Thor Heyerdahls "Ra"-Expedition Im Schilfboot in Seenot

Mit einem Papyrusboot-Nachbau wollte Thor Heyerdahl 1969 von Afrika nach Amerika segeln, auf den Spuren der alten Ägypter. Viele Forscher hielten den Norweger für lebensmüde - und bald geriet das Experiment außer Kontrolle.

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Schon früher hatte man ihn totgesagt. Aber diese Reise würde Thor Heyerdahl gewiss nicht überleben.

Also stürzten sich die Reporter im Mai 1969 auf die künftige Witwe, die attraktive Blondine Yvonne Heyerdahl - wie sie sich fühle, kurz bevor ihr Mann mit einem Papyrusboot den Atlantik überquere? Ein Schiff, konstruiert nach 5000 Jahre alten ägyptischen Zeichnungen! Die Zeit orakelte: "Es sieht sehr schön aus - aber auch hoffnungslos seeuntauglich."

"Ra" hieß das Boot, benannt nach dem ägyptischen Sonnengott. Ob so ein Gefährt, zwölf Meter lang, in dieser Größe je existiert hatte und in die offene See gestochen war - niemand wusste es. Experten sagten voraus, der Papyrus würde sich im Salzwasser auflösen oder bedenklich vollsaugen.

Thor Heyerdahl, legendärer Forschungsreisender und Archäologe - ein lebensmüder Tor. So dachten viele über den hochgewachsenen Abenteurer mit den blauen Augen. Der aber dozierte: "Die Sicherheit der alten Schiffe beruht auf genau der Eigenschaft, die man heute für die gefährlichste hält: dem Lecken." Wenn der Papyrus sich vollsauge, festige das die Struktur. Heyerdahl vertraute der Tragfähigkeit historischer Schilfboote mehr als der eines modernen Schiffs.

Mit noch einem Gedanken provozierte er Forscher weltweit: Seine Reise sollte belegen, dass es womöglich schon Jahrtausende vor der Entdeckung Amerikas Kontakte zwischen den Hochkulturen der alten Ägypter sowie denen in Peru und Mexiko gab. Haben Seefahrer von Nordafrika aus Amerika mit Schilfbooten erreicht?

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Thor Heyerdahls "Ra"-Expedition: "Jetzt sind wir wirklich Schiffbrüchige"

Heyerdahl war davon überzeugt. Sein stärkstes Argument: frappierende Ähnlichkeiten von Inschriften, Pyramiden und eben Schilfbooten dies- und jenseits des Atlantiks. Seine wissenschaftlichen Gegner, Isolationisten genannt, waren dagegen überzeugt, dass sich die Hochkulturen unabhängig entwickelt hatten. Parallelen hielten sie für Zufälle - Folge des Strebens nach den besten Lösungen. Die Schilfboote seien nur auf Flüssen, Seen und an Küsten gefahren.

Spektakel im Hafen

Um diesen Streit ging es, als die "Ra" am 25. Mai 1969 in der marokkanischen Hafenstadt Safi ablegte. Filmaufnahmen zeigen Heyerdahl lächelnd, unter Applaus gibt er seiner Frau einen Abschiedskuss. Er wusste: Sollte er Erfolg haben, könnte er mit diesem starken Indiz die Wissenschaftlerdebatte dank Medienberichten in seine Richtung lenken.

Schon die Abfahrt der "Ra" geriet zum Spektakel, wie Heyerdahl später in seinem Buch über die Fahrt festhielt:

Alle Fischerboote im Hafen hatten ihre durchdringenden Sirenen aufheulen lassen, und das Getöse von Fabriksirenen (...) begleitete sie, Schiffsglocken bimmelten, die Menschenmenge schrie, und ein Frachter schickte zischende Signalraketen gen Himmel; sie zerbarsten zu einem Sternenregen.

