"Titanic" im Film Wie tief bist du gesunken!

Untergang in der Endlosschleife: Seit 1912 geht die "Titanic" dramatisch und mit irren Variationen auf der Leinwand unter. Mal sind zeitreisende Zwerge an Bord, dann peitschen Tsunamis Eisberge auf den Luxusliner zu. Schließlich säuft sogar die "Titanic II" ab - erst im Film, dann in der Realität.

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Da dümpelt es träge im Hafen, groß genug, um die Bevölkerung einer Kleinstadt aufzunehmen, hoch wie ein Büroturm - eine Konstruktion der Superlative. "Es ist das größte, schnellste und modernste Schiff der Welt", verkündet der Reederei-Chef stolz bei der Einweihung - und verrät schließlich den Namen dieses technischen Wunderwerks: "SS Titanic II".

Natürlich ist es eine verwegene Idee, ein Schiff nach dem Symbol für menschliche Hybris auf hoher See zu benennen. Selbst 2012, ein ganzes Jahrhundert nach der Katastrophe. Noch bekloppter aber ist die Idee, mit dem Luxusliner auch noch auf den Tag genau exakt jene Route einzuschlagen, auf der 1912 die "Titanic" zu ihrer letzten Fahrt aufgebrochen war. Doch diesmal sollte dank verbesserter Technik alles gutgehen. Es gilt, die Geschichte umzuschreiben und die "Titanic" endlich von ihrem schlechten Ruf zu erlösen. Diesmal soll ein wirklich unsinkbares Schiff den Atlantik überqueren.

Nur: So leicht lässt sich die Geschichte nicht hereinlegen. Einmal "Titanic", immer "Titanic". Zumindest im Film.

Wer schafft es diesmal in die Boote?

Zwar gleicht das neue Luxusschiff in der Low-Budget-Produktion "Titanic II" mit seinen Sensoren und dem technischem Schnickschnack einem kleinen Kriegsschiff, doch die Eisberge im Jahr 2012 sind eben auch nicht mehr so lahme weiße Dinger wie noch im Jahr 1912, sondern viel gefährlicher. Zumindest, wenn sie ein Tsunami mit Höllengeschwindigkeit und einer aberwitzigen Präzision über den riesigen Ozean genau auf die "Titanic II" zurasen lässt. Irgendwann merkt das auch die Besatzung. Doch da kann der Kapitän nur noch unheilsschwanger verkünden: "Es sieht so aus, als ob sich die Geschichte wiederholt."

Und wie sie sich wiederholt! Die "Titanic" sinkt und sinkt und sinkt - seit nunmehr einem Jahrhundert. Die Frage ist bei jeder neuen Verfilmung eigentlich nur: Wer wird es diesmal in die Boote schaffen?

Das Ende ist stets dasselbe, der Stoff dutzendfach umgesetzt - und doch sind die Variationen überraschend vielfältig. Da gibt es gelungene und historisch recht akkurate Adaptationen wie "A Night to Remember" aus dem Jahr 1958, dann wieder unterhaltsame Stummfilme aus der Kinderzeit des Kinos oder völlig haarsträubende Variationen wie "Titanic II". Über den schrieben die Kritiker, er sei "Trash der übelsten Sorte" und die schauspielerische Leistung "unterirdisch".

"Kein Feuer mehr! Mehr Wellen!"

Gerade weil der "Titanic"-Untergang in den vergangenen hundert Jahren Dutzende Male neu inszeniert wurde, dürften die unzähligen Umsetzungen für Film- und Kulturhistoriker ein großer Glücksfall sein: Denn sie spiegeln ein Jahrhundert Mentalitätsgeschichte wider; ein Jahrhundert sich wandelnder Vorstellungen von männlichem Heldenmut und der Rolle der Frau; ein Jahrhundert, in dem sich auch die Technik rasant weiterentwickelte.

