Premiere vor 100 Jahren Wie der weltweit erste Schwulenfilm Tumulte auslöste

Als die Tragödie "Anders als die Andern" 1919 in die Kinos kam, verlangten Sittenwächter lautstark Zensur. Der Regisseur brüllte zurück: "Wenn einer diesen Film als Schweinerei bezeichnet, so ist er selbst ein Schwein."

Richard-Oswald-Film

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Im Kinosaal war die Stimmung gereizt. Richard Oswalds Liebestragödie "Anders als die Andern" hatte in den Wochen nach der Premiere am 28. Mai 1919 hohe Wellen geschlagen - weil sich darin zwei Männer liebten. Auf dem Höhepunkt dieses Stummfilmes hielt der jüdische Sexualforscher Magnus Hirschfeld einen engagierten Vortrag: Er legitimierte diese Liebe auf langen Texttafeln und forderte die Abschaffung des Paragraphen 175, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellte und in Deutschland 123 Jahre lang galt.

An diesem Sommerabend 1919 wussten die Zuschauer also, was sie im Berliner BTL-Kino in der Potsdamer Straße erwartete. Aber nicht alle wollten es sich ansehen. Einige waren von Anfang an auf Krawall aus. Gleich bei den ersten Auftritten von Conradt Veidt und Fritz Schulz, die den Stargeiger Paul Körner und seinen jungen Geliebten verkörperten, fingen sie an zu pfeifen, zu johlen, "pfui" zu rufen.

Als auf der Leinwand Männer in einem Homosexuellenlokal miteinander tanzten, brach im Kino ein derartiger Tumult aus, dass die Vorführung unterbrochen werden musste. Die Schwulenfeindlichkeit entlud sich auch in antisemitischen Parolen: "Sollen wir Deutsche uns denn von den Juden verseuchen lassen?" Wie Hirschfeld war auch Regisseur Oswald Jude. Erst als die Störer den Saal verlassen hatten, lief der Film weiter.

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"Anders als die Anderen": Unsterblich verliebt, unheilbar schwul

Dass "Anders als die Andern" trotz aller Proteste nicht der Filmzensur zum Opfer fiel, hatte einen einfachen Grund. Es gab keine. Der Rat der Volksbeauftragten hatte sie am 12. November 1918 abgeschafft; erst am 12. Mai 1920 wurde die Zensur mit dem 1. Reichslichtspielgesetz wieder eingeführt. Dazwischen lagen 18 Monate vollkommener Filmfreiheit.

Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebte die junge Weimarer Republik mitten in ihren dramatischen Umbrüchen somit eine Welle sozialkritischer, emanzipatorischer Aufklärungs- und Sittenfilme, aber auch sensationsheischender und schlüpfriger Animierstreifen. So wurden die Lichtspielhäuser zu Schauplätzen eines Kulturkampfes. Mittendrin: Magnus Hirschfeld und Richard Oswald.

Die Geburt des Schwulenfilms

Bereits vor Abschaffung der Zensur hatte Oswald mit seinem vierteiligen Filmzyklus "Es werde Licht!" (1916-1918) eine Reihe von Aufklärungsfilmen über die Gefahren von Geschlechtskrankheiten und Kurpfuschern inszeniert. So ging es im vierten Teil "Sündige Mütter (Strafgesetz § 218)" um die verheerenden Folgen illegaler Abtreibungen. Hirschfeld und die Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft hatten den Regisseur beraten.

Oswald war es auch, der Anita Berber für das Kino entdeckte. In seiner Verfilmung von Margarete Böhmes "Dida Ibsens Geschichte" verkörperte Berber eine ausgestoßene Antiheldin, die sich in die Affäre mit einem verheirateten Mann flüchtet, als ihre Eltern sie zur Heirat zwingen wollen. Sie wird schwanger, heiratet einen Tropenfahrer und führt mit ihm eine sadomasochistische Beziehung. Noch im September 1918 wurde der Film für die Dauer des Krieges verboten. Und einen Monat nach Aufhebung der Zensur in Berlin uraufgeführt, am 12. Dezember.

