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06. März 2019, 13:14 Uhr

Ein Bild und seine Geschichte

Der Fisch stinkt vom Fuß her

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Diese Kampfsportart war nichts für schwache Nasen: Beim "Smelt Wrestling" maßen Männer ihre Kräfte - während sie in einem Ring voller Fischkadaver standen. Warum nur?

Zwei kräftige Kerle in einem Boxring, die Muskeln angespannt, die Gesichter verzerrt. Einer von ihnen krabbelt über den Boden, will sich aufrichten. Der andere steht über ihm und bereitet die nächste Attacke vor.

Das Bild, das ein Fotograf 1939 in der Kleinstadt Marinette im US-Bundesstaat Wisconsin schoss, erinnert an große Boxmomente. Ali gegen Liston, Louis gegen Schmeling, Rocchigiani gegen Hamsho.

Etwas Wesentliches aber unterscheidet den Kampf aus Marinette von den legendären Boxfotos: Die Athleten kämpfen nicht in einem gewöhnlichen Boxring, sondern auf einer Schicht aus glitschigen und stinkenden Fischen. Ihr Wettbewerb heißt Stint-Ringen (englisch: Smelt Wrestling).

Die Geschichte des Stint-Ringens handelt von mehr als nur einem Quatschwettkampf in den USA. Ihr Schauplatz sind die Great Lakes, fünf verbundene Seen an der amerikanisch-kanadischen Grenze, die zusammen die größte Süßwasserfläche der Welt bilden. Die Geschichte dreht sich um Invasionen, Kannibalismus und Massensterben. Sie zeigt, wie die Menschen ihre Umwelt veränderten, darunter litten - und ihren Humor nie verloren.

Stinte fressen ihren eigenen Nachwuchs

Der Stint wird etwa 20 Zentimeter lang, hat kleine spitze Zähne, glänzt silbern und riecht nach frisch geschnittenen Gurken. Er lebt in Seen oder Küstengewässern Nordeuropas und Nordamerikas. Zum Laichen ziehen Stinte die Flüsse hinauf und legen ihre Eier auf Sandbänke. Am liebsten fressen sie Plankton und kleine Krebstiere. Doch schrecken sie auch nicht davor zurück, Schlüpflinge der eigenen Art zu jagen - Stinte sind Kannibalen.

In die Great Lakes kam der Stint erst 1912. Damals siedelten Fischer einige Exemplare in einem Zufluss des Lake Michigan an, dem See, an dem die Stadt Marinette liegt. Die Angler wollten den Stint als Futterfisch für atlantische Lachse und amerikanische Seeforellen in den Great Lakes sesshaft machen.

Einige Jahre ging dieser Plan auf: Die Stinte gediehen, die Forellen ebenso. Die Fischer fingen nun auch Stint und frittierten ihn. 1931 etwa zogen die Anwohner knapp 50.000 Kilogramm aus dem Lake Michigan, wie der US-Autor Eric Dregni in seinem Buch "Let's Go Fishing!" schreibt. Der Stint, so schien es, hatte sich bestens integriert.

Keine natürlichen Feinde mehr

Dann aber drang eine weitere fremde Art in die Gewässer ein und zerstörte das Gleichgewicht zwischen Stint, Forelle und Mensch: Meerneunaugen sehen aus wie große Würmer und haben runde Mäuler voller Zähne. Damit verbissen sich die Invasoren in den Great Lakes in Forellen, saugten ihr Blut und fraßen ihr Fleisch. Anfang der Dreißigerjahre töteten die Meerneunaugen einen Großteil der Forellen.

Der Stint aber hatte auf einmal keine natürlichen Feinde mehr und vermehrte sich rasch. Jeden Frühling färbten sich die Flüsse silbern, wenn Abertausende Stinte die Ströme hinaufwanderten. "Run, smelt, run", riefen die Anwohner (lauf, Stint, lauf) und hetzten mit ihren Keschern zu den Ufern. Fischer zogen eimerweise Stinte aus dem Wasser. Insgesamt waren es in einer Saison mehr als zwei Millionen Kilogramm - viel mehr als die Menschen essen oder verarbeiten konnten.

Viele Stinte starben zudem, nachdem sie abgelaicht hatten. Ihre toten Körper wurden an die Flussufer gespült - so viele, dass in manchen Gegenden Bulldozer die Fischberge zusammenschoben.

Stint-Königin gekrönt

Die Menschen machten das Beste aus dem Überschuss: Sie feierten. Ab 1936 veranstalteten die Zwillingsstädte Menominee und Marinette das "Twin City Smelt Festival". Die Anwohner krönten die Stint-Königin und den Stint-König, zündeten Lagerfeuer an und brieten den Fisch in riesigen Pfannen. Die Feier zog Gäste aus dem Umland an - aber es gab noch immer zu viel Stint.

Wer dann die Idee zum Stint-Ringen hatte, ist nicht überliefert. 1939 verteilten die Organisatoren des ersten "Smelt Wrestling" Fische in einem Ring und lockten Hunderte Zuschauer an. Das Publikum hielt etwas Sicherheitsabstand zu den Kämpfern, vielleicht weil niemand von einem herumfliegenden Stint getroffen werden wollte. Allzu gefährlich war es aber wohl nicht: Auf Fotos lächeln die Zuschauer.

So schnell die Tradition entstand, so schnell verging sie wieder. Nur zwei Mal fand das Ringen statt. 1941 wanderten Stinte nur noch vereinzelt die Flüsse hinauf - der Rest war an einer mysteriösen Krankheit gestorben. Nur langsam erholten sich die Bestände, an verschwenderische Feste dachte niemand mehr.

Die Behörden gingen nun auch gegen Meerneunaugen vor, errichteten Barrieren in den Flüssen, sterilisierten die Männchen und töteten die Larven mit Chemikalien. So breiteten sich wieder mehr Forellen in den Great Lakes aus und jagten Stint. Mitte der Sechzigerjahre führten Fischer zudem Pazifische Lachse in die Seen ein, die ebenfalls gern Stint verzehren.

Zebramuscheln gefährden den Stint

Ungewollt brachten die Menschen ein weiteres Lebewesen in das Ökosystem, das den Stint gefährdet. In Schiffstanks wanderten Zebramuscheln in die Great Lakes und vermehrten sich explosionsartig. Die daumenlangen Muscheln klammerten sich an Steine, Rohre und Pflanzen fest und filterten Plankton aus dem Wasser.

Für den Stint war das schlecht - er fand weniger Nahrung und fraß daher noch öfter seine eigenen Schlüpflinge. Zudem mied er das klar gefilterte Wasser und entfernte sich von den Laichplätzen an den Ufern. Forscher im Auftrag des US-Innenministeriums vermuten, dass manche Stinte im Tiefwasser verschwanden.

So glitzern die Flüsse im Frühjahr kaum noch silbern wie einst in den Dreißigerjahren, als die Menschen riefen: "Run, smelt, run!"

Die Anwohner aber huldigen dem Stint noch immer. Seit 2012 zieht jeden Frühling eine Parade durch die US-Stadt Duluth: Menschen verkleiden sich, krönen Stint-Königinnen und -Könige. Das Stint-Ringen allerdings ist Geschichte.

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