"Simpsons"-Erfinder Matt Groening wird 60 "Mein Gott, ich war so ein Arschloch!"

Aus seinem Welthass schlug er Kapital: Die Simpsons machten Matt Groening berühmt. Was hat er vorher gemacht? Zu seinem 60. Geburtstag erinnert einestages an einen frustrierten Außenseiter - mit einem Werdegang so schräg wie das Leben der gelben Zeichentrickstars.

Corbis

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Natürlich würde er einmal ein gefragter Entertainer sein. Natürlich würde er im Blitzlichtgewitter auf die Bühne stolzieren, während ein Orchester einen lässigen Song für ihn anstimmt. Und vielleicht ginge der etwa so:

"First you hear a mighty cheer,
then you know that Groening's here!"

Und weiter würde der mächtige Chor singen, dass jeder im Publikum natürlich wisse, dass nun kein Komet oder Zug oder Flugzeug komme, sondern Matt Groening, "cooler Typ".

"Matt Groening, Matt Groening, Matt Groening,
kein Feigling, Matt Groening mit Superkräften,
coolster Typ in der Stadt, coolster Typ überhaupt"

So ungefähr stellte sich der kleine Matt als Zwölfjähriger den Titelsong seiner "Matt Groening Show" vor. Dann machte er einen bösen Fehler: Er sang das Lied "Matt Groening Show" seinen Klassenkameraden vor. Witze, Gelächter, tuschelnde Mädchen. Das war Mitte der Sechzigerjahre.

Gut zwei Jahrzehnte später war seine Anhängerschaft weniger kritisch. Matt Groening hatte 1987 "Die Simpsons" erschaffen - jene US-Mittelstandsfamilie mit Glubschaugen und Überbiss, die bald Millionen Zuschauer begeistern, die Zeichentrickwelt revolutionieren und Kritiker zu kollektiven Lobeshymnen animieren sollte. Aus dem ausgelachten Tagträumer der Schulzeit war ein weltbekannter, fast religiös verehrter Künstler geworden.

In ein paar Tagen feiert der Mann mit der angedeuteten Hippie-Frisur, der Nickelbrille und dem Homer-Gedächtnis-Bäuchlein seinen 60. Geburtstag. "Simpsons"-Fans in aller Welt wissen heute, dass die Urversion der Serie, die das "Time"-Magazin später "zur besten TV-Show des Jahrhunderts" adeln würde, angeblich in nur ein paar Minuten hingekritzelt worden ist. Dass Matt Groenings Vater Homer hieß. Dass auch seine Schwestern Maggie und Lisa ungefragt zu Namensgebern wurden.

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"Simpsons"-Erfinder Matt Groening wird 60: "Mein Gott, ich war so ein Arschloch!"

Und doch wissen wir erstaunlich wenig über den Menschen Matt Groening und seine Zeit vor dem Welterfolg. Der Cartoonist macht sich rar. Eine eigene Homepage hat er nicht, eine Interviewanfrage blieb unbeantwortet. Es gibt nur eine schmale Biografie über ihn - aber auch die widmet sich zum Großteil den "Simpsons". Die Wikipedia-Artikel über Bart, Marge oder Lisa sind deutlich länger als der Eintrag über ihren Erfinder.

"Arbeite bloß nicht für diese Bastarde!"

Das ist schade. Denn das wenige, was man über Groenings Zeit vor den "Simpsons" herausfinden kann, lässt erahnen, dass sein Leben früher mitunter so bizarr und unterhaltsam verlief wie das seiner Figuren. Es ist die Geschichte eines Mannes, dessen ausufernde Phantasie ihn oft in arge Not brachte. Und es ist die Geschichte eines Mannes, der gerne Philosoph und Journalist werden wollte, sich aber lange mit lausigen Jobs über Wasser halten musste: als Statist, Kellner, Ghostwriter. Als Tellerwäscher in einem Pflegeheim und Landschaftsgärtner - in einem Klärwerk.

Dabei war er im August 1977 voller Träume aus seiner Heimat Portland, Oregon nach Los Angeles gezogen. Warum? Weil sein Jugendidol Frank Zappa dort lebte. "Wenn L.A. gut genug für ihn war, dann sollte ich es wenigstens ausprobieren", sagte er sich damals. Ach ja, arbeiten wollte er dort auch, schließlich hatte der 23-Jährige ein Philosophie-Diplom, und der Traumjob konnte nicht weit sein. "Ich wollte ein Autor werden", und Los Angeles war für Groening der Ort, "an dem das Schreiben am überbezahltesten war".

Die Realität sah anders aus. Gerade in der Stadt angekommen, blieb sein alter, limettengrüner Datsun mehrmals liegen. Einmal mitten auf dem Sunset Boulevard. Teure Autos brausten hupend an ihm vorbei, und auch sonst war Groening nicht gerade auf der Überholspur: Seinen ersten Job bei der "Los Angeles Free Press" trat er lieber gar nicht erst an; als er im Verlagsbüro war, traf er eine heulende Empfangsdame, die ihm dringend riet, "nicht für diese Bastarde zu arbeiten". Dann machte auch noch seine Freundin Schluss, zeitweise konnte er sein Apartment nicht bezahlen, und schon bald begann Groening, Los Angeles zu hassen.

