Uwe Seeler über das Wembley-Tor "Wir hätten ein geschenktes Tor auch genommen"

Drin oder Linie? 50 Jahre nach dem Wembley-Tor erinnert sich Uwe Seeler an den Moment der Entscheidung - und erklärt, warum er den Protest seiner Mannschaftskollegen unterdrückte.

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Über das berühmte dritte Tor der Engländer im WM-Finale von 1966 will ich hier gar nicht mehr viel sagen. Es war ja auch gar keins!

Vielleicht nur das: Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz hatte unmittelbar nach dem Schuss von Geoffrey Hurst, der von der Latte abprallte und dann von Wolfgang Weber über unsern Kasten geköpft wurde, Eckball angezeigt. Ich befand mich damals, ähnlich wie Dienst, etwa an der Strafraumgrenze und hatte die Szene genauso interpretiert. Ich dachte noch: Puh, Glück gehabt, das war ganz schön knapp! Doch dann lief Dienst plötzlich zur Seitenlinie, befragte seinen Linienrichter Tofik Bachramow und änderte daraufhin seine ursprüngliche Entscheidung: Tor!

Dienst war eigentlich ein absoluter Weltklasse-Schiedsrichter, der völlig zu Recht dieses Endspiel leiten durfte. Umso geschockter waren wir alle. Warum ließ er sich so beeinflussen? Noch dazu von einem Mann, der viel weiter vom Geschehen entfernt positioniert war und eine deutlich schlechtere Sicht hatte als er selbst? Was Dienst da geritten hat, ist mir schleierhaft. Das hat uns wirklich wehgetan.

Im Video - Erinnerungen an das Wembley-Tor:

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Ich habe mit Dienst, der eigentlich ein kommunikativer Typ war, nach dieser Szene kein Wort mehr gewechselt. Auf dem offiziellen Bankett der Fifa nach dem Spiel waren er und sein Gespann "nicht zu sprechen". Er hat nicht gerade unsere Nähe gesucht. Vermutlich hatte er ein schlechtes Gewissen. Und wir haben ihn nicht mehr angeguckt.

Den Engländern, denen man wohl beigebracht hatte, möglichst früh die Hände zum Jubel hochzureißen, auch um die Schiedsrichter zu beeinflussen, will ich dagegen keinen Vorwurf machen. Wir hätten so ein geschenktes Tor sicher auch genommen. Ich weiß noch, wie Wolfgang Weber zu Bobby Charlton rannte und ihm die Arme runterdrückte, nach dem Motto: Was soll das? Hör auf damit! Du hast doch genau gesehen, dass der Ball nicht drin war!

50 Sekunden unmittelbare, 50 Jahre nachfolgende Diskussionen

"Bulle" Weber, Wolfgang Overath und Franz Beckenbauer, unsere Youngster, alle noch keine 23 Jahre alt, sind dann noch auf Dienst und Bachramow zugestürmt. Da bin ich als Kapitän aber sofort dazwischen gegangen und habe die drei weggejagt: "Hört auf zu protestieren, der Schiedsrichter hat entschieden!" In diesen Kategorien haben wir damals gedacht, so sind wir groß geworden.

Natürlich fühlte auch ich mich betrogen. Ich war ziemlich wütend, zugleich aber kurioser Weise auch sehr kontrolliert. Mein Eingreifen erfolgte ohne großes Nachdenken, automatisch. Es war das Resultat langjähriger Prägung. Seit meinem ersten Auswärtsländerspiel im Dezember 1954 war mir immer wieder eingetrichtert worden, dass wir unbedingt ruhig bleiben und nicht lange diskutieren oder großes Theater veranstalten sollten.

