Aufstieg einer Plattenfirma Wie Capitol Records reich und berühmt wurde

Von Frank Sinatra bis Coldplay, von den Beatles über die Beach Boys zu den Beastie Boys: Dieses Label hatte sie alle. Seit 1942 versammelt Capitol Records Superstars - trotz Rassismus, Musikerstreik und Läusekrise.

Ken Veeder/Capitol Photo Archives / TASCHEN

Die drei Männer planten eine Revolution des Musikgeschäfts. Sie trafen sich am 7. Februar 1942 im Restaurant Lucey's in Hollywood: Johnny Mercer, Sänger mit butterweicher Stimme und erfolgreicher Songwriter. Glenn Wallichs, mit Wallichs Music City Inhaber des angesagtesten Plattengeschäfts der Stadt. Und George G. "Buddy" DeSylva, Produzent bei Paramount Pictures.

Mercer hatte das traditionelle Musikgeschäft satt - wie Plattenfirmen mit Künstlern umsprangen, wie Künstler miteinander umgingen. Beim Golfspiel war ihm die Idee gekommen: Warum nicht selbst ein Label gründen? "Ich denke, es wird Spaß machen", so Mercer. Ebenso begeistert waren seine Kumpel Wallichs und DeSylva, der gleich einen Scheck ausschrieb.

Bis dahin spielte die Musik vor allem an der Ostküste. In New York waren die großen Plattenfirmen zu Hause. Nun wollte ihnen die Westküste Konkurrenz machen. Der erste Name fürs neue Label war allerdings unglücklich gewählt: Liberty Records. In New York gab es schließlich schon das Label Liberty Music Shop Records. Johnny Mercers Frau Ginger wusste Rat: Als Capitol Records schrieb die Neugründung Musikgeschichte.

Benny Goodman, Billie Holliday, Frank Sinatra, Shirley Bassey, Miles Davis, die Beach Boys, Pink Floyd, die Beastie Boys, Coldplay und nicht zuletzt die Beatles - über Jahrzehnte gaben sich Stars bei Capitol Records geradezu die Klinke in die Hand. Zum 75. Jubiläum bringt der Taschen Verlag nun einen farbenfrohen Bildband mit zahlreichen Aufnahmen aus den Archiven heraus: mit großen Stars und ebenso mit Musikern, die es nur zu einem Hit brachten.

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Plattenfirma Capitol Records: Talentschmiede der Superstars

Beinahe wäre auch Capitol Records eine Art One-Hit-Wonder geblieben. Den Durchbruch schafften Mercer und Co. zwar gleich im Gründungsjahr mit dem "Cow Cow Boogie", gesungen von der hübschen Ella Mae Morse. Aber das dringend für die Plattenproduktion benötigte Schellack war zur Mangelware geworden.

Mit ihrem Vorrücken im Fernen Osten hatte Japan im Zweiten Weltkrieg die Versorgung mit Nachschub des von Schildläusen ausgeschiedenen Stoffs beeinträchtigt. Kurzerhand hortete Capitol Records alte Platten, um das Schellack zurückzugewinnen.

"Schallplatten vernichten die Jobs von Musikern"

Kurz darauf sagte die Musikergewerkschaft den Plattenfirmen den Kampf an. "Schallplatten vernichten die Jobs von Musikern", hatte der Gewerkschaftsboss James Caesar Petrillo 1942 erkannt. Weil Radiostationen immer mehr von Platten abspielten, blieben Live-Musiker ohne Engagement.

Ein Streikjahr folgte. Um es erfolgreich zu überstehen und regelmäßig Platten auf den Markt werfen zu können, ließ Mercer in endlosen Schichten reihenweise Songs von Musikern aufnehmen. Wie die anderen Labels verständigte sich Capitol schließlich mit der Gewerkschaft.

Mercer war das künstlerische Rückgrat von Capitol Records. Als begnadeter Musiker hatte er den richtigen Instinkt dafür, was die Leute hören wollten. Während sein Partner Glenn Wallichs als Geschäftsmann die Zahlen im Auge behielt, machte Mercer mit Künstlern die Nächte durch. Coverversionen wie bei anderen Firmen gab es bei ihm nicht.

"Capitol war revolutionär. Capitol war Westküste", lobte die Sängerin Margaret Whiting, die 1942 mit dem Label aufstieg. "Die Musik war anders, sie war frisch und flott. Die Künstler waren neu und genossen größere Freiheiten."

