhörungen.

Entwurf, Stellungnahme, Anhörung - so zog sich das Reform-Pingpong über Jahre hin. Mochte der Paragraf 175 jahrhundertelang noch so viel Zorn auf sich geladen haben - seine Abschaffung war vor allem eins: ein bürokratisches Geduldspiel. Das Bruns am Ende gewinnen sollte.

Am 10. März 1994 verkündete die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger im Bundestag: "Das ist heute doch ein historischer Tag. Denn endlich kommen wir heute dazu, den Paragraf 175 Strafgesetzbuch abzuschaffen. Ab jetzt gibt es nicht nur mehr Freiraum für homosexuelle Handlungen. Der Staat macht auch deutlich, dass ihn gewaltfreie und einverständliche sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Fast-Erwachsenen nichts angehen."

Am 11. Juni 1994 trat Paragraf 175 außer Kraft - und wurde durch eine allgemeine Jugendschutzvorschrift ersetzt. Die Formulierung des Gesetzestexts stammt von Bruns.

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