Spektakuläre Kunstdiebstähle Die Tricks der Ober-Gauner

Wie stiehlt man einen Rembrandt? Das Isabella Stewart Gardner Museum in Boston erlebte im März 1990 einen raffinierten Fall von "Artnapping". 13 kostbare Kunstwerke sind seither verschollen. Auch andere Kunstdiebe lassen sich eine Menge einfallen, um an ihre Beute zu kommen.

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Die Diebe kamen als Polizisten verkleidet. Mit falschen Schnurrbärten und in Uniformen des Boston Police Departments klingelten in der Nacht zum 18. März 1990 zwei Männer an der Tür des Isabella Stewart Gardner Museums. Dem verdutzten Wachmann erklärten sie, dass sie einen Anruf erhalten hätten und nach dem Rechten sehen wollten. Ohne nach ihren Ausweisen zu fragen, ließ der Wärter die Unbekannten herein. Das war sein erster Fehler.

Den zweiten beging er, als die falschen Beamten ins Innere des Gebäudes traten. Die Männer baten ihn, hinter dem Tresen hervorzutreten, damit sie seine Identität überprüfen könnten. Der Museumswärter gehorchte - und verließ somit die einzige Stelle, von der aus er den Alarmknopf hätte betätigen können. Als er dann noch über Walkie-Talkie seinen Kollegen rief und dieser ohne Argwohn im Empfangssaal erschien, hatten die Täter leichtes Spiel. Sie überwältigten die Wachmänner und ketteten diese an ein Eisenrohr im Keller des Gebäudes. Dann gingen sie auf Beutezug.

81 Minuten lang streiften sie durch die Räume des Bostoner Privatmuseums und schnitten Bilder aus ihren Rahmen. Dann verschwanden sie mit 13 hochkarätigen Exponaten. Gemälde der holländischen Barock-Künstler Rembrandt und Vermeer waren dabei, eine asiatische Vase der Shang-Dynastie, Zeichnungen von Edgar Degas. All diese Kunstwerke hatte die Bostonerin Isabella Stewart Gardner von ihren Reisen mitgebracht und im eigens erbauten Museum ausstellen lassen. Als die Kunstmäzenin 1924 starb, war in ihrem Testament verfügt, dass kein Gemälde der Kollektion berührt oder umgehängt werden dürfe. Daran hatte sich jeder gehalten. Bis zum Einbruch im März 1990.

Fünf Millionen Dollar Belohnung

Das Museum schätzte den Wert der gestohlenen Exponate auf rund 500 Millionen Dollar. Das machte den Einbruch zum größten Kunstdiebstahl in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Das FBI schuf eine Sondereinheit, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Namhafte Kunstdiebe aus dem Großraum Boston wurden verhört, Privatdetektive ermittelten auf eigene Faust. Schließlich schrieb das Museum eine Belohnung über fünf Millionen Dollar für sachdienliche Hinweise aus.

An wilden Theorien fehlte es nicht: Der Vatikan hätte den Einbruch in Auftrag gegeben. Öl-Oligarchen seien involviert. Ein reicher Kunstsammler aus dem Nahen Osten sei der Drahtzieher. 2012 gab das FBI bekannt, die Identität der beiden Verbrecher zu kennen. Aus ermittlungstaktischen Gründen wollten sie die Namen jedoch nicht publik machen. Kurz davor hatten die Ermittler im Haus eines Mafia-Mitglieds in Maine eine Liste mit den gestohlenen Kunstwerken sichergestellt. Die Bilder selbst fanden sie nicht.

Der Bostoner Museumseinbruch war einer der dreistesten Kunstdiebstähle, aber bei weitem nicht der einzige. Laut Interpol rangiert der Raub von Kunstwerken auf Platz drei der Verbrechensliste, direkt nach Drogenhandel und Geldwäsche. Jährlich würden durch sogenanntes "Artnapping" sechs bis acht Milliarden Dollar generiert. Dazu zählen Plünderungen von Museen in Krisengebieten wie dem Irak oder Syrien ebenso wie Raubgrabungen. Die größte Beachtung in den Medien erhalten allerdings Überfälle auf reiche Sammler oder Museen. Als die "Mona Lisa" im Jahre 1911 aus dem Louvre gestohlen wurde, machte die Berichterstattung über den Kunstraub Leonardo da Vincis Bild erst international berühmt. Ein paar Jahre später tauchte das Gemälde wieder auf. Wiedergefunden wurde auch Edvard Munchs expressionistisches Meisterwerk "Der Schrei", das bereits zweimal Kunstdieben in die Hände fiel. Wohl auch deshalb hofft das Isabella Stewart Museum, seine Werke irgendwann zurückzubekommen. Bis dahin hängen weiterhin die leeren Bilderrahmen an den Wänden.

In der Bildergalerie zeigt einestages die spektakulärsten Kunstdiebstähle und erzählt, mit welchen Tricks die Täter ins Gebäude drangen und welche Bilder bis heute als verschollen gelten.

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Kunstraub: Leinwandopfer


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Robert Squatter, 17.03.2015
1. Munch's Schrei
wurde vom Künstler vielfach gemalt, es existieren also mehrere "Schrei's".
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