Ein Anruf bei William Shatner "Darf ich Captain zu Ihnen sagen?"

Als Captain Kirk kommandierte William Shatner vor 50 Jahren zum ersten Mal das Raumschiff Enterprise - der Beginn des "Star Trek"-Kults. Jetzt durfte sein größter Fan aus der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion mit ihm sprechen.

Shatner im Sommer 2016: "Nennen Sie mich Bill."
Christopher Polk/ Getty Images

Shatner im Sommer 2016: "Nennen Sie mich Bill."

Von


Aus journalistischer Sicht ist alles an diesem Auftrag eine Katastrophe: Ich soll ein Interview führen mit William Shatner, den viele nur als Captain Kirk aus "Star Trek" kennen, der sich aber auch als Polizist T.J. Hooker durch L.A. schäkerte und als Anwalt Denny Crane in "Boston Legal" rumballerte. Das Interview soll maximal 15 Minuten dauern, am Telefon stattfinden und kommt nur zustande, weil Shatners neues Buch in Deutschland erscheint. Eine Reklameveranstaltung, wenn man ehrlich ist.

Das größere Problem ist: Ich bin Fan. Ich kann die meisten "Star Trek"-Folgen mitsprechen, den Warp-Antrieb erklären, auf Klingonisch fluchen. Als mein Sohn geboren wurde, steckte ich ihn in eine Mini-Uniform und verschickte die Fotos an Freunde und Familie.

Aber hey, das mit der professionellen Distanz werde ich schon hinbekommen, selbst wenn das Herz schneller pocht, während ich die Nummer wähle.

Es klingelt.

Shatner: Guten Morgen, oder wie spät es auch immer sein mag bei Ihnen.

Jetzt nur nicht sagen: "Grußfrequenzen offen, Captain."

SPIEGEL ONLINE: Hallo Sir, Mr. Shatner, oder darf ich Captain zu Ihnen sagen?

Shatner: Nennen Sie mich Bill.

Den Darsteller des wichtigsten Raumschiffkommandanten der Sternenflotte mit seinem Spitznamen anreden? Andererseits: Mr. Spock hat seinen Captain auch oft einfach "Jim" genannt...

SPIEGEL ONLINE: Bill, es ist toll mit Ihnen zu sprechen.

Vielleicht nicht journalistisch, aber ehrlich.

Shatner: Ich freue mich auch, über mein Buch sprechen zu können.

Vielleicht nicht ehrlich, aber werblich.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Bestseller über Leonard Nimoy, den Spock-Darsteller, erscheint auf Deutsch. Es ist ein 300-Seiten-Liebesbrief an einen verstorbenen Freund (hier geht es zum Spock-Nachruf). Was haben Sie von ihm gelernt?

Shatner: Wie wichtig und wertvoll es ist, einen Freund zu haben. Und wie schwierig es ist, eine Freundschaft zu pflegen und aufrechtzuerhalten.

SPIEGEL ONLINE: Was macht es so schwierig?

Fotostrecke

23  Bilder
William Shatner: Der hyperaktive "Enterprise"-Captain

Shatner: Im Showgeschäft ist es unter Kollegen ein wenig wie unter Soldaten im Krieg: Es herrscht Kameradschaft, solange man zusammen arbeitet. Aber dann ist der Film vorbei, die Serie abgedreht, und jeder geht seiner Wege. Man versichert sich gegenseitig, zu telefonieren und diese großartige Freundschaft zu pflegen. Man meint das wirklich ernst - und sieht sich dann nie wieder.

Ein echter Profi, genauso steht es im Buch, fast wortgleich.

SPIEGEL ONLINE: Warum war es mit Leonard Nimoy anders?

Shatner: Wir waren auch nach Drehschluss dauernd einander ausgesetzt: Wir machten nicht nur die Serie zusammen, sondern auch Filme, wir traten gemeinsam auf bei Fantreffen. Wir verbrachten die Abende miteinander, unsere Frauen und Familien lernten sich kennen.

