Fan-Versuch Mein Doch-nicht-Date mit Stefan Edberg

Früher vergötterte Daniel Rettig den Fußballer Bodo Illgner und den Tennisspieler Stefan Edberg. Eines Tages beschloss er, die Helden seiner Jugend persönlich zu treffen. Das Protokoll einer Enttäuschung.

DPA

Wer in den Neunzigerjahren aufwuchs und sich für Tennis interessierte, hatte die Wahl: Er war entweder Fan von Boris Becker oder von Stefan Edberg. Beides ging nicht.

Edberg wirkte stets höflich und bescheiden. Sein britischer Trainer Tony Pickard, Typ freundlicher Großvater, saß auf der Tribüne und lächelte sanft. Becker war impulsiv, schmiss seinen Schläger und schrie herum. Auf der Tribüne saß sein rumänischer Manager Ion Tiriac, dunkle Sonnenbrille, dicker Schnurrbart, und guckte grimmig.

Ich war immer für Edberg.

Wenn ein Spiel im Fernsehen lief, feuerte ich ihn an. An Weihnachten wünschte ich mir die Schlägertasche aus seiner Kollektion. Und vom angesparten Taschengeld kaufte ich das entsprechende T-Shirt. Die frühen Reliquien meiner Bewunderung lagern noch heute in einer Kiste - ebenso wie eine Autogrammkarte von Bodo Illgner.

Wer in den Neunzigern in Köln aufwuchs und sich für Fußball interessierte, hatte keine Wahl: Er war Fan des 1. FC Köln und natürlich von Illgner. Ich spielte als Torwart in einem Vorortverein und wollte ihm unbedingt nacheifern. Regelmäßig schnitt ich seine Fotos aus dem "Kölner Stadt-Anzeiger" aus und sammelte sie in einem Album.

Ich versuchte, nicht wie ein Groupie zu klingen

Was hätte ich damals dafür gegeben, Edberg und Illgner persönlich kennenzulernen. Vor einigen Monaten schien die Gelegenheit gut, diesen Wunsch nachzuholen.

Dazu muss man wissen, dass Illgner seit einigen Jahren als Privatier in Florida lebt. Ab und zu kommentiert er im Fernsehen ein Fußballspiel oder äußert sich über den Zustand des 1. FC Köln. Man kann also davon ausgehen, dass in seinem Terminkalender noch das eine oder andere Plätzchen frei sein dürfte.

Über ein paar Umwege fand ich seine E-Mail-Adresse heraus, schilderte ihm mein Anliegen - und versuchte dabei, nicht wie Groupie zu klingen. Ich beschrieb, dass ich an einem Buch über Kindheitserinnerungen schreiben und deshalb ein Idol von einst treffen wolle; dass ich immer ein riesiger Fan des 1. FC Köln und besonders von ihm persönlich gewesen sei. Und fragte, ob er in den kommenden Monaten zufällig in Deutschland sei.

Einen Tag später antwortete Illgner: "Ich freue mich sehr zu hören, dass ich Ihr Kindheitsidol sein durfte. In absehbarer Zeit habe ich keinen Aufenthalt in Deutschland geplant."

Etwas förmlich, aber doch sehr freundlich. Ich versuchte noch mal mein Glück. "Wäre es vielleicht möglich, dass wir uns per Video-Chat unterhalten?"

"Ich melde mich bei Ihnen"

Nun vergingen acht Tage, bis Illgner antwortete: "Derzeit bin ich sehr beschäftigt. Wenn die Zeit wieder etwas ruhiger ist, können wir uns gerne noch einmal darüber unterhalten. Ich melde mich bei Ihnen."

Auf eine Antwort warte ich bis heute.

Womöglich hatte ich unterschätzt, wie anstrengend und stressig das Leben als Frührentner in Florida sein kann. Waren die Chancen, Edberg zu treffen, vielleicht besser?

Dazu muss man wissen, dass sich der Schwede weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Ab und zu spielte er noch ein Match auf der "Seniors Tour". Ich ging also davon aus, dass in seinem Terminkalender noch das eine oder andere Plätzchen frei sein dürfte.

Also schrieb ich ihm eine E-Mail. Oder genauer: an eine allgemeine Adresse der Fondsgesellschaft Case Asset Management. Die gründete Edberg vor einigen Jahren zusammen mit zwei Freunden.

