Umstrittener Abenteurer Alain, allein

Täglich rohen Fisch, dazu ein Schluck Salzwasser: 1952 behauptete Alain Bombard, dass Schiffbrüchige ohne Süßwasser überleben können. Zum Beweis wagte der Franzose einen gefährlichen Selbstversuch - die Überquerung des Atlantiks in einem Schlauchboot. Aber ging dabei alles mit rechten Dingen zu?

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Er hatte sich fest vorgenommen, keine Angst zu haben. Die Angst ist das Schlimmste, die Angst würde ihn töten, davon war er überzeugt. Schließlich war er doch überhaupt erst zu diesem verrückten Selbstexperiment aufgebrochen, um zu beweisen, dass man überleben kann, allein auf dem Ozean, nur mit Willenskraft und dem, was das Meer bietet: Fische, Salzwasser, Plankton.

Doch jetzt, nach 49 Tagen in einem winzigen Schlauchboot auf dem Atlantik, ergriff Alain Bombard die Panik, vor der er sich so sehr gefürchtet hatte.

"Die schreckliche Diarrhöe reibt mich vollkommen auf, dazu dauern die Blutungen an", schrieb er am 5. Dezember 1952 in sein Tagebuch. "Ich wage kaum noch, etwas zu essen, und wenn das so weitergeht, werde ich tot sein, bevor mich irgendein Schiff findet. Ich verstehe nichts mehr, ich weiß nicht, wo ich bin."

Einen Tag später verfasste er allein auf hoher See sein Testament.

"Die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, sind 50 Tage gültig, und kein Schiffbrüchiger darf vorher die Hoffnung auf Rettung aufgeben, nur weil ich sterbe", notierte der Arzt fast trotzig. "Nach diesen 50 Tagen übersteigen die Anstrengungen die menschliche Leistungsfähigkeit."

Ketzerische Thesen

Damit schien einer der gewagtesten Selbstversuche der Medizingeschichte zu scheitern - und der Franzose, von seinen Landsleuten lange verlacht, zur tragischen Figur zu werden.

Als der junge Arzt vor 60 Jahren seine ersten Gedankenspiele öffentlich machte, hielten ihn selbst die meisten Freunde für übergeschnappt. War es nicht seit jeher bekannt, dass Schiffsbrüchige kein Salzwasser trinken sollten, weil durch die Osmose die Körperzellen innerlich austrocknen? Hatten nicht erfahrene Seemänner berichtet, mitten auf den Ozeanen gäbe es nur wenig zu fischen?


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Alain Bombard hingegen stellte eine ganz andere Frage: Wie können Schiffsbrüchige "gegen die Verzweiflung ankämpfen, die sicherer und schneller tötet als irgendein physischer Grund?".

Nur: Moral allein füllt keine Mägen. Rastlos wälzte Bombard alte Berichte von Schiffsunglücken, suchte nach Gesetzen des Überlebens. Schließlich stellte er jene Thesen auf, die ihm so viel Spott einbrachten: Ein Schiffsbrüchiger könne täglich bis zu 900 Gramm Salzwasser zu sich nehmen und zudem die ausgepressten Säfte von Fischen trinken - deren Fleisch enthalte weniger Salz als das Meerwasser. Und: Der Seefahrerkrankheit Skorbut beuge man mit dem Konsum von Vitamin-C-haltigem Plankton vor.

Erstes Scheitern

Testweise begann Bombard, mit Meerwasser vermischtes Bier herunterzuspülen. Es schmeckte ihm angeblich ausgezeichnet. Das alles stärkte seinen Wunsch nach einem hautnahen Erlebnis als Schiffsbrüchiger. Er kaufte ein sechs Meter langes Schlauchboot und taufte es selbstbewusst "L'Hérétique" - "Der Ketzer": Den arrivierten Wissenschaftlern würde er schon zeigen, dass er recht hatte!

Am 25. Mai 1952 ging es los. Zusammen mit seinem langjährigen schottischen Freund Jack Palmer legte Bombard in Monaco ab. Strömungen und Winde sollten das Schlauchboot, ausgestattet mit einem Segel, bis zu den Balearen treiben.

