Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr "Willkommen im Krieg"

2001 beschloss der Bundestag den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Als einer der ersten Soldaten landete Franz Xaver F. in Kabul. einestages erzählte der Oberstleutnant von den Attacken der Taliban, den schönen Seiten des Einsatzes und dem wohl traurigsten Weihnachten seines Lebens.

Franz Xaver F.

Hoch über dem Hindukusch vergaß Franz Xaver F. für einen kurzen Moment alles um sich herum. Gebannt starrte er aus dem Flugzeugfenster auf das gigantische Gebirge mit seinen Gipfeln im ewigen Eis, viele davon weit über 5000 Meter hoch. Seine Gedanken schweiften ab. Was für ein einmaliger Blick! Ob jemals ein Mensch die Gipfel erstürmt hatte? Wie weggeblasen waren all die Fragen, die ihn noch beim Abflug in Köln beschäftigt hatten: Was erwartet uns in Kabul? Würden sie es mit denselben Männern zu tun haben, die mit ihrer Guerilla-Taktik zwischen 1979 und 1989 die militärisch weit überlegenen Russen langsam, aber sicher in die Knie gezwungen hatten? Würden diese erprobten Kämpfer auch deutsche Soldaten angreifen?

Als Franz Xaver F. im September 2002 auf dem Flughafen von Kabul landete, holte ihn die Realität jedoch schnell ein. Die Hitze schlug ihm schon an der Tür der Bundeswehrmaschine entgegen. Sein Blick schweifte über den von 30 Jahren Krieg und Bürgerkrieg stark zerstörten Flughafen. Selbst die Ankunftshalle glich einer Ruine. Die Fenster waren zerschossen. Drinnen begrüßte nichts als Staub und gähnende Leere die Soldaten, als wollten sie sagen: "Willkommen im Krieg", erinnert sich F.

Ihn beschlich ein mulmiges Gefühl. Keiner der deutschen Soldaten trug Waffen. Wenn sie jetzt angegriffen würden, wäre das der sichere Tod. "Wir wussten ja, was sich in diesem Land über Jahrzehnte abgespielt hatte", erzählt Franz Xaver F. Hatten die Afghanen wirklich begriffen, dass sie nicht als Eroberer, sondern als Helfer gekommen waren? Unruhig stieg er in den Bus, der ihn und seine Kameraden ins zehn Kilometer entfernte Camp Warehouse bringen sollte, wo die knapp 2000 Bundeswehrsoldaten untergebracht waren.

"Ich will nach Afghanistan gehen"

Erst als er im Camp angekommen war und seine Pistole aus der Waffenkammer abgeholt hatte, kehrte seine Gelassenheit zurück. "Es ist ein komisches Gefühl. Man weiß sich als Soldat zu wehren, hat aber die technischen Mittel dazu nicht," erinnert er sich. Wie berechtigt seine Sorge gewesen war, zeigte sich einige Monate später. Am 7. Juni 2003 griffen Taliban-Kämpfer einen Bus mit 33 deutschen Soldaten an, die auf dem Weg zum Flughafen waren, um zurück nach Hause zu fliegen. Vier Bundeswehrsoldaten kamen damals ums Leben, 29 wurden verletzt. Seitdem fuhr kein Bus mehr ohne Geleitschutz durch die Stadt.

Als der Bundestag am 22. Dezember 2001 den Bundeswehreinsatz am Hindukusch im Rahmen der ISAF (Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe) beschloss, leitete Franz Xaver F. als Oberstleutnant der Reserve den Reservistenverband in Bayern. Ihm war sofort klar: "Ich will nach Afghanistan gehen und sehen, was auf uns zukommt." Also meldete er sich freiwillig. Mit dem zweiten Kontingent kam er im September 2002 in Kabul an. Dass der Einsatz nicht einfach werden würde, war allen klar. Wie viel Improvisationstalent und Nervenstärke er ihnen tatsächlich abverlangen würde, ahnten sie nicht.

Camp Warehouse war in besseren Zeiten ein Busdepot gewesen. Wie am Flughafen war kaum eines der Gebäude noch intakt, weshalb die Soldaten der ersten Stunde in Zelten hausten und ihre Büros in Containern eingerichtet hatten. Zwischen den Zelten hatten sie mannshohe Schutzwände aus Sandsäcken aufgetürmt, da Raketenangriffe zum Alltag gehörten. Die Taliban schossen damals bevorzugt mit alten, chinesischen 107-Millimeter-Raketen. Die Tücke daran: Sie waren mit Phosphor bestückt, der sich sofort entzündet, wenn er mit Sauerstoff in Kontakt kommt. Die Sandsäcke sollten verhindern, dass ein so entfachtes Feuer unkontrolliert von Zelt zu Zelt springt.

