Weltkriegsdrama Sein Leben als Frau

Paul und Louise Grappe waren ein durchschnittliches Paar, bis der Erste Weltkrieg über Frankreich hereinbrach. Paul fürchtete als Deserteur um sein Leben, dann kam den beiden die rettende Idee: Aus ihm musste eine Sie werden. Die Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe - mit grausamem Ende.

Archives nationales, fonds Maurice Garçon

Von Petra Truckendanner


Paris, am Samstag, 21. Juli 1928. Es ist kurz vor Mitternacht, als aus dem zweiten Stock des Hauses in der Rue Bagnolet 34 das Wimmern eines Kindes dringt. Plötzlich ertönen Schreie, dann Schüsse. "Ich wollte mich und meinen Sohn vor den Schlägen meines betrunkenen Mannes schützen. Da griff ich nach dem Revolver am Kamin und drückte ab", gab Louise Grappe kurz darauf im Polizeikommissariat zu Protokoll.

Die Schüsse in der Rue Bagnolet sind das dramatische Ende einer außergewöhnlichen Liebe. Der Tote ist Paul Grappe, der die Wirren des Ersten Weltkriegs nur dank einer geschickten List überlebt hatte - und mit Hilfe seiner Frau, die erst zu seiner Komplizin wurde und schließlich zu seiner Mörderin.

Zwei Historiker des französischen Forschungsinstituts CNRS haben Jahrzehnte später in Polizeiarchiven die intimen Tagebücher des Paares, Briefe, Zeitungsartikel sowie Gerichtsakten entdeckt. In ihrem gerade erschienenen Buch rekonstruieren sie anhand der Dokumente einen der aufsehenerregendsten Prozesse im Frankreich der dreißiger Jahre - und die Geschichte einer Verwandlung.

"In 48 Stunden bin ich desertiert"

Paul und Louise waren ein durchschnittliches Paar aus bescheidenen Verhältnissen im Paris der Belle Époque kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Sie lernten sich bei einem Abendkurs in einer Musikschule kennen, heirateten, zogen zusammen und hätten wohl ein unauffälliges Leben als einfache Arbeiter geführt, wenn der Krieg nicht ausgebrochen wäre.

Paul musste kurz nach der Heirat seinen Militärdienst ableisten und wurde wenig später eingezogen. Korporal Grappe marschierte im 102. Regiment der Infanterie bis zur belgischen Grenze, wurde mehrmals leicht verwundet. Eine Verletzung am rechten Zeigefinger hätte ihn fast vors Kriegsgericht gebracht. Seine Vorgesetzten vermuteten, er habe versucht, sich selbst zu verstümmeln. Die Aussagen seiner Kameraden zu seinen Gunsten retteten ihn vor dem Militärtribunal. Als Grappe nach sechs Monaten Krankenaufenthalt immer noch nicht zum Dienst erschien, beorderte ihn ein Vorgesetzter unverzüglich an die Front. "Nein, mein Hauptmann", entgegnete Grappe dreist, "in 48 Stunden bin ich desertiert."

Korporal Grappe erschien nie wieder zum Appell. Seit dem 22. Mai 1915 galt er offiziell als Deserteur und musste mit der Todesstrafe rechnen. Seine Flucht führte ihn zurück nach Paris, zu seiner Frau Louise. Nach mehrmaligem Ortswechsel - er lebte ständig in der Angst, denunziert zu werden - hatten die beiden die rettende Idee: Louise gab Paul ihr schönstes Kleid. Sie hatten die gleiche Größe. Paul war zierlich und schlank. Er rasierte seinen Schnurrbart ab und trug dezente Schminke auf. Doch das Ergebnis übertraf ihre Erwartungen: Bei einem Test-Spaziergang im Viertel fand Paul gleich einen Verehrer, der ihm begeistert nachpfiff.

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Weltkriegsverweigerer: Als Paul zu Suzy wurde

Paul nannte sich von nun an Suzanne Landgard - eine perfekte Tarnung.

Paul/Suzanne entsprach mit ihrem glatten Kurzhaarschnitt und schlichten, aber eleganten Kleidern dem Trend. Die "schicke Suzy", wie sie im Viertel bald genannt wurde, verstellte geschickt die Stimme und trug dezentes Dekolleté. In den Kriegsjahren verhielt sie sich möglichst diskret, fertigte für ein Unternehmen Hosenträger in Heimarbeit. Später fand sie eine Anstellung in einer Modeboutique in der eleganten Rue du Faubourg Saint Honoré, wo sie nähte und sogar zeitweise als Modell eingesetzt wurde. Sie wurde von den Kolleginnen geschätzt, bis ihre/seine Liaison mit einer 16-jährigen Angestellten aufflog. Das junge Mädchen hatte die wahre männliche Identität Pauls bemerkt, behielt diese Entdeckung aber - schon aus Schmach wegen der peinlichen Umstände - für sich.

