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28. Februar 2019, 11:19 Uhr

Uschi Glas wird 75

"Ich war das evangelische 'Negerlein' aus Niederbayern"

Ein Interview von

Als CSU-Zicke verspottet, als Quotenqueen vergöttert: Seit 1965 zählt Uschi Glas zu den deutschen Film- und Fernsehstars. Hier erzählt sie, warum sie sich nie vor der Kamera auszog - und als Buche wiedergeboren werden möchte.

Ein kesser Blick, ein beherzter Griff, schon gleitet das Minikleid zu Boden. Zum Vorschein kommt - nein, eben nicht die ganze Herrlichkeit der braven Barbara, sondern eine blütenweiße Korsage. Panzerartig umhüllt das Kleidungsstück die überbordenden Reize der Frau mit dem schwarzen Wuschelkopf.

Der Beinah-Striptease auf der Polizeiwache elektrisierte Millionen Zuschauer des Kultfilms "Zur Sache, Schätzchen" von 1968. Hauptdarstellerin: Uschi Glas. Status: unkaputtbares Superweib. Seit mehr als fünf Jahrzehnten prägt die Schauspielerin die deutsche Unterhaltungsbranche, jetzt wird sie 75 Jahre alt.

Überpünktlich huscht Frau Glas an diesem Februartag ins Café Kulisse an der Münchner Maximilianstraße. Eine zierliche Frau, kaum geschminkt, hellbeiger Mantel über hellbeigem Rollkragenpullover. Die Schauspielerin ist leicht verschnupft und dennoch bester Dinge, gleich muss sie zur Kostümprobe nebenan in den Kammerspielen.

einestages: Frau Glas, hängt die Korsage aus "Zur Sache, Schätzchen" noch bei Ihnen im Schrank?

Glas: Leider nein. Sie war so wunderschön, mit hellblauen Schleifchen und Rüschen dran. Ich hatte sie mir extra anfertigen lassen, um meine Haut zu retten.

einestages: Weil ursprünglich ein echter Striptease vorgesehen war?

Glas: Klar, ich hätte nackt sein sollen unterm Kleid, das war damals so üblich. Ich bekam Dutzende Drehbücher, wo schon auf Seite 15 die erste Entkleidung vorgesehen war, ob mit oder ohne Grund. Mit Nacktszenen wollte man die Filme aufmotzen. Und mit Bettszenen, so öden Turnhallen-Übungen, grauslich. Das will der Zuschauer doch gar nicht sehen. Ich habe dem "Schätzchen"-Produzenten Peter Schamoni von vornherein gesagt: Ich zeige mich nicht nackt!

einestages: Warum denn nicht?

Glas: Man zieht sich beim Spielen doch eh schon die Seele aus, das reicht völlig. Meine Agentin stritt mit mir rum, ich hätte doch so eine hübsche Figur und bräuchte mich nicht zu genieren. Am Set hieß es dann: "Stell dich nicht so an, wir können das ja auch von hinten drehen." Hilfe. In meiner Not bin ich zu Miederwaren Krines gegangen und ließ mir die Korsage schneidern. Als ich damit die Szene vorspielte, blieb den Männern die Luft weg.

einestages: Und Sie hatten Ihren Ruf weg als prüde Sauberfrau.

Glas: Hören Sie mir bloß auf damit. Was ist das denn, eine Sauberfrau? Ich hasse diese Zuschreibung, sie klebt seit Jahrzehnten an mir, verletzt mich immer noch. Ist eine Frau, die sich auszieht, denn eine Dreckigfrau?

einestages: Zumindest fand man es 1968 spießig, dass Sie partout keine Haut zeigen wollten.

Glas: Es reichte schon, dass ich pünktlich und geduscht morgens am Set erschien. Damit war ich die Oberspießerin, das war völlig verpönt in Schwabing. Am Set von "Zur Sache, Schätzchen" prallten zwei Welten aufeinander, die Dreharbeiten waren das pure Chaos. Ständig mussten wir unterbrechen, mein Filmpartner, der liebe Werner Enke, kam gern zu spät. Und wenn er dann kam, fand er, dass seine Nase heute so krumm sei und er nicht drehen könne.

einestages: Trotzdem wollten Sie den Film unbedingt machen.

Glas: Allein schon, weil eine Frau Regie führte, May Spils, das war damals revolutionär. Alle rieten mir ab: Um Gottes Willen, eine Low-Budget-Produktion, schwarz-weiß, weil das Geld fehlt.

Im Video: "Ich wollte den Film unbedingt machen"

einestages: Mit 6,5 Millionen Zuschauern schlug "Zur Sache, Schätzchen" sogar James Bond. Und atmete das Lebensgefühl der Achtundsechziger. Ihr Lebensgefühl?

