Weihnachtskugel Herrn Perzys Gespür für Schnee

Kulterfinder aus Versehen: Um 1900 schuf der Wiener Werkzeugmacher Erwin Perzy einen zeitlosen Weihnachtskult - die Schneekugel. Das Schüttelglas machte ihn zum erfolgreichen Unternehmer. Dabei hatte er eigentlich gar kein Spielzeug bauen wollen, sondern ein chirurgisches Instrument.

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Das Dach der stillen Hütte ist in einen dicken weißen Mantel gehüllt. Sanft schweben weitere Flocken auf das Häuschen herab, häufen sich vor seinem Eingang, verstopfen den Schornstein, aus dem kein Qualm mehr quillt. Die Kamera fährt zurück in dieser Eröffnungsszene des Films "Citizen Kane" und zeigt: Die Hütte ist nur eine Attrappe, eine Miniatur in einer Schneekugel, die in der Hand des sterbenden Milliardärs Charles Foster Kane liegt. Bei ihrem Anblick träumt der verbitterte alte Mann sich noch einmal in seine Kindheit zurück, bevor er seinen letzten Atemzug tut und die kunstvoll gefertigte Kristallkugel auf dem Boden seines Privatschlosses zerbricht.

"Citizen Kane" sezierte 1941 am Beispiel des Aufstiegs und Falls von Charles Kane den Amerikanischen Traum. Doch die Glaskugel im Zentrum dieser Schlüsselszene ist alles andere als amerikanisch. Sie stammt aus einem Fertigungszentrum, das heute alljährlich Hunderttausende der kleinen Schüttelgläser in alle Welt verschickt, das Filme wie "Kevin allein zu Haus" oder "True Lies" mit Schneekugel-Requisiten ausgestattet hat und bei dem Sonderanfertigungen für US-Präsidenten wie Ronald Reagan oder Bill Clinton hergestellt wurden: Aus dem beschaulichen Zehn-Mann-Handwerksbetrieb des Werkzeugmachers Erwin Perzy in der Wiener Schumanngasse. Der Straße, in der sich ein Großteil der Geschichte der Schneekugel abspielte.

Vollständig müsste Erwin Perzy eigentlich Erwin Perzy III. heißen. Denn schon Jahrzehnte bevor er hier die maschinelle Fertigung von Schneekugeln optimierte, ein umweltfreundliches Recycling-Verfahren zur Herstellung von Schneekugelfiguren aus Plastikmüll einführte und einen Internetversandhandel einrichtete, stellte hier bereits sein Vater, Erwin Perzy II., Schneekugeln her. Perzy III. erinnert sich: "Ich bin schon als kleiner Bub immer in der Werkstatt herumgelaufen. Ich wollte nie Lokomotivführer oder Astronaut werden wie die anderen - sondern immer schon den Betrieb übernehmen." So, wie bereits Perzy II. den Betrieb von seinem Vater übernommen hatte - Erwin Perzy I. Dem Mann, der die Schneekugel erfunden hatte.

Ein Operationsinstrument als Wallfahrtssouvenir

Dabei hatte Erwin Perzy I. nie vorgehabt, Schneestürme aus der Konserve zu erschaffen - sondern wollte ein chirurgisches Präzisionsinstrument herstellen: Um 1900 erhielt der Werkzeugmacher von Wiener Chirurgen den Auftrag, das schwache Licht der 1879 von Thomas Edison patentierten Kohlefadenlampe so zu verstärken, dass man es bei Operationen verwenden könnte. Perzy griff auf einen Trick zurück, den er von befreundeten Handwerkern kannte: Die Schusterlampe, eine mit Wasser gefüllte Glaskugel, die den Schein einer Kerze zu einem handtellergroßen Lichtfleck bündelte. Doch auch so verstärkt war die Glühbirne noch nicht hell genug für den Operationssaal.

Also begann Perzy zu experimentieren: Ins Wasser gestreute, feine Glaspartikel ließen das Licht viel stärker werden - sanken aber sofort auf den Boden. Darum kramte der Werkzeugmacher, dessen kleine Werkstatt im Keller seines Elternhauses lag, aus der Küche seiner Mutter eine Packung Grieß hervor und streute die hellen Körner in die Schusterlampe. Das verstärkte das Licht zwar auch nicht genug - dafür passierte aber etwas Faszinierendes: Ganz langsam sank der Grieß auf den Grund des Glases und sah dabei aus wie zarte Schneeflocken, die zu Boden schweben.

Perzy war so berührt von dem Anblick, dass er die Idee sofort ausbauen musste: Als Geschenk für einen Freund, der vor der Kirche des Städtchens Mariazell, dem wichtigsten Wallfahrtsort Österreichs, Andenken an Pilger verkaufte, baute er die Basilika von Mariazell als winziges Modell nach und setzte sie in eine wassergefüllte Kugel mit Holzsockel und Grieß-Schneeflocken. Der Beschenkte stellte die Schneekugel an seinem Stand auf - und verkaufte sie sofort. Etliche andere Pilger verlangten ebenfalls nach solch einem Souvenir.