Eine der ersten Fallschirmspringerinnen

Von nun an blieb Paul/Suzy meist nicht lange bei einem Arbeitgeber. Er fand zunehmend Geschmack an seiner weiblichen Identität. Immer öfter führten ihn seine Wege in den schon damals berüchtigten "Bois de Boulogne" am Stadtrand von Paris, wo er sexuelle Beziehungen mit Männern wie mit Frauen einging. "Sie hatte jede Nacht fünf, sechs Frauen", erzählt Louise in ihren Erinnerungen. Suzy kommentierte die nächtlichen Abenteuer in einem Tagebuch mit kurzen Notizen, wie "belle partouze" ("schöne Sexorgie") oder "grande jouissance" ("großes Vergnügen").

Das Ende des Krieges bedeutete für den Deserteur Paul kein Ende seiner geheimen Existenz. Er hatte sich einem Frontbefehl verweigert und fiel damit nicht unter das Amnestiegesetz von 1919. Das Paar floh 1920 für kurze Zeit ins spanische Baskenland, wo Paul seine männliche Identität wieder annahm und sich offiziell bei den Behörden als französischer Deserteur meldete. Bei der Rückkehr des Paares nach Paris 1922 gab Paul sich wieder als Frau aus. Er musste nach wie vor das Militärgericht fürchten.

Zurück in Paris begeisterte sich Suzanne/Paul für moderne Sportarten und wurde bei der Flugschau in Bourget bei Paris 1923 als eine der ersten "weiblichen Fallschirmspringer" bejubelt. Und Suzy fand bald auch wieder den Weg zurück in den "Bois de Boulogne" - und zwang Louise, ihn bei den nächtlichen Abenteuern zu begleiten und sich ebenfalls einen Liebhaber zu nehmen.

Das Outing - als Deserteur

Am 3. Januar 1925 wurde ein weiteres Amnestiegesetz erlassen, das es auch Paul ermöglichte, seine männliche Identität straffrei wieder anzunehmen. Kaum hatte Paul davon erfahren, tauschte er seine Frauenkleider gegen Hosen, zog eine Baskenmütze über und meldete sich bei der Militärbehörde. Als die Hausmeisterin ihn in der ungewohnten Aufmachung erblickte, rief sie schockiert: "Aber Mademoiselle Suzanne, sind Sie verrückt geworden?"

Paul war nicht der Einzige, der von der Amnestie profitieren konnte. Laut den Autoren zählte Frankreich im Ersten Weltkrieg insgesamt um die 63.000 Deserteure. Das entsprach einem geringen Anteil der rund acht Millionen eingezogenen Soldaten. Die Geschichte der "Mademoiselle Suzanne", die sich als "Paul, der Deserteur" outete, war aber so unglaublich, dass sie bald in allen Zeitungen stand.

Besonderes Interesse fand eine Bemerkung Pauls im "Petit Parisien" vom 5. Februar 1925: "Ich ließ meinen Bart mit Hilfe der elektrischen Epilation verschwinden." Ein Belgier aus Lüttich bat um nähere Informationen und eine Adresse. Die meisten Briefe kamen allerdings von Frauen, die sich ihrer Gesichtsbehaarung entledigen wollten. "Ich war sehr erstaunt zu sehen, dass ein Mann wie Sie seinen Bart verschwinden lassen kann. Während ich, eine Frau, zu diesen Haaren im Gesicht verdammt bin."

Alkohol und Aggressionen

Paul, der nach jahrelangem Versteckspiel vor den Behörden plötzlich im Rampenlicht stand, erzählte mit Vergnügen seine Geschichte, signierte Fotos, die ihn als Frau zeigten, und prahlte mit seinen vielen Eroberungen: "Ich bin der Mann mit den 3000 Frauen."

Die Rückkehr Pauls in seine männliche Identität, die das Ehepaar so lange herbeigesehnt hatte, brachte allerdings bald unvorhergesehene Probleme mit sich. Das "lesbische Paar", als das sich Paul und Louise jahrelang offen ausgegeben hatten, wurde von der Pariser Gesellschaft toleriert - anders als Louise und ihr nun wieder zum Mann gewordener Ehemann Paul. Die Besitzerin ihrer Wohnung war entsetzt, ihre Räume jahrelang einem Deserteur vermietet zu haben, und drohte, die beiden vor die Tür zu setzen.

