Die gemeinsten TV-Cliffhanger Am Tag, als J.R. Ewing starb

Ein Schuss ging um die Welt. Vor 35 Jahren quälte Serienfans weltweit über Monate eine Frage: Wer hat auf den "Dallas"-Fiesling J.R. geschossen? Der Hype führte zu mehreren spektakulären Staffelfinalen - und beschäftigte sogar den US-Wahlkampf.

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Gerade mal sechs Morddrohungen erhalten - es ist ein ganz gewöhnlicher Tag im Leben des J. R. Ewing. Der Ölbaron hat seinen Bruder vertrieben, einen Geschäftspartner um 20 Millionen Dollar gebracht, seine Schwägerin der Prostitution angeklagt und seiner Frau erklärt, dass er sie in eine Klinik sperren will.

Nun sitzt er zu nächtlicher Stunde in seinem Büro, als er das Geräusch der Tür hört. Argwöhnisch läuft er ins Nebenzimmer, doch weit kommt der Magnat nicht. Ein Schuss fällt, dann noch einer. Während J.R. mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden sinkt, blicken Millionen Serienfans ungläubig auf ihre Bildschirme.

Es ist der 21. März 1980, ein Freitagabend. Und das bedeutete in den USA: "Dallas"-Zeit. Über 54 Folgen hinweg hatten Fernsehzuschauer das Treiben der reichen Ölfamilie Ewing aus Texas verfolgt. Die Intrigen und Liebschaften des Clans, allen voran des Schurken J.R., hatten die Seifenoper des Senders CBS zu einer der meistgesehenen TV-Serien der Geschichte gemacht. Doch der wortwörtliche Knall, mit dem die dritte Staffel an diesem Märzabend zu Ende geht, kommt für viele Menschen wie ein Schock. Wie kann man eine Serie nur so in die Sommerpause schicken? Der Staffel-Cliffhanger empört die USA - und wird zum dominierenden Sommerthema.

Ein Schurke als Werbefigur

Ganze acht Monate mussten die Zuschauer warten, bis am 21. November 1980 in der Folge "Who Done It" der Attentäter gezeigt wurde. Ein Autorenstreik hatte den Start der vierten Staffel nach hinten verschoben. Bis dahin hatten die Spekulationen ungeahnte Dimensionen erreicht.

Zeitschriften wie "People" und die britische "Punch", aber auch das renommierte "Time"-Magazin setzten J.R.-Darsteller Larry Hagman auf die Titelseite. Der neugestartete Nachrichtensender CNN berichtete fast wöchentlich von dem "Dallas"-Phänomen. Die Frage "Who Shot J.R.?" wurde zum geflügelten Satz, der auf Tassen, T-Shirts und Autostickern zu lesen war.

Schließlich erreichte der Hype auch den Präsidentschaftswahlkampf. Jimmy Carter, der sich auf seine Wiederwahl vorbereitete, erklärte dem Magazin "Time": "Wenn mir jemand sagen könnte, wer auf J.R. geschossen hat, hätte ich direkt genügend Geld, um meine Kampagne zu finanzieren." Sein republikanischer Konkurrent Ronald Reagan ließ auf Veranstaltungen Anstecker verteilen mit der Aufschrift: "Ein Demokrat hat J.R. erschossen."

Wettbüros nahmen Einsätze darauf entgegen, welche der Serienfiguren abgedrückt hatte. Zeitungen wie die "Miami News" richteten eine Telefon-Hotline ein, damit Leser ihre Theorien mitteilen konnten. Neben den üblichen Verdächtigen (Ehefrau Sue Ellen, Schwägerin Kristin) wurden auch eher abwegige Theorien genannt: Sue Ellens Psychiater hätte sich in seine Patientin verliebt und wollte den Nebenbuhler aus dem Weg räumen, schlug ein Leser vor. Ein anderer meinte, J.R. selbst hätte geschossen - aus Publicity-Gründen.

Eine Frage von Queen Mum

Für die Serie "Dallas" war der Hype ein Riesenerfolg. Und niemand profitierte so sehr von den Spekulationen wie Schauspieler Larry Hagman. Als er den Kult um das Schicksal seiner Figur bemerkte, setzte er sich für einige Wochen nach Großbritannien ab. Von dort ließ er Gerüchte schüren, dass er aus der Serie ausscheiden könnte. Schließlich gelang es ihm, neue Vertragskonditionen auszuhandeln. Laut Sender CBS erhielt er letztendlich 250.000 Dollar pro Folge und war damit einer der bestbezahlten Serien-Fieslinge.

In einem CBS-Interview erinnerte sich Hagman, wie in London bei einem Gala-Event sogar die Königinmutter an ihn herangetreten war und würdevoll gesagt hatte: "Ich werde Sie jetzt nicht fragen, wer auf J.R. geschossen hat." Woraufhin Hagman amerikanisch nonchalant erklärte: "Nein, Madam, nicht einmal Ihnen würde ich es sagen."

Tatsächlich hätte Hagman gar nichts verraten können, weil er den Namen des Angreifers nicht kannte. Nur eine Handvoll Leute bei der Produktionsfirma wussten um die Identität des Schützen. Um das Rätsel möglichst lange aufrecht zu erhalten, ließ die Firma mehrere Versionen drehen, in denen immer wieder ein anderer Attentäter die Pistole hielt. Die Schauspieler selbst bekamen ihre Drehbücher mit fehlenden Seiten, sodass sie nichts ausplaudern konnten.

