Todesstrafe Exekutiert - und noch am Leben

Die missglückte Hinrichtung eines Todeskandidaten in den USA sorgte 2009 für Aufsehen: 18-mal versagten die Henker beim Setzen der Giftspritze. Kein Einzelfall. Immer wieder schlagen Exekutionen fehl, Verurteilte werden qualvoll getötet.

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Von Sibel Sen


25 Jahre wartete Romell Broom im Todestrakt von Lucasville, Ohio auf seine Hinrichtung. Am 15. September 2009 ist es so weit: Broom soll durch die Giftspritze sterben. Um 14 Uhr beginnt die Exekution, doch was als schnelle, schmerzlose Vollstreckung geplant war, endet in einem Desaster.

Vergeblich suchen die Beamten eine Vene für die tödliche Injektion. Erst treffen die Wärter nur den Muskel, dann versuchen sie es am anderen Arm, der Katheter bricht ab. Brooms Arme schwellen an, der 53-Jährige schreit und wirft den Kopf hin und her. Mit feuchten Tüchern versucht eine Krankenschwester, die Schwellungen zu lindern. Die Wärter stechen den Häftling in Knöchel und Beine, am Ende trifft die Nadel den Knochen. Broom hat unerträgliche Schmerzen - und will den Henkern sogar helfen, um die Pein endlich zu beenden. Mehr als zwei Stunden und 18 Einstiche später wendet sich die Gefängnisleitung endlich an den Gouverneur von Ohio. Dieser ordnet einen Aufschub an. Bis heute ist unklar, ob die Hinrichtung ein zweites Mal vollzogen wird.

Es sind Fälle wie dieser, die die ohnehin umstrittene Todesstrafe immer wieder in den Brennpunkt der öffentlichen Diskussion rücken. Bislang haben die Debatten dennoch nicht zu einer vollständigen Abschaffung der Todesstrafe geführt. Doch die Geschichte der Exekution im Namen der Gerechtigkeit ist durchzogen von grausamen Pannen - und ein Zeugnis der Unmenschlichkeit aller bestehenden Hinrichtungsmethoden.

"Lasst mich atmen! Ich sterbe nicht!"

Broom ist nach mehr als 60 Jahren der erste Todeskandidat, der seine Hinrichtung überlebt hat. Zuletzt musste 1946 der erst 17-jährige Willie Francis zweimal vor den Scharfrichter treten. Der Staat Louisiana vollstreckte damals das doppelte Todesurteil und rief damit starken Protest in der Bevölkerung herauf. Der Afroamerikaner Francis war für den Mord an einem weißen Geschäftsmann von einer ausschließlich weißen Jury zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt worden.

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Missglückte Hinrichtung: Zu Tode gefoltert

Die ersten Stöße töteten den Minderjährigen nicht, er blieb bei vollem Bewusstsein und soll geschrien haben: "Nehmt mir die Kapuze ab, lasst mich atmen! Ich sterbe nicht!" Die Hinrichtung wurde schließlich abgebrochen. Obwohl zahlreiche Menschen sich für ihn eingesetzt hatten und im vereitelten Tod des Jungen gar den Willen Gottes gesehen haben wollen, wurde Francis ein Jahr später hingerichtet. Der Oberste Gerichtshof hatte zuvor entschieden, dass eine zweite Hinrichtung nicht gegen den achten Zusatz der Verfassung verstoße, der grausame und ungewöhnliche Strafen verbietet.

Ein fataler Trugschluss

Eine Serie grausamer Zwischenfälle begann bereits mit der Einführung des elektrischen Stuhls. 1889 sah ein Gesetz des Staates New York erstmals die Hinrichtung zum Tode Verurteilter durch Elektroschocks vor, was man gegenüber dem bis dato üblichen Erhängen für die menschlichere Todesart hielt. In der Praxis stellte sich dies jedoch bereits mit der ersten Exekution als fataler Trugschluss heraus.

Als die neue Hinrichtungsmethode am 6. August 1890 erstmalig angewandt wurde, zuckte und krampfte damals der verurteilte Mörder William Kemmler minutenlang unter den Augen der anwesenden Ärzte. Der Tod trat jedoch nicht ein. Weil Erfahrungswerte fehlten, war eine viel zu geringe Stromstärke angelegt worden. Mehr als zwanzig Zuschauer sahen am Ende, wie Kemmler durch die langsam ansteigende Stromspannung buchstäblich zu Tode gekocht wurde.