Ein gutes halbes Jahr später schlug mit "Anders als die Andern" die Geburtsstunde des Schwulenfilms. Anita Berber übernahm darin eine Nebenrolle, Hirschfeld hatte am Drehbuch mitgewirkt. Er sah in der Homosexualität eine natürliche Variante und keine Krankheit. Bis heute gilt Hirschfeld als Wegbereiter der modernen Schwulenbewegung, auch wenn seine Forschung aufgrund eugenischer Thesen insgesamt in Verruf geraten ist.

Vor 100 Jahren allerdings sorgten die emanzipatorischen Forderungen bei "Anders als die Andern" für einen Skandal. Der Film erzählt die Geschichte des Geigenvirtuosen Paul Körner, der sich in den jungen Nachwuchsmusiker Kurt Sivers verliebt. Körner wird von einem intriganten Gegenspieler denunziert und schließlich wegen Verstoßes gegen den § 175 verurteilt - sein gesellschaftlicher Ruin. Verzweifelt begeht Körner Suizid. Am Ende des Streifens ist eine Hand zu sehen, die den Paragraphen im Gesetzbuch durchstreicht.

Die kontroversen Reaktionen auf Oswalds Film belegt ein Vorfall bei einer Vorführung vor geladenem Publikum. Zu den Ehrengästen zählte neben Gustav Stresemann, damals Vorsitzender der nationalliberalen DVP und später Reichskanzler, auch der stramm rechte Sittenwächter Karl Brunner. Der Gymnasiallehrer war bereits 1913 als literarischer Beirat für die Zentralpolizeistelle zur Bekämpfung unzüchtiger Bilder und Schriften in Berlin tätig.

"Schweinerei!"

Mitten im Film sprang Brunner auf und wetterte lautstark über die auf der Leinwand dargebotene "Schweinerei". Oswald ließ die Vorführung umgehend anhalten und brüllte zurück: "Wenn einer diesen Film als Schweinerei bezeichnet, so ist er selbst ein Schwein." Es folgte minutenlanger Beifall, Brunner rauschte schreiend aus dem Saal.

Mit ihren Klagen über "geistigen Brechreiz" blieben bornierte Nationalisten indes nicht allein. Auch liberale Zeitgenossen wie Kurt Tucholsky empörten sich:

"Inzwischen bilden die Leute Queue, wenn Parvus Rehwiese (Verballhornung des Namens Magnus Hirschfeld, d. Red.) wieder einen Paragraphen des Strafgesetzbuches verfilmt hat. Es stehen noch aus: § 176,3 - wer mit Personen unter vierzehn Jahren unzüchtige Handlungen vornimmt...; § 177 - Notzucht; § 183 Öffentliche Erregung eines geschlechtlichen Ärgernisses; und nur der § 184 ist vor dem Filmisten sicher, weil er selber drunter fällt: Verbreitung unzüchtiger Schriften. Die Leute also stehen vor der Kasse bis auf die Straße, unser Mahnruf wird da auch nichts helfen, und es bleibt schon bei unserm guten alten Spruch: Jeder seins."

Zu den Protesten kamen lauter werdende Rufe nach einer "gesetzlichen Regelung dieser Dinge". "Schon mit dem Titel 'Anders als die Andern'", entrüstete sich Pastor Martin Cornils, Vorsitzender des Ausschusses zum Jugendschutz in Lichtspieltheatern, "liegt der dreiste Anspruch der Homosexuellen, nur als 'Andere', d.h. als Gleichberechtigte unter normalen und gesunden Menschen angesehen zu werden. (...) Das führt zu einer völligen Verwirrung der Begriffe, gegen die wir uns mit allen Mitteln wehren müssen." Selbsternannte Tugendwächter wie Cornils schürten die Angst, das Kino könnte gleichsam als unmoralische Anstalt die deutsche Jugend verderben.