Nach diesem "königlichen Abschied" geriet der Abenteurer sofort in Schwierigkeiten. Das schwere Segel der "Ra" hing schlaff im Wind, das Schiff trieb zurück, auf eine Steinmole zu. Ein Fischerboot musste die "Ra" rausschleppen, fuhr aber so schnell, dass eines der drei Steuerruder brach.

Der Weltverbesserer

Für Heyerdahl war der antike Steuermechanismus ohnehin das "größte Risiko". Wie genau das funktionierte, und ob er das Prinzip überhaupt korrekt nachgebaut hatte? Ein frühes Scheitern wäre eine herbe Enttäuschung gewesen - auch für den Weltverbesserer Heyerdahl. Denn der Norweger hatte, mitten im Kalten Krieg, ein interkulturelles Team gewählt:

Ich habe Leute verschiedener Länder, politischer Ideen und Hautfarben zusammengebracht, um zu beweisen, dass es nur eine menschliche Familie gibt.

Der Navigator kam aus den USA, der Arzt aus der UdSSR, der Papyrusexperte aus dem Tschad. Der Kameramann war Italiener, der Taucher Ägypter, der Proviantverwalter Mexikaner.

Interkulturell: Die Crew der "Ra"
AFP

Interkulturell: Die Crew der "Ra"

"Wie bunte Wäsche", schwärmte Heyerdahl, flatterten sieben Landesfahnen über dem Dach der "Ra", eingerahmt von "optimistischen Flaggen der Vereinten Nationen". Für Spaß und Ablenkung sollten Mundharmonikas, Buchklassiker, ein Musikrekorder und Äffchen "Safi" sorgen - Geschenk eines marokkanischen Paschas.

Anfangs ging vieles gut. Die "Ra" ließ sich manövrieren, der an Land brüchige Papyrus verfaulte auch nach Wochen im Salzwasser nicht und entpuppte sich als "hart und biegsam wie Autoreifen". Besonders begeisterte Heyerdahl die nachgebaute Takelage:

Diese Takelung ist das Resultat langer Navigationserfahrung auf offener See und wurde nicht auf dem ruhigen Nil ersonnen.

Doch dann brach das zweite Steuerruder. "Jetzt sind wir wirklich Schiffbrüchige", erklärte Heyerdahl seiner Crew und nannte es "das Beste für unser Experiment", denn genau das habe auch den alten Seefahrern passieren können: Nun werde man sehen, wo sie gelandet wären. Schon immer hatte er in scheinbar aussichtslosen Situationen weitergemacht. Sonst hätte es die "Ra" nie aufs Meer geschafft.

Der Dauertänzer

Unter abenteuerlichen Umständen hatte Heyerdahl in der "Negerrepublik Tschad", wie er in der Sprache der Zeit schrieb, nach Bootsbauern gesucht, die sich in der alten Schilfbauweise auskannten. Er wurde misstrauisch und feindselig beobachtet, mit einem Schwert bedroht. In einer gefährlichen Situation brach er den Bann, indem er sich einem Tanzmarathon anschloss - und am längsten durchhielt. "Ich tanzte alleine", berichtete er, umringt von einer gaffenden Menge.

Das öffnete ihm Türen. Heyerdahl nahm Schiffsbauer und zwölf Tonnen Papyrus nach Ägypten mit, wo es längst keinen Papyrus mehr gab. Vor den Pyramiden von Gizeh wuchs die "Ra" heran. Im April 1969 schleppten 500 Ägypter sie zu einem Transporter, der bei der Hafenstadt Port Said fast unter israelischen Beschuss geriet.

Vor Pyramidenkulisse: Transport der "Ra"
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Vor Pyramidenkulisse: Transport der "Ra"

Finanzieren konnte Heyerdahl das nur dank des Welterfolgs seiner ersten Expedition: 1947 war er mit dem Balsaholzfloß "Kon-Tiki" von Peru über den Pazifik zu einem Südseeatoll gesegelt. Heyerdahl wollte zeigen, dass indigene Völker Südamerikas einst Polynesien besiedelt haben könnten; fast alle Experten vermuteten eine Besiedlung aus der anderen Richtung, von Asien aus.

