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29. März 2008, 17:59 Uhr

Trauma Zweiter Weltkrieg

Als den Vätern die Seele erfror

Zerfetzte Körper, Blutfontänen, Todesschreie: Bernd Hohlens Vater erlebte im Zweiten Weltkrieg die Hölle auf Erden. Im Kessel von Demjansk erfror seine Seele. Noch Jahrzehnte später verfolgten ihn Alpträume. Dann kam auch für ihn das Kriegsende - im Jahr 2002.

Es war Juni oder Juli 1945. Mein Vater erreichte nach dreiwöchigem Fußmarsch seine Heimatstadt Pinneberg in Schleswig Holstein. Seine armselige grau-braune Kleidung flatterte um den abgemagerten Körper. Schwarze Bartstoppeln verwucherten ein graues Gesicht, in dem nur noch ein blaues Auge blitzte, das andere verdeckte eine abenteuerliche, schwarze Augenbinde. Ein drittel Soldat, ein drittel Mann und ein drittel Kind marschierten durch die holsteinische Kleinstadt, hinaus in westliche Richtung.

Da, wo die Mühlenstraße die Stadt verlassen hatte und nun bald in den weitläufigen Pinneberger Baumschulgebieten endete, bog er gegenüber vom Kolonialwarenladen Feind, wo es Sauerkraut und Gurken aus dem Fass gab, links in die Jansenallee. Seine Sehnsucht nach zu Hause war groß, aber sein Tempo behielt er bei, auch wenige Meter vor dem Ziel. So wie er es die ganze Strecke vom amerikanischen Kriegsgefangenenlager auf den Rheinwiesen bei Koblenz bis Pinneberg in Schleswig-Holstein beibehalten hat. Unterbrochen von Übernachtungen auf Bauernhöfen und in Stallungen. Rhythmus gibt Struktur, und Struktur braucht der, der überleben will.

Gleich am Anfang der Allee mit den Vogelbeerbäumen steht das Haus meiner Großeltern. Meine Großmutter lehnte an der Gartenpforte und dachte an den Lieben Gott, der ihre drei Söhne heimschicken sollte. Eine Nachbarin, die bei ihr stand, sah dort unten aus der Mühlenstraße eine schmächtige Gestalt um die Ecke kommen. Ungläubig sagte sie: "Dein Fiete kommt nach Hause!" "Mien Jung!", rief meine Großmutter und nahm meinen Vater in ihre Arme.

Wie fröhlich macht das Kriegsende?

Damit war das Soldatenleben für Herbert "Fiete" Hohlen beendet. Es war ein fröhlicher Tag. So fröhlich, wie die Tage und Wochen nach einem Weltkrieg sein können. Meine Großmutter war von dem Erfolg ihrer Gebete überzeugt. Für sie war alles eine Frage des reinen Herzens und der korrekten Anwendung der Heiligen Schrift. Ihrem standhaften Glauben hatte sie das Recht entnommen zu sagen: "Wer Hitler wählt, der wählt den Krieg." Punkt.

Ich hielt meine Großmutter für eine Heldin. Ihr Glaube war ein Bollwerk - in jeder Hinsicht. Eduard, der jüngste ihrer vier Kinder, kam nicht zurück. Meine Großmutter musste das später mit dem Lieben Gott persönlich klären, was da schief gelaufen war. Auch in ihrem Sterbealter von 97 Jahren glaubte sie daran, dass Eduard noch lebt. Während sie also im ständigen Gespräch mit Gott lebte, arbeitete mein Großvater im weiteren Sinne für ihn. So war die Aufgabenteilung zwischen meinen Großeltern.

An ihrem Haus in der Jansenallee Nummer 5, das mein Großvater 1929 gekauft hatte, verkündete stolz ein glänzendes, schwarzes Schild mit goldener Schrift: Eduard Hohlen Friedhofsverwalter. Im Haus selbst befand sich ein wahrer Schatz - ein Telefon. Mein Großvater war ein geachteter Mann.