Was sind das noch für Zeiten, als 1912, nur zwei Monate nach der Katastrophe, in einem winzigen Berliner Hinterhofstudio der "Titanic"-Stummfilm "In Nacht und Eis" produziert wird. Die Produktionsfirma "Deutsche Bioscop" hat anfangs gerade einmal 36 Quadratmeter Platz, um eines der größten Schiffsunglücke aller Zeiten auf die Leinwand zu bringen. Ein Reporter des "Berliner Tageblatts" hält die heute aberwitzig simpel wirkenden Dreharbeiten fest: "Auf eine Leinwand im Hof wurde ein Kesselraum gemalt", schreibt der Journalist. "Ein paar halbnackte Gesellen, berußt, nass, mit wirrem Haar, warten auf das Zeichen des Regisseurs, um die Verzweiflungsbotschaften des Kapitäns zu vernehmen."

Dann bringen Helfer die ganze Bühne ins Schaukeln und stecken eine Zündschnur an: "Es knallt ganz wirklich und meterhoch schlagen durch die bemalte Wand gelbe Flammen in die Höhe." Die eisigen Fluten des Nordatlantiks werden mit Wasser aus Holzfässern simuliert. "Die Akteure waten über die nasse Leinwand, wälzen sich in den Kohlen und fallen in dem überschwemmten Maschinenraum." Dazu bellt der Regisseur Mime Misu Anweisungen: "Kein Feuer mehr! Nur noch Dampf! Mehr Wellen!"

Untergang im flachen Tümpel

Ähnlich phantasiereich lässt der Regisseur am Ende das Schiff in einem See bei Königs Wusterhausen untergehen. Der ist so flach, dass die Schauspieler noch weit vom Ufer entfernt stehen können. Das Film-Modell des Luxusdampfers, gerade einmal acht Meter lang, schwimmt dabei auf Holzfässern, die während des Sinkens nach und nach zertrümmert werden. Da jede Menge Eis für die Dreharbeiten in den See geworfen wurde, zittert die Crew recht authentisch, wenn auch nicht um ihr Leben. Nur der Kapitän ist zu groß, um in dem niedrigen Tümpel richtig überzeugend ertrinken zu können.

Schnitt. Zeitsprung ins Jahr 1942. Wieder sinkt die "Titanic" in Berlin, doch diesmal geben die Dreharbeiten keinerlei Anlass zum Schmunzeln. Regisseur Herbert Selpin, berühmt durch Filme mit Hans Albers, und Drehbuchautor Walter Zerlett-Olfensius sollen für Joseph Goebbels die "Titanic" noch einmal untergehen lassen. Es ist schon seit langem eines der Lieblingsprojekte des Propagandaministers.

Goebbels möchte die Briten auf der Leinwand bibbern und weinen sehen, sie als ein profitsüchtiges Volk von Feiglingen darstellen, allen voran Reederei-Direktor Bruce Ismay: Der hatte das sinkende Schiff mit einem Rettungsboot verlassen - statt heroisch unterzugehen. US-Journalisten hatten ihm dies schon 1912 vorgeworfen.

Drama bei den Dreharbeiten

Doch der penibel geplante Propaganda-Coup mündet in einem menschlichen Drama: Der impulsive Regisseur Selpin gerät immer wieder heftig mit Autor Zerlett-Olfensius, einem überzeugten Nazi, aneinander. Erst wirft er ihm mangelnden Arbeitseifer vor, dann Grundsätzliches: "Wenn du nur einen Ritterkreuzträger siehst, gehst du schon in die Knie", faucht er ihn im Mai 1942 an. Zerlett solle sich bloß nichts auf seine Auszeichnung einbilden, "was ist das schon, dieses Scheiß-Ritterkreuz?" Einmal in Rage, beschimpft er die Jagdflieger als "einen Haufen von Angebern und Arschlöchern", Marinesoldaten nennt er "Scheißer auf ihren U-Booten".

