Wiedervereinigung "Kann man nicht ändern"

Nach der Euphorie kam die Ernüchterung: Karl Wilhelm Meiers Onkel begrüßte in der DDR den Fall der Mauer und die neu gewonnene Freiheit. Jahre später war seine Empörung groß - sogar noch auf dem Totenbett.

AP

Als ich noch klein war, war das Reisen teuer. Deshalb fuhr meine Mutter nie mit mir in ihren Geburtstort, das sachsen-anhaltinische Wolmirstedt in der DDR. Stattdessen besuchten wir eine ihrer Schwestern, die es nach Bremen verschlagen hatte. Opa Hermann, der Vater meiner Mutter, und ihr Bruder Werner waren in Wolmirstedt geblieben und kamen uns gelegentlich besuchen. Als Rentner durften sie reisen.

Meine Erinnerungen an ihre Besuche während meiner Kindheit sind blass. Ich entsinne mich vor allen Dingen daran, dass mein Opa am liebsten Brot mit frischem Speck und Harzer Käse aß. Jedes Mal, wenn er zu uns kam, deckte er sich damit reichlich ein. Wahrscheinlich gab es seine Leibspeise nicht immer in der DDR.

Als ich Jahre später meine Lehre beendet und ein wenig Geld zur Verfügung hatte, ließ ich mich von meinem Onkel Werner nach Wolmirstedt einladen. Denn die Geschwister meiner Mutter kennenzulernen, war mir wichtig. Ich wollte auch ihr Elternhaus sehen. Werner verdiente sich damals als Gasabfüller etwas zu seiner Rente hinzu und lebte mit seiner Frau Gertrud im Erdgeschoss. Im oberen Teil des Mehrfamilienhauses lebten mein Großvater und meine Tante Hanni, die als Krankenschwester arbeitete. Dann waren da Onkel Ernst und seine Frau Hanna, die ich besuchte. Sie wohnten im obersten Stockwerk eines Plattenbaus. Einen Fahrstuhl gab es nicht, und weil damals alle noch jung und frisch waren, störte das niemanden sonderlich. Die Wohnung bestand aus Nasszelle, Küchenzelle, Schlaf- und Wohnzimmer. Zelle hießen die Zimmer deshalb, weil sie über keine Fenster verfügten.

"In der Wohnung war man nie privat"

Wir tauschten allerhand Nettigkeiten und Belanglosigkeiten aus. Ich habe mich vor allen Dingen darüber gewundert, dass meine Verwandten keinen Bedarf an Westwaren wie Kaffee, Zigaretten oder Schnaps angemeldet hatten. "Wir leben hier", sagte Tante Hanna, "und wer hier lebt, der muss mit dem auskommen, was es gibt."

Als die DDR schließlich im Mülleimer der Geschichte verschwand, war es mir ein großes Bedürfnis, erneut nach Wolmirstedt zu fahren. Auch deshalb, weil es ohne Einladung und langen Aufenthalt plötzlich möglich sein sollte, einfach so, zum Kaffeetrinken. Tante Hanna und Onkel Ernst waren verwundert, als ich plötzlich mit dem Auto auftauchte.

Es dauerte eine Weile, bis Onkel Ernst etwas redseliger wurde. Diese ganzen Fernseher und Waschmaschinen, die plötzlich in den Osten geschleppt würden, seien ihm egal, sagte er. Ihm war wichtiger, dass er endlich sagen konnte, was er dachte. Dass es keinen Grund mehr gab, Angst zu haben. "In der Wohnung war man nie privat", erzählte er. "Unter uns wohnten Leute von der Stasi. Die waren immer im Dienst. Da hat auch die Schreibkraft Meldung gemacht, wenn sie was erfuhr."

Verletztes Gerechtigkeitsempfinden

Onkel Ernst erzählte davon, wie er einmal meine Mutter anlässlich ihres Geburtstags besucht habe und mein Vater anfing, über politische Dinge zu reden. "Da habe ich gesagt: 'Lass uns lieber in die Küche gehen. Da ist dann Niemand außer uns.' Ob er das wohl verstanden hat? Ich bin mir hinterher ganz blöde vorgekommen, wirklich." Das Gefühl des Beobachtet-Werdens hatte meinen Onkel auch in der Bundesrepublik nicht verlassen.

Einige Jahre späte bin ich ein weiteres Mal nach Wolmirstedt gefahren. Die Stimmung war diesmal eine andere. Onkel Ernst beschwerte sich über die westdeutschen Vertreter, die in den Neuen Bundesländern die unbedarften Ostdeutschen über den Tisch ziehen würden. Sie verletzten sein Gerechtigkeitsempfinden. Mir machte das eigentlich nur bewusst, wie sehr ich mich an die Raubtiermethoden des Direktvertriebs gewöhnt hatte.

Dass Helmut Kohl nun die ganzen Betriebe platt gemacht hätte, war eine andere Sache, die Onkel Ernst erzürnte. Er befürchtete, dass die jungen Leute keine Arbeit mehr finden, ihre Heimat verlassen und ein ausgeblutetes Sachsen-Anhalt zurücklassen würden. Er sollte Recht behalten: Arbeitslosigkeit ist in den neuen Ländern nach wie vor der Grund dafür, dass viele jungen Menschen ihrem Zuhause den Rücken kehren und in den Westen abwandern, dorthin, wo es noch Arbeit gibt.

Empörung noch auf dem Totenbett

Mein Onkel hatte sich nicht damit abgefunden, dass in der freien Marktwirtschaft Betriebe kommen und gehen und dass zur neuen Gesellschaftsordnung die Arbeitslosigkeit dazugehörte. Mir machte seine Wut vor allen Dingen bewusst, wie sehr ich abgestumpft war. Solang ich selbst noch einen Arbeitsplatz hatte, konnte ich mit den unübersehbaren Nachteilen des Systems ganz gut leben. Onkel Ernst sträubte sich, er wollte sich in das neue nicht mehr einpassen. Nach den Nazis und den Kommunisten, die nur Unheil angerichtet hatten, käme ihm das nicht mehr in den Sinn.

Im vergangenen Jahr ist mein Onkel an Krebs gestorben. Die Ärzte mussten ihm Morphium verabreichen, damit er die Schmerzen ertragen konnte. Berauscht von den Drogen verlangte er nach seinem Handy, um wegen der Arbeitslosigkeit mit der Regierung zu sprechen. Die Nachwendegesellschaft muss ihm sehr zugesetzt haben, angesichts der Tatsache, dass sie ihn noch auf der Schwelle zwischen Leben und Tod beschäftigte.

Seine Frau Hanna wunderte sich darüber nicht. Nach dem Krieg, nach drei Gesellschaftssystemen und einer ihrer Ansicht nach zu teuer erkauften Freiheit sei das kein Wunder. "Läppische 550 Euro Rente nach 50 Jahren harter Arbeit", sagte sie.

Manchmal, wenn Onkel Ernst nicht allzu zornig war, sagte er: "Kann man nicht ändern. Freuen wir uns also über unsere Kinder und Enkelkinder." Auch damit hatte er Recht.



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