Drei Verwundungen und die Last grauenhafter Erinnerungen

Mein Vater erhielt seine militärische Grundausbildung in Neumünster als Maschinenengewehr-Schütze. Als 21-Jähriger mit Rang "Schütze" im 9. Infanterieregiment 46, unterstellt der 30. Infanteriedivision, erlebte er seinen ersten Einsatz, während des Russlandfeldzuges. 1941 wurde die Division nach Insterburg in Ostpreußen verlegt, am 22. Juni 1941 begann der "Ostfeldzug". Der Vormarsch führte durch Litauen und Lettland, dann Vorstoß bis in den Raum Opotchka und auf die berüchtigten Waldai-Höhen. Das grausame Halb-Finale erlebte mein Vater im Kessel von Demjansk.

Drei Verwundungen und die Last grauenhafter Erinnerungen trug mein Vater nun bei sich. Körperliche Schwierigkeiten bereitete ihm das von einem Granatsplitter verletzte rechte Auge. Zwei Jahre später wurde es durch ein Glasauge ersetzt. Alle sagten "Damit siehst du aber toll aus, Herbert". Ja, es würde ihm richtig gut stehen und - man bemerke es gar nicht. Mein Vater bemerkte es aber; darum machte er nie einen Führerschein. Einmal schnappte ich mir als Kind eine von diesen schwarzen Augenbinden und lief 20 Minuten halbblind damit herum. Danach war ich davon überzeugt, dass Einäugige den Führerschein machen können. Ich benutzte die abgelegten Glasaugen auch, um mich an meinen älteren Cousinen zu rächen. (Alle zwei Jahre wurde ein neues Auge angefertigt.) Ich hielt sie ihnen unvorbereitet unter die Nase, was zu sehr guten Ergebnissen führte.

Eine weitere Verwundung meines Vaters war ein Schuss durch sein rechtes Handgelenk und sein Becken. "Scharfschütze", meinte er, "beim Laden des MGs!" Sein berühmter Unterarm- und Beckenschuss. Ich habe diese Wunden öfter betrachtet und war beeindruckt. Der Begriff "Unterarm- und Beckenschuss" ging mir schon als Kind so geläufig über die Lippen wie "Lattenschuss" oder "Dribbelkönig".

Seine dritte Verwundung war ein hochtraumatisches Erlebnis. Ein Artillerievolltreffer verschüttete meinen Vater, der auf einer Decke liegend im Unterstand ein Nickerchen zu machen versuchte. Nur zwei Finger seiner linken Hand wuchsen nach dem Granateinschlag aus dem umgepflügten Erdreich. Ich habe mich als Kind gefragt, wie während eines so großen Durcheinanders zwei Finger, die wie Schneeglöckchen aus der Erde ragen, entdeckt werden.

Kameraden gruben meinen Vater wieder aus, und die Decke, auf der er lag, war mit Splittern gespickt. "Wie eine Zirkusnummer mit dem Wurfmesser", sagten die Soldaten. Mit jeder Verwundung erhöhte mein Vater seine Lebenserwartung, denn es folgten Lazarettaufenthalte und Genesungsurlaube. Zwischen den Verwundungen erfolgten Sonderausbildungen, wie zum Beispiel ein Kochlehrgang. Dann ging es zurück an die Front.

"Kamerad, erschieß mich!"

"Krieg ist Handwerk", sagte mein Vater zu mir, wenn ich den Krieg von ihm erklärt haben wollte. Was so abgeklärt dahergesagt wurde, war jene Rationalität, die meinem Vater half, seine Erinnerungen im Zaum zu halten. Bis in die siebziger Jahre hinein hatte mein Vater grässliche Alpträume, deren Inhalte er für sich behielt. Der Kessel von Demjansk war seine schwerste Last. Die Hölle auf der Erde anzutreffen, darauf war niemand vorbereitet. In dieser Eishölle erfroren auch die Seelen der Überlebenden und zersplitterten unter der Last der Entmenschlichung.

