Städtebau Schönes neues Ghetto

Aufbruch ohne Ankunft: Aus der maroden Arbeitersiedlung Byker im englischen Newcastle sollte ein Vorzeigeprojekt sozialen Wohnungsbaus werden. Eine Fotografin porträtierte deren Bewohner in den Siebzigern. 30 Jahre später kehrte sie zurück, um nach vertrauten Gesichtern zu suchen - vergeblich.

Sirkka-Liisa Konttinen

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Der Metzger war schon fort, der Waschsalon geschlossen, und nun packten auch die Nachbarn ihre Sachen. Unter den Anwohnern drehten sich die Gespräche seit Tagen nur noch um die Frage: Wer geht als nächstes? Wann und wohin? Besorgt sprach man über jene, die schon gegangen waren - und ihren Umzug nicht verkraftet hatten. Währenddessen kamen die Einschläge immer näher.

Irgendwann war auch das Haus von Sirkka-Liisa Konttinen an der Reihe. Sie stand abseits, schluckte und schaute zu, wie die wuchtige Abrissbirne das Mauerwerk zertrümmerte. Das war 1982. "Von diesem Moment an", schrieb sie später, "vermisste ich die Nachbarin, die mir jedes Mal ihren Kerl auf den Hals hetzte, wenn mein alter Staubsauger sie beim Fernsehen störte, und die geduldig vor ihrer Tür ausharrte, um das Kommen und Gehen jedes meiner Freunde zu registrieren." Es war die selbe Frau, die Besuchern den Weg zum Haus der finnischen Fotografin schon mal mit den Worten erklärte: "Es ist der einzige verdreckte Eingang in der Straße, Sie können ihn nicht verfehlen."

Sirkka-Liisa Konttinen hatte diesen spröden, ebenso verrauchten wie verrufenen Stadtteil der englischen Arbeiterstadt Newcastle upon Tyne und seine Menschen in zwölf Jahren liebgewonnen. Dabei war Byker, einst ein boomender Industrievorort mit Schiffswerften und Maschinenfabriken, inzwischen längst verslumt und die terrassenartig zur Stadt abfallende viktorianische Reihenhaussiedlung ein Sanierungsfall.

Die Stadtväter wollten das ändern - mit einem innovativen Architekturprojekt, das nicht nur den Abriss und Neubau des Viertels vorsah, sondern vor allem geprägt war von der Idee, eine ganze Kommune als lebendige, intakte Gemeinschaft in ein komplett neues Umfeld zu verpflanzen. Die Sanierung Bykers wurde zu einem gesellschaftlichen Experiment, ersonnen in der Hochphase moderner städtebaulicher Planungsphantasien - mit besten Absichten und fraglichem Ausgang. Und auf ungewöhnliche Weise dokumentiert von der Fotografin Sirkka-Liisa Konttinen.

Der große Plan

Getrieben von der Vision, die Arbeiterklasse aus der bedrückenden Enge der heruntergekommenen und verarmten Industrieviertel zu befreien, war in England nach dem Zweiten Weltkrieg eine gigantische Planungsmaschinerie angelaufen: Im ganzen Land wurden Millionen Häuser abgerissen und durch Wohntürme ersetzt; Menschen aus den Elendsquartieren siedelten in moderne Hochhäuser - mit Bad und Zentralheizung - um.

Große Veränderungen standen damals auch den Bewohnern des Newcastler Stadtteils Byker bevor. Die städtische Wirtschaft verlangte nach einer Autobahn und dort, wo sie verlaufen sollte, lag das marode Viertel. Die Siedlung, die in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts für Werft- und Minenarbeiter errichtet worden war und zeitweise bis zu 50.000 Menschen beherbergte, machte zu dieser Zeit vor allem wegen einer hohen Kriminalitätsrate von sich reden. Ihre Bewohner drängten sich in kleinen, meist zweigeschossigen Backsteinbauten, die sich wie ein großes Barackenlager Straßenzug um Straßenzug aneinanderreihten, bei ungünstiger Wetterlage eingehüllt in den Qualm unzähliger Schornsteine.

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31  Bilder
Sozialer Wohnungsbau: Newcastle intim

1968 beauftragten die Stadtplaner den Architekten Ralph Erskine mit der Umgestaltung des Viertels. Ein Team von Sozialexperten sollte für größtmögliche Akzeptanz in der Bevölkerung sorgen. Der großflächige Abriss für eine vermeintlich bessere Wohnqualität war als Konzept bei Betroffenen andernorts nicht gerade auf Gegenliebe gestoßen. Sie blieben fremd in den anonymen Hochhaustürmen. In Byker wollte man die Menschen daher nicht einfach aus ihrer vertrauten Umgebung herausreißen. Sie sollten teilhaben an der Neugestaltung.

Erskines Entwürfe sahen vor, Einrichtungen wie Pubs, Kirchen und das Schwimmbad zu erhalten und in die neue Anlage zu integrieren. Nachbarschaften sollten bestehen bleiben und geschlossen in die neuen Wohnungen umziehen. Überhaupt wollte man die Bewohner soweit wie möglich am Bauprojekt beteiligen und ihre Wünsche berücksichtigen. Byker würde zu einem Vorzeigeprojekt partizipatorischen Bauens. Soweit zumindest der Plan.