Glas: Der Rainer Langhans hat mal gesagt, ich sei die einzige Achtundsechzigerin in ganz Bayern, weil ich immer gegen den Strom geschwommen bin. Das war ein solcher Gleichschritt damals, richtig totalitär. Wer anderer Meinung war, gehörte nicht dazu. Adé Demokratie! Völlig verlogen: Die Leute wählten SPD und behandelten ihre Teammitglieder schlecht. Weil ich die Willy-Brandt-Wahlkampagne nicht unterstützt habe, wurde ich öffentlich ausgebuht, vom jungen deutschen Film geächtet, als CSU-Zicke geschmäht.

einestages: Und, waren Sie das?

Glas: Eine CSU-Zicke? Nein (lacht). Auch wenn der Strauß immer gesagt hat: "Uschi, du musst in die Politik."

einestages: Immerhin haben Sie Helmut Kohl nach der CDU-Spendenaffäre im Rahmen einer Solidaritätsaktion 10.000 Mark überwiesen.

Glas: Das Geld ging nicht an ihn, sondern an den Bundestag. Ich entschloss mich dazu, weil ich verstanden hatte, dass Helmut Kohl sein Ehrenwort nicht brechen wollte. Die Spender hätten sich selbst outen müssen. Ich bin nun mal ein politischer Mensch, möchte mir meine Meinung selbst bilden. Ich liebe es zu hinterfragen. Mein Vater, ein aktiver Sozialdemokrat, meinte stets: Uschi, du bist grundsätzlich gegen alles.

einestages: Ihren Vater haben Sie erst als Dreijährige kennengelernt.

Glas: Er kehrte 1947 aus der französischen Kriegsgefangenschaft zurück. Eines Tages stand da plötzlich ein großer, schlanker Mann in der Tür. Für mich war das ein Fremder.

einestages: Hat er je mit Ihnen über den Krieg geredet?

Glas: Kein Wort, niemals. Das war wohl die Scham, mitgemacht zu haben. Ein großer Fleck auf der Seele.

einestages: Als zugezogene Protestanten hatten Sie es in Ihrer Heimatstadt Landau nicht leicht.

Glas: Zumal ich von uns vier Kindern den dunkelsten Teint hatte, dazu die schwarzen Locken. Als "Neger" haben mich die Mitschüler beschimpft. Und Ketzer. Wir durften zwar die katholische Kirche mitbenutzen, aber wenn der Gottesdienst vorbei war, räucherte der Mesner sie mit Weihrauch aus. Ich war das evangelische "Negerlein" aus Niederbayern! Lange wollte ich anders sein: groß, blond, blauäugig. Irgendwann habe ich mich dann akzeptiert.

einestages: Der Filmkarriere hat Ihr Aussehen jedenfalls nicht geschadet. Wo hat Produzent Horst Wendlandt Sie entdeckt?

Glas: Ich war 20 und sehr, sehr selbstbewusst (kichert). Ein Freund nahm mich in München mit zu einer Kinopremiere, danach diskutierten wir wild über den Film. Ein Unbekannter neben mir fragte erstaunt, ob ich vom Fach sei. Nein, sagte ich, aber dass ich es gern sein würde. Der Mann war Wendlandt - und machte mir mein erstes Rollenangebot.

einestages: Ein Internatszögling im Edgar-Wallace-Film "Der unheimliche Mönch".

Glas: Es folgte ein Ausbildungsvertrag bei Rialto-Film. Das Problem war mein Sekretärinnen-Job bei einem Fuhrunternehmen: Ich hatte meinem Chef das Ehrenwort gegeben, dass ich nach dem Film zurückkehre. Tragischerweise verunglückte er tödlich. Die Firma wurde aufgelöst, ich arbeitslos. Da unterschrieb ich bei Rialto.

einestages: Und sahen von Ihren ersten Filmen kaum Geld.

Glas: 1200 Mark pro Monat, um genau zu sein. Ich bekam eine große Chance, durfte Schauspielunterricht in München nehmen, auch in London, um die Sprache richtig zu lernen. Eine tolle Zeit: Wenn ich an die Karl-May-Verfilmung "Winnetou und das Halbblut Apanatschi" im damaligen Jugoslawien denke: Jeden Tag zu den Dreharbeiten mit dem Lkw in die Berge, 14-Stunden-Tage, immerzu Kartoffeln, fettes Fleisch, Tomaten. Meine Eltern besuchten mich am Set und legten ihre Abneigung gegen den Beruf ab. Hoppla, sagte mein Vater, ihr sitzt ja gar nicht in der Hollywoodschaukel und trinkt Champagner.

einestages: Sicher hatte er auch Angst um Sie. Haben Sie Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen gemacht?

Glas: Mir ist es nie passiert. Ich glaube, die Männer ahnten, dass sie sich sehr in Acht nehmen müssen. Einmal hat mir ein italienischer Schauspieler ohne Vorwarnung einen Zungenkuss verpasst statt eines Filmkusses. Ich habe sofort abgebrochen und ihn bloßgestellt. Ein anderes Mal meinte ein recht berühmter Regisseur zu mir: Uschi, bevor wir loslegen, muss ich dich erst brechen. Das war ein sehr spezieller #MeToo-Moment.

einestages: Was meinte er mit "brechen"?