Die Presse war entsetzt, doch Amerika hielt an der neuen, angeblich sauberen Tötungsmaschine fest und entwickelte sie weiter: Eine genauere Spannungsbemessung sollte nun verhindern, dass der Körper auf dem Stuhl in Flammen aufgeht.

Doch auch mehr als hundert Jahre Erfahrung mit der Tötung durch Strom schützen die Behörden nicht vor Pannen: Im April 1983 lösen sich bei John Evans in Alabama die Elektroden. Der zum Tode Verurteilte stirbt erst nach drei Versuchen. Zwei Jahre später sind bei einem Todeskandidaten in Indiana fünf Versuche nötig, bis er auf dem elektrischen Stuhl sein Leben lässt. Bei der ohnehin umstrittenen Hinrichtung des leicht geistig behinderten Horace Franklin Dunkins Jr. in Alabama verwechselte der Wärter 1989 schlicht die Anschlüsse. Dunkins Todeskampf dauert dadurch knapp zwanzig Minuten.

"Brutal zu Tode gefoltert"

Für internationale Empörung über die Todesstrafe durch den elektrischen Stuhl sorgte zuletzt der Fall des Allen Lee Davis in Florida 1999, über den auch der SPIEGEL berichtete: Der Verurteilte wog 130 Kilo. Davis' Anwalt hatte schon vorher angemerkt, dass die Hinrichtung bei seinem übergewichtigen Mandanten extrem grausam ist, da der massige Körper stärkere Stromstöße nötig mache.

Auf den nach der Hinrichtung veröffentlichten Bildern erkannte der Oberste Gerichtshof der USA später "einen Mann, der von den Bürgern Floridas brutal zu Tode gefoltert wurde". Davis soll nach Zeugenaussagen während der Prozedur geschrien und stark aus der Brust geblutet haben. Die Fotos zeigen ihn verquollen, mit violett angelaufenem Gesicht.

Heute greift einzig der Staat Nebraska noch ausschließlich auf den elektrischen Stuhl als Exekutionsmethode zurück, alle anderen US-Staaten verlassen sich seit den achtziger Jahren auf die Giftspritze als bevorzugte Hinrichtungsmethode.

Tatsächlich zweifeln Experten jedoch seit Jahren auch an dieser Methode. Untersuchungen haben ergeben, dass es im Schnitt neun Minuten dauert, bis der Tod tatsächlich eintritt und auch das nur, wenn die Wärter sich an sämtliche Zeit- und Dosierungsrichtlinien halten. Das benutzte Betäubungsmittel aber wirkt je nach Dosierung nur maximal 15 Minuten. Werden die Abstände zwischen den einzelnen Substanzen zu groß, erstickt der Häftling qualvoll. Kritiker glauben, dass die lähmenden Präparate lediglich die Zuschauer vor dem Anblick eines grausamen Todeskampfes schützen.

Ob Brooms Todesstrafe ein zweites Mal vollzogen wird ist noch unklar. Derweil ist in den USA wie schon 1946 bei der Hinrichtung von Willie Francis eine Grundsatzdebatte darüber entbrannt, ob ein Kandidat zweimal zu seiner Exekution geführt werden darf.



insgesamt 11 Beiträge
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Roland Brandel, 12.10.2009
1.
Jeder Staat,in dem es noch die Todesstrafe gibt,ist fuer mich unziviliert.Ich bin ein grundsaetzlicher Gegner der Todesstrafe.Wenn aber schon,dann "human". Hat man nicht schon im Mittelalter Taeter nach dem 3.mißglueckten Ertraenkungsversuch begnadigt oder als Gottesurteil die Unschuld angenommen? Der Bericht ist schwer zu ertragen.
DIETER WOLF, 12.10.2009
2.
Die USA haben eines der rueckstaendigsten Strafrechte aller zivilisierten Laender. Die USA haben kein Respekt fuer Menschenrechte. 25 Jahre NACH der Verurteilung wird ein Todesurteil vollstreckt BARBARISCH.
Arne Nilsson, 12.10.2009
3.
Wenn die es tatsächlich mit einem Katheder versucht haben, ist der Misserfolg der Hinrichtung verständlich. Ein Katheter wäre wohl hilfreich.
Peter Echtermeyer ArtandPrison e.V. Berlin, 01.06.2010
4.
Jede Hinrichtung ist ein "Mißerfolg", von Erfolg ganz zu schweigen.
Matthias Kopf, 17.06.2014
5. Warum nicht Kugel oder Schwert?
Warum erschießen die nicht die Deliquenten, wie in z.B. in China oder Enthaupten mit dem Schwert, wie z.B. in Saudi Arabien. Klappt meines Wissens immer :-)
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