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18. Februar 2019, 14:19 Uhr

Todesstrafe in Deutschland

"Gehen Sie mutig und gefasst Ihren letzten schweren Gang"

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Die westdeutsche Justiz ließ vor genau 70 Jahren letztmals einen Menschen hinrichten: Raubmörder Richard Schuh starb unter dem Fallbeil. Danach wurde die Todesstrafe per Grundgesetz abgeschafft - auf Initiative eines Rechtsaußen.

Die Exekution dauert nur zehn Minuten. Um sechs Uhr morgens wird Richard Schuh in den Hof des Tübinger Justizgefängnisses geführt. Der Urkundsbeamte verliest das Urteil, der Pfarrer spricht ein Gebet. Das letzte Wort hat der Oberstaatsanwalt: "Richard Schuh, Ihr Leben ist verwirkt! Gehen Sie mutig und gefasst Ihren letzten schweren Gang mit dem Bewusstsein, dass Sie nur dadurch Ihre Schuld sühnen und sich von Ihrer Todsünde reinigen können."

Dann führt der Scharfrichter den 28-Jährigen aufs Schafott und betätigt den Auslöser der eigens aus Rastatt herbeigeschafften Guillotine. Während das Fallbeil herabsaust, ertönt vom Rathaus-Giebel das sogenannte Armsünderglöckchen. "Der Verurteilte war völlig beherrscht und gab keinen Laut von sich", hält das Protokoll an diesem 18. Februar 1949 fest.

Es war das letzte Mal, dass die westdeutsche Justiz nach dem Zweiten Weltkrieg einen Menschen hinrichten ließ. Drei Monate später, am 24. Mai 1949, trat das Grundgesetz der neugegründeten Bundesrepublik in Kraft. Artikel 102 lautet: "Die Todesstrafe ist abgeschafft." Eine zivilisatorische Errungenschaft - die auf die Initiative eines strammen Rechtsaußen zurückging.

74 Prozent für Todesstrafe

Am 6. Dezember 1948 überraschte Hans-Christoph Seebohm von der ultrakonservativen Deutschen Partei (DP) die Mitglieder des Parlamentarischen Rats mit einem Antrag auf Abschaffung der Todesstrafe. Die in Bonn tagende Versammlung stand vor der Aufgabe, ein Grundgesetz auszuarbeiten. Mit seinem Vorstoß verfolgte der spätere Bundesverkehrsminister Seebohm nicht etwa ein humanitäres, sondern ein taktisches Ziel: Er wollte Alt-Nazis als DP-Wähler gewinnen.

Das Verbot der Todesstrafe sollte vor allem die Hinrichtung von NS-Kriegsverbrechern stoppen. Doch Seebohms Antrag scheiterte - was zur damaligen Stimmung im Land passte. Laut einer Allensbach-Umfrage von 1948 sprachen sich gut 74 Prozent der deutschen Bevölkerung für die Todesstrafe aus. Und das, obwohl sie im "Dritten Reich" als willkürliches Terrorinstrument missbraucht worden war.

Rund 16.000 Todesurteile hatten allein die zivilen Strafgerichte zwischen 1933 und 1945 verhängt, dazu kommen 25.000 durch die Militärgerichte. Dennoch hatten die meisten Deutschen nach dem Krieg keine Probleme mit der gesetzlich legitimierten Tötung.

Erst am 10. Februar 1949 sprachen sich auch SPD-Mitglieder im Parlamentarischen Rat entschieden für eine Abschaffung der Todesstrafe aus. "Man sollte mit dem Töten von Amts wegen schlechthin ein Ende machen", forderte Carlo Schmid, damals Justizminister und stellvertretender Staatspräsident von Württemberg-Hohenzollern, eines der Gründungsländer der Bundesrepublik - dort war Richard Schuh zum Raubmörder geworden.

"Panzer von Kaltherzigkeit und Selbstsucht"

1920 in Remmingsheim bei Tübingen geboren, hatte Schuh im Zweiten Weltkrieg als Bordschütze bei den Kampffliegern gedient und war später in US-Gefangenschaft geraten. Danach hielt sich der Mechaniker mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser.

Am 28. Januar 1948 trampte Richard Schuh von Herrenberg Richtung Remmingsheim und stieg in einen US-Laster mit nagelneuen Reifen. Aus seiner Wehrmachtspistole feuerte er dreimal auf den Fahrer, den Böblinger Familienvater Hans Eugen Roth; die Leiche warf er an den Straßenrand. Mithilfe zweier Komplizen montierte er im Wald die Reifen ab, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.

Die Tat flog schnell auf, am 14. Mai 1948 wurde Schuh wegen Mordes in Tateinheit mit schwerem Raub zum Tod verurteilt. Ein Revisionsantrag des Todeskandidaten wurde verworfen, auch ein Gnadengesuch dreier Tanten Schuhs lehnte die Justiz ab. Obwohl die Landesstrafanstalt Rottenburg dem Mörder bescheinigte, dass der "Panzer von Kaltherzigkeit und Selbstsucht, der ihm um Herz und Gewissen lag", mittlerweile "durchstoßen" sei.

