Surflegende Arnaud de Rosnay "Ich will nicht sterben"

Reich, adelig, befreundet mit den Beatles, liiert mit Topmodels - und per Surfbrett überquerte er Meere: Arnaud de Rosnay führte ein Leben wie aus einem Kitschroman. Bis der Playboy 1984 spurlos verschwand.

Bertrand Laforet/ Gamma-Rapho/ Getty Images

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Pierre Perrin hatte ein ungutes Gefühl. So kannte der Fotograf seinen Freund, den französischen Abenteurer und Windsurfer Arnaud de Rosnay, gar nicht.

"Arnaud lief im Kreis wie ein Löwe im Käfig", berichtete Perrin später. "Seine Konzentration war zerfressen von negativen Gedanken. Er schien mir psychologisch leer und erschöpft."

Dabei wollte Rosnay schon bald von China nach Taiwan surfen: 170 Kilometer allein auf einer windigen, viel befahrenen Meerenge. Ohne Genehmigung, Leuchtrakete, Boje, Funkgerät und - anders als zuvor beim Extremsurfen - ohne Leash. Mit dieser Leine sichern sich Surfer ans Brett.

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Arnaud de Rosnay: Extremsportler, Erfinder, Partylöwe

Rosnay, sonst strotzend vor Übermut, schien plötzlich selbst an der riskanten Aktion zu zweifeln. Kurz zuvor wurde seine Tochter Alizé geboren. Auf Französisch bedeutet das Passatwind - auch Rosnays Frau Jenna liebte das Windsurfen und hielt sogar den Geschwindigkeitsweltrekord.

Schluss mit den "Dummheiten"

Nie werde er ein "langweiliger Vater" sein, der abends müde aus dem Büro schlurfe, schrieb Rosnay vor der Abfahrt. Aber: "Ich will nicht sterben, weil meine zwei Frauen mich zu Hause erwarten." Diese Meerenge wolle er noch bezwingen, sagte er Perrin, danach eine allerletzte - dann sei Schluss mit "diesen Dummheiten".

Also zwängte sich Rosnay am 24. November 1984 am Strand von Chong Wu in seinen Neoprenanzug. Perrin machte ein paar Fotos, wie Rosnay mit glutrotem Segel mit chinesischer Flagge ein paar Barkassen umkurvt. Per Fernglas beobachtete er den schrumpfenden roten Punkt. Niemand schien sich am illegalen Aufbruch zu stören. Kein Militärboot folgte Rosnay.

Perrin legte das Fernglas zur Seite. Er war der Letzte, der Rosnay sah.

Pierre Perrin/ Gamma-Rapho/ Getty Images

35 Jahre später wird noch immer über das Verschwinden des Surfers spekuliert. Journalist Olivier Bonnefon widmete ihm 2014 eine Biografie und ließ Zeitzeugen wie Perrin zu Wort kommen. Wurde Rosnay Opfer der Feindschaft zwischen China und Taiwan? Hielten Militärs den Franzosen für einen Spion und ermordeten ihn, oder geriet er an Piraten?

Freunde Rosnays fragen sich bis heute, warum die Regierung in Peking nur Tage nach seinem Verschwinden eine Genehmigung für die Fahrt ausstellte. Ein Ablenkungsmanöver? Wieso ließen die Chinesen Rosnay starten, obwohl Soldaten den Strand überwachten? Sogar eine Wahrsagerin wurde bemüht. Und sah "einen gewaltsamen Tod" durch "bewaffnete Männer".

Hinter all dem steht die Überzeugung: So einer wie Rosnay stirbt nicht banal bei einem Sturz ins Wasser oder durch eigene Fehler. Ein adeliger Playboy, der mit den schönsten Frauen liiert war, auf der privaten Karibikinsel Moustique neben Mick Jagger wohnte und in den Sechzigerjahren mit den Beatles durch Indien tingelte.