Die Kriegstage und Nächte bestanden aus Angst und Gewalt, Entsetzen, Zerstörung, Hunger und Durst, eisiger Kälte von 50 Grad Minus und Erbarmungslosigkeit. Der Kessel von Demjansk war ein überdimensionaler Fleischwolf, der in Eis erstarrte Glieder, Körper, Blutfontänen, Fleischfetzen, Hoffnungen und Schreie, das Wimmern und Beten, das Flehen und den Irrsinn, immer und immer wieder von neuem durchdrehte und neu modellierte. "Kamerad, erschieß mich! Kamerad, erschieß mich..." - ein zerfetzter Soldat, der nur noch wimmern konnte, bettelte, erschossen zu werden. Ist es menschlicher, dem Erlösungswunsch des Kameraden zu folgen oder ihn allein zu lassen mit seiner Angst, seinen Schmerzen und der Gewissheit, dass an diesem Ort kein Gott vorhanden ist? Ich weiß es nicht, mein Vater wusste es und musste mit der Antwort leben. Wie viele andere auch.

Als Kind sah ich auf den Straßen einbeinige Männer mit unförmigen Krücken. Seltsame, dreirädrige Rollstühle, die mit Armstangen angetrieben wurden, ratterten über das Kopfsteinpflaster. Versehrte Hausierer schleppten Koffer mit Haushaltsutensilien von Haus zu Haus. Blinde, Verstümmelte und junge Männer, die sich in eine Trost erhoffende Beziehung zum Alkohol begaben, waren irgendwie ziellos unterwegs.

Das größte Desaster der Weltgeschichte

Schon bald nach seiner Rückkehr beschloss mein Vater, nicht in seinen alten Beruf zurückzukehren. Etwas Verborgenes zog ihn zum Friedhof seines Vaters. War es die Vertrautheit des Todes, oder die Güte und Stärke seines Vaters, die ihm Halt und Struktur gab? Oder war es die Würde, mit der er sich jetzt dem Tode widmen konnte? Sicher ist, all das hat ihm geholfen, das Trauma des Krieges erträglicher zu machen. Nach der Pensionierung meines Großvaters übernahm er den Friedhof als Verwalter. 1952 heiratete er meine Mutter. Ich wurde 1956 geboren. 1971 zogen wir aus dem Haus Jansenallee Nummer 5 aus, in dem wir mit den zwei verbliebenen Brüdern meines Vaters, ihren Familien und meiner Großmutter gewohnt hatten. Mein Vater wurde im Jahr unseres Umzuges 50 Jahre alt. Ein später Auszug für einen erwachsenen Menschen, aber angemessen für meinen Vater, dem das Zusammenleben mit seiner Familie immer noch lindernder Trost seiner Kriegsvergangenheit war.

Meinem Vater in das Herz zu schauen fiel mir leichter als seinen Gedanken nachzuspüren. Das Herz meines Vaters war weich wie Wasser, aber seine Gedanken und seine Kargheit im Wort waren eine Festung. Auch im Stadium des beschwingten Betrunkenseins war nichts Großartiges, Heroisches oder Verklärendes von ihm zu hören. Nur Bruchstückhaftes und Entsetzen. Bahnte sich Spannendes in seinen Erzählungen an, verließ mein Vater jedes Sendungsbewusstsein, und die Geschichte endete mit: "Das kann man nicht erzählen!" Es endete mit einem Kopfschütteln und einer Abwehr der Bilder, die sich aus seiner Erinnerung ins Bewusstsein schoben. Mir war das unverständlich, weil wir Jugendlichen mit allem herumprahlten, auch mit Dingen, die wir nicht erlebt hatten. Aber eine unbelastete Jugendzeit erlebten mein Vater und mit ihm seine Altersgenossen nicht. Seine Teilnahme am größten Desaster der Weltgeschichte hinterließ bei ihm eine große Zerrissenheit.

Der Schnellreifungsprozess des Krieges förderte jene Tugenden, die den Soldaten während des Krieges, Sicherheit, Geborgenheit und Schutz boten: Kameradschaft, Verlässlichkeit, Instinkt und Rationalität. Diese einseitige Lebensausbildung traf auf uns Nachgeborene, die sich als Gegenreaktion eine Welt der totalen Freiheit in allen Sparten erhoffte, nur um den Schrecklichkeiten unserer Eltern zu entkommen. Eine ähnliche Zäsur im gesellschaftlichen Gefüge gab es wohl nur nach dem Dreißigährigen Krieg, als sich zur Abwendung jeder Wiederholung dieser Schreckenszeit der befehlsbereite deutsche Obrigkeitsstaat entwickelte.