Ghostwriter für einen Größenwahnsinnigen

Irgendwie musste er an Geld kommen und stieß schließlich auf eine vielversprechende Kleinanzeige. In ihr wurde ein Autor und Chauffeur gesucht. Sein Auftraggeber entpuppte sich jedoch als exzentrischer 88-jähriger Ex-Western-Regisseur. Trotz seiner völligen Bedeutungslosigkeit in der Filmgeschichte wollte er sein Leben in einer großen Biografie gewürdigt wissen, deren Entwurf bereits tausend Seiten umfasste. "Ich war der letzte in einer langen Reihe von Autoren-Chauffeuren", erzählte Groening später dem "Playboy":

Die ganze Autobiografie drehte sich um seine Mutter, bei der er wohnte, bis sie mit 102 Jahren verstarb. Ein typischer Satz war: "Und an diesem Tag traf ich [den legendären US-Regisseur] Cecil B. DeMille. Ich rannte sofort nach Hause, um es Mama zu sagen. 'Mama', sagte ich, 'heute habe ich Cecil B. DeMille getroffen!'"

Nach ein paar Monaten wurde Groening wie schon seine Vorgänger gefeuert, doch auch danach lief es nicht besser. Er verfasste Sprüche für Horrorfilm-Plakate, sie reimten sich zwar ganz hübsch ("First they want to meet you, then they want to eat you!"), wurden aber nie verwendet. Auch als Komparse in einem NBC-Fernsehfilm ("When Every Day was Fourth of July") machte er als Mitglied eines Lynchmobs in einem drei Nummern zu kleinen Anzug nicht die beste Figur.

Leben in der Hölle

So machte Groening das, was er immer tat, wenn er sich schlecht fühlte: Er zeichnete und zeichnete. Sein Vater war ein erfolgreicher Cartoonist gewesen, und schon als Kind hatte Matt die Erlebnisse aus seiner als überautoritär und spaßfrei empfundenen Schulzeit mit dem Stift festgehalten. Regelmäßig hatten ihm Lehrer seine Comics weggenommen, sie zerrissen und ihn zum Direktor geschickt. Also gründete er mit anderen Kindern einen geheimen "Creature Club". Treffpunkt war ein verlassenes Haus. Dort wurden Monster, Monster und nochmals Monster gezeichnet.

Jetzt, Ende 1977, gab ihm sein bescheidenes Leben in Los Angeles wieder reichlich Inspiration. "Life in Hell" nannte Groening seine von Sarkasmus triefenden Comics, die er zunächst nur an seine Freunde in der fernen Heimat schickte. Die Hauptfigur Binky ist ein depressiver, therapiebedürftiger und über den Sinn des Lebens philosophierender Hase - und irgendwie auch Groening selbst.

Die Wahl des Hasen als Protagonisten war dabei eher eine Notlösung. Schon als Kind hatte Groening gemerkt, dass niemand seine Tiere erkannte, Eulen wurden für kleine Bären gehalten und Bären für Hunde. Aber zwei lange Ohren, das erkannte jeder.

Die Punker liebten seinen Humor

Die bitteren Abenteuer des Hasen Binky retteten ihn nun. Seine Freunde waren begeistert von den Comicstrips, also bot er ein paar selbstkopierte Hefte für zwei Dollar in der Punk-Ecke eines Plattenladens auf dem Sunset Strip an, der auch mit gratis Lakritz und Drogenutensilien um seine Kunden buhlte.

Schon die sechste Folge seiner Hefte stieg auf eine Auflage von 500. Es war der Durchbruch. Im Herbst 1978 erschien sein erster Comicstrip in einem Magazin, dann ging es schnell bergauf: Er bekam eine Stelle bei der Wochenzeitung "Los Angeles Reader", eine Zeitung nach der anderen druckte seine Zeichnungen, im Juli 1984 waren es schon 13, im Laufe der Jahre sollten es 250 werden.

Groening selbst sah seine Zukunft damals aber immer noch im Journalismus. Für den "Los Angels Reader" schrieb er jahrelang weiter Musikkolumnen. Aber irgendwie lief es nicht so gut. Bei einem Gespräch mit David Byrne, Frontmann der Talking Heads, versagte schon gleich zu Beginn das Tonband. Groening merkte es - ganz am Ende. Byrne sagte nur kühl: "Ich hoffe, Sie haben ein gutes Gedächtnis!" Und ging. Groening hatte kein gutes Gedächtnis und musste schwammige Dialoge wie diesen schreiben: "Ich fragte, seid ihr eine gute Gruppe? Und er sagte: Yeah!"

Musikkritiken über erfundene Bands

Neben der Technik stand ihm auch noch sein Musikgeschmack im Wege, den er als so "exzentrisch" beschreibt, dass es ihm schwer fiel, Artikel loszuwerden. Bald machte es ihm zudem mehr Spaß, über seine Pannen bei den Interviews zu schreiben als über die Gruppe selbst. Dann wieder fand er es witzig, Kritiken zu verfassen, die allein auf dem Pressefoto der Band basierten.

"Mein Gott, ich war so ein Arschloch", gestand er später dem "Rolling Stone". "Mir wurde bald klar, dass sowieso niemand die Platten kaufte, die ich rezensierte, also begann ich, mir Bands und Platten auszudenken." Keine gute Idee. Wenig später, 1986, wurde er gefeuert, doch inzwischen fiel er einigermaßen weich.

Die "Hölle" von Los Angeles, sie hat Matt Groening letztendlich berühmt und reich gemacht, doch vergessen hat er sie nicht. "Ich beurteile mein Leben danach, wie schlecht es einmal war", sagte er vor ein paar Jahren dem Internet-Magazin Salon.com. "Wenn ich meine Miete bezahlen konnte, war ich überglücklich." Jetzt, fügte er hinzu, sei er die ganze Zeit überglücklich.

Zum Weiterlesen:

Jeff Lenburg: "Matt Groening: From Spitballs to Springfield". Chelsea House Pub, 2011, 134 Seiten.

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