Stars am Steuer Dralle Blondinen - Barocke Limousinen

Heute flüchten sich Stars in die Fonds gepanzerter Einheitslimousinen. In den fünfziger Jahren strahlten sie mit ihren Autos freiherzig um die Wette. Ein Bildband huldigt nun dieser Zeit, in der man nie wusste, wer die aufregenderen Formen zu bieten hat: das Auto - oder der Star davor.

Edward Quinn © edwardquinn.com

Von Wiebke Brauer


Nizza, 1956. Brigitte Bardot wandert um ihren neuen Simca herum. Der Wagen ist klein, offen und rot, das Lächeln der Bardot ist groß, strahlend und echt. Sie hat den Simca vom Werk geschenkt bekommen und macht Werbung dafür. Brigitte Bardot freut sich ganz freimütig - und fährt das Cabriolet natürlich selbst. Bei den Filmfestspielen in Cannes steuert sie den roten Flitzer über die Promenade durch den Sonnenschein, in ihrer Hand glimmt eine Zigarette, das Verdeck ist heruntergeklappt.

Der Krieg ist vorbei, das Leben wieder schön und an der Côte d'Azur weht ein warmer Wind durch die prominenten Reihen. Luxus gehört zum Alltag, man frönt dem Reichtum ganz ungeniert und stellt sich und den Glanz ganz offen zur Schau.

Fünfzig Jahre später eilt Sängerin Britney Spears mit großer Sonnenbrille auf der Nase und von Bodyguards umringt aus einem Nachtclub. Das Blitzlichtgewitter der Kameras erhellt die Nacht. Spears hechtet auf die Rückbank eines großen, kastenförmigen Geländewagens, die Tür fällt hinter ihr mit hartem Knall ins Schloss. Die Scheiben sind abgedunkelt, der Popstar hat seine Festung erreicht. My car is my castle. Vorbei die Zeit, in der fein geschwungene Chromleisten und gut bezahltes Lächeln um die Wette strahlen.

Üppige Formen überall

Der von Wolfgang Frei und Gret Quinn herausgegebene Bildband "Stars and Cars of the '50s" versammelt Momentaufnahmen eines Glamours, der von Leichtigkeit und Begeisterung geprägt ist - und dadurch einen Mythos schuf, der bis heute nachwirkt. Das Buch zeigt Bilder des Fotografen Edward Quinn, der an der Côte d'Azur den Zauber von Prominenz und PS einfing.

Auf einem Foto steht Pablo Picasso vor seinem Hispano-Suiza. Der Wagen aus den dreißiger Jahren ragt wie eine metallische Kulisse hinter dem Maler auf, die Scheinwerfer so groß wie Theaterstrahler. Auf einem anderen Bild unterhalten sich die Schauspieler Kirk Douglas und Edward G. Robinson miteinander, Douglas lehnt an einem schwarzen Buick Super mit großzügig geschwungenen Linien und gleißendem Chrom. Die Anzüge der beiden Schauspieler sind der damaligen Mode entsprechend weit geschnitten, der Stoff fällt weich und schwer, die Formen sind üppig.

Ob teures Tuch oder schimmernder Lack: Quinn dokumentiert die Formensprache einer vergangen Zeit, in der Aerodynamik und Benzinverbrauch noch keine Rolle spielten und sich der Überfluss in vielerlei Hinsicht zeigt: Wenn Gina Lollobrigida vor einem Rolls Royce posiert oder Sofia Loren vor einer Limousine von Peugeot, bleibt es dem Betrachter überlassen, wer von den beiden über die üppigeren Formen verfügt - Diva oder Automobil. In den fünfziger Jahren wetteifern die Kurven miteinander und ergänzen sich ganz prächtig, ohne gleich einen Frauenrechtlerverein auf den Plan zu rufen. Hier zeigt man eben, was man hat. Die Côte d'Azur ist reich an allem.

Motorhauben als Bühne für die Stars

Grandezza hat in dieser Epoche nicht nur eine bestimmte Formensprache, sondern einen Namen: Während sich heute Autos mit so mäßig klangvollen Namen wie Renault Kangoo oder BMW 130i auf den dicht befahrenen Straßen tummeln, klingen die Typenbezeichnungen von einst wie aus dem Märchen entsprungen: Der französische Schauspieler Paul Meurisse fährt einen Dodge Kingsway Custom, sein Kollege Charles Vanel einen Studebaker Coupé Starlight und Prinz Karim Aga Khan wartet in einem Cadillac Series Sixty Special Fleetwood Sedan.