Surfpionier, Frauenheld, Modefotograf

Rosnays Biografie ähnelt einem Kitschroman: Der junge Arnaud, Sohn eines Kunstmalers, wuchs im Paradies auf. Auf Mauritius, einst französische Kolonie, besaß die Familie seit dem 19. Jahrhundert Villa, Land, Zuckerfabriken. An den Traumstränden entdeckte der junge Baron die Liebe zum Meer. Später warb er als Berater des Inselstaats mit Brigitte Bardot für Mauritius als Luxusreiseziel.

Ähnlich märchenhaft verlief das nächste Lebenskapitel: Als Hollywoodregisseur Peter Viertel 1957 den Surfsport nach Biarritz brachte und damit Europa begeisterte, gehörte Familie Rosnay zu den Pionieren. Arnaud war erst 13, sein älterer Bruder Joël zählte zu den vier auserwählten Franzosen, denen Viertel die ersten Bretter aus den USA schenkte. Joël gewann später Meisterschaften und vertrat sein Land zweimal bei der Surf-WM.

Arnaud eiferte dem Bruder nach - und nutzte die Vorteile des Surferimages: Durchtrainiert und mit dichten Locken war er mit 18 mit Marisa Berenson liiert, Enkelin einer reichen Modeschöpferin und bald eines der teuersten US-Models. Die Beziehung begeisterte ihn für Modefotografie. Rosnays Bilder schafften es in die "Vogue", auch weil der Fotograf Unorthodoxes wagte: So pinselte er für einen Hintergrund alle Blätter eines Magnolienbaumes rot an - ohne Erlaubnis des reichen Gartenbesitzers. Mühsam musste er jedes Blatt wieder säubern.

Mit 23 hatte Rosnay genug Geld für einen Rolls Royce und baute ihn mit Telefon, Radar, Minibar, TV, Stereoanlage zum rollenden Partybüro um. Privat lief es unruhiger: Nach der achten Trennung verließ ihn Marisa endgültig. Rosnay rächte sich, indem er Nacktbilder von ihr veröffentlichte. Er tröstete sich mit anderen Models, ging mit Christina Onassis und Irans Ex-Kaiserin Soraya aus.

Auf Partys trug der Frauenschwarm, der später auch eine Affäre mit Bianca Jagger gehabt haben soll, einen Button mit der Aufschrift "I like sex" am Hemd. Doch all das langweilte ihn bald. Während sein Bruder als Biologe und Informatiker am renommierten Institut Pasteur forschte, kanalisierte Arnaud seine Kreativität im Sport.

"Großartiger Selbstdarsteller"

Mit Joël hatte er in den Sechzigern den Skateboardsport beworben. Warum also nicht Räder unter Windsurfbretter schrauben? So erfand ein Baron 1977 den Strandsegler und vermarktete ihn geschickt, indem er 1400 Kilometer an der Saharaküste entlangbrauste.

Das weckte eine Gier nach Rekorden. Vielleicht auch, um all seinen Neidern zu zeigen, dass er mehr drauf hatte als ein typischer Societyschnösel. 1979 fuhr er mit dem Windsurfbrett durch die eiskalte Beringstraße zwischen Alaska und Sibirien.

Der Partylöwe: Rosnay (rechts) in seinem Element
Jean-Claude Deutsch/ Paris Match/ Getty Images

Der Partylöwe: Rosnay (rechts) in seinem Element

Die Anerkennung blieb dennoch aus. Robby Naish, lange weltbester Windsurfer, hielt den Franzosen zwar für talentiert und lernschnell, aber auch unbeliebt: "Er war ein Typ, der gern von sich redete. Man konnte nicht immer unterscheiden, was Traum und Realität war. Er war ein großartiger Selbstdarsteller, mit einem unglaublichen Talent, sich in Szene zu setzen." Seine blonde Freundin Jenna habe "wie das perfekte 'trophy girl'" gewirkt.

Niederlagen akzeptierte so jemand ungern. 1980 wollte Rosnay ins Filmgeschäft einsteigen - mit dem Science-Fiction-Film "Gravity", in dem eine außerirdische Schönheit auf einer einsamen Insel die letzten Menschen trifft. Doch alle Studiobosse winkten ab. "Früher sind Aristokraten nach einer Niederlage in den Krieg gezogen", sagte Rosnay trotzig. "Ich ziehe ins Abenteuer."

