Steffi Grafs erster Grand-Slam-Titel Advantage Wunderkind

Sie war das Mädchen mit der Killer-Vorhand: 1987 gewann Steffi Graf mit gerade 17 Jahren ihren ersten Grand-Slam-Titel. Der Sieg gegen Martina Navratilova war der Höhepunkt einer einzigartigen Rivalität im Frauentennis. Denn die beiden verband eine Zuneigung - die mit einem einfühlsamen Brief begann.

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Tipp tipp. Zweimal lässt Martina Navratilova den Ball auf den roten Sandboden springen, dann wirft sie ihn hoch. Ihr Schläger saust durch die Luft, trifft den Ball. Netz. Navratilovas Gesicht zeigt keine Regung. Sie dreht sich zum Balljungen und lässt sich den zweiten Ball zuwerfen.

Drüben auf der anderen Seite des Centre Courts im Stadion Roland Garros atmet Steffi Graf kurz tief durch und stellt sich dann wieder an die Grundlinie. Sie wiegt den Körper leicht, ihren Schläger hält Graf mit beiden Händen. Sie führt im Finale des Grand-Slam-Turniers von Paris 6:4, 4:6, 7:6 – und hat Vorteil in diesem möglicherweise entscheidenden Aufschlagspiel.

Tipp, tipp. Navratilova lässt den Ball wieder springen. Dann hält sie plötzlich inne. Was geht in diesem Moment durch ihren Kopf? Dass sie die Deutsche schon am Rande einer Niederlage hatte? Dass sie die Breakbälle nicht genutzt hat? Dass Grafs Return nach dem 30:30 so unglücklich auf die Linie gesprungen war, dass Navratilova ihn ins Netz schlug? Dass dieser Aufschlag unbedingt ins Feld muss?

Der Ball ist in der Luft. Navratilova schlägt. Ins Aus.

Nach genau 121 Minuten ist Steffi Graf am Ziel. Navratilovas Doppelfehler hat der 17-Jährigen den ersten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere beschert. Als Graf zum Netz läuft, wirft sie die Arme nur zaghaft hoch, es ist ein verhaltener, ungläubiger Jubel. Als Graf auf ihrem Stuhl sitzt, vergräbt sie ihr Gesicht kurz in ihrem Handtuch. Dann gibt sie das erste Interview.

"Es tut mir auch irgendwie leid"

Die Tenniswelt bestaunt an diesem 6. Juni 1987 den ersten großen Titel einer jungen Frau, die schon seit Jahren als kommender Superstar gehandelt wurde - und die trotz ihrer Jugend schon erstaunlich abgeklärt wirkt. "Selbst im Tennis, wo Frühreife niemanden mehr erstaunt, ist Graf ein Phänomen", schreibt das "Journal du Dimanche". Eine "Revolution", nennt sie die "Daily Mail". Die Deutschen feiern ihre Tenniskönigin und ahnen, dass der Jubel über Titel des "Wunderkinds" in den kommenden Jahren Routine werden könnte.

Steffi Graf aber sagt: "Ich bin glücklich, gewonnen zu haben. Aber andererseits tut es mir auch irgendwie leid."

"Es tut mir auch irgendwie leid." Dieser Satz sagt einiges über Graf aus – und über das besondere Verhältnis zu ihrer Gegnerin von Paris. Denn was sich an diesem Samstag in Roland Garros zuträgt, ist auch ein Höhepunkt in der vielleicht respektvollsten Rivalität der Tennisgeschichte.

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Die Tennis-Gräfin: "Ich glaube, letztlich hat sie sich auch gefreut"

Begonnen hatte sie vier Jahre zuvor mit einem Brief. "Hi Steffi, ich habe im Fernsehen gehört, dass du dir den Daumen gebrochen hast. Ich hoffe, es tut nicht zu sehr weh. Ärgere dich nicht, ich bin sicher, dass es bald okay sein wird und dein Daumen so gut wie neu." Das las Steffi Graf im Frühjahr 1983, als sie verzweifelt in einem Hotel in Melbourne saß. Die 13-Jährige, die ihr erstes Profijahr spielte, hatte sich in der ersten Runde der Australian Open verletzt. Ein Schock für das ehrgeizige Talent aus Brühl.

Das Jahrhunderttalent mit der tödlichen Vorhand

Und dann das: Ein aufmunternder Brief der besten Tennisspielerin der Welt! "Du hast noch so viel Zeit, deine Karriere liegt noch vor dir. Mach dir nichts draus, deine Zeit wird noch kommen." Die Worte der "übergroßen Navratilova" (Graf) hinterlassen einen so tiefen Eindruck bei dem Mädchen, das später einmal die bestverdienende Spielerin der Tennishistorie sein wird, "dass ich ihn wohl niemals vergessen werde", sagt Graf.