Damit beginnt eine Auseinandersetzung, wie sie sich auf der "Titanic" nicht tragischer hätte abspielen können: Zerlett-Olfensius denunziert Selpin, der von Goebbels zum Rapport bestellt wird. "Halten Sie diese Äußerungen auch jetzt noch aufrecht?", fragt Goebbels. Als Selpin bejaht, wird er ins Gefängnis gesteckt. Am 1. August 1942 findet man ihn tot in seiner Zelle, erhängt mit dem Gürtel seines Mantels. Jahrzehntelang glaubte nicht nur seine Witwe, der Regisseur sei in Wahrheit ermordet worden; doch eine kürzlich erschienene detaillierte Rekonstruktion der Ereignisse fand dafür keine Belege.


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Schnitt. Zeitsprung ins Jahr 1981. Hitler und Goebbels sind längst besiegt, auch der Kalte Krieg neigt sich langsam dem Ende zu. Es ist eine eher unpolitische, hedonistische Zeit, vieles hat sich verändert, nur die "Titanic" sinkt wieder, diesmal in der durchgeknallten Klamotte "Time Bandits". Sechs Zwerge, die ihren Job als Gärtner Gottes gekündigt haben, schlagen sich auf einer abenteuerlichen Zeitreise erst mit Napoleon und Robin Hood herum, bevor sie auf dem Luxusliner landen. Für sie wird es nach dem Untergang allerdings noch ungemütlicher: Sie enden in der Hölle.

Der tollpatschigste "Titanic"-Kapitän

16 Jahre später kommt James Cameron und verdrängt mit seiner bombastischen, 200 Millionen Dollar teuren "Titanic"-Verfilmung alle bisherigen Untergänge. Wer fortan an "Titanic" denkt, muss zuallererst an Leonardo DiCaprio und Kate Winselt denken, ob er will oder nicht.

Kein Wunder also, dass "Titanic II" im Jahr 2010 floppen musste. Dabei hatte der Film durchaus prophetische Züge, denn im Juni 2011 geht die "Titanic II" nämlich tatsächlich unter: Der bis dahin unbekannte Brite Mark Wilkinson gerät in die Schlagzeilen, weil er so leichtsinnig war, sein 4,80 Meter langes Kajütenboot auf den Namen "Titanic II" zu taufen. Ganz wie das historische Vorbild soff er damit schon auf der Jungfernfahrt ab. Anders als die Kapitäne auf der Leinwand taugte er aber nicht zum Helden - sein Boot war noch im Hafenbecken gekentert.

"Es ist mir ein bisschen peinlich", gibt Wilkinson einige Tage nach seiner Rettung durch den Hafenmeister zerknirscht zu, "und ich habe genug davon, von Leuten gefragt zu werden, ob ich auf einen Eisberg gelaufen bin."



insgesamt 2 Beiträge
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Richard Ebner, 29.03.2012
1.
Lieber Herr Gunkel, toller Artikel (ein bisschen mehr zu Geschlechterrollen und Mentalitätswandel wäre auch interessant, ist aber ja vielleicht der Printausgabe vorenthalten). Mein erster Gedanke bei Titanic Adaptionen nach Cameron folgend fehlt aber leider. Das Christmas Special der "Doctor Who" Relaunch Serie aus dem Jahr 2007 "Voyage of the Damned", in dem man in der Zukunft einfach mal den Untergang in der Geschichtsschreibung vergessen hat und sich sozusagen nur an das Marketing erinnert. Das Kylie Minogue hier die weibliche Hauptrolle neben dem Doctor spielt sollte auch nicht vergessen werden. Was Zuschauerzahlen angeht (über 13 Millionen, http://en.wikipedia.org/wiki/Voyage_of_the_Damned_%28Doctor_Who%29) kann sich das ganze locker mit den meisten anderen hier genannten Filmen vergleichen. Die Spielchen die hier mit den Problemen der Geschichtsschreibung gespielt werden und eine auf den Buckingham Palace zurasende Titanic gepaart mit einer mit Lockenwicklern ausgestatteten in der Flucht befindlichen Queen, tun ihr übriges.
Katharina Jomund, 30.03.2012
2.
"Wer fortan an "Titanic" denkt, muss zuallererst an Leonardo DiCaprio und Kate Winselt denken, ob er will oder nicht." Kate Winselt? Nur ein Vertipper? ;)
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