Nach Tahiti statt Hawaii

Von der Insel Nuka Hiva in Französisch-Polynesien wollte er zum 4000 Kilometer entfernten Hawaii surfen. Sein Kalkül: Würde er sterben, könnte jemand anders mit dem Geld aus seiner Lebensversicherung den Film stemmen. Hätte er Erfolg, würde ihm die Aufmerksamkeit neue Türen öffnen.

Dieses Projekt wurde zum Wendepunkt, der das spätere Drama erklären mag. Rosnay ließ sich ein spezielles Surfbrett entwickeln, das er abends mit aufblasbaren Stabilisatoren in ein kleines Boot mit wasserdichtem Schlafsack verwandeln konnte. Ein Drachen zog diese treibende Plattform in Ruhephasen weiter. So wurde der Baron auch zum Vordenker des Kitesurfens.

Eigentlich sollte ihn neben einem US-Fernsehteam auch ein Schiff der französischen Marine begleiten. Nach ersten Problemen warnte der Kommandant jedoch vor dem "Selbstmordkommando". Bevor man ihm alles verbot, brach Rosnay nachts heimlich auf - statt nach Hawaii Richtung Tahiti, 1300 Kilometer entfernt.

Die Marine suchte ihn vergebens. Rosnay schien vom Meer verschluckt. Viele hielten ihn für tot, seine Frau aber sagte: "Er ist unbesiegbar." Nach elf Tagen und 900 Kilometern tauchte der Abenteurer plötzlich auf dem Atoll Ahe auf, mit sonnenverbrannter Haut, aufgequollenen Lippen und einem geschwollenen Ellbogen, der operiert werden musste. "Sind Sie der verschollene Windsurfer?", fragten Einheimische und hängten ihm Blumenkränze um.

Der Held - ein Schummler?

Doch erneut blieb Rosnay die Anerkennung versagt. Sofort zweifelten Experten, auch Windsurfchampions, dass Rosnay per Kompass derart gut navigieren konnte; zudem hätte er viel abgemagerter, ja halbtot vom Brett fallen müssen. Rosnay habe, spottete "Le Quotidien de Paris", die "Grenzen seiner Leistungsfähigkeit derart erweitert, dass er dabei die Grenzen der Glaubwürdigkeit überschritt". Der Held - ein Betrüger?

Joël gab seinem impulsiven Bruder vor einem Fernsehauftritt stichwortartige Anweisungen: "ACHTUNG: KEINE DUNKLE SONNENBRILLE. Man muss deine Augen sehen: Charme". Und: "BLEIB COOL - SYMPATHISCH - übertreibe nichts, keine Schwülstigkeiten - kritisiere nicht die Journalisten - kritisiere nicht die Spezialisten".

Am Ende solle er bescheiden betonen, er habe nur eine Herausforderung für sich gesucht - "und sich selbst betrügt man nicht". Dennoch nagte der Streit an Rosnay: Etwas sei in ihm "zerbrochen", sagte er.

Preisabfragezeitpunkt:
27.06.2019, 09:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Olivier Bonnefon
Arnaud de Rosnay: Gentleman de l'extrême

Verlag:
éditions Atlantica
Seiten:
228
Preis:
EUR 23,65

Weitere Abenteuer sollten die Kritiker verstummen lassen. 1984 surfte Rosnay von Florida nach Kuba und vom japanischen Hokkaido auf die sowjetische Insel Sachalin. Schon zuvor hatte er den Ärmelkanal in 99 Minuten überquert und den alten Rekord um mehr als zwei Stunden "pulverisiert", wie eine Zeitung schrieb. Aus dem vermeintlichen Lügen-Baron wurde der "Super-Baron".

Seine Fahrt von China nach Taiwan folgte einer bewährten Logik: Die Feindschaft zweier Staaten erzeugt Aufmerksamkeit. Das Segel hatte er so konstruiert, dass er per Reißverschluss zwischen den Flaggen Chinas und Taiwans wechseln konnte. Um nicht für einen Spion gehalten zu werden, verzichtete er auf Navigationsgeräte.