Abschied auf Raten

Sirkka-Liisa Konttinen, die Fotografin aus einer finnischen Kleinstadt, war nach einem kurzen Aufenthalt an der Uni Helsinki und einer Filmschule in London 1969 nach Byker gekommen - auf der Suche nach einem großen Abenteuer. Mitten im Herzen des alten Industrieviertels, dessen Tage gezählt waren, wollte sie das Leben der Arbeiterklasse studieren und richtete sich ein Fotostudio ein. Es dauerte nicht lange, da war der Laden ausgeraubt. Doch sie ließ sich nicht entmutigen, ging von Tür zu Tür, um ihre Dienste anzubieten - ohne Geld dafür zu verlangen. Mit der Zeit gelang ihr so das außergewöhnliche Porträt einer Gesellschaft, die es so bald nicht mehr geben sollte.

Der Abriss Bykers erfolgte über Jahre Stück um Stück. Alle Bewohner sollten jeweils so lange in ihren Häusern bleiben, bis ihre Straße an der Reihe war. Doch Familien und Berufstätige waren bald von Stress und Baulärm so genervt, dass sie nicht warten wollten. Sie zogen fort. Ladeninhaber mochten nicht zuschauen, wie ihre Kunden von Monat zu Monat und Jahr zu Jahr weniger wurden. Sie eröffneten ihre Geschäfte andernorts neu. So waren es vor allem alte Leute, die bis zum Schluss ausharrten. Irgendwann war auch Sirkka-Liisa Konttinens Job getan. Sie verließ Newcastle.

Fast an gleicher Stelle, an der die alte Siedlung gestanden hatte, entstand zwischen 1969 und 1982 New Byker: Eine mehr als einen Kilometer lange und zwischen fünf und neun Geschossen hohe Gebäudeschlange schirmt das neue Viertel wie ein mächtiger Schutzwall gegen den Nordwind und den vorbeiführenden Straßenverkehr ab - die "Byker Wall". Das architektonische Meisterwerk mit den an der Außenseite nur winzigen Fensteröffnungen in der bunten Fassade beherbergt 620 Maisonette-Wohnungen und ähnelt einer Stadtmauer, die die üppig begrünte Siedlung im Inneren umrahmt.

Einsam im Wohntraum

Von den zuletzt 17.000 Bewohnern des alten Byker aber kam nur etwa ein Fünftel in der neuen Siedlung an. Die meisten gingen fort, weil sie keine andere Wahl hatten: Als ihre Häuser abgerissen wurden, waren die neuen Wohnungen noch nicht bezugsfertig. Andere hatten den Schmutz und Verfall nicht aushalten können. Sie hatten nicht die Geduld, auf die Abrissbirne zu warten.

Hinzu kam, dass der Ruf des neuen Bykers bald so schlecht war wie der des alten: New Byker galt als Drogenumschlagplatz und Hort der Jugendkriminalität. Immer wieder kam es zu Vandalismus. Um einzelte Bauten zu schützen, wurden sie mit Stacheldraht umzäunt. Die einst mit so viel Liebe zum Detail entworfene Siedlung mit ihren bunten Häusern und üppigem Grün war zu einer Schlafstadt geworden, in der tagsüber nur Rentner, Kinder und Arbeitslose anzutreffen waren.

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Gut 20 Jahre nach ihrem Auszug kehrte Sirkka-Liisa Konttinen nach Byker zurück - um die Bewohner noch einmal zu fotografieren. "Können Sie sich ausweisen?" fragte die krächzende Stimme, als die Fotografin an der Tür einer alten, nun offenbar leicht verwirrten Dame klopfte, die sie zuletzt Anfang der siebziger Jahre besucht hatte. Ob sie die Fotografin erkannte oder für eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung hielt, blieb bis zuletzt unklar. Dennoch machte sie sich Sorgen um die Besucherin: "Wo haben Sie Ihr Auto abgestellt? Ich würde es dort nicht stehen lassen; wenn Sie zurückkommen, werden keine Reifen mehr drauf sein."

Die alte Dame gehörte zu den wenigen Bekannten, die Sirkka-Liisa Konttinen 2003 in New Byker antraf. Die meisten Menschen, die ihr freundlich die Tür öffneten, waren Asiaten und Afrikaner. Der Versuch, Byker als Gemeinschaft zu verpflanzen, war gescheitert. Was blieb, ist ein ungewöhnliche Langzeitporträt der Opfer des sozialen Wohnungsbaus.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Matthias Wolfram, 31.08.2014
1. Es ist nicht nur der soziale Wohnungsbau..,
Es ist jede Art von Einmischung durch weltfremde, arbeitsscheue Beamte, die zum Scheitern verurteilt ist.
soschautsaus2014, 23.03.2015
2.
Unglaublich. Warum steigen denn heute die Mieten ins unermessliche? Doch zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil, weil heute kaum noch sozialer Wohnungsbau betrieben wird. Leute, die von einem "Ghetto" ins nächste ziehen, sind ja wohl kaum Opfer.
Peter Schneider , 19.08.2017
3. New Castle / Byker
Man erkennt genau was sich verändert hat. Auf den 70er bis 80er Bildern sind Engländer auf den Fotos, das hat sich dann anscheinend geändert.
Christian Kohnert, 01.09.2018
4. Ändert nichts:
Newcastle ist eine der hässlichsten Städte, die ich je besucht habe.
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