Ein deprimierender Fund

Die "Ra" war die logische Folge der ersten Expedition und der Idee einer Völkerwanderung über die Meere: Wenn die Südsee einst von Südamerika besiedelt wurde, konnten dann Ägypter nicht zuvor Südamerika erreicht haben?

Das Erste, was die Fahrt der "Ra" bewies, war aber etwas völlig anderes:

(Manchmal) war das Meer um uns herum so schmutzig, dass wir die Zahnbürste nicht ins Wasser stecken konnten. Der Atlantik war nicht mehr blau, sondern gräulich-grün und trübe, voller asphaltähnlicher Ölklumpen von Stecknadelgröße bis zur Größe eines Butterbrotes. Mittendrinnen schwammen Plastikflaschen. Es war, als seien wir in einem schmutzigen Großstadthafen angekommen.

So etwas hatte der Norweger noch nie gesehen. Das Erlebnis machte ihn zum engagierten Umweltaktivisten, der sich für die Meere einsetzte, diese "unentbehrliche Filtrieranlage".

Im Atlantiksturm

Was ihn ebenfalls beunruhigte: Die Spannungen auf der "Ra" nahmen zu. Die Männer brüllten sich an, beschimpften einander als arrogant, faul, egoistisch. Der Musikrekorder verschwand spurlos, weil einige das Gedudel nervte. "Die Atmosphäre war geladen", schrieb Heyerdahl. Erst als die "Ra" in heftige Stürme geriet, schweißte der Kampf die Mannschaft zusammen.

Es heulte, knarrte in allen Teilen des schlingernden Boots. Sturzseen ritten seitlich aufeinander zu. (...) Einzelne Wellen stürzten auf einmal tonnenweise Wasser in die Ra.

Verzweifelt versuchten die Männer, aus den Papyrusvorräten Wälle gegen die Wassermassen zu bauen. Mehrmals hielten sie sich nur dank der Rettungsleine an Bord. Die reparierten Steuerruder brachen immer wieder.

Die "Ra" trieb weiter gen Westen und verfiel dramatisch. Durchgescheuerte Taue lösten sich, Schilfbündel drohten auseinanderzufallen. Das Material für Reparaturen wurde so knapp, dass die Mannschaft ihr einziges Rettungsboot zersägte. Nach Unwettern im Juli bekam die "Ra" Schlagseite. Kisten und Küchenmaterial wurden von Bord gespült. Im Wasser schwimmend versuchten die Männer das Schiff zu reparieren, wurden dabei aber von Haien bedroht.

Der Untergang

Bald waren auch die erhöhten Schlafplätze in der überdachten Hütte nicht mehr sicher, das Achtersteven versank im Wasser. Die "Ra" drohte zu kippen, so dass die Crew den zentnerschweren Mast kappte und durch einen improvisierten Mast mit kleinem Segel ersetzte.

Juli 1969: Das Ende der abenteuerlichen Seereise
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Juli 1969: Das Ende der abenteuerlichen Seereise

Fast hätten die Abenteurer es in dieser Ruine sogar geschafft. Nicht weit vor Barbados, nach 55 Tagen und 5000 Kilometern, musste sich die Crew auf eine US-Jacht retten. Melancholisch schrieb Heyerdahl später unter das Foto des sinkenden Boots:

Vielen Dank, dass Du uns mitgenommen hast, Ra. Du hast bewiesen, dass sogar Landratten Tausende von Seemeilen auf Papyrusbündeln segeln können.

Die Debatte unter Forschern jedoch beeinflusste das Experiment kaum. Die meisten Ethnologen glauben bis heute, dass Heyerdahl falsch lag. Im Grunde habe er nur bewiesen, dass er mutig sei, spotteten einige. Andere warfen ihm Rassismus vor, weil seine Theorie suggeriere, die indigenen Völker Südamerikas wären ohne Hilfe nie in der Lage gewesen, Pyramiden zu bauen.

