AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2008

Sozialdemokratie in NRW "Hömma, wir regeln dat schon"

Von wegen Sozi-Stammland: In den Bergbau-Boomzeiten hatte die SPD im Ruhrgebiet nichts zu lachen, NRW war CDU-Hochburg. Erst nach dem Niedergang der Zechen punkteten die Sozialdemokraten mit ihrer Fürsorgepolitik. Heute erobern die Christdemokraten ihr ehemaliges Revier zurück - mit alten SPD-Ideen.

DPA

Von Franz Walter


Wann immer die Sozialdemokratie der Schröders, Münteferings und Becks in Turbulenzen und Identitätskrisen geriet - und das kam bekanntlich häufig genug vor - sandten Fernsehsender und Zeitungsredaktionen ihre Korrespondenten Richtung Ruhr. In das klassische Industrierevier der deutschen Industriegesellschaft. In die frühere Hochburg der SPD. Mitten hinein in die Herzkammer der alten Arbeiterpartei. Und immer konnte man dann wenige Tage später elegische Reportagen anschauen oder lesen über eine Welt im Herbst ihres Daseins: über ältere, aber hellwache Menschen, die in ihrem Erwerbsleben hart unter Tage arbeiten mussten. Über kleine, aber redliche Leute in den früheren Werkssiedlungen. Über brave, aber bitter gewordene Genossen, die ihr Leben lang der Partei in Treue verbunden waren, doch nun zu hadern und zu zweifeln beginnen.

Am Beispiel dieser Region - Nordrhein-Westfalen und das Ruhrgebiet insbesondere - versuchen die Deuter des Politischen gern klarzumachen, warum es mittlerweile so schlecht steht um die SPD. Denn NRW - Pütt - SPD, das alles gehörte einst fest zusammen. Nordrhein-Westfalen war mit Kohle und Stahl das Pionierland des Industriekapitalismus in Deutschland. Und damit wurde es zum Zentrum der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Deshalb konnte man zwischen Duisburg und Dortmund bei Wahlen selbst einen Besenstiel aufstellen; sofern ihm das Etikett "SPD" angeheftet war, wurde er trotzdem gewählt. Dann aber verschwanden die Zechen. Dann schrumpfte die Stahlproduktion. Dann und dadurch dörrte auch das Arbeitermilieu aus. Und deshalb schmolzen die einst gewaltigen Mehrheiten der SPD zusammen. Die Folge: Die Partei plagt sich auch hier, in ihrem Stammland, mit den Problemen von Wählerverlusten, Machteinbußen, innerem Zweifel.

So jedenfalls wird uns die Geschichte berichtet. Wieder und wieder. Und alle Welt glaubt fest daran.

Doch in der historischen Wirklichkeit trug es sich anders zu, fast als Gegenteil zu den gängigen Erzählungen. Die Ruhrstädte wie insgesamt die früheren preußischen Westprovinzen, aus denen die Briten 1946 das neue Land Nordrhein-Westfalen schnitzten, waren keineswegs Hochburgen der Sozialdemokratie. Das industrielle Ballungszentrum zwischen Rhein, Ruhr und Emscher war für die SPD nahezu Diaspora, Ort lange vergebens unternommener Missionsversuche. Zum Ende des Kaiserreichs lag die Mitgliederdichte der SPD in Essen, Bochum und Gelsenkirchen um die Hälfte niedriger als sonst im Durchschnitt des Deutschen Reichs. Bei den Wahlen in der Weimarer Republik hatte die SPD meist das Nachsehen gegenüber der katholischen Zentrumspartei und den Kommunisten. Das Ruhrgebiet war eine Zitadelle des Katholizismus, auch rhapsodische Kampfstätte ungestümer, junger Linksradikaler. Nicht zuletzt deshalb stand der erste Nachkriegsvorsitzende der SPD, Kurt Schumacher, der Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen denkbar misstrauisch gegenüber. Er argwöhnte, dass das neue Großland den Feinden der SPD in die Hände fallen könnte.

Abstrus war der Pessimismus Schumachers nicht. Bei den ersten Landtagswahlen, am 20. April 1947, war die SPD der CDU deutlich unterlegen. Dabei hatten sich die Christdemokraten damals noch einer starken Zentrumspartei zu erwehren. Doch auch die Kommunisten waren noch nicht aus dem Rennen; sie erhielten immerhin 14 Prozent der abgegebenen Stimmen. Kurz: Die oft deklamierte Gleichung NRW - Ruhrgebiet - Zechen - SPD ging keineswegs auf. Die große Zeit der Zechenlandschaft war eine große Zeit der katholischen Arbeiterkultur, dann auch der CDU. Auf dem Nachkriegshöhepunkt der Kohleproduktion, als fast 400.000 Bergleute einfuhren, schaffte die CDU in Nordrhein-Westfalen 1958 die absolute Mehrheit.