Glas: Keine Ahnung. Er wollte mein Wesen ändern, eventuell auch mit Gewalt. Da bin ich aufgestanden und gegangen. Bei Drehbüchern habe ich mir immer genau die Rolle angeschaut und überlegt: Kann ich das oder würde ich daran zugrunde gehen? "Trio infernal" war so ein Film.

einestages: Sie hätten 1974 an der Seite von Romy Schneider und Michel Piccoli drehen können.

Glas: Wie schön wäre das gewesen! Ich hatte das Glück, Romy Schneider in Rom kennenzulernen. Wir diskutierten viel und mochten uns sehr. Aber ich konnte diesen Film einfach nicht machen, als nymphomanische Kriminelle - nie im Leben. Ich hätte meine Seele opfern müssen. Mascha Gonzka, die statt mir die Rolle übernahm, ist daran zerbrochen.

einestages: Stattdessen haben Sie immerzu die adrett-patente Powerfrau gemimt, ob als Tierärztin, Kieswerkbesitzerin Anna Maria oder Anwältin. "Reh vom Dienst" hat ein Journalist Sie genannt, "Madonna des Mittelwegs" ein anderer.

Glas: Die Kommentare kommen von Leuten, die mich nie persönlich getroffen haben, das kränkt mich. Ich finde, um sich ein Bild zu machen, müsste man die Person wenigstens treffen, oder?

einestages: Ist das Attribut "Quotenqueen" für Sie Schimpfwort oder Kompliment?

Glas: Warum soll es ein Makel sein, einen Straßenfeger hinzulegen? Ich mache meine Filme für das Publikum und hoffe immer, dass das gelingt. Ich will doch, dass die Leute reinschalten, die Bude voll ist. Was nützt mir ein Künstlerfilm, den keiner sehen will? Jeder Unternehmer will erfolgreich sein - der Metzger will ja auch seine Wurscht verkaufen!

einestages: Im Alter sind Sie selbstironischer geworden, sprangen bei "Fack ju Göhte" als ausgebrannt-knittrige Lehrerin aus dem Fenster und gaben bei einer Soko-Stuttgart-Serie sogar die "Cremeprinzessin".

Glas: Man muss auch über sich selbst lachen können, Selbstironie schadet nicht. Obwohl, das mit der Creme wurmt mich noch immer.

einestages: Die Stiftung Warentest hatte Ihre Hautcreme 2004 mit "mangelhaft" bewertet.

Glas: Das war meines Erachtens ein abgekartetes Spiel. Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 100.000 Tiegel verkauft, die Retourenquote war gleich null. Und dann das, ein Desaster. Ich bin mir sicher: Die Wahrheit wird irgendwann ans Licht kommen.

einestages: Sie werden jetzt 75. Bereuen Sie es, dass Sie zugunsten Ihrer drei Kinder auf eine Hollywood-Karriere verzichtet haben?

Glas: Überhaupt nicht. Ich habe immer davon geträumt, eine Familie zu haben. So wichtig ist mir die Arbeit nicht.

einestages: Ihr peinlichster Film?

Glas: Na ja, die meisten Filme habe ich selbst gar nicht gesehen (lacht). Es gab bestimmt manche, die ich nicht hätte machen müssen. Aber so richtig unangenehm ist mir keiner.

einestages: Gleich müssen Sie zur Kostümprobe. Verraten Sie uns, woran Sie gerade arbeiten?

Glas: Ein Fernsehfilm, mehr darf ich nicht sagen. Ich habe gut zu tun, aber es könnten mehr Angebote sein. Ein Mann, der älter wird, ist automatisch attraktiver, Fältchen und graue Haare gelten da als cool. Wir Frauen sind da nach wie vor benachteiligt.

einestages: Klingt, als hätten Sie Angst vor Ihrem Geburtstag.

Glas: Überhaupt nicht! Ich bin gesund, habe einen tollen Mann, meine Kinder und einen bezaubernden kleinen Enkelsohn. Wenn Frauen über ihr Alter klagen, sage ich immer: Dann müsst ihr halt früher sterben.

einestages: Wird Angela Merkel wieder eine Laudatio halten, wie bei Ihrem 60.?

Glas: Wäre sehr schön, diese Frau ist nach wie vor ein großes Vorbild für mich. Aber mein Mann hat mir eine Reise geschenkt, wir verschwinden Richtung Süden.

einestages: Letzte Frage: Sie sagten einmal, dass Sie als Buche wiedergeboren werden möchten. Wieso das?

Glas: Die Buche hat einen wunderschönen Stamm, ganz glatt, nicht so knorrig wie die Eiche. Und dann diese hellgrünen Blättchen im Frühling, das Licht, wenn man drunter steht! Das Leben ist ein ewiger Kreislauf, ich glaube nicht, dass wir verloren gehen. Die Energie bleibt immer da.

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