Heyerdahl antwortete auf seine Art. Ein Jahr nach dem Schiffbruch legte er mit der "Ra II" ab, gebaut von Indigenen vom Titicacasee. Mit diesem Schilfboot, leichter, kürzer und steifer konstruiert, erreichte er tatsächlich Barbados. Und zwar, wie er stolz betonte, ohne dass ein "einziger Papyrusstengel losriss oder brach".

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Holger Heinreich, 29.05.2019
1. Bitte ...
Heyerdahls Idee hat ein großes Problem, amerikanische Hochkulturen haben nie die Metallverarbeitung gemeistert. Ägypter, die Pyramiden aber nicht so etwas alltägliches und nützliches wie Metallverarbeitung exportieren, sind eher unwahrscheinlich. Und die Rassismusvorwürfe sind lächerlich. Kulturen beeinflussen ihre Nachbarn, das ist Fakt und kein Rassismus. Und Kulturen kopieren gerne einmal das, was sie anderswo sehen. Ohne dieses Verhalten hätte es im nordischen Kreise keine Bronzezeit gegeben, dort mußt man auch Kupfer und Zinn importieren, um Bronze ´überhaupt herstellen zu können. Die Japaner haben gerne europäische Militärtechnik importiert, bis ein Shogun die Isolation befahl, was in Japan zur Stagnation führte. Die Römer entwickelten aus der griechischen Kunst ihren eigenen Stil auf Basis griechischer Vorbilder. Isolierte Kulturen entwickeln sich nicht, es ist ganz normal, daß Ideen Grenzen überschreiten.
Magnus von Benz, 29.05.2019
2. Rückfall in die 50er?
Was, bitteschön, soll die Beschreibung "die künftige Witwe, die attraktive Blondine Yvonne Heyderdahl". Sind wir jetzt schon in die 50er Jahre zurückgefallen, in der von Frauen als "attraktive Blondine" gesprochen wird. Die Frankfurter Rundschau hatte heute auch schon einen Artikel mit einer ähnlich sexistischen Bezeichnung für eine Frau, dort ist von Heinz-Christian Straches "hübschen Ehefrau" und "hübsche Blondine" die Rede. Bitte mehr journalistische Sorgfalt und bitte weniger Fremdschäm-Boulevard auf Yellow Press Niveau!
Frithjof Anders, 29.05.2019
3. Heyerdahl
Heyerdahl war ein genialer Forscher und Abenteurer. Er hat sich nicht dem Mainstream und der damaligen herschenden Meinung des Zeitgeists untergeordnet, sondern neue Thesen versucht praktisch zu beweisen. Nur so etwas bring die Wissenschaft voran. Nicht jede These muss stimmen. Aber wenn man nichts wagt und sich immer von der Mehrheitsmeinung hemmen läßt, dann würden wir heute noch glauben, die Erde sei eine Scheibe. Davon können wir heute auch noch lernen. Schon Einstein sagte "Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vorne herein ausgeschlossen erscheint."
Thomas Bayer, 29.05.2019
4. Ein Entdecker
so viel Mut muss man mal haben, mit Papyrus-Booten den Atlantik zu überqueren. Auch in diesem Artikel sind die fehlenden 500km wichtiger als die geschafften 4.500km.
Michael Möller, 29.05.2019
5.
@1 "Heyerdahls Idee hat ein großes Problem, amerikanische Hochkulturen haben nie die Metallverarbeitung gemeistert. Ägypter, die Pyramiden aber nicht so etwas alltägliches und nützliches wie Metallverarbeitung exportieren, sind eher unwahrscheinlich. " Heyerdahls Idee war nie die von geplanten Handelsreisen zwischen den Kontinenten. Es ging um zufällige Fahrten (gebrochenes Ruder auf Handelsroute an Afrikas Westküste...). Und ob so ein Seemann die komplexe Technologie der Metallurgie kennt und somit exportieren kann? Zweifelhaft. Daher ist die fehlende Metallbearbeitung in Amerika nicht unbedingt ein Gegenargument.
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