Tbc bei Milchkühen Rindviecher und Milchmädchenrechnungen

Marktwirtschaft kontra Planwirtschaft: Nach dem Krieg kämpfte die deutsche Milchindustrie gegen die ansteckende Tuberkulose bei Kühen. Wirtschaftliche Zwänge brachten in der BRD in wenigen Jahren Erfolg. Die DDR brauchte aus politischen Gründen zehn Jahre länger. Von Ernst Woll

Ernst Dr. Woll

Noch heute fordert die Infektionskrankheit Tuberkulose (Tbc) in der Welt jährlich über eine Million Menschenleben. Auch in Deutschland erkranken jährlich einige Menschen an Tbc, die aber mit modernen Antibiotika geheilt werden können; jedoch wächst die Gefahr immer mehr, dass die Erreger Resistenzen gegen mehrere dieser Chemotherapeutika bilden.

Vor mehr als 70 Jahren hörte ich während meiner Kindheit von der Gefährlichkeit der Tbc: Viele Menschen, so hieß es, würden daran sterben. Und auch Rinder und alte Hühner würden von der Seuche befallen, ohne jedoch immer offensichtliche Erscheinungen der Krankheit zu zeigen. Vor allem über die Milch von Kühen mit sogenannter Eutertuberkulose könne man sich anstecken, und man solle nur abgekochte Milch oder Milch aus der Molkerei trinken. Dabei schmeckte Milch mir genau wie vielen anderen dann besonders gut, wenn ich sie direkt nach dem Melken noch "kuhwarm" genießen durfte.

Alle Bauern, die ich in den 1930er Jahren kannte, hatten im Stall eine Kuh, von der sie meinten, die sei völlig gesund, und sie nahmen deshalb deren Milch für den Eigenbedarf. Eine Garantie war das aber nicht, denn Tests zu Feststellung der Krankheit kannten wir damals noch nicht. Erst bei der Schlachtung und Fleischbeschau konnte die Tbc festgestellt werden. In späteren Jahren las ich in einer Veröffentlichung, dass es nach einer Untersuchung in Deutschland 1936 in mehr als einem Drittel der Rinderbestände tuberkulosekranke Tiere in einem Anteil von bis zu 40 Prozent gab. Da erst wurde mir bewusst, mit welcher Sorglosigkeit wir damals auf dem Lande mit Ansteckungsgefahren umgegangen waren.

Die DDR-Seuchenbekämpfung lahmt

Bereits sieben Jahre nach Kriegsende, also 1952, wurde in der BRD ein freiwilliges Verfahren zur Bekämpfung der Rindertuberkulose mit Tuberkulin–Tests und Prämien für Milch aus tuberkulosefreien Beständen gestartet. 1955 begann ein ähnliches Programm in der DDR, das 1959 zu einem Pflichtverfahren im Rahmen eines Zehnjahresplans zur Tilgung dieser Seuche wurde. Als Tierarzt arbeitete ich auf diesem Gebiet an verantwortlicher Stelle mit. Bereits 1961 waren in der BRD 99,7 Prozent aller Betriebe staatlich anerkannt tuberkulosefrei; der marktwirtschaftliche Zwang, nur noch Milch aus Tbc-freien Beständen verkaufen zu können, trug wesentlich hierzu bei.

In der DDR waren erst 1971, also zehn Jahre später, 99 Prozent aller Rinderbestände tuberkulosefrei, weil die Tiere, die positiv auf den Tbc-Test reagierten, wegen dieser Krankheit nicht oder nur unter starken Einschränkungen geschlachtet werden durften; die Tierhaltungspläne hatten Vorrang vor den Tbc-Sanierungsplänen. In Fachkreisen haben wir damals diese unterschiedlichen Wege zur Tilgung der Rindertuberkulose sehr kritisch diskutiert.

Mit den unterschiedlichsten Argumenten versuchte, man die Bauern von den Vorteilen der LPG zu überzeugen. Es galt vor allem, erfahrene Landwirte zur aktiven Mitarbeit zu gewinnen. Nicht zuletzt sollte auch durch das Einbringen der Tiere in die genossenschaftlichen Stallungen, so wurde jedenfalls argumentiert, die Bekämpfung der Rindertuberkulose beschleunigt werden.

