Vergangenheitsbewältigung "Das hätten wir uns nicht träumen lassen"

Lange Zeit galten die Verbrechen an Juden und Roma in Rumänien als "vergessener Holocaust". Inzwischen setzt sich das Land verstärkt mit seiner Geschichte auseinander. Der Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz über ein altes Tabu.

REUTERS

einestages: Herr Professor Benz, auf einer Tagung in der rumänischen Botschaft in Berlin haben Sie vor kurzem mit anderen Historikern über die Erforschung und Bewältigung des südosteuropäischen Holocaust diskutiert. Rumänien, so sagten Sie, habe dabei einen "Quantensprung" gemacht...

Benz: Der rumänische Oberrabbiner Alexandru Safran hat die Judenverfolgung in seiner Heimat zu Recht den "vergessenen Holocaust" genannt. Die Erinnerung an die Vernichtung von etwa 350.000 Juden und Roma wurde bis in jüngste Zeit abgewehrt und verdrängt. Vor zwanzig Jahren, als wir in unserem Institut mühselig begannen, über den noch völlig unbekannten rumänischen Holocaust zu arbeiten, hätten wir uns nicht träumen lassen, dass hier in solcher Runde von "Erinnerungskultur" die Rede sein und ein Mahnmal für Bukarest vorgestellt würde.

einestages: Das Memorial, mit dem der in Rumänien geborene, deutsche Bildhauer Peter Jacobi beauftragt worden ist, signalisiert das Ende der Abwehr?

Benz: Das Mahnmal wird gegenüber dem Bukarester Innenministerium errichtet, von dem damals die Befehle zu Deportation und Mord ausgegangen sind. Im Oktober 1941 wurden 145.000 Juden nach Transnistrien deportiert, weshalb vor zwei Jahren der 9. Oktober zum Gedenktag an den rumänischen Holocaust wurde. Zum diesjährigen Jahrestag hat Staatspräsident Traian Basescu Überlebende mit hohen Auszeichnungen geehrt, er hat sich zur Schuld bekannt und für die Bekämpfung von Antisemitismus und Aufklärung an Schulen eingesetzt.

einestages: Weshalb hat es so viele Jahre gedauert, bis dieser Schritt getan wurde?

Benz: Die Massenverbrechen, die sich zwischen 1941 und 1944 in Transnistrien, dem von rumänischen und deutschen Truppen besetzten Gebiet zwischen Bug und Dnjestr, ereigneten, wurden lange aufs deutsche Konto geschoben. Und heute noch sind viele Rumänen der Überzeugung, dass "ihre" Juden eher glimpflich davongekommen seien, weil Hitlers Verbündeter, der rumänische Militärdiktator Ion Antonescu, sich Berlin gegenüber durchaus eigenwillig behauptete. Tatsächlich war Rumänien ein Sonderfall. Die volle historische Wahrheit ist freilich unangenehmer.

einestages: Auf welche Weise reagierte Antonescu 1941 auf das deutsche Drängen, die rumänischen Juden zur Vernichtung auszuliefern?

Benz: Als rumänische Juden sah Antonescu nur diejenigen an, die im Kernreich, im zentralen Altrumänien, lebten: Sie wurden zwar schikaniert und ausgeplündert, aber die Regierung in Bukarest war nicht bereit, diese Juden im Rahmen der "Endlösung" auszuliefern und ermorden zu lassen - zum Ärger der deutschen Berater, das waren vor allem der Gesandte Manfred von Killinger sowie Gustav Richter, Eichmanns Statthalter in Bukarest.

einestages: Weshalb traf es dann ab Sommer 1941 die Juden aus Bessarabien und der Bukowina umso schlimmer?

Benz: Diese kurzzeitig an die Sowjetunion verlorenen Gebiete wurden im Juli 1941 mit deutscher Hilfe zurückerobert, damit begann das Grauen: Der Vorwurf, die rumänischen Juden dort hätten im "Russenjahr" 1940/41 mit den Sowjets paktiert und für sie spioniert, diente als Vorwand für Pogrome, denen dann die Deportationen nach Transnistrien folgten. Verhöhnt und misshandelt, wurden die Juden in qualvolle Bahntransporte und dann auf Todesmärsche gezwungen, Beraubung, Misshandlung und willkürliche Erschießungen waren an der Tagesordnung. Allein aus Czernowitz wurden in der ersten Novemberhälfte 1941 etwa 30.000 Menschen deportiert, das war die Mehrheit der dort lebenden Juden.

einestages: Was unterschied die rumänischen Ghettos und Lager zwischen Djnestr und Bug vom deutschen KZ-System?

Benz: Sie waren, anders als die bürokratisch und perfekt durchdachten deutschen Vernichtungsstätten wenig organisiert, das machte sie aber für die Opfer nicht erträglicher. Nach Berichten Überlebender schien die Verfolgung durch rumänisches Militär und rumänische Polizei ziellos, sie war von Sadismus und Ausbrüchen nationalistischen Hasses geprägt und, so heißt es, oft grausamer als die durch die Deutschen.

einestages: Eines der größten Massaker an jüdischen Opfern während des Zweiten Weltkrieges überhaupt ereignete sich damals in Odessa, das zu Transnistrien kam...

Benz: Antonescu bezichtigte die Juden dort, "sowjetische Kommissare" geworden zu sein. Nach einem Attentat auf die rumänische Militärkommandatur in Odessa wurden am Morgen des 23. Oktober mindestens 25.000 Juden durch rumänische Truppen erschossen, gehängt oder auch lebend verbrannt.

einestages: Der Holocaust in Transnistrien ist also mehr als ein Nebenschauplatz der Judenvernichtung des nationalsozialistischen Deutschland und seiner Verbündeten...

Benz: Außer Deutschland, das ist die Bilanz des Berichtes einer 2003 vom damaligen Staatspräsidenten Ion Iliescu eingesetzten internationalen Kommission zur Erforschung des rumänischen Holocaust, dessen Vorsitz Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel übernahm, ist kein Land in einem solchen Ausmaß am Judenmord beteiligt gewesen.


Wolfgang Benz leitet das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin.

Das Interview führte Renate Nimtz-Köster



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