US-Werbung der Vierzigerjahre Micky Maus gegen Hitler

Grapefruit-Saft als Geheimwaffe, Süßwaren als "Treibstoff für den Krieg": Nach Amerikas Kriegseintritt 1941 setzte die US-Werbebranche auf Patriotismus. einestages zeigt die schrägsten Anzeigen aus einer Zeit zwischen Angst und Aufbruch.

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Die Japaner hatten keine Chance. Denn ihre Gegner, die Amerikaner, tranken Grapefruit-Fruchtsaft aus Konservendosen, abgefüllt im sonnigen Florida. Vitamine für Sieger.

"Fragt doch einfach mal einen Japaner, wie es sich anfühlt, gegen Männer zu kämpfen, die sich mit 'Victory Vitamin C' gestärkt haben", titelte 1943 eine Anzeige des Saftherstellers "Florida-Grapefruit Juice". Darunter eine Illustration von muskelbepackten, mit entblößten Oberkörpern kämpfenden Marinesoldaten, die furchtlos auf feindliche Flugzeuge schießen. Ganz unbescheiden behauptete die Anzeige, die "straffen Körper" seien nur deshalb so "perfekt für den Kampf getrimmt", weil die Männer regelmäßig den Vitamin-C-Saft aus dem fernen Florida trinken würden.

Die Anzeige ist in ihrer Absurdität keine Ausnahme. Nahezu alle amerikanischen Unternehmen bewarben ihre Produkte seit dem Kriegseintritt der USA 1941 mit patriotischen Slogans und Illustrationen. Da gab es einen Zahnbürstenproduzenten, der in seiner Anzeige suggerierte, gesundes Zahnfleisch sei "lebenswichtig für den Sieg". Ein Handtuchhersteller warb mit der Abbildung von nackten GIs beim Bad im Urwaldfluss für seine besonders haltbaren Tücher. Selbst ein Süßwarenhersteller schämte sich nicht, seine Waren als "Treibstoff für den Krieg" zu bezeichnen.

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Patriotische US-Werbung der Vierziger: Krieg an der Reklametafel

Von der Hysterie zum Konsumrausch

So lange die USA zunächst gezögert hatten, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten, so konsequent und pathetisch warben Staat und Industrie danach für den Kampf. Es war der Krieg, der Werbung und Propaganda in einem bis dahin unbekannten Ausmaß miteinander vermengte und das Land mittels stereotyper Feindbilder vereinte. Nach dem Schock von Pearl Harbor ließen sich viele Amerikaner von Hysterie und Paranoia erfassen. Selbst eine japanische Invasion der US-Westküste erschien ihnen plötzlich denkbar. Vereinzelt auftauchende japanische U-Boote lösten Panik aus, und im Frühjahr 1942 feuerte die US-Luftabwehr 1430 Granaten in den Nachthimmel von Los Angeles, bis sich nach Stunden herausstellte, dass dort überhaupt keine Flugzeuge kreisten, geschweige denn feindliche.

Dass die verunsicherte Nation schließlich ihren alten Mut und ihre Zuversicht wiederfand, war auch ein Verdienst der patriotischen Werbung, die zudem Millionen Amerikaner animierte, Kriegsanleihen zu kaufen. Hersteller wie Lockheed versuchten geschickt, ihre militärischen und zivilen Ziele zu einem einheitlichen Programm zu verbinden: "Lockheed… for PROTECTION today and PROGRESS tomorrow", titelten Anzeigen des Flugzeugbauers 1942. Schutz im Krieg, Fortschritt in der Zukunft - ein großes Versprechen. Als der Krieg 1945 tatsächlich gewonnen war, gelang es der Werbung meisterhaft, die siegestrunkene Nation mit genau diesem Glauben an ihre moralische und technische Überlegenheit in einen beispiellosen Konsumrausch zu stürzen.

Für Texter und Illustratoren in der amerikanischen Werbeindustrie dürfte es kaum eine spannendere Zeit gegeben haben als die Vierzigerjahre. Es war eine Zeit, in der die Werbemacher glauben mussten, sie seien übermächtig, weil die Amerikaner genau das taten, was sie wollten: Sie kauften und kauften und kauften.

Siegeszug der Konservennahrung

Besonders Autos. Wurden 1943 in den USA 222.862 Neuwagen verkauft, war es drei Jahre später, unmittelbar nach dem Krieg, die zehnfache Menge. Allein zwischen 1946 und 1950 wurden rund 21 Millionen Neuwagen an den Mann gebracht. Hatten Hersteller wie Oldsmobile während des Krieges noch martialisch damit geworben, ihre Autos seien "power-styled" wie die US-Langstreckenbomber, warben die Produzenten jetzt mit ausgefallenem Design, Luxus und Glamour. So wurde das Auto nach 1945 - neben der Zigarette natürlich - zu dem Symbol amerikanischer Freiheit und Lässigkeit.

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Mit den heimkehrenden GIs begann auch ein staatlich geförderter Bauboom. 1949 wurden rund eine Millionen Häuser gebaut, fünf Jahre zuvor waren es gerade einmal 141.800 gewesen. Bald entstanden die ersten Vorortsiedlungen aus Fertighäusern - Sinnbild des amerikanischen Traums. Damit wuchs auch die Nachfrage nach anderen Produkten: Niemand musste mehr, so suggerierte es die Werbung, ohne eigenen Kühlschrank und Fernseher auskommen. Millionen Geräte wurden verkauft.

Und in noch einem Bereich sollten Krieg und Werbung das amerikanische Lebensgefühl dauerhaft verändern: Die Konservennahrung wurde nun endgültig ins Herz geschlossen. Hersteller von Dosen-Pressfleisch druckten Anzeigen mit Abbildungen von gesunden, pausbackigen GIs beim Mahl. Was für die Soldaten gut gewesen war, konnte doch für den Rest der Bevölkerung nicht schlecht sein! Denn hatte nicht Vitamin C aus Florida irgendwie die Japaner besiegt?



insgesamt 11 Beiträge
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Peter Hartung, 24.07.2014
1. Supermaus
Das 4. Bild in der Bildergalerie zeigt keine Superhelden-Version von Micky Maus, sondern eine eigene Figur, eben die Super Mouse, die später als "Mighty Mouse" weiter in eigenen Trickfilmen existierte.
Thomas Garn, 24.07.2014
2. Bild 9: Nix Teerbräune sondern Schottenkaro...
...und der Flugzeughersteller ist "Lockheed"
Steffen Hanne, 24.07.2014
3. Zu Bild Nr. 9 - Sonnencreme Tartan
Der Name Tartan mag seltsam erscheinen, erklärt sich aber, wenn man sich das Muster auf der Cremeflasche anschaut - ein Karomuster. Tartan ist bekanntermaßen der Name der schottischen Clanmuster. Hat zwar auch nicht mit Sonne zu tun, aber...
D. Prinz, 24.07.2014
4. Ohje,
es ist Sommerloch und wir Leser bekommen Werbeanzeigen aus den 40ern gezeigt, damit in der Überschrift "Hitler" verwendet werden kann ... Schreibt halt nichts, wenn es nichts zu Schreiben gibt.
Götz Heinrich, 24.07.2014
5. Lookheed?
Gemeint ist wohl Lockheed...
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