Wehrdienst im Kalten Krieg Meine Zeit als Hammer

Das erste Ziel eines befürchteten sowjetischen Angriffs wäre im Ernstfall die Bundesrepublik gewesen. Ein ehemaliger Wehrpflichtiger erinnert sich an seine Kriegsangst nach der Okkupation der Tschechoslowakei im Jahr 1968.

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Von Georg Bönisch


Anderthalb Jahre lang war ich unter einer Zweitadresse gemeldet, mit quasi hoheitlicher Wohnung: c/o 3./PzBtl 174, Graf-Goltz-Kaserne, Sieker Landstraße, Hamburg-Rahlstedt. Das ist ein Stadtteil weit im Osten. Die Zonengrenze, wie sie fast jedermann nannte, lag nicht mal 50 Kilometer entfernt. Dahinter saß er, der Feind. Mit unzähligen Divisionen, die Hand angeblich am Zünder einer Atombombe, allzeit bereit zur großen Offensive, wie uns eingeschärft wurde.

PzBtl, das ist das Kürzel für Panzerbataillon. Unsere Ausbilder machten schnell klar, dass die Überlebenschance einer Panzerbesatzung im Kriegsfall - der offiziell Verteidigungsfall, V-Fall, hieß - nur in Stunden zu zählen sei, wenn überhaupt. Das mag, statistisch gesehen, barer Unsinn gewesen sein. Freilich: Das gefühllose Gerede beeindruckte.

Von Amts wegen hieß mein zeitweiliger Beruf zwischen Oktober 1967 und März 1969 Wehrpflichtiger, genauer "W 18er" wegen der 18-monatigen Dauer. Ich war Richtschütze (und später auch mal Kommandant) in einem stählernen Ungetüm US-amerikanischer Bauart, Typ M 48 A 2c. Die Kanone hatte einen Durchmesser von 90 Millimetern. Wenn sie feuerte, herrschte im Inneren des Panzers Ausnahmezustand: Es stank infernalisch, heiße Hülsen fielen auf die Stiefel, der Atem stockte. In einem Brief schrieb ich damals, 19-jährig: "Höllisch, dantisch." Über Dantes "Göttliche Komödie" hatten wir kurz vor dem Abitur diskutiert.

Wir lernten schießen, mit ebendieser Kanone, mit Pistole, Maschinenpistole, Sturmgewehr, Maschinengewehr, Panzerfaust, warfen scharfe Handgranaten. Lernten, uns von einer Brücke abzuseilen, Flussläufe an einem Tau zu überqueren oder mit Hilfe einer Plastikfolie, viel Grünzeug und Sonnenschein der Umwelt Trinkwasser abzugewinnen. Solche Typen wurden Kampfsoldaten genannt.

Die Unterführer, so der offizielle Name der kleinen Chefs, suchten uns ständig anzutreiben mit dem sonderbaren Lob: "Ihr seid der Hammer der Brigade." Nämlich der Panzergrenadierbrigade 17, der "Hamburger Hausbrigade". Unsere Kompanie hieß auch "Mondscheinkompanie" - weil es phasenweise jede Woche eine Nachtübung gab. Der Hammer sollte stets verfügbar sein, gut in Schuss.

Dann kam der 21. August 1968. Warschauer-Pakt-Truppen walzten den Prager Frühling nieder - was folgte, empfand ich über Wochen hinweg als ernste Bedrängnis, die sich zu Angst auswuchs.

Viel später erst erfuhr ich, dass die Amerikaner sofort erklärt hatten, keineswegs in den Konflikt unter sozialistischen Brüdern einzugreifen. Dass er der Nato lediglich die Stufe "Militärische Wachsamkeit" wert war. Dass im Krisenstab des Bundesverteidigungsministeriums die Frage schnell verneint worden war, ob das Prager Geschehen eine "direkte militärische Bedrohung der Bundesrepublik" bedeute.

Aus der Sicht eines Gefreiten jedoch, der mit Zehntausenden Kameraden zuerst die Knochen hätte hinhalten müssen, wären vermutlich selbst offizielle Erklärungen dieser Art als perfider Versuch der Beruhigung missdeutet worden. Denn vor Ort sah es anders aus: Die Panzer unserer Kompanie standen lange Zeit aufmunitioniert, das hieß gefechtsbereit, im sogenannten T-Bereich der Kaserne. Im Bauch der Kampfwagen, unterhalb des Turmes, steckten Dutzende scharfer Geschosse - solche, die mit unvorstellbarem Druck punktgenau fast jede Stahlwand durchschlagen, und solche, die ganze Stellungen wegsprengen konnten.

Es herrschte Alarmstimmung, und der Begriff Alarm war im militärischen Sinne durchaus ernst zu nehmen: Das Gefühl, aus einer Übungslage plötzlich in den Krieg zu geraten und vielleicht nie mehr nach Hause zu kommen, konnte übermächtig werden. In dieser Zeit trug ich stets in der linken Brusttasche einen Glücksbringer: eine Taschenuhr - das Weihnachtsgeschenk meiner Eltern.

Nie hat uns jemand danach gefragt, was wir damals empfunden haben. Medizinische Checks waren gang und gäbe, aber nach unserem seelischen Befinden fragte niemand. Ein alter Kumpel fasst seinen Gemütszustand 40 Jahre später im deftigen Soldatenjargon so zusammen: "Mir ging der Arsch auf Grundeis."

Heute besitze ich noch meinen Wehrpass und jenes in bedrohlichem Rot gehaltene Dokument, das mich verpflichtete, "nach Verkündung des Verteidigungsfalles durch die Bundesregierung" wieder zu den Fahnen zu eilen - mein potentieller Truppenteil trug die Kennung "3680-TV". Aus dem offiziellen Gedächtnis der Republik aber bin ich so gut wie gestrichen, wie Millionen Ex-Wehrpflichtiger auch.

Die Akte führt mich, neben dem Namen und einer längst nicht mehr gültigen Adresse, unter einer Nummer, die auch in meine Erkennungsmarke - nebst Blutgruppe 0, Rhesusfaktor positiv - eingestanzt war: 231048-B-3191. Für meine Identifizierung und die Formalitäten meiner Beerdigung wäre die Nummer ausgesprochen hilfreich gewesen.



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Werner Pikull, 02.08.2008
1.
Ich habe nur einige Monate später als der Verfasser des Artikels meinen Wehrdienst in Bad Segeberg abgeleistet. Die beschriebene Stimmung und insbesondere die Kriegsangst kann ich in keinster Weise nachvollziehen. Die Bataillonsführung hatte mehr Angst davor, dass protestierende Studenten aus dem fernen Hamburg das Kasernentor blockieren würden als dass die Soldaten des Warschauer Paktes die nahe Zonengrenze überschreiten würden. Hinsichtlich der Bedrohungslage galt der Spruch: "Die Bundeswehr hat den Auftrag, den Feind solange aufzuhalten bis (richtige) Soldaten kommen."
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