Mord an Hrant Dink in der Türkei Schuld ohne Sühne

Wie kaum ein anderer Journalist hat sich Hrant Dink für Demokratie und Menschenrechte in der Türkei eingesetzt. Vor zehn Jahren wurde er in Istanbul erschossen. Bis heute ist der Mord nicht aufgeklärt.

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Im letzten Artikel vor seinem Tod schrieb der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink über seine Angst: "Diejenigen, die mich isolieren, die mich schwach und schutzlos machen wollen, haben es geschafft. Ich bin wie eine Taube. Mein Kopf dreht sich wie ihrer ständig hin und her. Allzeit wachsam und zum Abwenden bereit."

Wenige Tage später, am Nachmittag des 19. Januar 2007, wurde Hrant Dink vor dem Gebäude der türkisch-armenischen Wochenzeitung "Agos" erschossen. Drei Kugeln trafen ihn, er war sofort tot.

Dieser Mord markiert eine Zäsur in der Türkei. Dink, Gründer und Herausgeber von "Agos", war mehr als ein Journalist. Er war ein Vorkämpfer für Demokratie, ein Intellektueller, der an die Aussöhnung zwischen Türken und Armeniern glaubte und dafür mit aller Kraft eintrat. Er war zudem einer der wenigen türkischen Autoren, die das Verbrechen an den Armeniern durch die Osmanen im Ersten Weltkrieg als das bezeichneten, was es war: als einen Völkermord.

"Wir sind alle Hrant"

Hunderttausende Menschen versammelten sich nach seinem Tod in Istanbul zu einem Trauermarsch. Sie skandierten: "Wir sind alle Hrant. Wir sind alle Armenier".

Im Leben und Sterben Dinks bündeln sich Sehnsüchte und Traumata der Türkei seit ihrer Gründung: die Kämpfe der Marginalisierten um Anerkennung, die Abgründe von Nationalismus und Fundamentalismus, die Leugnung der eigenen Geschichte.

Der Fall Dink beschäftigt die Menschen in der Türkei bis heute. Zu seinem zehnten Todestag versammelten sich am Donnerstag zu einer Kundgebung in Istanbul Tausende Menschen, darunter frühere Kollegen und auch seine Witwe Rakel. "Es ist nicht einfach ohne dich", sagte sie. "Wenn du wüsstest, was aus diesem Land geworden ist."

Im Berliner Gorki-Theater las Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Zeitung "Cumhuriyet", aus Dinks Texten vor. Das Theater bewarb die Veranstaltung mit einem Dink-Zitat: "Wenn Du Deine Identität nur durch ein Feindbild aufrechterhalten kannst, dann ist Deine Identität eine Krankheit."

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Mord an Hrant Dink: "Wenn du wüsstest, was aus diesem Land geworden ist"

Dündar wird, wie zuvor Dink, für seine regierungskritischen Beiträge angefeindet. Nachdem er 2015 über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an islamistische Extremisten in Syrien berichtete, musste er aus der Türkei fliehen. "Hrant Dink hat uns gelehrt, dass Widerstand möglich ist", sagte Dündar.

Ein Teenager bekannte sich zum Mord

Meinungsfreiheit, Erinnerungskultur, Minderheitenrechte - die Themen, über die Dink schrieb und für die er stritt, sind jetzt, da Präsident Recep Tayyip Erdogan das Land in die Autokratie führt, so aktuell wie nie zuvor. Die Hintergründe des Mordes an dem Jahrhundertpublizisten sind nach wie vor nicht vollständig geklärt.

Die Behörden präsentierten im Januar 2007 rasch einen Schuldigen. Ogün Samast, ein Teenager aus Trabzon am Schwarzen Meer, bekannte sich zum Attentat: "Nach dem Freitagsgebet habe ich ihn erschossen." Er sagte, er habe Dink für dessen angebliche Respektlosigkeit gegenüber der Türkei bestrafen wollen. Ein Gericht verurteilte ihn später zu 22 Jahren Haft.

Für den türkischen Staat war der Fall damit erledigt. Nicht aber für Dinks Ehefrau Rakel, für seine Freunde und Kollegen, für alle, die ihm nahestanden.