"Moralisch von der Todesstrafe überzeugt"

Nur noch eine Begnadigung hätte Schuh vor dem Fallbeil retten können. Die Chancen dafür standen gut: Im Juni 1948 hatte Staatspräsident Lorenz Bock (CDU) zwei Todesurteile in Zuchthausstrafen umgewandelt, nachdem sein Stellvertreter Carlo Schmid ihn davon überzeugte, dass die Todesstrafe einer "Degradierung der menschlichen Gesellschaft" gleichkomme.

Doch dann starb Bock überraschend - mit Gebhard Müller (CDU) rückte ein Mann nach, der unbeirrt auf der Vollstreckung des Todesurteils beharrte. "Als überzeugter Katholik war Müller aus moralischen Gründen von der Todesstrafe überzeugt", sagt Hans-Joachim Lang im Gespräch mit dem SPIEGEL. Der Tübinger Historiker und Journalist förderte 1992 die Akten zum Fall Schuh zutage und recherchierte als Erster den Kriminalfall sowie den dramatischen Wettlauf um die Vollstreckung des Todesurteils.

Als Schuhs Gnadengesuch am 15. Oktober 1948 im Tübinger Kabinett behandelt wurde, war Todesstrafen-Gegner Schmid nicht vor Ort. Daher konnte er keinen Einspruch erheben gegen die Entscheidung von Staatspräsident Müller: "Das Urteil ist zu vollstrecken", so der spätere Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

"Jetzt ist alles zu spät!"

Vier Monate lang ließ man Schuh über sein Schicksal im Unklaren. Er erfuhr erst am 17. Februar 1949, dass sein Gnadengesuch abgelehnt wurde - und er schon am nächsten Morgen sterben sollte. "Der Verurteilte erschrak in starkem Maße", so das Protokoll. "Er faltete die Hände und weinte leise vor sich hin."

Während Scharfrichter Wilhelm Burkhard im Hof des Tübinger Gefängnisses die Guillotine aufbaute und eine Fallprobe vornahm, schrieb Schuh seine Abschiedsbriefe. Sechs waren es, einer davon ging an die Mutter seiner 1947 geborenen Tochter Renate.

"Wie oft war ich in Gedanken bei dir und Renate. Jetzt ist alles zu spät!", schrieb der Todgeweihte. Und im Nachwort: "Anbei übersende ich an Renate eine Kleinigkeit: 1 Tafel Schokolade, 1 Packung Keks, 1 Packung Gebäck." Historiker Lang war es, der Renate den Abschiedsbrief 2002, also 53 Jahre später, übergab - und sie über die genauen Todesumstände ihres Vaters aufklärte.

Sie war 1952 als Kleinkind mit ihrer Mutter in die USA ausgewandert und lebte jahrzehntelang im Glauben, Richard Schuh sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Bei einem Besuch in ihrer alten Heimat organisierten Verwandte ein Treffen mit Lang. Sie habe immer gespürt, dass in ihrer Biografie etwas nicht stimme, sagte sie dem Historiker damals: "Jetzt ist die Wahrheit herausgekommen. Und diese Wahrheit ist nicht schön."

Ein Grab konnte die Tochter nicht aufsuchen, Schuhs Leichnam kam in die Anatomie der Uni Tübingen. "Kopf für wissenschaftliche Zwecke verwendet", steht im Leichenbuch des Instituts, "Rest als Dauerpräparat vorgesehen."

Todesstrafe in der DDR bis 1987

Richard Schuh war zwar der letzte Delinquent, den ein ziviles Gericht in Westdeutschland zum Tode verurteilt und hingerichtet hatte. Exekutiert wurde jedoch weiterhin: Bis Anfang der Fünfzigerjahre ließen westalliierte Militärgerichte 486 Todesurteile gegen NS-Täter vollstrecken. Das Thema beschäftigte die junge Bundesrepublik unvermindert - acht Mal befasste sich allein der Bundestag nach 1949 mit Begehren zur Wiedereinführung der Todesstrafe.

In den Sechzigerjahren sprachen sich prominente Politiker, darunter Ex-Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Bundesjustizminister Richard Jaeger (CSU), für die Todesstrafe aus; in Köln entstand 1963 sogar ein "Verein zur Wiedereinführung der Todesstrafe e.V.". Ehrenmitglied: der berüchtigte NS-Scharfrichter Johann Reichhart , der einst im Akkord Widerstandskämpfer hinrichtete - und nach Kriegsende Nazis für die Alliierten hängte.

Während in der Bundesrepublik jahrzehntelang über die Todesstrafe debattiert wurde, galt sie in der DDR bis zum 17. Juli 1987. Laut Schätzungen ließ das Regime 164 Menschen hinrichten; der letzte war Werner Teske. Am 26. Juni 1981 wurde der als BND-Agent verurteilte Stasi-Hauptmann durch einen "unerwarteten Nahschuss in das Hinterhaupt" getötet. Seine Frau hoffte bis zur Wiedervereinigung, dass Teske noch am Leben sei.

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