Erst als das große Zechensterben einsetzte, begann der Aufstieg der SPD. Sie litt nicht an der Erosion des Bergbaus, sie profitierte davon. Und sie zog den Nutzen aus dem Verfall des klassischen, vorbundesrepublikanischen Arbeitermilieus im rheinisch-westfälischen Industrierevier. Erst zerbrach das kommunistische Milieu, da der erlebbare Sozialismus im Osten Deutschlands auch noch im Westen denkbar abschreckend wirkte. Dann, in der Krise der Montan- und Kohlenindustrie, büßte die protestantisch und wirtschaftsliberal grundierte Erhard-CDU der frühen sechziger Jahre das Vertrauen im Pütt ein. Der lange fest verwurzelte Sozialkatholizismus trocknete aus. Der Zerfall der alten hegemonialen Lager und Arbeiterkulturen im Ruhrgebiet wurde zur großen Chance für die SPD. Und sie konnte die Gelegenheit gerade wegen ihrer früheren Schwächen nutzen. Denn die Ruhrgebiets-SPD hatte zuvor keine selbstbewusste, aggressive und abgrenzende Eigenkultur aufbauen können wie ihre Genossen etwa im damaligen Mitteldeutschland. Dadurch aber war die SPD nun um Dortmund und Oer-Erkenschwick weit weniger ideologisch, starr, klassenkämpferisch und in Doktrinen gefangen als andernorts. Das erleichterte katholischen Arbeitern, die enttäuscht waren von der Nach-Adenauer-CDU, den Weg zu einer SPD, die nicht bekehren, sondern betreuen wollte.

Denn das war das Elixier des sozialdemokratischen Erfolgs in diesem Industriegebiet der Auflösung, des Ab- und Umbruchs: Die Sozialdemokraten versprachen nicht die neue Gesellschaft, keine rote Zukunft; sie versprachen lediglich, sich verlässlich zu kümmern. Die SPD wurde so zu einer Art Nachfolgepartei des sozialen Katholizismus, Partei der Sorger und Samariter. Der sozialdemokratische Funktionär agierte wie ein Kaplan, war jederzeit ansprechbar, hatte ein Ohr für die Nöte, zeigte Mitgefühl - und spendete Trost. "Hömma, ich krieg dat schon hin." Das bekamen die "kleinen Leute" im großen Ruhrgebiet während der sechziger, siebziger, achtziger Jahre wieder und wieder zu hören. Der sozialdemokratische Funktionär war einer von ihnen, Betriebsrat im gleichen Werk, Nachbar in der gleichen Siedlung, Kaninchenzüchter im gleichen Verein. Nur, er war stets ein gutes Stück aktiver, ehrgeiziger, strebsamer als der Rest, war auf dem Sprung nach oben. Aber er kümmerte sich, wie ein großer Bruder, genoss daher Vertrauen.

Und der "Bruder Johannes" - wie man den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen der Jahre 1978 bis 1998, Rau, gern nannte - machte diesen immer leicht paternalistischen, jedenfalls stellvertretenden, gern betont unpolitisch drapierten Stil auch zur Regierungsmethode im Land zwischen Düsseldorf und Detmold. Im "System Rau" sollten die einfachen Bürger wissen, mehr noch: fühlen, dass die Politik, also die sozialdemokratische Regierung, die sozialdemokratischen Landräte und Oberbürgermeister, sich kümmerten. "Hömma, wir regeln dat schon" - als politisches Prinzip.

Zum offiziellen Motto dieses Politikmodells kreierte Johannes Rau 1985 den Slogan "Versöhnen statt spalten". So kam er bei den Landtagswahlen in diesem Jahr auf 52,1 Prozent. Rau präsentierte sein Land der Barmherzigkeit als Kontrastprogramm zum Helmut-Kohl-Kabinett der "sozialen Kälte". Natürlich: Das kostete. Die Schulden, die das Bundesland anhäufte, waren infolgedessen enorm.

Wohl auch deshalb war es zum Ende der neunziger Jahre jäh mit dem politischen Kümmermodell der SPD in NRW vorbei. Überdies lebten und arbeiteten nunmehr die Kümmerer von gestern nicht mehr dort, wo sie ursprünglich herkamen. Die meisten waren aufgestiegen, hatten lukrative Posten im Öffentlichen Dienst ergattert, wohnten längst nicht mehr in der alten Werksiedlung. Plötzlich gab es bei den klein- und zurückgebliebenen Leuten niemanden mehr, der ihnen beruhigend Fürsorge zusprach. Kurzum, niemand sagte jetzt mehr: "Wir machen dat schon." Statt Johannes Rau stand plötzlich Wolfgang Clement ganz oben. Und ebenso plötzlich wurde mit schneidender Stimme verlangt: Ergreift Initiative, übernehmt Verantwortung, werdet innovativ, verändert euch. Doch das hatten die kleinen Leute von den Sozialdemokraten in den vergangenen drei Jahrzehnten nie gehört und erst recht nie gelernt.

Dann kam ihre Partei auch noch an die Bundesregierung, stellte den Kanzler. Und wieder hieß es: Eigenverantwortung, Selbstbeteiligung, private Vorsorge. Das "System Rau" war das nicht. Und die kleinen Leute, die in diesem System Schutz und Geborgenheit gefunden hatten, verstanden die Welt nicht mehr, wandten sich enttäuscht ab. An den Wahlsonntagen machten sie nicht mehr mit. So brach die SPD 1999 in Nordrhein-Westfalen zuerst in den Kommunen ein. Sechs Jahre später musste sie nach 39 Jahren den Platz an der Spitze wieder für die CDU räumen. Denn die CDU des Jürgen Rüttgers hatte das "System Rau" entdeckt - und vereinnahmte es fortan für sich selbst.

Franz Walter lehrt an der Universität Göttingen.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Matthias Hermanns, 16.01.2018
1. Sehr interessant
Franz Walter könnte den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Die Geschichte ist komplexer als das Narrativ. Vielleicht kommt die Kümmerer-SPD ja heutzutage mit den engagierten türkisch-deutschen Zuwandererkindern wieder zurück? Ich würde es mir wünschen. Sie machen jedenfalls bei mir in der Linkspartei schwer Eindruck auf mich und ziehen einen mit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 42/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.