SPIEGEL ONLINE: Sie verdanken uns "Star Trek"-Fans Ihre Freundschaft?

Shatner: Sagen wir es so: Wir lernten uns bei "Star Trek" kennen, und "Star Trek" hielt uns zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Gehen wir Hardcore-Fans Ihnen manchmal auf die Nerven mit unseren Abzeichen und angeklebten Ohren?

Shatner: Ach wissen Sie, auch über die Leidenschaft der "Star Trek"-Fans habe ich ein Buch geschrieben und eine Dokumentation darüber gedreht; Science Fiction hat etwas Mythologisches. Wie in jeder Mythologie gibt es Rituale. Das ist okay.

Quiz zu "Star Trek"

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen das nicht manchmal zu verrückt?

Shatner: Mir ist manchmal eher das echte Leben zu verrückt, schauen Sie sich den Wahlkampf in den USA an.

Wahlkampf, Politik, hart nachfragen!

SPIEGEL ONLINE: Sir, Bill, weil Sie davon sprechen: Viele andere "Star Trek"-Darsteller und -Produzenten haben einen Aufruf unterzeichnet, "Trek against Trump" heißt er. Der Appell richtet sich gegen den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner. Warum haben Sie nicht unterschrieben?

Shatner: Ich lebe als Kanadier in den USA; da halte ich mich lieber raus aus der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Wie hätte sich Ihr Freund Leonard Nimoy verhalten?

Shatner: Er wäre für Clinton.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie noch einen Tag mit ihm verbringen könnten, was würden Sie tun?

Shatner: Ihn umarmen und sichergehen, dass er nicht nur weiß, wie sehr ich ihn liebe, sondern auch, wie sehr ich seine Arbeit respektiere - ob als Regisseur, Schauspieler, Fotograf, Künstler.

SPIEGEL ONLINE: Das würden Sie sagen. Aber was würden Sie tun?

Shatner: Ich würde ihn auf ein Pferd setzen. Ich reite gern, und er kannte das kaum.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Chance, dass Sie demnächst nach Deutschland kommen?

Shatner: Jederzeit, Oliver, laden Sie mich doch auf ein Bier und eine Bratwurst ein...

SPIEGEL ONLINE: Bill, ich lade Sie hiermit ein. Danke Ihnen für das Gespräch.

Captain, Sie haben die Brücke!

Anzeige
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Peter sassnitz, 24.10.2016
1. Musste Lächeln
Gefällt mir die Art des Interviews. Gut gemacht.
Claus-Peter Reidegeld, 24.10.2016
2. The man, the myth - the legend
Hab ihn vorletzte Woche auf der Star Tek Convention in Birmingham getroffen. Er muss sich in den Sechzigern 20 jaher älter gemacht haben. Dieses Energiebündel kann unmöglich 85 sein! Hätte heulen können, wenn er nicht so verf...t real gewesen wäre. Jugendidol und Vorbild in der Gegenwart.
Peter Treue, 24.10.2016
3. gut gemacht
Fein und distanziert. Ob er es liest?
Uwe Schwanke, 24.10.2016
4. Ich auch - musste lachen
.....gut geschrieben - auch wenn Mr. Spock hierbei nicht die leiseste Regung gezeigt hätte...
Joachim Briegel, 24.10.2016
5. Das Star-Trek-Prinzip...
Die verschiedenen Star-Trek-Staffeln lassen sich auch als Blaupause für die Wahl des amerikanischen Präsidenten nehmen. Staffel 1: Captain Kirk, ein weißer Anglo-Amerikaner (fast alle bisherigen Präsidenten) Staffel 2: Captain Picard, ein Weißer, aber kein Anglo-Amerikaner (z.B. Eisenhower, eigentlich "Eisenhauer") Staffel 3: Captain Sisko, ein Afro-Amerikaner (Obama). Staffel 4: Captain Kathryn Janeway, eine anglo-amerikanische Frau (Clinton) Nach diesem Prinzip wird es also kein Klingone (Trump)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.