Bevor wir ins Ausland gefahren sind, hat Bundestrainer Sepp Herberger erst einmal einen Vortrag darüber gehalten, was wir Deutschen da im Krieg gemacht hatten, was alles vorgefallen war. Helmut Schön, Herbergers Nachfolger ab 1964, hat das übernommen. Unser Torwart Hans Tilkowski, der älteste im WM-Kader von 1966, ist 1935 geboren. Wir alle hatten mit dem Krieg nichts zu tun, sondern nur mit den Kriegsfolgen. Aber dennoch gab es damals natürlich Vorbehalte gegen uns Deutsche. Gerade in Frankreich und England begegnete man uns sehr reserviert, ja manchmal auch offen feindselig. Vorm Endspiel in Wembley wies mich Helmut Schön zudem nochmal extra darauf hin, dass auch die Queen im Stadion zugegen sein würde. Vor ihren Augen würde allzu großes Lamentieren und aggressives Auftreten erst recht keinen guten Eindruck machen.

So vergingen vom umstrittenen Aufprall des Balls vor unserem Tor bis zu unserem Wiederanstoß im Mittelkreis gerade mal 50 Sekunden - jemand hat das nachträglich mal anhand der TV-Bilder genau nachgestoppt. Nicht mal eine Minute Diskussion über die wohl kontroverseste Szene der Fußballgeschichte! Schon verrückt, erst recht, wenn man bedenkt, dass wir jetzt, nach 50 Jahren, noch immer darüber sprechen.

Waren wir als Mannschaft zu brav? Ich denke nicht. Wir wollten uns einfach nicht länger als nötig mit diesem extrem ärgerlichen Rückschlag aufhalten. Mund abputzen und schnell weiter! Zum einen glaubten wir in diesem Spiel und den verbleibenden 20 Minuten an unsere Chance, noch den Ausgleich erzielen und ein Wiederholungsspiel am darauffolgenden Dienstag erzwingen zu können. Schließlich hatten wir es ja schon in der letzten Minute der regulären Spielzeit auch in die Verlängerung geschafft. Zum anderen hatte uns der Turnierverlauf gelehrt, dass Besonnenheit durchaus als Erfolgsrezept taugt. In der Vorrunde gegen Argentinien und vor allem im Viertelfinale gegen Uruguay hatten wir uns von der knüppelharten Gangart des Gegners nicht anstecken und provozieren lassen.

Doch diesmal gab es kein Happy End für uns. Im Gegenteil: Geoff Hurst vollendete in der Schlussminute einen Konter zum 4:2. Auch das war kein regulärer Treffer, da sich schon Zuschauer, die meinten, der Schlusspfiff sei ertönt, auf dem Spielfeld befanden.

Würdige Botschafter Deutschlands

Fighten bis zum Schluss, alles aus sich herausholen, voller Einsatz - das Ganze aber bitteschön immer in einem gewissen Rahmen. Das Sprichwort vom "gewinnen wollen" und "verlieren können" hatte mir schon mein Trainer Günther Mahlmann in der Jugend beim HSV beigebracht. Es war im Laufe meiner Karriere zu meinem fußballerischen Motto geworden und ist es bis heute geblieben. Niemand verliert gerne. Doch man kann auch aus Niederlagen lernen und an ihnen wachsen. Sich ärgern ist okay, aber irgendwann ist dann auch mal gut, dann geht es weiter.

Natürlich wäre ich gerne Weltmeister geworden, das muss ich nicht extra betonen. Und zugegeben: Es fiel mir nicht leicht, diese extrem unglückliche, ja unfaire Niederlage von Wembley zu schlucken und meiner Maxime treu zu bleiben. Ich war physisch wie psychisch fix und fertig und erlebte die Minuten nach dem Abpfiff wie in Trance: das Händeschütteln und die Umarmungen mit den Engländern, der Gang hoch in die Royal Box zu Queen Elizabeth II., die für ein unterlegenes Team eigentlich unübliche Ehrenrunde, auf der uns nicht nur die 10.000 deutschen Schlachtenbummler, sondern alle 100.000 Zuschauer frenetisch beklatschten.

Erst in der Kabine haben sich viele von uns langsam wieder berappelt. Es herrschte extreme Niedergeschlagenheit. Groß diskutieren wollte keiner mehr. Wir haben es hingenommen. Willi Schulz, mein langjähriger Mitspieler in der Nationalmannschaft und beim HSV, ein eisenharter Verteidiger und auch sonst alles andere als ein Sensibelchen, sagte mir: "Uwe, diese Tränen trocknen nie!" Helmut Schön versuchte uns zu trösten. Er hielt eine Ansprache, in der er unsere Haltung lobte: "Männer, lieber guter Zweiter als schlechter Erster. Ihr habt Deutschland heute wirklich würdig vertreten!"

