Verschollene Hemingway-Briefe Post vom knallharten Softie

Abenteurer, Großwildjäger, Teufelskerl - Ernest Hemingway gab sich gern als hartgesottener Lebemann. Doch neu entdeckte Briefe an einen alten Freund zeigen eine ganz andere Seite. In ihnen schrieb der Autor von Gebrechen, Steuersorgen, unerwiderter Liebe - und bitteren Tränen um ein Haustier.

John Fitzgerald Kennedy Library

Von , New York


Die Fracht war so kostbar, dass Susan Wrynn nicht wagte, sie als Fluggepäck aufzugeben. Stattdessen schleppte sie den Schatz, den sie in Venedig entdeckt hatte, im Handgepäck mit, über London bis nach Boston. Die wahre Nervenprobe kam am Flughafen Heathrow: Da hatte Wrynn sechs Stunden Aufenthalt. "Ich guckte nur auf die Tasche", erinnert sie sich.

In den Aktenmappen der Kuratorin der Ernest Hemingway Collection an der John F. Kennedy Presidential Library in Boston lag eine Entdeckung, die das Bild eines der berühmtesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts dramatisch verändern könnte: 15 Briefe aus der Feder Hemingways, die meisten unbekannt und lange verschollen. Die Korrespondenz mit seinem italienischen Freund Gianfranco Ivancich. Sie umspannt die letzten Jahre, bevor Hemingway sich 1961 erschoss und ist eine kleine Sensation. Denn sie enthält Aufzeichnungen, die so gar nicht zu dem Bild des Machos passen, das dem Schriftsteller anhängt.

"Das ist nicht der Hemingway, den wir kennen"

Gianfranco Ivancich ist heute Anfang 80. Er verkaufte die Briefe an die Library unter der Voraussetzung, dass Wrynn sie in Venedig, wo er wohnt, persönlich entgegennehme. Hemingway und der 20 Jahre jüngere Ivancich hatten sich 1949 in der Bar des Hotels Gritti Palace in Venedig kennengelernt. Der Schriftsteller hatte sich in die Schwester des jungen Mannes, Adriana Ivancich, verliebt, und machte sie zu seiner Muse. Beide Männer waren im Krieg an den Beinen verwundet worden und verstanden sich auf Anhieb, trotz ihres Altersunterschieds. Sie waren "compagni d'arme" - Waffenbrüder. Obwohl Hemingway rastlos um die Welt reiste, schrieb er seinem Freund von überall - aus Madrid, Paris, Nairobi, vom Kilimandscharo, aus Kuba, wo er damals lebte, und aus Ketchum im US-Bundesstaat Idaho, wo er sich später umbrachte.

Vier Monate lang hat die Library diese Briefe unter Verschluss gehalten, um sie zu analysieren und zu konservieren. Doch jetzt sind die Dokumente erstmals für Forscher offen zugänglich. Sie offenbaren, mal getippt, mal in erstaunlich dekorativer Schreibschrift, ungewohnte Züge des Nobelpreisträgers, der sich sonst so stolz als Macho gerierte, ob beim Stierkampf, bei der Großwildjagd oder mit seinen Frauengeschichten. "Das ist nicht der Hemingway, den wir kennen", sagt Wrynn. "In den Briefen sehen wir eine wärmere Seite."


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Die Briefe, die er von 1953 bis 1960 an seinen italienischen Freund schickte, unterzeichnete er oft liebevoll mit "Mr. Papa" oder "Papa". Er äußert darin Gefühle, die so gar nicht zu dem Bild des hartgesottenen Großwildjägers passen - etwa, wie sehr er um den Tod seiner geliebten Katze Uncle Willie trauerte.

Der große Hemingway weint

Uncle Willie wurde in Kuba angefahren und brach sich beide rechten Beine. Um sie von ihren Qualen zu erlösen, tötete Hemingway sie mit einem Kopfschuss - und war am Boden zerstört. "Ich habe Menschen erschießen müssen, doch nie jemanden, den ich gekannt und elf Jahre lang geliebt habe", klagte er am 22. Februar 1953 in einem Brief. "Nicht jemanden, der schnurrte, mit zwei gebrochenen Beinen."

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Post von Hemingway: Gebrechen, Steuersorgen und eine tote Katze

Schlimmer noch: Am selben Tag suchte ihn eine Gruppe Touristen heim. "Ich hatte das Gewehr noch in der Hand und erklärte ihnen, dass sie zu einer schlechten Zeit gekommen seien und das bitte verstehen und verschwinden sollten", schrieb Hemingway. Aber einer aus der Gruppe, den der Schrifsteller nur den "Cadillac-Psycho" nennt, habe gesagt: "Wir sind zu einer höchst interessanten Zeit gekommen. Gerade rechtzeitig, um den großen Hemingway weinen zu sehen, weil er eine Katze töten musste." Hemingways Verachtung trieft aus jeder Zeile des Briefes.

Die Briefe beschreiben den Alltag des depressiven, trunksüchtigen Schriftstellers - der oft so gar nicht abenteuerlich, sondern ernüchternd banal war: "Mary und ich fuhren für 13 Tage nach Paraiso", berichtete Hemingway in einem Brief vom 15. April 1953. "Das Wetter war viel besser als letztes Jahr, und es gab mehr Fische. Wir haben im Schnitt 20 gute Fische am Tag gefangen… Ich habe hart trainiert und bin in guter Form; kein Bauch und Indio-Tostado-Farbe." Auch sein Blutdruck und seine Leberwerte seien bestens. Da klingt er selbst fast wie ein Tourist.