Fotograf Perrin glaubt nicht an all die Mordtheorien - "Arnaud ist gestürzt oder sein Material gebrochen". Er habe sich vielleicht nicht aufrichten können zwischen all den großen Tankern, die ihn kaum sehen konnten. Dass er spurlos verschwand, sei "verstörend", bedeute aber nichts: "Das Meer ist weit."

Vielleicht schlug Rosnay auch seinen eigenen Rat von 1981 in den Wind: "Vor der See muss Demut gezeigt werden." Nur wer bescheiden sei, werde von den Ozeanen respektiert.

insgesamt 4 Beiträge
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Harald Reichmüller, 02.07.2019
1. Wozu das alles?
Klar versucht sich ein junger Mann zu beweisen, zumal das ja auch Punkte, Sex und Anerkennung bei Frauen bringt. Aber jedes Abenteuer ist ein Lebensrisiko. Man kann es wieder und noch einmal unternehmen. Aber irgendwann muß man den Absprung schaffen und sich rechtzeitig sagen "jetzt ist Schluß damit". Eine Bergsteigerweisheit bringt es auf den Punkt: Der beste Bergsteiger ist ein alter Bergsteiger.
Andreas Lobe, 03.07.2019
2. ...
... also mich würde echt interessieren, bei welchen Filmen Peter Viertel Regie geführt hat. Danke!
Papazaca, 04.07.2019
3. Nur jemanden verbessern oder wirkliches Interesse?
@ Andreas Lobe Wenn ich im SPON ab und zu Beiträge lese, in denen dies oder das moniert wird, kann ich das noch so gerade verstehen. Hier: Ja, Peter Viertel hat Drehbücher geschrieben - übrigens sehr gute - war aber kein Regisseur. Was ich aber nicht verstehe, ist, dass der Bericht - hier das Leben und der Tod eines Surfers und Playboys - scheinbar gar nicht interessiert. Aber, man/ich muß ja nicht alles verstehen.
Andreas Lobe, 04.07.2019
4. Tja ...
Sagen wir's mal so: Ich bin beruflich betroffen. Viertel in diesem Text zu nennen, läuft meiner Meinung nach unter namedropping. Der "Hollywood-Regisseur" trägt natürlich mehr als der Drehbuchautor bzw. Buchautor, den heute nur noch wenige kennen - was seine Klasse und Bedeutung angeht, stimme ich mit Ihnen überein. Das Problem, das ich sehe, besteht darin, dass man jetzt darauf warten kann, bis Viertels falsche berufliche Zuordnung im Netz Verbreitung findet. In ein paar Jahren steht das dann vielleicht sogar in Wikipedia - kein Witz, ich habe sowas Ähnliches schon erlebt. In dem Fall war es eine unsinnig falsche Behauptung in einem Buch, geschrieben von einem Professor der Psychologie, der den Irrtum auch durchaus zugab - aber das Buch sei gedruckt, da könne man jetzt nichts mehr machen. Er verspricht mir, den Fehler bei einer eventuellen Neuauflage zu bereinigen. Bis dahin steht das Buch in den Regalen - und inzwischen bin ich schon mehrfach auf diese falsche Behauptung im Netz gestoßen ... Das mit Viertel ist einfach schlampig recherchiert - wahrscheinlich ein Übersetzungsfehler aus einem Eintrag über de Rosnay in der französischen Wikipedia, dort wird Viertel als "scénariste" bezeichnet. Die Redaktion könnte das berichtigen, das würde für mich unter Sorgfaltspflicht laufen - angebracht bei einem Medium wie SPON. Einfach, weil absehbar ist, dass dieser Text noch öfter im Zusammenhang mit Recherchen gelesen werden wird. BTW: Wer sich näher für den bemerkenswerten Autor Peter Viertel interessiert, dem empfehle ich: "Weißer Jäger, Schwarzes Herz".
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