Flammendes Willkommen

Auch Franz Xaver F. war in einem der Zelte untergebracht, das er mit drei Offizieren teilte. Achtlos warf er am ersten Abend seine Kleidung auf den Boden und schlüpfte schnell in sein Feldbett, um der Kälte, die mit der untergehenden Sonne urplötzlich eingebrochen war, zu entkommen. Diese Nachlässigkeit sollte er wenige Stunden später bitter bereuen, denn die Taliban bescherten ihm in seiner ersten Nacht ein flammendes Willkommen. Um ein Uhr schrillte der Alarm: Raketenbeschuss. Er steckte sich die Taschenlampe in den Mund und suchte hektisch seine herumfliegenden Klamotten zusammen. Es dauerte ewig, bis er kampfbereit dastand. "Ich war einfach schlecht vorbereitet."

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Einsatz in Kabul: Kuchen und Geschenke für den Frieden

Die Rakete erreichte das Camp nicht. Sie krepierte irgendwo zwischen Abschussrampe und Kabul. Am nächsten Tag begann F. sich besser für den Ernstfall wappnen. Er lief in die campeigene Tischlerei und besorgte sich dort ein paar Bretter, in die er eine Reihe von Nägeln schlug und am Kopfende seines Bettes aufstellte. Jedes Kleidungsstück bekam einen Nagel zugewiesen, damit er beim nächsten Alarm nur noch blind zugreifen musste. Nachdem er das erledigt hatte, begann sein erster Arbeitstag in seinem Container-Büro.

Franz Xaver F. ist ausgebildeter Elektroingenieur und war deshalb der CIMIC zugeteilt - der Civil-Military Cooperation, die in Afghanistan für die Zusammenarbeit des Militärs mit den örtlichen Behörden verantwortlich ist und zugleich den Wiederaufbau organisiert. Ingenieure waren damals wie heute wegen ihres Know-hows besonders gern gesehen. Schulen, Kindergärten, Brücken und Straßen bauen - das war in den kommenden Monaten die Aufgabe von F.

"Wir haben uns die Arbeit selbst gesucht"

2002 beschränkte sich das Mandat der ISAF noch auf Kabul und Umgebung - so wie die CIMIC-Baustellen. Erst im Herbst 2003 weitete die ISAF ihr Einsatzgebiet auf ganz Afghanistan aus und rief die sogenannten Provincial Reconstruction Teams (PRT) ins Leben, die seitdem im ganzen Land den Wiederaufbau koordinieren. Die Deutschen übernahmen im Januar 2004 das PRT in Kunduz - bis dahin waren sie ausschließlich in Kabul stationiert.

Während der Großteil seiner Kameraden das Camp nur sporadisch verlassen durfte, war Franz Xaver F. fast jeden Tag im Stadtgebiet unterwegs - allerdings nie allein. Sein Dolmetscher, ein Hauptfeldwebel und sein Fahrer waren immer an seiner Seite. Tag für Tag klapperten sie die Baustellen ab, die unter der Kontrolle der CIMIC standen. Regelmäßig trafen sie sich mit Vertretern der örtlichen Behörden, um herauszufinden, wo noch Hilfe gebraucht wurde. "Wir haben uns die Arbeit selbst gesucht", erzählt er. So entstanden weitere Bau - und Hilfsprojekte. Eines davon betraf die Universität Kabul. Dort fiel im Winter ständig der Strom aus. Franz Xaver F. und seine Leute sorgten dafür, dass wenigstens die Germanistische Fakultät konstant mit Strom versorgt wurde, damit der Lehrbetrieb aufrechterhalten werden konnte.

Immer wieder nutzte die Franz Xaver F. die Gelegenheit, auf Märkte zu gehen, beim Brotbacken zuzuschauen oder ein kurzes Gespräch mit einem Kokosnussverkäufer zu führen. Das Unbehagen des ersten Tages war bald verschwunden. "Ich habe mich dabei immer erstaunlich wohl gefühlt", erzählt er. Freitags - am muslimischen Sonntag - trafen sich die Soldaten oft in der deutschen Handelsvertretung, die 1904 eröffnet worden war und nun vom Wiederaufbauteam instand gesetzt wurde. Dort wurde gemeinsam gekocht und gefeiert. Gegen Mitternacht fuhren die Soldaten dann wieder in die Kaserne zurück. Nie kam es zu einem Zwischenfall.

