Verlag stoppt Holocaust-Biografie Die Lüge vom "Engel am Zaun"

Eine Neunjährige steht am Zaun eines KZs und steckt einem Gefangenen Äpfel zu. 12 Jahre später treffen sich die beiden in den USA wieder, sie wird seine große Liebe: Mit dieser Geschichte hat der Holocaust-Überlebende Hermann Rosenblat ein Millionenpublikum gerührt. Jetzt gibt er zu: Sie ist erlogen.

AP

Eine unglaubliche Geschichte, fast so schön wie im Film: Im Konzentrationslager Schlieben, einem Außenlager des KZ Buchenwald bei Weimar, lernt der Häftling Herman Rosenblat im nationalsozialistischen Deutschland ein Mädchen kennen, das als Christin getarnt, in der Nähe des Lagers lebt. Die neunjährige Roma Radzicki steckt dem Jungen Äpfel durch den Zaun und hilft ihm so, die Haftzeit zu überleben. Zwölf Jahre später treffen sich die beiden in Coney Island, New York, wieder. Sie verlieben sich ineinander und heiraten.

Herman Rosenblat hat diese Geschichte aufgeschrieben, doch nun hat sein Verlag Berkley Books die für Anfang Februar geplante Veröffentlichung gestoppt. Der Grund: Die Liebesgeschichte als Teil von Rosenblats Memoiren mit dem Titel "Engel am Zaun" ist frei erfunden. Am Sonntag entschuldigte sich der 79-Jährige dafür. Er habe die Geschichte mit dem Mädchen und dem Apfel geschrieben, weil er "Menschen glücklich machen wollte", zitiert ihn die "New York Times". Seine Motivation sei es gewesen, Gutes zu tun. Menschen sollten sich lieben und tolerieren, nicht hassen, sagte Rosenblat.

Aufgedeckt worden war die erfundene Geschichte in der Blogosphäre und mit einem Artikel im Politikmagazin "The New Republic". Holocaust-Experten war aufgefallen, dass Details der Geschichte nicht stimmen konnten. So sei es in Schlieben aufgrund der Anordnung des Lagers gar nicht möglich gewesen, dass sich das Paar hätte am Zaun treffen können.

Von der Liebesgeschichte war vor zwei Jahren bereits in einem Magazin zu lesen gewesen. Millionen Zuschauer hatten außerdem davon erfahren, als Herman Rosenblat und seine Frau Roma Radzicki Gäste in der Show von Amerikas berühmtester Talkmasterin Oprah Winfrey waren.

Während der Berkley-Verlag, der zur Penguin-Gruppe gehört, wegen "neuer Informationen" nun auf die geplante Veröffentlichung verzichtet, soll es die unglaubliche Liebesgeschichte dennoch bald als Film geben. Die Firma Atlantic Overseas Pictures des Produzenten Harris Salomon, die Rosenblats Memoiren zu einer Kinoversion verarbeiten wollte, hält laut "New York Times" an ihrem Projekt fest. Sie plane jetzt einen Film mit fiktionalen Elementen. Rosenblat habe sich damit einverstanden erklärt, alle Einnahmen aus dem Film an Holocaust-Überlebende zu spenden, teilte der Produzent mit.



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Martin Salzburger, 30.12.2008
1.
Es ist nicht die Frage, wie man Geld verdient, sondern wieviel. Die Holocaust-Industrie machts möglich. M.S. München Entrüstung ist nicht angebracht, es gab schon etliche Fälle, wen stört's im nachhinein, wenn alles erlogen ist, aber das Geld in der Tasche. In Zeiten globaler Wirtschaftskrisen stoßen aber Zeitgenossen, die sich auf der Basis von Lügen Wohlstand verschaffen, sauer auf.
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