Die Rückkehr der Verbote

Der Schriftsteller Konrad Haemmerling, der auch unter dem Pseudonym Curt Moreck schrieb, lehnte Aufklärungsfilme zwar nicht generell ab, erinnerte sich in seiner 1926 veröffentlichten "Sittengeschichte des Kinos" aber zurück an Richard Oswalds zweiteiligen Film "Die Prostitution" sieben Jahre zuvor. Der Münchner Polizei zufolge sei nach der Aufführung "eine Anzahl junger Mädchen zur Polizei" gekommen, "um sich Karten für die Ausübung ihrer Preisgabe ausstellen zu lassen. Zur Erklärung dafür äußerten sie, sie hätten 'Prostitution' gesehen, das sei so schön, das möchten sie auch mitmachen".

Im September 1919 berichtete "Die Weltbühne" vom Fall eines kaum 16-jährigen Mädchens, durch einen Aufklärungsfilm derart "sinnlich erregt", dass es sich von einem Kinobesucher verführen ließ, der es mit den Worten angesprochen habe: "Wenn sie Aufklärung suche, dann würde dies in natura doch viel besser geschehen als im Bilde - sie solle nur mit ihm kommen."

Das Lichtspielgesetz vom 12. Mai 1920 beendete die Aufklärung im Bilde. Die behördliche Zensur war zurück, jeder Film musste fortan von amtlichen Prüfstellen zugelassen werden. Streifen wie "Die Prostitution" oder "Anders als die Andern" wurden verboten, ihre Kopien teilweise zerstört. 1927 verwandte Hirschfeld eine um 50 Minuten gekürzte Fassung von "Anders als die Andern" unter dem Titel "Schuldlos geächtet" als Schlussepisode seiner Dokumentation "Gesetze der Liebe". Doch auch diese Aufführung wurde untersagt.

Erst viel später, in den Sechzigerjahren, kehrte die Aufklärung zurück auf die deutschen Leinwände. Es war zunächst eine bizarre Melange aus Erotik und Erziehung, Schlüpfrigkeit und Emanzipation. Den Anfang machte 1967 die recht biedere Fortpflanzungsdoku "Helga. Vom Werden des menschlichen Lebens". Alsbald führte Oswalt Kolle die Deutschen Film um Film durch die Weiten eines erfüllten Liebeslebens jenseits der Missionarsstellung. Auf die noch recht betulichen Aufklärungsfilme folgte schließlich eine Welle von Erotikklamotten wie "Schulmädchenreport" bis zu zotigem Schmuddelkram à la "Liebesgrüße aus der Lederhose".

Die Zahl der Verurteilungen von 1871 bis 1881 und 1944 bis 1959 ist vollständig geschätzt,
die Zahlen von 1882 bis 1901, 1937 bis 1943 und 1958 bis 1960 sind (teil-)geschätzt.

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Seite 1
isoko, 28.05.2019
1.
Vielen Dank für den aufklärenden und im Bezug zur DDR differenzierenden Beitrag. Ich denke die Auseinandersetzung und Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte und der Schuld ist überfällig. Entschädigungen inklusive.
Michael Schnickers, 28.05.2019
2. Was soll das, SPON?
Kein Bild vom großartigen Pionier und Forscher Magnus Hirschfeld, stattdessen eine längst widerlegte Verleumdung im Text! https://de.wikipedia.org/wiki/Magnus_Hirschfeld#Eugenik
Wilfried Auen, 28.05.2019
3. Ein 1957 gedrehter Film von Veit Harlan
unter dem Titel "Anders als Du und Ich" mit Paula Wessely, Paul Dahlke und Christian Wolff sollte auch erwähnt werden. Dieses Machwerk ist ein infamer Streifen gegen Homosexuelle. Hier wird gleichzeitig gegen sie als Konsumenten "entarteter Kunst" und deren verachtungswürdiges Milieu argumentiert. Veit Harlan musste es ja schliesslich als Goebbels´ ehemaliger Lieblingsregisseur wissen. Dieser Film wurde in der BRD von der überwiegenden Öffentlichkeit verrissen oder abgelehnt. Aber nicht wegen seiner postfaschistischen homophoben Darstellung, sondern man wollte sich mit "sowas" gar nicht erst befassen.
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