Kriegstrauma und Popkultur

Diesen Hang zur Befehlsbereitschaft lebte unsere Generation im kulturellen Nachkriegsvakuum in der fast grenzenlosen Verehrung für die aufkommende Popkultur aus. Wir hatten zwar friedfertige Motive, aber dem Prinzip der Verführung sind auch wir verfallen. Die RAF zeigte dann, wie weit Teile unserer Generation in der Lage waren, erneut einem ideologischen Irrsinn zu opfern und damit den Prinzipien einer kranken und erbarmungslosen Diktatur erschreckend nahe zu kommen.

Ich fahndete bei meinem Vater nicht nach politischen Motiven. Es gab keine. Sie waren nicht erkennbar und nicht spürbar. Viele Kinder meiner Generation waren in ihrer Sozialisation den Deformierungen ihrer Kriegsväter ausgesetzt. Offene Kriegstraumata, die sich in Schrullen, Merkwürdigkeiten, Kleinkariertem, Ungerechtem, Jähzorn, Härte und einer nicht kindgerechten Erbarmungslosigkeit ihren Weg bahnten. Das hinterließ bei uns allen Spuren. Bei den Kindern von Landsern, Offizieren, SS-Führern. Es waren Kinder von Befehlshabern und KZ-Aufsehern, von Inhaftierten und Verfolgten, sie alle hätten ihre Geschichte zu erzählen. Sie blieb unerzählt. Die Fähigkeit zur Selbstreflexion war zu undeutsch. Wer sich und sein Vorgehen, sein Erlebtes reflektierte, hatte gefälligst zur Waffe zu greifen und sich durch den Kopf zu schießen. In der Selbstreflexion schlummerte die Gefahr der Mitschuld - und die musste verdrängt werden. Egal, ob politische oder soldatische Schuld.

Die Erzählungen meines Vaters blieben Fragmente. Die ganze Geschichte, mit ihren schmerzhaften Konsequenzen, blieb unerzählt. Dafür reichte die Kraft nicht, und dafür waren mein Vater und seine Generation nicht gerüstet. Es gab keine Kultur des Jammerns. Als Soldat blieben zwei Möglichkeiten, sterben oder siegen. Die dritte Variante - das Überleben in der Niederlage - sah der Wahn des "Dritten Reiches" nicht vor. Wenn das Ganze nicht einmal eine erzählbare Form erhielt, wie war dann ein nahtloser Übergang in eine Welt ohne Krieg möglich, und wie machten sich die Auswirkungen der Kriegsexzesse in der Erziehung auf uns, die Nachgeborenen bemerkbar?

Außen Frieden, innen Krieg

Es ist ein Versäumnis, dass die tiefgreifenden gesellschaftspolitischen Auswirkungen, die die Erziehung der Kriegsväter hinterlassen hat, kaum Gegenstand wissenschaftlicher Erkundungen geworden sind. Das gleiche Versäumnis gilt für die Erforschung traumatisierter Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Eine Erklärung mag in der Sprachlosigkeit dieser Männer begründet sein, eine andere in der Unfähigkeit, das eigene Handeln als Auswirkung der Kriegserlebnisse zu erkennen.

Die Deformierung meines Vaters im Rahmen meiner Möglichkeiten auszuloten war für mich Aufgabe und Hilfe, das Leben meines Vaters und das eigene Leben besser zu verstehen. Zwischen uns gab es, bei allen Schwierigkeiten, eine sehr enge Bindung, die sich aber erst ein paar Jahre vor seinem Tode entspannte. Es kostete Zeit, Energie und es war ein oft bitterer Prozess. Es hat sich für uns gelohnt. Ich habe meinen Vater als einen Menschen wahrgenommen, der trotz aller Widrigkeiten seines Lebens versuchte, sich und seiner Familie ein gesichertes und friedvolles Zuhause zu bieten. Im Rahmen seiner Möglichkeiten ist es ihm gelungen. Auch in seiner schwächsten Stunde wollte mein Vater allein sein. So wie immer. Am 1. Juli 2002 war der Krieg für meinen Vater beendet.

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