Als Staffel vier im November 1980 auf Sendung ging, sollen laut Senderangaben 350 Millionen Zuschauer weltweit eingeschaltet haben. Die "New York Times" berichtete, dass sogar das türkische Parlament eine Sitzung früher enden ließ, damit die Abgeordneten nach Hause gehen und per Satellit "Dallas" schauen konnten, um endlich die grausame Wahrheit zu erfahren: Die Waffe hatte J.R.s Schwägerin Kristin gezückt. Ins Gefängnis musste sie allerdings nicht: In einer beeindruckenden Volte offenbarte sie J.R., dass sie von ihm schwanger sei und er doch die Mutter seines Kindes nicht hinter Gittern sehen wolle.

Bluthochzeiten, Flugzeugabstürze, Heiratsanträge

Bis heute gilt die "Dallas"-Folge "A House Divided", in der J.R. niedergestreckt wurde, als Mutter aller Staffelfinale und einer der spektakulärsten Serien-Cliffhanger. Doch die Konkurrenz schlief nicht. 1985 ließ der ewige Widersacher "Denver Clan" eine Hochzeit von Terroristen stürmen. Zum Schluss lagen alle Kirchenbesucher inklusive Brautpaar und allen wichtigen Darstellern reglos am Boden. Und auch die Serie "Falcon Crest" ließ - inspiriert von "Dallas" - eine Staffel mit einem Schuss enden. Und einem Sarg, der langsam ins Grab gelassen wurde.

Mittlerweile sind solche quälend spektakulären Staffel-Cliffhanger Normalität. Morde, Flugzeugabstürze, Heiratsanträge oder Schwangerschaften halten die Zuschauer auch während der Zeit bis zur nächsten Staffel bei der Stange. Ross Brown, einer der Macher der Serie "Eine starke Familie", erklärte es in einem Beitrag für die "New York Times" so: "Wenn du den Zuschauern nicht mindestens ein neues Baby zeigst, haben sie keinen Grund, nach Monaten wieder einzuschalten." Außerdem seien solche Cliffhanger ein gutes Mittel, um die Produzenten davon zu überzeugen, eine weitere Staffel zu finanzieren.

Die schlimmsten dieser nervenzerfetzenden Staffelenden martern ihre Zuschauer über Jahrzehnte hinweg. So wie in "Twin Peaks" von Regisseur David Lynch. Der ließ in der letzten Folge der Serie seinen strahlenden Helden, den FBI-Agenten Cooper, zum Monster mutieren. 24 Jahre ist das jetzt her. Voraussichtlich 2017 soll das Geheimnis um Cooper endlich gelüftet werden. Nach einem der längsten Cliffhanger der Fernsehgeschichte.

Welcher Serienheld hat am Altar den falschen Namen genannt? Und wer wurde in "Falcon Crest" tatsächlich erschossen? einestages zeigt in der Bildergalerie die spektakulärsten und erschütterndsten Serien-Cliffhanger.



insgesamt 23 Beiträge
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Olga Ternow, 30.07.2015
1. Das schlimmste an den 80ern
Wer erinnerst sich nicht: "Gott sieht alles außer Dallas". Und das ZDF hat dann mit dem Denver-Clan in der gleiche Rinne mitpinkeln wollen. Und danach kam die Lindenstrasse. Bin ich froh dass ich im seinerzeit keine GEZ gezahlt habe. Denn auch das Beste an den 80ern - Schimanski, BAP und Boris Becker konnten diesen Dauermist nicht mehr wettmachen. rausgeri
Sina Borchert, 30.07.2015
2. Avon / Blake
Nicht Blake ist am Ende umzingelt, sondern Avon, sein langjähriger "Mitstreiter". Dies, nachdem er gerade Blake erschossen hat. Also Blake ist definitiv tot, tot. Was die anderen angeht ... Ich hoffe, dass es kein Revival gibt, erst recht nicht mit "versöhnlicherem" Ausgang. Manche Dinge muß man einfach mal stehen lassen.
Felix Moreno, 30.07.2015
3.
Leider habe ich aufgrund meiner späteren Geburt diese Serie nicht verfolgen können. Auf die Schnelle konnte ich Dallas in keinem Streaming-Angebot finden (unter werstreamtes nachgeschaut. Weiß jemand, wo diese Serie im TV oder Streaming läuft oder ob es eine DVD-Sammlung o.ä. gibt?
Sascha Kribitz, 30.07.2015
4. »Magnum« hätte auch noch gepasst
Die siebte Staffel der Serie Magnum endet mit einer Folge, in der Thomas Magnum zu Beginn angeschossen wird und die gesamte Folge lang im Koma liegt. Am Ende dieser Folge, also auch am Ende von Staffel 7 sieht man eine Einstellung, in der Magnum durch den Wolkenhimmel schreitet, während aus der Ferne die Rufe und Kommentare seiner Freunde zu hören sind, die an seinem Krankenbett sitzen. Magnum läuft vor der Abspannblende schließlich dem Horizont entgegen, was als Tod interpretiert werden kann. Folge 1 von Staffel 8 greift nun zu Beginn genau diese Szene auf und lässt Thomas Magnum zurückkehren (quasi eine Nahtoderfahrung). Anscheinend war ursprünglich geplant, die Serie nach der siebten Staffel zu beenden und hat dann doch noch eine achte Staffel nachgeschoben.
Maico Schulz, 30.07.2015
5. Tripods fehlt..
...ebenfalls 80er - und das Ende der "Dreibeinigen Herrscher" wurde nie gedreht.
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