Doch auch die Kleine aus Brühl hat offenbar Eindruck gemacht bei der 26-Jährigen. Graf gilt als Jahrhunderttalent und beste 13-Jährige, die jemals auf der Tennisbühne aufgetaucht ist. Ihre Vorhand ist bereits eine Waffe, ihre Slice-Rückhand nahe an der Perfektion. Graf, von ihrem Vater Peter betreut und von Boris Breskvar trainiert, hat in ihrer Altersklasse schon lange keine Konkurrenz mehr. Sie hält sich stattdessen an Jungs schadlos. Mit zwölf besiegt sie Rüdiger Haas, den Jugendeuropameister.

Doch nicht alle kennen das Mädchen, das seit August 1982 offiziell Profi ist. Als Graf im Sommer 1983 das erste Mal in Paris Tennis spielt, wird sie vom Schiedsrichter ermahnt. Er fordert Graf auf, bei den Ballwechseln stehenzubleiben - er hält sie für ein Ballmädchen. Die völlig unbekannte Deutsche schafft es auch dort durch die Qualifikation und übersteht wie in Melbourne die erste Runde. Dort besiegt die 13-jährige Graf die 19-jährige Schwedin Carina Karlsson 6:2, 6:1.

"Sie ist immer noch die Nummer eins"

Martina Navratilova ist in der Weltrangliste noch weit entfernt, doch sie äußert sich immer wieder respektvoll über die Fortschritte des deutschen Talents, das 1984 als jüngste Teilnehmerin Olympiasiegerin in Los Angeles wird. 1985 steht Graf als 16-Jährige im Halbfinale der US Open – und trifft zum ersten Mal auf die Frau, die sie so sehr bewundert: Navratilova. Das Spiel verläuft ernüchternd für Graf, sie verliert 2:6, 3:6 und räumt später ein, aufgeregt gewesen zu sein.

Die nächste Begegnung endet tränenreich. Graf schlägt Navratilova 1986 in Berlin, worauf die US-Amerikanerin von ihren Gefühlen übermannt wird. Graf erinnert sich später, ihre Gegnerin sei trotz der Niederlage "unglaublich nett" zu ihr gewesen. "Ich glaube, letztlich hat sie sich auch gefreut." Die Frau, die sich nun Internationale Deutsche Meisterin nennen darf und im Autokorso durch Brühl fährt, bleibt trotzdem höflich bescheiden. "Beim nächsten Mal bist du wieder dran", flüstert sie Navratilova zu.

So viel Zurückhaltung legt Graf nur den wenigsten Konkurrentinnen gegenüber an den Tag. Als sie vier Jahre zuvor in Filderstadt gegen die Weltranglistenvierte Tracy Austin verliert, sagt die US-Amerikanerin, es gebe viele Talente wie Graf in den USA. "In drei Jahren besiege ich dich", gibt die damals 13-Jährige trotzig zurück. Es sollte nicht mehr dazu kommen. Bereits ein Jahr später gab die 20-jährige Austin ihren Rücktritt aus dem Profitennis bekannt - sie war ausgebrannt.

77 Spiele, 75 Siege

1987 wird zum Triumphzug für Steffi Graf. Sie erreicht in jedem der 13 Turniere, das sie spielt, das Finale. Und sie verliert von 77 Spielen nur zwei, beide gegen Martina Navratilova. Im August löst die neue Königin die alte Königin an der Spitze der Weltrangliste ab - nach 331 Wochen Regentschaft.

Und was macht die Navratilova? Sie schenkt Graf ein Lederarmband als Glücksbringer! Damit holt die Deutsche im Jahr darauf alle vier Grand-Slam-Titel (in Wimbledon gegen Navratilova) und den Olympiasieg. Als Graf 1999 zurücktritt, hat sie 22 Grand-Slam-Turniere im Einzel gewonnen, vier mehr als ihre liebste Rivalin. An der Weltranglistenspitze bleibt sie insgesamt 377 Wochen.

"Martina Navratilova, gar keine Frage. Sie ist im Tennis meine unbestrittene Nummer eins." So beginnt ein Text, den Steffi Graf im August 1999 für die Deutsche Presseagentur verfasst, nur wenige Tage nach ihrem Rücktritt vom Profitennis. Ungewohnt persönlich zieht die sonst so pressescheue Tennisspielerin darin die Bilanz einer ganz besonderen Rivalität – und würdigt die US-Amerikanerin als "die beste Spielerin des Jahrhunderts".

Die Ehrerbietung gegenüber ihrer größte Konkurrentin endet jedoch mit einem Bedauern. Graf schreibt in ihrem Text von einem Showturnier im Doppel, das 1998 hätte stattfinden sollen, dann aber leider ausgefallen sei. Sie habe sich so gefreut und sei dann riesig enttäuscht gewesen, so Graf. Zum ersten Mal hätte sie nicht gegen Martina Navratilova gespielt, sondern mit ihr: Ihre Rivalin von einst war als Doppelpartnerin vorgesehen.



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Hans Bilger, 07.06.2012
1.
Kleine Korrektur: Sie gewann 1984 das Schauturnier am Rande der olympischen Spiele. Tennis ist erst seit 1988 wieder offiziell olympische Disziplin. Da gewann Steffi Graf Gold im Einzel, Bronze im Doppel und 92 Silber im Einzel
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