Umgang mit NS-Vergangenheit SS-Losung oder Nibelungenlied?

Auf Spurensuche nach ihrem Großvater stieß Ellen Rütten 2007 in rheinländischen Zweifall auf ein Mahnmal mit ungewöhnlicher Inschrift: "Unsere Ehre heißt Treue" steht da und erinnert stark an den Wahlspruch der SS im nationalsozialistischen Deutschland. Ein Fallbeispiel für unverarbeitete Nazi-Vergangenheit?

Ellen Rütten/Udo Beitzel

"Mahnmal" liest, wer heute den Kahlenberg hinauf wandert. Das private Kriegerdenkmal gegenüber dem Aussichtspunkt im Stolberger Ortsteil Zweifall in Nordrhein-Westfalen zieht manche Blicke auf sich. Darüber heißt es: "Den gefallenen Helden der Gemeinde Zweifall." Doch neuerdings müssen einstige Bewunderer der Helden mit der "Umwidmung" des Bauwerks zu einem Mahnmal zurechtkommen.

Was war geschehen?

Ein Spaziergang auf den Kahlenberg war es, der mich am Abend des 27. August 2007 über die SS-Losung "Unsere Ehre heißt Treue" stolpern ließ: ein kleiner Puzzlestein nationalsozialistischer Zeitenwende. Erstaunlich, dass dieser Satz seit rund 60 Jahren unangefochten auf der Höhe steht. Denn bis 1945 prangte die Losung "Meine Ehre heißt Treue" auf den Gürtelschnallen der "Schutzstaffel Adolf Hitler".

Am 12. September 1944 wider Willen befreit gehörte Zweifall von Stund an zum so genannten "Stolberg-Korridor": jenem Stück Deutschlands, über das die Amerikaner die Befreiung von Nazideutschland organisierten. Bis zu jenem Tag allerdings war der Ort eine der wenigen Hochburgen des Nationalsozialismus in der Region.

"Denkmal in Flammen" als kollektives Großereignis

Mehrere hundert Nazis flüchteten im September 1944 von hier aus ins Sauerland und in den Osten der heutigen Bundesrepublik. Auch dabei: mein Großvater. In den folgenden Jahren kehrten sie als "Evakuierte" in den Ort zurück, und nach manchem Entnazifizierungsverfahren bauten sie brav nicht nur an der werdenden Bundesrepublik, sondern auch an etlichen Mahn- und Kriegerdenkmälern.

Tote gab es viele zu beklagen. Peter Schweitzer hatte ebenfalls zwei Söhne im Krieg verloren. Dieser Schmerz veranlasste ihn 1947 - so die offizielle Legende - zu den zwei bereits im Dorf vorhandenen Kriegerdenkmälern, noch ein drittes hinzufügen. Die Gestaltung des Monuments im Jahre 1952 übernahm damals Hans Laschet. Das Lied vom "guten Kameraden" und das "Opferlied" von Beethoven begleiteten damals das erste kollektive Großereignis des Dorfes: das "Denkmal in Flammen", gefeiert am Karfreitag.

Dieses, am 26. März 1952 in der Stolberger Volkszeitung festgehaltene Ereignis, erlebt seit Ende der achziger Jahre eine Renaissance. Damals fand sich eine Gruppe Männer aus der so genannten Kinder-Generation zusammen, um fortan als "Interessengemeinschaft Friedenskreuz" die Anlage auf dem Berg in Schwung zu halten.

Nibelungenlied oder SS-Losung?

Doch kam es zu einem stillen Eklat. Der katholische Pfarrer des Dorfes weigerte sich, die inzwischen restaurierte Anlage, noch immer mit der SS-Losung, einzusegnen. Die Weihrauchschwaden des Opferliedes haben sich inzwischen verzogen, die dort festgehaltenen Reste der Überzeugungen scheinbar noch nicht.

Inzwischen hält man, wenn es um das Denkmal auf dem Berg geht, gerne an der "Nibelungentreue" fest. "Man findet an mir keinen, der einem Freund die Treue bricht", heißt es in der Übersetzung von Helmut de Boor. Damit glaubt man sich seit dem Eklat mit dem Pfarrer auf der sicheren Seite. Allerdings ist man genötigt, die frisch restaurierte Anlage ohne himmlischen Segen einzuweihen.

Wer sich bis ins Jahr 2007 an der Inschrift gestoßen hat, wurde auf die Nibelungen-Interpretation verwiesen. In den neunziger Jahren gab es mehrere, mehr oder weniger hilflose Versuche Unbekannter, durch Hakenkreuzschmierereien und Beschädigungen auf die "Ehre der SS" und die "Helden" aufmerksam zu machen.

Aus dem Denkmal wird ein Mahnmal

Am 21. September vergangenen Jahres habe ich nach einem Aufenthalt in Zweifall bei der Staatsanwaltschaft Aachen Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Die Justiz stellte die Ermittlungen jedoch bald ein. Der christliche Kontext, in dem die Inschrift durch die unmittelbare Nachbarschaft des Kreuzes stehe, schließe aus, dass es sich hierbei um ein Kennzeichen zur Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes handele, begründete Oberstaatsanwalt Lutz Bernklau anderthalb Monate später seine Entscheidung. Daraufhin legte ich bei der Generalstaatsanwaltschaft Köln Beschwerde ein, die den Fall zur Überprüfung an die Aachener Behörde zurückgab.

Inzwischen hat sich, zum Karfreitag 2008, die IG "Friedenskreuz" bewegt und zwar ohne offiziell dazu aufgefordert worden zu sein. Die Interessensgemeinschaft fügte dem Gedenkstein eine Erklärung hinzu, die die Inschrift in den historischen Zusammenhang stellt.

Unterm Strich betrachtet kann man von einem halbwegs ermutigenden gesellschaftlichen Prozess sprechen. Einem Prozess, an dem viele Menschen teilhaben konnten und der, unterfüttert mit wissenschaftlicher, juristischer und politischer Begleitung, von einer breit gefächerten Diskussion in den örtlichen Medien begleitet wurde.

Die vielschichtige, teilweise sehr leidenschaftlich und kontrovers geführte Debatte der letzten Monate hat gezeigt, wie schnell noch immer Betroffenheit, Sprachlosigkeit und Unverständnis aufkommen, wenn unterschiedliche Erfahrungshintergründe, politische Bewusstseins- und Erinnerungslagen, Traditionen und emotionale Befindlichkeiten den Blick und den Umgang mit der näheren Vergangenheit erschweren oder gar verstellen.

Ein juristisches "Happy End" ohne Geschichtsklitterung steht allerdings bis zur Stunde aus. Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.