Der staatliche Plan geht vor

In einem kleineren Dorf in Thüringen war es Ende der 1950er Jahre so weit, dass sich alle Bauern zum LPG-Beitritt bereit erklärt hatten. Sehr schnell mussten nun alle Rinder getestet werden, um Tbc-Reagenten und Tbc-freie Tier zu trennen. Erfreulicherweise wurden nach der ersten Untersuchung nur zehn Prozent der Kühe Tbc-positiv ermittelt; das waren weniger als 20 Tiere. Eine gute Ausgangsposition, um in dieser kleinen Gemeinde für die Rinderhaltung den Status "staatlich anerkannter tuberkulosefreier Rinderbestand" zu erreichen.

Ein erstrebenswertes Ziel: Durch die Entfernung Tbc-kranker Rinder wurde das Ansteckungsrisiko beseitigt, der hohe Aufwand für eine notwendige getrennte Unterbringung und Haltung Tbc-freier und Tbc-kranker Tiere fiel weg. Der Bürgermeister und alle Bauern waren dafür, die wenigen Tbc-Reagenten der Schlachtung zuzuführen, aber die Kreisverwaltung und SED Kreisleitung waren dagegen. Sie forderten, in erster Linie den staatlichen "Tierhaltungsplan" bedingungslos einzuhalten. Die Tbc-positiven Rinder sollten so lange gehalten werden, bis durch eine Tbc-freie Kälber- und Jungrinderaufzucht die verlangte Tierzahl gesichert worden wäre.

Die Tbc-positiven Kühe durften aber auch dann noch nicht geschlachtet werden, sie mussten an LPG mit einem sehr hohen Anteil sogenannter Tbc-Reagenten verkauft werden, wo die Rinder-Tbc-Sanierung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wurde. Das alles war nicht kurzfristig zu realisieren, und notgedrungen musste in der neu gegründeten LPG mit hohem Aufwand ein getrennter Stall für die 20 Tbc-Reagenten eingerichtet werden. Folge: Die Trennung funktionierte nicht ganz reibungslos, und die ehemals gute Ausgangsposition verschlechterte sich. Immer wieder wurden bei den Untersuchungen Tiere ermittelt, die in den sogenannten Reagentenstall, der bald nicht mehr ausreichte, verbracht wurden.

Bauern protestierten heimlich

Da machte plötzlich das Wort Sabotage die Runde. Es wurde behauptet, einige Tierpfleger machten absichtlich Fehler: Die im Tbc-Reagentenstall gebrauchten Gerätschaften würden auch in den anderen Stallungen, in denen Tbc-freie Tiere stünden, benutzt; also die angeordnete Trennung nicht eingehalten. Außerdem hätte man die ermittelten Tbc-positiven Tiere zu spät aus der Tbc-freien Herde entfernt; also Reinfektionen Vorschub geleistet. Die Bauern würden damit heimlich gegen das ehemals ausgesprochene Schlachtverbot der geringen Anzahl von Tbc–Reagenten protestieren. Als dann einer der Tierpfleger sich illegal in die BRD absetzte, glaubte man, einen Schuldigen gefunden zu haben; aber die Reinfektionen hörten trotzdem nicht auf.

Wahrscheinlich fehlte insgesamt die Bereitschaft der Bauern, sich für längere Zeit mit den getrennten Stallungen für Tbc-freie Tiere und Tbc–Reagenten abzufinden. Im Übrigen plagte man sich in der LPG mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten herum; vor allem stand für den nach Plan aufgezwungenen großen Tierbestand nicht genügend Futter zur Verfügung – die Feld- und Wiesenerträge waren in der Region, in der sich die LPG befand, nicht sehr üppig.

Aber es wurde mit brachialer Gewalt die falsche These durchgesetzt: Je mehr Kühe vorhanden sind, desto mehr Milch wird produziert – eine klassische "Milchmädchenrechnung", denn wo soll die Milch herkommen, wenn es den Kühen an Futter mangelt? Ein gezielter, leistungsgerechter Einsatz des vorhandenen Futters an weniger Tieren wäre auf alle Fälle sinnvoller gewesen.

Dann kamen findige Bauern auf den Gedanken, die Tbc-freien Jungrinder im Sommer auf Pensionsweiden in die Mittelgebirgslagen des Thüringer Waldes zu bringen; dort konnten zusätzliche Futterreserven erschlossen werden. Mit dieser Unterstützung und insgesamt der Tbc-freien Kälber- und Jungrinderaufzucht konnte nach einigen Jahren die Tilgung der Seuche auch in dieser LPG abgeschlossen werden, was gleichzeitig mit zur wirtschaftlichen Stabilisierung führte.



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