Doch die ersten Erfahrungen waren ernüchternd: Tagelang fingen die freiwilligen Schiffbrüchigen keinen einzigen Fisch. Nach zwei Wochen sah Bombard sich gezwungen, ein vorbeifahrendes Schiff zu alarmieren. Versorgt mit frischem Süßwasser und Konserven setzten die beiden Abenteurer ihre Reise fort, bis sie Mitte Juni auf der spanischen Insel Menorca an Land gingen.

"Ich fahre allein!"

Der Medienwirbel nach der Ankunft war groß, allerdings nicht im Sinne des ehrgeizigen Arztes: Sein Experiment galt als gescheitert, der wichtigste Geldgeber sprang ab und schließlich sank auch die Begeisterung seines Begleiters Jack für eine zweite Härteprobe: die Überquerung des Atlantiks von Marokko aus. Wütend hinterließ Bombard seinem Freund in der Hafenstadt Tanger eine Notiz: "Ich fahre allein(...). Wer Erfolg haben will, muss daran glauben. Auf Wiedersehen, Jack."

Dann nahm er sein Schlauchboot, fuhr entlang der Küste Richtung Casablanca und steuerte nach einem kurzen Aufenthalt von dort auf den offenen Atlantik zu - mit Kurs auf die Kanarischen Inseln.

Anfangs überwog die Begeisterung für seinen eigenen Heldenmut. Schon kleine Erfolge versetzten ihn in Hochstimmung.

26. August: "Der Fischfang bei Abenddämmerung ist wirklich wunderbar."

27. August: "Außer am Sonntag habe ich jetzt täglich sechzig Seemeilen zurückgelegt."

31. August: "Ich angele täglich prächtige Makrelen und ich muss sagen, ich beginne mich an den rohen Fisch zu gewöhnen. Das Atlantik-Wasser scheint mir ein 'Genuss', wenn ich es mit dem des Mittelmeers vergleiche. Es schmeckt viel weniger salzig und löscht meinen Durst ausgezeichnet."

Trauriges Geburtstagsfest

Doch nach und nach schlichen sich Selbstzweifel ein. Etwa, als er sich nach dem ersten Sturm verwundert fragte, warum sein Boot "in so einem Hexenkessel" nicht gekentert sei. Gleichzeitig gestand er sich ein, dass er als "Anfänger in der Navigationskunst" eigentlich nicht wisse, wo er sei: "Ich glaube nur, dass ich es weiß."

Trotzdem erreichte der Autodidakt Anfang September Gran Canaria - und gewann schnell seine alte Zuversicht zurück. Ein kurzer Flug in die Heimat zu seiner Frau Ginette - schließlich wollte er noch seine frisch geborene Tochter sehen - und dann saß Bombard am 19. Oktober schon wieder in seinem Schlauchboot, mehr als 4000 Kilometer Atlantik vor sich.

Jetzt wurde es vollends ein Kampf gegen die Einsamkeit. Seine Reiselektüre (Molière, Nietzsche, Rabelais) war schnell gelesen, die Batterien seines Radios bald aufgebraucht und Rabelais' Prosa-Werk wurde irgendwann zu Klopapier. Wochenlang sollte Bombard kein Schiff sehen, gegen die drückende Stille führte er Selbstgespräche, doch meist fühlte er sich danach nur noch elendiger.

"Die echte Einsamkeit", schrieb er, "bringt jeden Menschen um." Am 27. Oktober feierte er seinen 28. Geburtstag, mutterseelenallein, zwei Tage später notierte er die erste Depression.

Träume von Fressorgien

Und dann auch noch jeden Tag rohen Fisch, den er in kleine Stücke hackte und die Säfte in einem Hemd auspresste. Manchmal träumte er von kühlem Bier und frischer Milch und in seinem Kopf stellte er sich die herrlichsten Menüs zusammen: getrüffeltes Rebhuhn, Crêpes, Champagner.

Die Lethargie versuchte er mit Ritualen zu bekämpfen. Morgens Gymnastik gegen die zunehmenden Rückenschmerzen, danach medizinische Selbstuntersuchungen (Puls, Haare, Haut, Nägel), abends Urin- und Stuhlprobe. Wie er als Arzt früher das Herz seiner Patienten abgehorcht hatte, so lauschte er nun täglich an den Wänden seines Schlauchboots nach einem verdächtigen Pfeifen.

