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06. August 2010, 17:57 Uhr

Untergetauchter Kriegsverbrecher

Mein Nachbar, der Massenmörder

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Er sammelte Holz und züchtete Hühner: Als Biedermann lebte Otto Heninger nach dem Krieg in der Lüneburger Heide. Doch hinter der Tarnung verbarg sich der NS-Verbrecher Adolf Eichmann. Die ehemaligen Nachbarn blieben ahnungslos - bis der Holocaust-Organisator hingerichtet wurde.

Dieses Mal war es kein todbringender Befehl, den er unterzeichnete. Dieses Mal war es nur ein harmloses Anmeldeformular, das er ausfüllte: Otto Heninger, geboren am 19. März 1906 in Breslau, Kaufmann mit eigenem Geschäft in Prien am Chiemsee, verheiratet, evangelisch. Mehr musste der hagere Fremde im umgenähten Wehrmachtsrock und dem abgewetzten Jägerhut auf dem Kopf nicht von sich preisgeben, als er am 20. März 1946 nach Altensalzkoth kam, einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide, nördlich von Celle.

Allzu neugierige Fragen hatte der Neuankömmling ohnehin nicht zu befürchten. Die Menschen steckten mitten im Existenzkampf der Nachkriegszeit. Außerdem spülte das untergegangene "Dritte Reich" ständig menschliches Treibgut an: versprengte Soldaten, umherziehende Vertriebene, entlassene Kriegsgefangene und befreite Lagerhäftlinge. So störte sich keiner der Dorfbewohner an dem reservierten Mann mit den kleinen Marotten, der als Holzarbeiter und Hühnerzüchter unter ihnen lebte - ehe er 1950 über Nacht verschwand.

Wer da tatsächlich vier Jahre in der beschaulichen Heide abgetaucht war, dämmerte den meisten erst später: Medien berichteten 1960 von einer spektakulären Aktion des israelischen Geheimdienstes. Mossad-Agenten hatten am 11. Mai in Buenos Aires einen der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher entführt und nach Israel ausgeflogen: Jetzt wartete SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, einer der Hauptorganisatoren des Holocaust, in einer Gefängniszelle darauf, dass ihm der Prozess gemacht wird. Als im April 1961 Bilder aus dem Jerusalemer Gerichtssaal über die Fernsehbildschirme flimmerten, die einen hornbebrillten Angeklagten in einem schusssicheren Glaskasten zeigten, war endgültig klar: Bei dem Mann, der sich Otto Heninger nannte, handelte es sich tatsächlich um Adolf Eichmann.

Der Jäger wird selbst zum Gejagten

Über Jahre Tür an Tür mit dem "Buchhalter des Todes", wie Eichmann während seines Prozesses genannt wurde? Die Menschen in Altensalzkoth waren schockiert. Eichmann hatte sich in der Vernebelung seiner Identität als ebenso effektiv erwiesen wie zuvor am Schreibtisch des Referats IV B4 im Reichssicherheitshauptamt. Dort hatte er seit dem Spätsommer 1941 mit Akribie die von den Nationalsozialisten proklamierte "Endlösung" vorangetrieben, hatte Juden in ganz Europa aufspüren und in die Vernichtungslager deportieren lassen.

Nach Kriegsende wurde Eichmann selber zum Gejagten. Im österreichischen Altaussee begann Eichmann im Frühjahr 1945 damit, worin er über die Jahre besondere Übung erhalten hatte: der Spurentilgung. Eichmann trennte sich von seiner Familie und seinen letzten Getreuen. Außer den Alliierten gab es genug andere Menschen, die ein fundamentales Interesse an der Ergreifung des einstigen Holocaust-Managers hatten, das wusste Eichmann - und begann ein jahrelanges Versteckspiel.