Rassisten im Paradies

Südkalifornien mit seiner Traumfabrik Hollywood war die ideale Gegend, um neue Talente zu finden. Im und nach dem Weltkrieg waren Menschen aus den ganzen USA dorthingeströmt und brachten ihre Musikstile mit. Der ganz große Erfolg gelang schließlich mit Hits wie "Straighten Up and Fly Right" von Nat King Cole.

Das schwarze Talent wurde ein Superstar. Viele neideten ihm den Erfolg. Nachbarn im elitären, weißen Viertel Hancock Park von Los Angeles töteten seinen Hund und brannten das Wort "Nigger" in seinen Rasen.

Capitol Records wuchs und wuchs. Was auch einer guten Idee Mercers zu verdanken war: Als einer der ersten schickte er kostenlose Platten seiner Künstler an Radiostationen; sie wurden dankbar gespielt. Ende der Vierzigerjahre war das junge Westküstenunternehmen bereits das viertgrößte Label der USA, nach RCA Victor, Decca und Columbia.

1955 wurde es von der britischen EMI übernommen und setzte sich ein Jahr später in Los Angeles ein architektonisches Denkmal. Mit der runden Form, die an einen Stapel Schallplatten erinnert, zieht die Zentrale in Hollywood bis heute Touristen an. Glenn Wallichs war als Geschäftsführer weniger begeistert. Ihn erinnerte die Gestaltung an einen schlechten Werbegag.

Die Einwohner von Los Angeles fanden indes ihren eigenen Namen für das Capitol Records Building: "Das Haus, das Nat gebaut hat". Zur Erinnerung an die vielen Millionen Dollar, die Nat King Cole eingespielt hatte.

Ein Ferrari zum Imagewechsel

Capitol Records ist bis heute ein wahres Heiligtum der Musikgeschichte: Frank Sinatra schmachtete dort in sein Lieblingsmikrofon - das U47 des deutschen Herstellers Neumann. Die "Echo Chambers", tief unter der Erde und wie ein Atombunker von massivem Beton umgrenzt, erlauben Tontechnikern einzigartige Aufnahmen.

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Wie die Musiklegende Frank Sinatra durchlebte auch Capitol Records allerlei Höhen und Tiefen. Doch es gelang dem Label, immer wieder neue Stars aufzutun. 1962 entdeckte Nick Venet, Nachfolger von Talentscout Mercer, eine junge Truppe und brachte ihr erstes Album heraus. "Surfin' Safari" begründete den Ruhm der Beach Boys.

Capitol Records machte so unter Glenn Wallichs erneut Millionen. Die Wallichs auch dringend nötig hatte. Nick Vent arbeitete nur unter einer Bedingung bei Capitol: wenn Wallichs sich zum Zeichen eines flotteren Images einen roten Ferrari zulegen würde. Es war der erste in Kalifornien. Und auf die Beach Boys folgten noch zahlreiche weitere Stars bei Capitol.

insgesamt 5 Beiträge
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Emre Celik, 02.12.2016
1. Heimann? :D
Es gibt kein U47 von "Heimann". Das Lieblingsmikrofon Sinatras war natürlich das legendäre U47 der Georg NEUMANN GmbH.
Wayan Raabe, 02.12.2016
2. Kleine Korrektur
Der Hersteller des U47 Mikrofons heist nicht Heimann sondern Neumann ;) Beste Grüße
Till Neumann, 02.12.2016
3. Bild 11
"Keinen anhaltenden Erfolg hatte die Band The Knack kein langanhaltender Erfolg beschieden." Ah ja.
Yossarian Yossarianson, 02.12.2016
4. Bild 14
"Mit den Zeilen "I'm a loser baby, so why don't you kill me?" aus seinem Song "Loser" wurde der Sänger Beck in den Neunzigerjahren berühmt. Mittlerweile steht der Brite bei Capitol unter Vertrag." Seit wann ist Beck Brite?
Uli Frost, 03.12.2016
5. Al Schmitt & Les Paul - It´s all about the artists
Danke für den schönen Artikeln über Capitol Records und die Richtigstellung zum Neumann U 47. Wer in den Räumen von Capitol Records schon einmal war, kommt an dem Spruch "It´s all about the artist" und an zwei Namen neben Mercer nicht vorbei: Les Paul - der Entwickler der Hallräume von Capitol Records und dem mit 23 Grammy Awards meist dekorierten Grammy Gewinner Al Schmitt. Ohne dem Engineer Al Schmitt würden die Scheiben von Capitol nicht so gut klingen. Die Credit-Liste ist unendlich! Dafür erhielt der immer noch aktive 86-jährige Al Schmitt auch vor einem Jahr direkt vor der Eingangstür von Capitol den Stern auf dem Walk of Fame.
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