Das brachte Perzy auf eine Geschäftsidee. Er meldete ein Patent für die "Glaskugel mit Schnee-Effekt" an. Und eröffnete gemeinsam mit seinem Bruder Ludwig einen kleinen Betrieb, der Schneekugeln mit Miniaturen aller Wallfahrtskirchen Österreichs herstellte. Jenen Betrieb, in dem sein Sohn nach dem Zweiten Weltkrieg Schneekugelmotive aus Altblech zu recyceln lernte. Den Betrieb, in dem sein Enkel heute 300.000 Schneekugeln jährlich anfertigt, 350 verschiedene Modelle lagert und das geheime Familienrezept für optimal schwebenden Schüttelkugel-Kunstschnee im Safe aufbewahrt.

Schneekugeln statt Kugelhagel

Wenn man Erwin Perzy III. heute auf Fotos in eben diesem kleinen Laden zwischen den Hunderten Kristallkugeln stehen sieht, wie er verschmitzt durch seinen Bart lächelt und es mit einer Handbewegung auf tanzende Schweine, Clowns, Teddybären, Riesenräder, Zylinderhüte, Schneemänner, Schal tragende Elche, Vampirgebisse, Kirchen, Schiffe und Wälder schneien lässt, wirkt der Handwerksmeister in seinem grauen Arbeitsmantel fast ein wenig wie ein Zauberer.

Und tatsächlich, sagt er, hätten seine Kugeln so etwas wie eine Zauberwirkung auf die Menschen, die sich gerade jetzt in der Weihnachtszeit zeige, wo alle so gestresst sind: "Erst gestern kam eine Dame herein, die schon an der Tür richtig grantig dreinschaute. Keine Zeit, alles musste schnell, schnell, schnell gehen." Als er dann angefangen habe, mit ihr zu plaudern und ihr ein paar Kugeln zu zeigen, als sie die Gläser schüttelte und verträumt Schneeflocken um Wichtel, Kristallherzen und Engel tanzen gesehen habe, da habe sie angefangen zu lächeln. "Da habe ich zu ihr gesagt: 'Sehen Sie? Gerade wollten Sie noch sofort wieder draußen sein! Und jetzt haben Sie plötzlich Zeit!'"

Den Gedanken hinter seinen Kugeln erklärte Perzy 2003 der "Wiener Zeitung" so: "Wenn man das jetzt ein bisserl philosophisch sieht, ist die Schneekugel ein Mikrokosmos; alles, was sich da drinnen befindet, ist geschützt von allem, was draußen passiert." In seinen Gläsern wolle er eine heile Welt erhalten - um jeden Preis: Obwohl ein Drittel seiner Aufträge aus Sonderanfertigungen nach Kundenwunsch bestehen, würde er niemals einen Panzer in eine Schneekugel bauen: "Alles, was mit Mord und Totschlag zu tun hat, hat in der Kugel nichts verloren."

Vor allem aber ist bei der Begeisterung für die Schüttelgläser eine ganze Menge Nostalgie im Spiel, wie Erwin Perzy erklärt: "Viele alte Leute sagen zu mir: 'Als ich klein war, hatte ich so eine Kugel. Jetzt kauf ich mir wieder eine als Erinnerung an meine Träume von damals.'" Um wie verzaubert hineinzusehen und sich ein Stück Kindheit zurückzuwünschen. Genau wie Charles Foster Kane.