Als Luftwaffen-Obergefreiter Adolf Barth, benannt nach einem Berliner Lebensmittelhändler, geriet Eichmann im Mai 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Wenig später gab sich Eichmann jedoch als SS-Untersturmführer Otto Eckmann aus, schließlich trug er die verräterische Blutgruppen-Tätowierung der SS in seiner Achselhöhle. Trotz des gelungenen Täuschungsmanövers wurde Eichmann im Gefangenenlager Ober-Dachstetten in Franken zunehmend nervös: Jüdische Kommissionen - KZ-Überlebende - verhörten die Gefangenen nach ihrer Tätigkeit im Krieg. Bis Eichmann auffliegen würde, schien es nur eine Frage der Zeit zu sein. "Es war ihm klar, er musste sich irgendwo verstecken", erklärt die Hamburger Historikerin Bettina Stangneth, die seit mehreren Jahren Nachforschungen zu Eichmann betreibt.

Die alten Seilschaften funktionierten noch

Eichmann offenbarte sich seinen Mitgefangenen - und die alten Seilschaften hielten. Vom ebenfalls internierten SS-Offizier Hans von Freiesleben erhielt er im Januar 1946 ein Empfehlungsschreiben. Es war adressiert an dessen Bruder, den Revierförster in Kolenbach, fünf Kilometer von Altensalzkoth entfernt. Dort, inmitten der dichten Wälder, würde schon keiner den untergetauchten Obersturmbannführer suchen.

Im Februar 1946 floh Eichmann aus dem Gefangenenlager. Hilfe während seiner riskanten Reise in den Norden erhielt er von Nelly Krawietz, der Schwester eines in Ober-Dachstetten inhaftierten SS-Kameraden aus Prien. Sie begleitete Eichmann bis Hamburg. Auf der Flucht besorgte sich Eichmann in einer Fälscher-Werkstatt die Papiere, die ihn als Otto Heninger auswiesen und mit denen er vier Jahre unbehelligt leben sollte.

Dass sich Nazi-Größen nach dem Krieg nach Norden absetzten, war keine Seltenheit. "Alle wollten sich dicht an der Tür positionieren", sagt Historikerin Stangneth - entweder in der entlegenen Bergwelt Österreich-Bayerns mit ihren vielen Grenzen oder in der strategisch günstigen Nähe großer Häfen. Reichsführer Heinrich Himmler etwa wurde im Mai 1945 von Briten in der Nähe von Rotenburg/Wümme gefasst, sein früherer Chefadjutant Ludolf "Bubi" von Alvensleben startete von Norddeutschland aus seine Flucht nach Südamerika.

"Extreme Selbstkontrolle war Teil seiner Karriere"

Auch Eichmann dachte intensiv darüber nach, ins Ausland abzutauchen. Als im November 1945 die Nürnberger Prozesse begannen, wurde sein Name immer häufiger in der Presse genannt. Um sich aber in das gelobte Land der Nazis abzusetzen, das Argentinien Peróns, fehlte Eichmann 1946 das Geld. Im Gegensatz zu anderen hochrangigen Nazi-Bürokraten hatte er sich, der nach eigenem Bekunden lediglich ein "korrekter" und "fleißiger" Angehöriger des Reichssicherheitshauptamtes war, nicht die Taschen mit den Besitztümern der Opfer vollgestopft. "Ein innerer Schweinehund und ein Verräter war ich nie", notierte er Jahre später in Argentiniens Pampa.

Als Holzfäller und Waldarbeiter lebte Eichmann ab Frühjahr 1946 mit etwa 20 ehemaligen Landsern in der Baracke der Revierförsterei Kolenbach. Die "Insel" nannten die Einheimischen die Unterkunft der mitunter suspekten Bewohner. Dort, im Wald von Altensalzkoth, verdiente sich Eichmann seine ersten Fluchtgroschen, indem er Brennholz für Lokomotiven sammelte. Unter den Insulanern genoss Eichmann hohes Ansehen. Und auch manche Dorfbewohner erinnerten sich Jahre später an einen patenten, freundlichen Mann: Er sei gerecht gewesen - und habe nie Alkohol getrunken.