Paul, der zehn Jahre lang als Frau gelebt hatte, schien sich zudem in der neuen Situation nicht mehr zurechtzufinden. Er verfiel dem Alkohol, verlor wegen seiner Trunksucht und Aggressivität regelmäßig seine Jobs und wurde gewalttätig gegen seine Frau, die allein für den Unterhalt der Familie sorgen musste. Louise hatte einen kleinen Sohn zur Welt gebracht. Als dieser krank wurde und stark fieberte, fehlte das Geld für Medikamente.

Dann kam die fatale Nacht des 21. Juli 1928. Laut der Aussage Louises kam Paul an diesem Abend wieder einmal betrunken nach Hause. Sie habe versucht, sich und ihr Kind vor den Schlägen ihres Mannes zu schützen, und in einer Panikreaktion auf ihn geschossen.

Louise verlor ihren kranken Sohn, während sie im Gefängnis auf ihren Prozess wartete. Ihr Schicksal bewegte die Öffentlichkeit, die Stimmung zugunsten der Ehefrau kulminierte im Gerichtssaal: Bei ihrem Freispruch gab es dröhnenden Applaus. Paul Grappe, der getötete Gatte, galt hingegen als Deserteur, unmoralischer Anarchist und gewalttätiger Alkoholiker, der sein Schicksal verdient hatte.

Louise Grappe heiratete ein zweites Mal und starb 1981 in Paris. Nach ihrer Freilassung hatte sich die Witwe des Deserteurs wieder ihrer alten Beschäftigung gewidmet: Sie bemalte Zinnsoldaten.


Zum Weiterlesen:

Fabrice Virgili und Danièle Voldman: "La garçonne et l'assassin. Histoire de Louise et de Paul, déserteur travesti, dans le Paris des années folles". Verlag Editions Payot, Paris 2011, 173 Seiten.



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Seite 1
Thomas Weber, 02.08.2011
1.
Sicherlich eine interessante Anekdote... Heruntergebrochen auf das Wesentliche bleibt aber letzten Endes nicht viel mehr als ein Feigling der es vorgezogen hat in Frauenkleidern weiterzuleben, seine Kameraden im Stich zu lassen und sein Land zu verraten.
R. Forkert, 02.08.2011
2.
was ist dann das für eine vorsinntflutliche sichtweise? ich hoffe für sie, sie stehen nicht mal irgendwann an der front.
Bernhard Harlander, 02.08.2011
3.
>Sicherlich eine interessante Anekdote... Heruntergebrochen auf das Wesentliche bleibt aber letzten Endes nicht viel mehr als ein Feigling der es vorgezogen hat in Frauenkleidern weiterzuleben, seine Kameraden im Stich zu lassen und sein Land zu verraten. och ist das schoen: die dinos sind gar nicht ausgestorben! Herzlichen Glueckwunsch
Eva Kröcher, 02.08.2011
4.
> Ein Feigling der es vorgezogen hat in Frauenkleidern > weiterzuleben, seine Kameraden im Stich zu lassen > und sein Land zu verraten. Eine sehr soldatische Sicht aus einer Zeit, deren zweifelhaften Zeitgeist hoffentlich nicht mehr viele vertreten. Was hätte er denn Ihrer Meinung nach besser machen sollen? Sich wie so viele andere vor Verdun zu Hackfleisch oder zum verkrüppelten Zombie verarbeiten lassen sollen - auf Befehl derer, die sich selbst vornehm zurückgehalten und nur zugeschaut haben? Nein, da ist mir der Mut des Deserteurs, der einen ungewöhnlichen Weg zum Überleben geht, lieber als der scheinbare Mut und die zweifelhafte Ehre derer, die sich mit Hurra zur Schlachtbank führen lassen. Ich empfehle mal dazu Klaus Theweleits zweibändiges Werk "Männerphantasien, eine sehr aufschlußreiche Lektüre dazu.
Siegfried Wittenburg, 02.08.2011
5.
"...seine Kameraden im Stich zu lassen und sein Land zu verraten." Wären alle Soldaten im 1. Weltkrieg desertiert, hätte es nicht diese Millionen Toten gegeben, auch im 2. Weltkrieg nicht und so weiter. Manchmal tut man für sein Land und auch für seine Kameraden das Bessere, wenn man einen anderen Weg einschlägt und nicht wie ein Herdentier ins Verderben trottet. Auf jeden Fall erfordert dieses mehr Mut, als sich offiziell abschlachten zu lassen.
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