insgesamt 7 Beiträge
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Bruno Toussaint, 27.12.2010
1.
Lichtleitende Linsensysteme auf Basis Wasser und Glas als Vorbild ähnlicher optischer Systeme aus Kunststoffen und sogar aus Lacken. Schneekugeln sind deswegen so faszinierende Gebilde, weil die Kombination aus Wasser ähnlichen oder besser Wasser kodierten Flüssigkeiten in niedriger optischer Dichte mit Glas / Klarkunsststoff in höherer optischer Dichte immer ein optisches Element mitsamt den inneren Materialien ergibt. Die Wirkungsweise von Schneekugeln beschreiben einen Komplex von optischen Phänomenen, die in ihrer Gesamt von der Physik noch nicht erforscht wurden. Letztlich greift ein Mechanismus der Vergrößerung von Körpern und Strukturen mit einem Mechanismus der Ausleuchtung mittels über Rauhflächen verteilte
Bruno Toussaint, 27.12.2011
2.
Schneekugeln ? als Vorbild einer neuartigen 3-D Gestaltung und ähnlicher optischer Systeme aus Kunststoffen und sogar für ?Lichtleitende 3-D Lacksysteme? (Google). Schneekugeln sind deswegen so faszinierende Gebilde, weil die Kombination aus Wasser oder besser Wasser-kodierten Flüssigkeiten in niedriger optischer Dichte mit Glas / Klarkunststoffen in höherer optischer Dichte mitsamt den inneren (rau-wellig-runden) Materialien ein 3-D Element voller optischer Täuschungen ergibt. Die genaue optische Wirkweise der Schneekugeln und ähnlicher 3-D Systeme wurden aber in ihrer Gesamtheit von der Physik bisher nicht erforscht. Beispielhaft zeigen gleich direkt mehrere optische Phänomene in einem, wie ein Mechanismus der Vergrößerung von Strukturen und Körpern als Taucherbrilleneffekt. Dann ein Mechanismus der Ausleuchtung mittels über die Rauflächen verteilten - beweglichen - Mikrobrennpunkten, was das eigentümliche Leuchten und die Hell-Dunkel-Kinetik der in den Schneekugeln verwendeten Materialien erklärt. Ebenso kann das Licht aus solchen 3-D Gebilden nach allen Seiten abstrahlen, auch durch das äußere schräge Materialprofil hindurch. Es gibt keine optische Blockade mehr zwischen inneren Materialien und äußerer Hülle - als einheitliches optisches Element. Im Ruhezustand des Wassers erscheint zudem im Inneren alles leer, als tiefenoptischer Horror Vacui Effekt, welcher in solchen Gebilden zugleich eine gerichtete Lichtstrahlung verursacht und Glas und alle anderen Klarmaterialien bis zur ihrer substanzfreien optischen Eliminierung durchstrahlen kann. Was man dann innerhalb der Schneekugel erkennt, ist einerseits pure Realität, andererseits auch eine optische Projektion von innen nach außen auf die äußere Klarhülle als Projektionsfläche. Genau dieses Phänomen der permanenten optischen Täuschung einer bewegten dreidimensionalen Darstellung und der stete Wechsel zwischen Fakts und Fiktion entrückt unser auf Rationalität getrimmtes Bewusstsein in pure meditative Verfassung. Was wir erleben, ist die faszinierende Welt der Dreidimensionalität und ihrer bewegten Bilder, in der alles auf - scheinbar ? unerklärliche Weise übereinander schwebt, alles räumlich ist, zugleich alles vergrößert dargestellt wird, und wo zugleich alles real und doch eben nicht real erscheint. Materialien, auch raue und matte, ?spiegeln? das Licht, ohne dass es zu verzerrenden Grenzflächenstörungen von Flüssig- und Festmaterialien untereinander kommt. Genau diese Vielzahl an optischen Mechanismen sind aber in geordneter Form technisch nutzbar, z. b. wenn seitliches Licht verlustfrei in Klarmaterialien ? Solarmodule, etc. - ein- und ausgeleitet werden soll. Ebenso kann man Farbflächen eine 180 Grad Abstrahlung in den Raum geben, oder man kann generell die Farbkraft aller Arten von Oberflächen gegenüber einstrahlendem Licht ?spiegeln? lassen, also ohne jegliche Verzerrung optisch aufhellen. Eine Anregung: Vielleicht sollte Perzy III doch einmal größere optische Glas-Wasser-Gebilde bauen, worin nicht nur Kunstschnee, sondern direkt ganze Körper aus farbigem Hohlglas oder vergoldete Kugeln mit einer gegen Null tendierenden Geschwindigkeit langsam auf und ab schweben können. Diesen Schwebeeffekt realisiert er technisch nach dem Prinzip der Bernoulli Thermometer oder in Kombination über winzige - digital gesteuerte - Druckschwankungen innerhalb der Flüssigkeit. Dazu eine Wellensteuerung für das (Kunst-)Wasser, wie sie im ?Magic Floor? von Alexander Wedra eingesetzt wird, was ebenfalls ein solches nur im Boden eingelassenes optisches Glas-Wasser-Blattgold Gebilde darstellt. Damit habe ich jetzt meinen Artikel von Weihnachten 2010 am Weihnachtsfest 2011 endlich fertig gestellt. Die verehrte Redaktion bitte ich, den alten Text zu löschen. Wünsche allen Lesern noch eine frohe Weihnacht. Bei Rückfragen auf diesen doch etwas vertrackten Text: toussaint-kunst@netcologne.de
Joerg Stiller, 21.12.2015
3. Sehr schöner Artikel
Weckt auch bei mir Erinnerungen an die Kindheit. Ich hatte den Klassiker mit Santa auf seinem Rentierschlitten. Das war aber 1970. Vielleicht könnte Spon die Datierung 1990 als Zeitpunkt der Erfindung nach fünf Jahren deshalb korrigieren. Oder hatte ich am Schluss gar keine Schneekugel? ;-)
Christian klaus, 21.12.2015
4. nicht 1990
eher 1890
Stefan Hensel, 21.12.2015
5. ähm...
Am Anfang steht statt 1890 als Erfindungsjahr 1990...
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