Rakel Dink erinnert daran, dass türkische Nationalisten vor dem Attentat gegen ihren Mann hetzten. Regierungsnahe Medien diffamierten Dink als Landesverräter, die Justiz eröffnete ein Verfahren gegen ihn wegen vermeintlicher "Beleidigung des Türkentums". Dinks Anwältin Fethiye Cetin geht gar davon aus, dass Samast kein Einzeltäter war, wie die Behörden behaupten. Sondern dass er von staatlichen Stellen, Polizei und Geheimdienst, angeleitet wurde. Der türkische Investigativjournalist Nedim Sener wies in zwei Büchern nach, dass Polizisten, die der Sekte des Islamisten-Predigers Fethullah Gülen angehörten, vorab über die Mordpläne informiert waren.

Polizisten bejubelten den Mörder

Die Ermittler ignorierten die Hinweise. Erdogan und die Gülen-Sekte waren damals noch Verbündete im Kampf gegen die säkulare Opposition. Die Regierung hatte kein Interesse an einer Aufklärung des Verbrechens. Stattdessen wurde Journalist Sener im Frühjahr 2011 gemeinsam mit seinem Kollegen Ahmet Sik als vermeintlicher Terrorunterstützer verhaftet.

Erst jetzt, zehn Jahre nach dem Mord an Dink, und nach dem Zerwürfnis zwischen Erdogan und Gülen, das in dem Vorwurf der Regierung gipfelt, der Prediger habe den Putschversuch vom vergangenen Sommer orchestriert, tauchen Belege auf, die Cetins und Seners Verdacht zu bestätigen scheinen.

Ein Video, das regierungsnahe Sender im Herbst 2016 veröffentlichten, dokumentiert, wie Ogün Samast nach dem Attentat im Polizeipräsidium gefeiert wird. Mitarbeiter der Polizei und des Militärgeheimdienstes posieren mit ihm. Sie klopfen ihm auf die Schultern, nennen ihn "Löwen", rufen "Bravo, Ogün!" Ein weiteres Video zeigt Geheimdienstmitarbeiter, wie sie einen Tag vor dem Mord den Tatort erkundeten. Die Beamten sollen der Gülen-Sekte angehören. Sie sitzen mittlerweile in Haft.

Dennoch glaubt in Dinks Umfeld kaum jemand daran, dass das Verbrechen nun vollständig aufgeklärt wird. "Die Aufnahmen wurden jahrelang geheim gehalten. Warum gelangen sie jetzt an die Öffentlichkeit?", fragte kürzlich "Agos"-Chefredakteur Yetvart Danzikyan in einem Zeitungsinterview.

Gülen soll auch am Mord 2007 schuld sein

Der türkischen Regierung, so kritisieren Beobachter, gehe es nicht darum, Dink Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Sie wolle den Fall politisch instrumentalisieren und sämtliche Schuld auf die Gülen-Sekte abwälzen. Eine Aufarbeitung des Attentats vom 19. Januar 2007, glaubt Journalist Danzikyan, würde eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der türkisch-armenischen Geschichte voraussetzen, insbesondere mit dem Genozid an den Armeniern im 20. Jahrhundert. Gerade daran aber hat Erdogan kein Interesse.

Graduell hat sich das Verhältnis zwischen Türken und Armeniern unter Erdogans AKP-Regierung verbessert. Bei der Wahl im Herbst 2015 zogen erstmals seit einem halben Jahrhundert drei Abgeordnete armenischer Herkunft ins türkische Parlament ein. Die Regierung hat zudem damit begonnen, Armeniern Besitz zurückzugeben, den der Staat einst beschlagnahmt hatte.

Trotzdem wagt am Tabuthema Genozid kaum jemand zu rütteln. Als der Bundestag die Verbrechen an den Armeniern Anfang Juni 2016 per Resolution als Völkermord bezeichnete, zog die türkische Regierung aus Protest sofort ihren Botschafter aus Berlin ab. "Unser Waffenbruder hat uns von hinten erdolcht", schrieb die regierungsnahe Zeitung Sabah.

Der Oppositionspolitiker Garo Paylan wurde im Parlament gerade erst niedergebrüllt, als er von einem "Völkermord" an den Armeniern sprach. "Herr Kollege, bitte berichtigen Sie ihre Worte", unterbrach ihn der Sitzungsvorsitzende. "Es hat keinen Völkermord gegeben." Die Volksvertretung schloss Paylan anschließend mit überwältigender Mehrheit für drei Sitzungen aus dem Parlament aus. Seine Ansprache, so beschlossen die Abgeordneten, wird aus dem Parlamentsprotokoll gelöscht.

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