US-Präsidenten Heiße Party mit dem Flammenwerfer

Pomp, Paraden, Partywahn: Bei der Amtseinführung eines Präsidenten inszenieren sich die USA mit großen Gefühlen und hehren Worten. Die Planer der Mega-Events versuchen, nichts dem Zufall zu überlassen - trotzdem gibt es immer wieder Pleiten und Pannen.

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Von Thomas Thiel


Nichts ging mehr auf den Straßen von Washington D.C. am 19. Januar 1961. Ein Schneesturm hatte die amerikanische Kapitale einen Tag vor den großen Feierlichkeiten zur Amtseinführung des neuen Präsidenten John F. Kennedy lahmgelegt: Vizepräsident Lyndon B. Johnson saß mit seinem Auto im Verkehrschaos fest. Viele Ehrengäste, darunter Gouverneure, Abgeordnete und Diplomaten hatten es erst gar nicht in die Stadt geschafft. Derweil hing der frühere Präsident Herbert Hoover sprichwörtlich in der Luft. Sein Flugzeug "konnte nicht einmal auf dem Washingtoner Flugplatz landen", kabelte eine USA-Korrespondentin aufgeregt nach Deutschland.

Die feierliche Prozession des Präsidenten zum Kapitol, sein öffentlicher Amtseid samt traditioneller Antrittsrede vor dem klassizistischen Kongressgebäude, die große Parade - alle diese Programmpunkte des nächsten Tages drohten dem widrigen Wetter zum Opfer zu fallen. Und das ausgerechnet bei Kennedy, dem charismatischen Hoffnungsträger aus Massachusetts.

Doch die U.S. Army hatte etwas dagegen: Mit Flammenwerfern brannten Soldaten den Schnee vom Asphalt der Pennsylvania Avenue zwischen Kongress und Weißem Haus. Hunderte Schneepflüge räumten die übrigen Straßen. Ein immenser Aufwand, doch er lohnte sich. Als Kennedy am nächsten Tag mit der Hand auf seiner Familienbibel schwor, die Verfassung der Vereinigten Staaten zu schützen, waren die Tribünen vollbesetzt, nur auf wenigen Rängen lag noch etwas Schnee.

Die Demokratie feiert sich selbst

Der "Inauguration Day" nimmt einen wichtigen Platz im Kalender des politischen Amerikas ein. Es ist der Tag, an dem die US-Demokratie sich selbst feiert und ihren nächsten Präsidenten an den Schalthebeln der Macht begrüßt. Dabei zählt jedes Symbol: Auf welche Bibel wird beim Amtseid geschworen? Was trägt das Präsidentenpaar? Wie viele Festbälle richtet es aus? Die Zeremonie erinnert an die Krönung eines Monarchen. Eine Krönungsmesse auf Amerikanisch, gewissermaßen.

Der Republikaner Dwight D. Eisenhower wusste 1953 vor allem mit einer gigantischen Parade zu beeindrucken. Zu seinem Amtsantritt ließ das Organisationskomitee eine ganze Armada Festwagen auffahren, etwa ein Blumenkorso aus Florida, das von Miss America 1952 angeführt wurde, gefolgt von Heimatgruppen aus allen Staaten der Union, eine Hundekolonne aus Alaska und 340 Indianer mit Kriegsbemalung. Schließlich galt es, Eisenhowers demokratischen Vorgänger Harry S. Truman zu überbieten, dessen Triumphzug vier Jahre zuvor 100.000 Zuschauer angelockt hatte.

Ein Gradmesser für die Feierlaune des jeweiligen Präsidenten ist die Anzahl Bälle zur Amtseinführung, von denen es traditionell am Abend immer gleich mehrere gibt - zu horrenden Eintrittspreisen. Die Zahlungsbereitschaft der Gäste wird gespeist von der Hoffnung, einmal - wenn auch nur kurz - einen Blick auf den Präsidenten zu erhaschen oder gar ein Wort mit ihm zu wechseln. Der größte Partylöwe war Bill Clinton: Ganze 14 Bälle richtete er 1997 an einem Abend aus, Rekord in den 200 Jahren dieser Tradition.

Ein Mob im Weißen Haus und ein betrunkener Vize

Doch trotz akribischer Planung ging bei weitem nicht immer alles glatt. So freuten sich 1829 rund 20.000 Anhänger Andrew Jacksons so sehr über dessen Amtsantritt, dass sie ins Weiße Haus stürmten, um mit ihm zu feiern. Zurück blieb ein Schaden von vielen tausend Dollar, nachdem die Menge auf der Suche nach dem Büffet Vorhänge heruntergerissen, Teppiche ruiniert und Porzellan zerbrochen hatte. Oder auch 1873: Bei der zweiten Inauguration von Ulysses S. Grant war es dermaßen kalt, dass bei der Parade mehrere Armee-Kadetten bewusstlos zusammenbrachen.

Andrew Johnson, der Vizepräsident Abraham Lincolns, hätte das sicher nicht mitbekommen. Denn er war 1865 bei seiner Vereidigung sternhagelvoll. Johnson hatte versucht, sich nach einer schweren Typhuserkrankung mit Alkohol fit für den großen Tag zu machen. Sechs Wochen später beerbte er - diesmal nüchtern - Lincoln als Präsident, nachdem dieser bei einem Attentat getötet worden war.

William H. Harrisons Inaugurationszeremonie 1841 hatte ein besonders tragisches Nachspiel. Der 68-Jährige wollte bei stürmisch-kaltem Wetter partout weder Mantel noch Hut tragen. Als wäre das nicht leichtsinnig genug, hielt Harrison mit zwei Stunden auch noch die längste aller Reden zur Amtseinführung. Er blieb nur vier Wochen Präsident. Dann starb er an der Erkältung, die er sich bei der Mammut-Rede eingefangen hatte.

Für die Geschichtsbücher

Auch wenn seine Amtsantrittsrede viel zu lang war - ihren Stellenwert im Zeremoniell hatte Harrison richtig erkannt. Die "Inaugural Adresses" unmittelbar nach dem Amtseid waren für alle Präsidenten wichtig. Es ist ihre erste Chance, sich in die Geschichtsbücher einzutragen. In ihnen sprechen die neuen Amtsinhaber traditionell über die ganz großen Themen. Ihre Vorstellung von Amerika. Die Bedrohungen von innen und außen. Ihre Ziele.

Im besten Fall entstanden dabei Sätze für die Ewigkeit, etwa als Franklin D. Roosevelt 1933 den Amerikanern mitten in der Weltwirtschaftskrise Mut machte und versicherte, sie hätten "nichts zu fürchten außer der Furcht an sich". Oder auch Kennedy, der seine Mitbürger 1961 aufforderte: "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt euch, was ihr für euer Land tun könnt." Im Januar 2009 war Barack Obama an der Reihe, Worte zu finden, die sich im Gedächtnis der Nation einbrennen sollten.

Geschätzte 1,8 Million Menschen erschienen zu dieser 56. Ausgabe des traditionsreichen Rituals der amerikanischen Republik und machten es damit zur am besten besuchten Veranstaltung, die bislang in Washington D.C. veranstaltet wurde.



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