Exakt null Bock

Schon einen Tag später hatte eine Mitarbeiterin unter ihrer persönlichen E-Mail-Adresse zurückgeschrieben. Edberg habe leider keine Zeit für mich.

Aufgeben? Kam nicht infrage.

An dieser Stelle ein Tipp: Falls Sie dem Chef eines Unternehmens schreiben wollen, brauchen Sie meist nur die E-Mail-Adresse irgendeines Angestellten. In den meisten Fällen ist die Kennung bei allen Unternehmen gleich. Etwa: vorname.nachname@xyz.de.

Soll heißen: Haben Sie eine E-Mail-Adresse, können Sie dem Chef persönlich schreiben.

Nach der Absage der Sekretärin schrieb ich an jene Adresse, hinter der ich Edberg vermutete. Zwei Tage später lag eine Antwort in meinem Postfach. Eine Antwort, die weder Fragen offen noch Nachfragen zuließ. Und von der ich heute noch nicht genau weiß, ob ich sie nun unsympathisch oder großartig finden soll.

Edberg schrieb: "Hi, thanks for your mail. But time is limited and interest as well." Viel subtiler lässt sich nicht ausdrücken, dass man exakt null Bock auf ein Gespräch hat. Offenbar hat sich Edberg seine Eleganz auch nach der Karriere bewahrt.

Dabei ist er für Avancen seiner treuen Fans durchaus offen. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass er im Jahr 2014 zum Trainerteam von Roger Federer gehören wird. Auch der Schweizer Weltstar ließ sich bei seiner Entscheidung von Nostalgie leiten. Er freue sich sehr darauf, Zeit mit Edberg zu verbringen und von ihm zu lernen: "Stefan war der Held meiner Kindheit."

Roger Federer fand ich ja auch schon immer toll. Ob ich mich mal auf die Suche nach seiner E-Mail-Adresse mache?


Daniel Rettig (Jahrgang 1981) ist Redakteur bei der "Wirtschaftswoche". Anfang Dezember erschien im dtv sein Buch "Die guten alten Zeiten - Warum Nostalgie uns glücklich macht".


Zum Weiterlesen:

Daniel Rettig: "Die guten alten Zeiten. Warum Nostalgie uns glücklich macht". Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013, 288 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Bernd Schmidt, 23.02.2014
1.
Wundert mich nicht. Wenn diese Leute jedem Groupie Zeit gewähren würden, kämen sie wohl zu nichts mehr. Einfach so jemandem, der einen nicht kennt, eine Mail zu schreiben und um Zeit zu bitten, finde ich schon ziemlich aufdringlich. Die Antwort von Edberg ist da sehr passend.
Hans Rost, 24.02.2014
2.
Edberg war ja schon zu seinen besten Zeiten sehr sehr introvertiert. Aber wenn einer den ehemaligen Weltranglistenersten Mats Wilander mit seinen Tenniskumpels treffen will, hier die Möglichkeit über diese Seite: http://wilanderonwheels.com/
Sven Seifert, 24.02.2014
3.
"Wäre es vielleicht möglich, dass wir uns per Video-Chat unterhalten?" Ein Tipp, aus dem Leben gegriffen: Wenn sie so etwas nochmal versuchen, machen sie sich interessant. Statt dem Videochat waere: "Ich wuerde sie auch gerne in Florida besuchen" ein Ausrufezeichen. 'Holla, dem ist eine Begegnung mit mir ja anscheinend wirklich wichtig. Mmmmh, da jetzt einfach nein sagen?" Edbergs Antwort finde ich sehr symphatisch! Auf den Punkt gebracht. Aber der Federer wird wohl mal in Begleitung von Edberg irgendwo spielen. Nicht die billigste Karte gekauft, und nochetwas Glueck gehabt, ......
Georg Schmidt, 24.02.2014
4.
naja, heute, im Zeichen von FB, Twitter und schnellen SMS meint jeder, einfach ein bischen eintippen und dann jubelt die Gegenseite, wundern kann sich der Schreiber nur, dass die gegenseite überhaupt geantwortet hat! Schmidt Georg, Lollar
hans roland, 27.02.2014
5.
Das Verhalten der Sportler ist nachvollziehbar. Erlebe als Galerist, viele sinnfreie,uninteressante Gespräche, Einladungen zum Kaffee und Essen. Jeder Mensch hat Anspruch auf Privatsphäre,viele Leute haben keine Interessen und Lebensinhalte und nerven mit Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Eitelkeit.
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