"Mein Gedächtnis ist sehr schlecht"

Doch schon im folgenden Jahr nahm Hemingways Leben eine dramatische Wendung: Gleich zweimal kam er bei Flugzeugabstürzen in Afrika fast ums Leben. Der erste ereignete sich bei einem Sightseeing-Trip in Belgisch-Kongo, der zweite tags darauf auf dem Weg ins Hospital in Entebbe. Hemingway erlitt Verbrennungen, schwere Kopfwunden und innere Verletzungen. Es war der Beginn seines quälend lang andauernden physischen Verfalls.

Auch davon berichtet Hemingway unverblümt in den Briefen. So klagte er in einem Brief vom 31. Januar 1958: "Mein Gedächtnis ist seit dem Flugzeugunglück von 1954 sehr schlecht". Trotzdem blieb der Schriftsteller unermüdlich. "Ich habe furchtbar hart gearbeitet", schrieb er Ivancich am 30. Mai 1960. "Habe seit Ende Januar mehr als 100.000 Worte geschrieben." Er habe ein Buch fertig und ein weiteres zu zwei Dritteln, aber "keines zur Veröffentlichung in diesem Jahr, weil die Einkommenssteuer so schon so hoch ist, dass uns alle weiteren Einnahmen ins Armenhaus bringen würden".

Der lange und offenherzige Briefwechsel war wohl auch ein Versuch Hemingways, eine Verbindung zu Adriana Ivancich zu halten. Der Autor, zum vierten Mal verheiratet, war hoffnungslos verliebt in die schöne Aristokratentochter, die er 1948 kennengelernt hatte, als sie 18 Jahre alt war. Adriana beharrte auch nach Hemingsways Tod darauf, dass die Beziehung rein platonisch gewesen sei. So oder so: Als sie Hemingway 1950 in Kuba besuchte, wurde sie seine Muse und beflügelte seine Kreativität. Im selben Jahr verewigte er sie in seinem Roman "Über den Fluß und in die Wälder", 1952 inspirierte sie ihn zu "Der alte Mann und das Meer". Die Veröffentlichung von "Über den Fluß und in die Wälder" untersagte Hemingway in Italien lange. Die Gerüchteküche brodelte umso mehr.

"Ich wünschte, dass du Nachricht von ihr geben könntest"

Hemingways Sehnsucht nach seiner Angebeteten klingt zum Beispiel in einem Brief vom 25. Mai 1956 durch: "Gianfranco, es ist schwer, einen Brief über deine Abreise zu schreiben, ohne sentimental zu werden, und sehr schwer, einen Brief nach Venedig zu schreiben, ohne Adriana zu erwähnen, aber ich tue es trotzdem." Und am 7. Januar 1959 fleht er: "Ich sorge mich um A. und wünschte mir, dass du mir Nachrichten von ihr geben könntest - gute oder schlechte."

Aber auch Adrianas Bruder - der eine Zeitlang im Gästezimmer der Hemingway-Finca gewohnt hatte - fehlte ihm. "Wir vermissen dich sehr, und es ist einsam, wenn man jemanden wie einen Bruder sieht und ihn dann verliert", schrieb er im Mai 1956. "Jetzt habe ich keinen Bruder und weder einen guten Trinkkumpan noch einen fleißigen Bananenpflanzer."

1960 kehrte Hemingway Kuba den Rücken, vagabundierte noch ein wenig durch die Welt und zog schließlich ganz nach Idaho. Alkoholkrank, depressiv und schmerzgeplagt, erschoss er sich dort am 2. Juli 1961. Zu seinem Begräbnis waren nur engste Familienmitglieder und Freunde zugelassen. Einer war Gianfranco Ivancich.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Armand Jahraus, 08.04.2012
1.
Hallo, man kann doch ein Macho sein und um seine Katze weinen. Also ich sehe da kein Problem drin. Ist es nicht merkwürdig, was für Menschenbilder uns vermittelt werden?
Volker Altmann, 08.04.2012
2.
Großwildjäger, Freund des Stierkampfes - und das Bedauern über den Tod seiner Katze geht ihm näher, als die Menschen, die durch seine Hand gestorben sind. Wie sieht wohl eine Katze aus, der man mit dem Gewehr in den Kopf schießt? Als Jäger hätte er wissen sollen, dass es andere Wege gibt, ein Tier von seinem Leid zu erlösen. Ein seltsamer Mensch.
Stephan Reimertz, 08.04.2012
3.
Quite a touching essay, especially if you consider that Adrianna was Hemingway?s greatest love and "Across the River and into the Trees" was his worst book.
Adalbert Ullrich, 08.04.2012
4.
Als Schüler war ich von E.H. und seiner Schreibe aber auch von seinem Selbstmordverfahren begeistert. Bis ich erfahren habe, dass er sich mit der Ermordung wehrloser deutscher Kriegsgefangenener förmlich gebrüstet hat. Leider wird das bei der Lobhudelei über E.H. verdrängt oder geleugnet.
Ben Walker, 08.04.2012
5.
Interessanter Artikel, der eine unbekannte, aber auch traurige Facette von Hemingway beleuchtet. Kleiner Hinweis nur in Bezug auf die Terminologie: Der Grand Canal heißt zumindest auf italienisch doch eher Canale Grande.
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