Aus Gegnern sind Freunde geworden

Dass nicht nur unser Trainer so dachte, merkten wir, sobald wir das Stadion verließen. Überall, wo wir hinkamen, wurden wir bejubelt. So etwas hatte ich im Ausland bis dahin noch nie erlebt. Nach dem Fifa-Bankett sind wir mit neun, zehn Mann noch in die Londoner Innenstadt gefahren, um ein paar Biere zu trinken. In einer Riesen-Disco hat Max Lorenz, unser Verrückter, die Bühne geentert und wollte die Kapelle dirigieren. Ich dachte nur: "Oh Gott, das geht nicht gut, der kriegt gleich ordentlich auf die Fresse." Aber Max, der nur ein paar Brocken Englisch sprach, hat in seinem Bremer Platt und mit Händen und Füßen fuchtelnd die Musiker eingestimmt: "Da-da-damm-damm-damm" und dann zum Publikum gewandt. "Und jetzt alle: high!" Die Engländer haben alles verstanden, mitgemacht und sind aufgesprungen. Standing Ovations für uns - sensationell!

Auch das bleibt von Wembley 1966. Heute, nach 50 Jahren, kann ich sagen, dass ich und glücklicher Weise auch alle anderen aus unserem Team längst unseren Frieden mit diesem Spiel gemacht haben. Seine besonderen Begleitumstände haben uns und unsere Gegner von damals nicht auseinander gebracht. Im Gegenteil: Aus Rivalen sind echte Freunde geworden. Immer wieder taucht das Thema auf, werden die Fotos und Filmschnipsel vom 30. Juli 1966 hervorgeholt. Es wird kräftig geflachst und gefrotzelt. Ob Engländer oder Deutscher, ob Stürmer oder Verteidiger bzw. Torwart, ob direkt Beteiligter oder entfernter Beobachter - jeder hat seine spezielle Rolle und spielt sie routiniert und mit einem Augenzwinkern. Die Tränen sind so dann doch getrocknet, die schmerzenden Wunden gut verheilt. Über vieles kann ich inzwischen herzlich lachen. Und ich glaube, so muss das im Sport auch sein.

Aufgezeichnet von Broder-Jürgen Trede.



insgesamt 9 Beiträge
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Jens Mährländer, 29.07.2016
1. Ein ganz großer Sportsmann!
Uwe Seeler war schon mein Idol, als ich 8 Jahre alt war und er ist es immer noch. Ein absolut untadeliger Sportsmann und Mensch. Danke, Uwe!
Kai Schwarz, 29.07.2016
2. Nicht nur im Sport, lieber Uwe Seeler
Wenn wir in Politik und Wirtschaft mehr Leute Ihres Formats und mit Ihren Werten haetten, saehe die Welt nicht so aus, wie sie heute aussieht. Beste Gruesse von einem Uwe Seeler- und HSV-Fan aus dem fernen Brasilien
Peter Ott, 29.07.2016
3. Respekt, Uwe
Respekt !
Peter Moch, 29.07.2016
4. Lieber Uwe Seeler,
es gibt Ihren Worten eigentlich nichts hinzuzufügen. Ich habe damals (11 Jahre alt) das "Nichttor" im Fernsehen geschaut und war sehr maulig. Mein Vater benutzte damals die gleichen Worte wie Sie. Er sagte: "Das ist Sport, die Entscheidung steht, man muss sie mit Haltung akzeptieren." Eine solche Haltung vermisse ich heute generell (nicht nur auf dem Fussballplatz). Merke: Wo alles dem Geld untergeordnet ist, bleiben Menschlichkeit und Gelassenheit auf der Strecke.
Max Seelhofer, 29.07.2016
5. Der Ball war nicht drin:
Der Ball war nicht drin: https://www.youtube.com/watch?v=HeXWEVXhdUo Alles klar?
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