Die europäischen Modelle tragen nicht weniger klangvolle Namen, so zum Beispiel der Bugatti Type 57C Aravis Gangloff oder der Alfa Romeo 6C 2500 Super Sport Farina. Nur der 300 SL von Mercedes hört sich nach nichts an. Er sieht nur grandios aus. Auf der Croisette fahren damals die Automobil-Ikonen von morgen, die Kennern der Materie heute die Tränen des Begehrens in die Augen treiben. In den fünfziger Jahren sind es einfach schöne Autos, die man gerne fährt.

Sternchen räkeln sich auf breiten Motorhauben, prominente Schauspieler wie Alain Delon und Jane Fonda lassen sich in einem Ferrari 250 GT Spider California ablichten. Der Franzose ist schnittig, der Italiener, in dem er sitzt, auch. Hier legt man sich das Fahrzeug zu, das zu einem passt. Während Marlene Dietrich einen Hang zu Autos beweist, die wie eine Showtreppe auf der Straße prunken, steigt ein Peter Ustinov lieber in einen rundlichen Aston Martin - und plötzlich korrelieren Mensch und Mobil auf seltsame Art miteinander.

Heute sammelt Hollywood nur noch Hubraum

Man stelle sich vor, heute würde jemand versuchen, sich vor einen neuen BMW zu stellen, um seinen Charakter zu schärfen. In den fünfziger Jahren ist die Unterstreichung der Individualität durch das Fahrzeug noch möglich: Die Wagen von einst verlängern Persönlichkeiten, weil die automobilen Formen so vielfältig wie ausdrucksvoll sind. Amerikanische Schlitten gleiten wie rollende Wohnzimmer über den Asphalt, auf den ausladenden Kotflügeln und am Kühler schimmern zahllose Scheinwerfer, Figuren und Embleme, daneben bestimmen elegante kleine Sportwagen und wuchtige Limousinen aus Europa das Straßenbild.

Heute profilieren sich Prominente durch Masse statt durch Klasse. Abgesehen von passionierten Autonarren wie Talkmaster Jay Leno oder Jamiroquai-Frontmann Jay Kay häufen Stars Fahrzeuge vielfach einfach an wie andere Leute Plastiktüten in der Rumpelkammer. Hollywood sammelt Hubraum - und der muss vor allem möglichst kostspielig sein: In der Tiefgarage von Paris Hilton stehen unter anderem ein Mercedes SLR McLaren für etwa 435.000 Euro, ein Bentley Continental GT für 170.000 Euro sowie diverse Ferrari-Modelle.

Zahlreiche Internetseiten liefern Auskunft über den genauen Wert der Garageninhalte von diversen Prominenten. Über deren Liebe zum Fahren weiß man freilich nichts. Wie auch, wenn Prominente inzwischen durch einen lästigen Schweif von Fotografen dazu gezwungen sind, sich in den Fond zu setzen und den Wagen als verlängerte Privatsphäre zu nutzen.

So strahlt der Glanz der fünfziger Jahre bis in die heutige Zeit hinein. Makellose Stars fahren damals ganz selbstverständlich in schmucken Cabrios an sonnigen Küsten entlang und zeugen von einer scheinbar besseren Welt. Einem Eldorado von Formen und Farben, in denen dralle Blondinen auf barocken Autos posieren. Die amerikanische Schauspielerin Frances Farmer sagte einmal über die Stars von einst: "Sie waren wie Könige und Königinnen zu jener Zeit, anbetungswürdige Idole. Sie waren perfekt. Sie waren unantastbar." So entstehen Mythen über Menschen - und über Automobile. Heute stehen die Mythen aus Metall in klimatisierten Garagen, und wir blättern mit nostalgischen Gefühlen in Bildbänden. Früher war nicht alles besser. Aber es sah besser aus.

In der Photography Monika Mohr Galerie, Hamburg findet vom 24.11.2008 bis zum 18.02.2009 eine Ausstellung zu Edward Quinns Stars and Cars of the '50s statt.

Zum Weiterlesen:

Edward Quinn: " Stars and Cars of the 50's". teNeues Verlag, Kempen 2008, 256 Seiten. Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.



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