Am schlimmsten wurde irgendwann die Ungewissheit. "Bin ich jetzt 40 oder 600 Meilen vom Land entfernt?", notierte er am 1. Dezember nervös. Alles schien sich gegen ihn zu verschwören: Er sah Vögel, die eigentlich nur in Küstennähe leben, doch keine Spur von Land. Dann herrschte urplötzlich tagelang Windstille. Wütend beschimpfte Bombard den Passatwind als "Verräter".

"Ich habe den Durst bezwungen!"

Eigentlich hatte er sich schon aufgegeben, als am 10. Dezember ein Frachter seine Route kreuzte. Endlich erfuhr Bombard, wo er sich befand; um zehn Längengrade hatte er sich verrechnet. An Bord des Frachters wurden ihm ein Spiegelei, Kohl und ein Stück Leber serviert.

Es kam ihm vor wie ein Festmahl, und dennoch tauschte Bombard nach einer zweistündigen Pause den luxuriösen Dampfer wieder gegen sein Gummiboot. Wenn sein Experiment "dazu beitragen sollte, Menschenleben zu retten", schrieb er später pathetisch, "dann musste mein Unternehmen ein vollkommener Erfolg sein." Sicher ging es ihm auch um den persönlichen Triumph. Als der Arzt zwei Wochen später auf der Karibikinsel Barbados an Land ging, feierte Frankreich ihn als Volkshelden.

Bombard hatte unter Durchfall, Ödemen und Ausschlägen gelitten; er hatte 25 Kilo abgenommen und seine geschundene Wirbelsäule musste später operiert werden - aber er lebte. "Ich habe den Durst auf See bezwungen", verkündete er stolz - und das, obwohl es erst nach 23 Tagen zum ersten Mal geregnet habe. "Das Meer gibt uns genügend zu essen und zu trinken."

Zweifel am Volkshelden

Ungetrübt war sein Erfolg aber nicht. Bombards Ratschläge gefährdeten Menschleben, kritisierten renommierte Wissenschaftler. Sie zweifelten seine Ergebnisse an, auch wenn ein Versuch der französischen Armee zumindest bestätigte, dass ein Mensch bis zu sechs Tage lang Salzwasser konsumieren könne.

Und da gab es noch die hartnäckigen Gerüchte, der Arzt habe in Wahrheit geschummelt: Neben dem Notproviant, den er auf Gran Canaria unter Zeugen verplombt hatte und in Barbados unberührt an Land brachte, habe Bombard heimlich 100 Liter Frischwasser mitgenommen - unverplombt. Zudem sei er unterwegs mehrmals von Dampfern versorgt worden.

Der Deutsche Hannes Lindemann, auch er Arzt und einst ein Bewunderer Bombards, wollte es schließlich ganz genau wissen. Gleich zweimal überquerte er den Atlantik - 1955 in einem hölzernen Einbaum, 1956 in einem winzigen Serienfaltboot der Marke Klepper.

Er erlebte ähnliche Momente der Einsamkeit, auch seiner Meinung nach ist die Moral ein wichtiger Überlebensfaktor. Doch in einem Punkt war er ganz anderer Meinung: Ohne Süßwasserkonserven und Regenwasser hätte er, Lindemann, seine Reisen medizinisch nicht überstanden. Vom Salzwasserkonsum habe er sofort Ödeme bekommen und aus Fischen konnte er so gut wie kein Wasser pressen. "Geschwindelt hat er", empört sich der 89-Jährige noch heute, sobald der Name Bombard fällt. "Er hat Dinge behauptet, die nicht möglich sind."

Alles also nur Legende? Fest steht, Bombard überstand vor sechzig Jahren ein beispielloses Abenteuer. Er überquerte den Atlantik in einem Gummiboot und kämpfte erfolgreich gegen etwas, das nicht eingeschweißt oder verplombt werden konnte: die Einsamkeit. Am Ende schaffte er zumindest in seiner Heimat Frankreich das, worauf er vielleicht am meisten gehofft hatte: Er wurde ernst genommen.



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