Für den gesuchten Massenmörder gehörte Abstinenz zur Überlebensstrategie. Er durfte unter keinen Umständen auffallen - schon gar nicht, indem er sich nach ein paar Bier in lustiger Runde verplapperte. "Extreme Selbstkontrolle war Teil seiner Karriere", urteilt Stangneth über Eichmann, der es in der Heide geschickt verstand, sich seinem Umfeld anzupassen.

Hilfsbereiter Nachbar

1948 musste Eichmann die Deckung seines Waldverstecks verlassen. Die Firma Burmann, sein Arbeitgeber, ging pleite. Außerdem stand die Währungsreform bevor. Eichmann war in der Zwickmühle: Um unerkannt zu bleiben, konnte er kaum riskieren, sein Erspartes bei der nächsten Bank einzutauschen. Dasselbe galt für einen Gang zum Arbeitsamt. Eichmann, der routinierte Organisator, half sich selber: Er mietete sich in Altensalzkoth auf einem Bauernhof ein und investierte sein Geld in circa hundert Hühner.

Das Federvieh sicherte sein Auskommen: Er verkaufte Geflügel und Eier in die Nachbargemeinde. Dass hin und wieder auch heimatlose Juden seine Ware kauften, die das nahe gelegene Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt hatten und rund um das Areal hausten, störte den ehemaligen "Endlöser" Eichmann nicht.

Er ein Massenmörder? In Altensalzkoth schien diese Vorstellung 1948 undenkbar. Der freundliche Biedermann mit dem zarten österreichischen Akzent zahlte pünktlich seine Miete, präsentierte sich als hilfsbereiter Nachbar und half den Menschen routiniert beim Papierkram mit den Behörden.

Was auffiel, war die bürgerliche Herkunft Eichmanns, die hin und wieder durch die betont unauffällige Fassade schimmerte. Etwa, wenn er vor der Holzfällerbaracke Schubert-Werke auf einer Violine spielte. "Eichmann war einfach nicht wie die Landbevölkerung", sagt Stangneth. Heinz Krüger fiel als kleinem Jungen damals auf, wie Eichmann seine Hühner kommandierte: "Er lockte sie nicht wie wir mit 'Putt, putt, putt', sondern pfiff nach ihnen wie nach einem Hund."

Flucht nach Argentinien

Eichmann hatte offenbar trotz aller ihm entgegengebrachten Sympathien schon lange den Plan gehabt, dieses Idyll zu verlassen. Schließlich erwies sich seine vorsichtige Hoffnung, sich irgendwann wieder frei in Deutschland bewegen zu können, als Illusion. Eichmann besaß das einzige Radio im Ort und wusste daher auch, dass außer den Alliierten inzwischen jüdische Partisanengruppen nach ihm suchten.

Im Frühjahr 1950 hatte Eichmann genügend Geld zusammen, um sich absetzen zu können. "Ich hörte, dass es Organisationen gab, die andere unterstützten, wenn sie Deutschland verlassen wollten", gab Eichmann nach seiner Entführung 1960 an. "Anfang 1950 habe ich mit einer dieser Organisationen Kontakt bekommen." In Altensalzkoth erzählte er, dass er künftig in Norwegen als Maschinenbauer arbeiten wollte und verschwand wenig später.

Über eine der sogenannten Rattenlinien - Fluchtrouten für untergetauchte NS-Funktionäre - floh Eichmann noch 1950 unter dem Namen Ricardo Klement nach Argentinien. In Altensalzkoth wurde man erst zehn Jahre später wieder durch Fernsehbilder aus Jerusalem an den unauffälligen Dorfbewohner Otto Heninger erinnert - kurz bevor Israel am 31. Mai 1962 Adolf Eichmanns Todesurteil vollstrecken ließ.

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