Weltfestspiele in der DDR Abenteuer außer Reih und Glied

Das kommunistische Großereignis hieß "Weltfestspiele", doch der Aktionsradius seiner Teilnehmer war lokal eng begrenzt. Eigentlich. Ernst Woll fuhr im August 1951 trotzdem gern in die Hauptstadt der DDR. Denn zusammen mit Kommilitonen und Freundin plante er weit mehr, als nur den Besuch zäher Pflichtveranstaltungen.

Jugendliche zu den Weltfestspielen 1951: In Berlin konnten sie sich mit allerlei Tricks davor drücken, ständig FDJ-Kleidung zu tragen.
Ernst Dr. Woll

Jugendliche zu den Weltfestspielen 1951: In Berlin konnten sie sich mit allerlei Tricks davor drücken, ständig FDJ-Kleidung zu tragen.


Die nationalsozialistischen Massenveranstaltungen waren uns Studenten noch gut in Erinnerung, als 1951 die 3. Weltfestspiele der Jugend in Ost-Berlin stattfanden. Es handelte sich um eine typische kommunistische Großveranstaltung, bei der die Verbundenheit zur Partei- und Staatsführung bekundet werden sollte, und an der wir pflichtgemäß teilnahmen. Trotz der mit propagandistischem Pomp ins Werk gesetzten Ideologie waren die Weltfestspiele auch ein Ort der Begegnung zwischen Ost und West. Denn auch aus nicht-kommunistischen Ländern waren viele junge Menschen angereist, teilweise unter erschwerten Bedingungen, weil ihre Heimatländer die Ausreise zu der Großveranstaltung des politischen Feindes hatten verhindern wollen.

Sechs Jahre zuvor waren wir noch disziplinierte Hitlerjungen gewesen, die sich von den nationalsozialistischen Massenveranstaltungen hatten mitreißen lassen. Nach dem Kriegsende und nach allem, was wir gelernt hatten über die Geschehnisse während des Krieges, lagen die Dinge schon etwas anders: Wir hatten entdeckt, dass wir einen eigenen Kopf hatten. Wir waren älter geworden, kritischer. Trotzdem führten Pflicht und Freiwilligkeit sowie Angepasstheit und der Wille zum Regelbruch unser Denken seinerzeit immer wieder in verwirrende und widersprüchliche Bahnen. Sie waren so widersprüchlich wie unsere jungen Biographien. Als ehemalige Pimpfe reichten wir nun auf unserer abenteuerlichen Pflichtfahrt unseren kommunistischen Brüdern und Schwestern die Hand. Die verheißungsvolle Großstadt rief nach uns - und wir hatten uns fest vorgenommen, auch einen verbotenen Blick in ihren Westteil zu wagen.

Wir wurden in Güterwaggons nach Berlin transportiert und übernachteten in Massenquartieren. Trotz des politischen Anlasses kreisten unsere Gespräche selten um politische Themen. Wir lernten uns kennen, indem wir uns über Schule, Studium und Freundschaften austauschten. Wir erzählten Witze und Geschichten, lachten viel und spielten bei jeder Gelegenheit mit großer Leidenschaft Skat. Den organisatorischen Aufgaben, die wir zu erfüllen hatte, kamen wir pflichtschuldig nach, und wir freuten uns darüber, wenn wir gelegentlich eine zähe Pflichtveranstaltung aus diesem Grund nicht besuchen mussten.

In jeder Jugendgruppe fungierte ein älterer aktiver SED-Genosse als leitende Aufsicht. Wirklich unter Kontrolle hatten sie uns allerdings nur, wenn wir in unserer Bleibe waren. Sie ermahnten uns immer wieder, nicht nach Westberlin zu gehen. Eine bemerkenswerte Aufforderung, vor allen Dingen in Anbetracht der Tatsache, dass wir den Tabak unseres Aufpassers dem Geruch nach eindeutig als Westtabak identifizieren konnten. Wir sprachen ihn darauf an, und er konnte nicht leugnen, selbst in den Westsektoren gewesen zu sein. Er habe agitatorische Aufgaben zu erfüllen gehabt, lautete seine wenig glaubhafte Ausrede. Außerdem müsse er auch selbst einmal die Westerzeugnisse probieren, um mitreden zu können.

Jetzt erst recht, dachten wir.

Die Studenten unserer Seminargruppe hatten erreicht, dass wir unsere Freundinnen in unserer Delegation mitnehmen durften. Für die Mädchen hatte ein gewiefter Kommilitone eine der raren und Funktionären vorbehaltenen Privatunterkünfte mit richtigen Betten organisiert. Wann immer wir konnten, legten wir die FDJ-Kleidung ab - und spazierten wie Touristen durch die Straßen, natürlich in Begleitung der Damen unseres Herzen.

Obwohl der Grenzübergang problemlos vonstatten ging, waren wir ängstlich. Wir liefen Gefahr, gesehen und angeschwärzt zu werden. Man hatte uns bereits negative Folgen für unser Studium angedroht, sollten wir einen Blick hinter den Eisernen Vorhang wagen. Wir trösteten uns damit, wie unwahrscheinlich es war, dass man uns erkannte und verpfiff. Hätte man die vielen FDJ-Mitglieder, die sich damals inkognito in den Westen aufmachten, am Weiterstudieren gehindert, wären wohl so einige Seminare leer geblieben. Für alle Fälle aber hatten wir vorgesorgt: Im Bedarfsfall würden wir uns gegenseitig Alibis geben.

Die Wechselkurse in Westberlin waren von Ort zu Ort unterschiedlich und schwankten sogar im Laufe eines Tages. Wir hatten Glück und tauschten eins zu vier. Ich als Student und meine Angebetete als Schülerin konnten dennoch keine großen Sprünge machen: Als Souvenir leistete sich meine Freundin eine große Dose Kondensmilch und ich mir eine Tüte Lakritz. Nach 1945 gab es meine Lieblingsleckerei im Osten nämlich nicht mehr.

Allein dieser bescheidenen Dinge wegen hatte sich unser verbotener Ausflug nach Westberlin und unsere Teilnahme an den Weltfestspielen gelohnt! Am Ende stimmten wir - ganz wie man es von uns erwartete - in die Festivalhymne mit ein: "Im August, im August blüh'n die Rosen. Im August, im August in Berlin..."



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