Schatten über Weihnachten

Mittlerweile ist daran nicht mehr zu denken. "Wir waren die Letzten, die sich vollkommen frei bewegen konnten", sagt Franz Xaver F. Nach dem Busanschlag im Sommer 2003 wurde die Sicherheitsstufe erstmals erhöht. Alleingänge waren fortan untersagt. Nur noch Gruppen von mindestens zwei Fahrzeugen durften das Camp verlassen. Inzwischen hat sich die Lage noch weiter verschärft. "Heute ziehen wir uns aus der CIMIC-Arbeit zurück, weil wir 200 Mann bräuchten, um die Arbeit jedes einzelnen Teams abzusichern", sagt er.

Überschattet wurde der Aufenthalt von Franz Xaver F. von einem dramatischen Zwischenfall am 21. Dezember 2002. An diesem Samstag kehrte er am späten Nachmittag von einem seiner Rundtrips ins Camp zurück. Plötzlich sah er neben dem Flughafen eine dichte Rauchwolke aufsteigen. Anfangs dachte er sich nicht viel dabei. Schließlich gab es in Kabul regelmäßig Detonationen. Erst als er direkt davor stand wurde ihm klar, dass ein deutscher Hubschrauber abgestürzt war. "Wir waren mit die Ersten am Unfallort", erinnert er sich. Doch ausrichten konnten sie nichts mehr.

Sieben deutsche Soldaten waren an diesem Samstag in dem Flammeninferno ums Leben gekommen. Nicht nur zu Hause in Deutschland schockierte die Nachricht. Noch nie hatte die Bundeswehr bei einem Auslandseinsatz so viele Soldaten auf einmal verloren. Auch für Franz Xaver F. und seine Kameraden war das ein Schock. Dass nicht die Taliban, sondern ein technischer Defekt für den Absturz verantwortlich war, änderte nichts an der Bestürzung. Die Soldaten rangen tagelang um Fassung. Im Camp herrschte eine bleierne Stimmung. Noch heute lässt die Erinnerung an damals Franz Xaver F. erschauern.

Erneut unter Beschuss

Am Heiligabend lagen die sieben Soldaten aufgebahrt in einer der Lagerhallen von Camp Warehouse. Franz Xaver F. und ein anderer Kamerad standen bis spät in den Abend am Eingang der Halle Ehrenwache. Wie sehr sie das Ganze mitnahm, war an ihrem Gesichtsausdruck deutlich abzulesen. Etliche Soldaten nutzten die Gelegenheit und verabschiedeten sich von den Toten. Trotz der tiefen Trauer, die alle empfanden, wollten sie am späten Abend noch einmal kurz auf Weihnachten anstoßen. Aus Tradition. Und um die Stimmung aufzuhellen.

Der Sekt war bereits kaltgestellt. Doch dann attackierten die Taliban das Camp mit Raketen. Der Alarm schrillte. Die Soldaten rannten entweder in den Bunker oder zu dem ihnen zugewiesene Einsatzort. Glücklicherweise verlief auch dieser Angriff glimpflich. Nichts wurde zerstört. Niemand verletzt. Weihnachtsstimmung wollte in den kommenden Tagen trotzdem nicht mehr aufkommen. Daran änderte auch der liebevoll mit Lametta geschmückte Tannenbaum nichts, den die Soldaten zwischen den Sandsäcken aufgestellt hatten.

Ende Januar 2003 kehrte Franz Xaver F. nach Deutschland zurück. Trotz der Gefahren, denen er tagtäglich ausgesetzt war, erinnert er sich gern an den Einsatz - vor allem weil er damals noch so viel bewegen konnten. Noch einmal wird er trotzdem nicht nach Afghanistan gehen. Der Familienrat hat sein Veto eingelegt. Zu gefährlich, befanden seine Frau sowie die Kinder und Enkelkinder.

Der Name des Oberstleutnants wurde auf seinen Wunsch abgekürzt.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Markus Graf, 24.12.2011
1.
Der Einsatz im Rahmen der ISAF begann bereits Dezember 2011 und ab Januar 2002 nahm das erste Kontingent in Kabul die Arbeit auf.
Georg Ritter, 24.12.2011
2.
Der Familienrat hat sein Veto eingelegt? Ein Kompliment dem Familienrat. Er ist gescheiter als alle die, die Soldaten nach Afghanistan schicken... Übrigens, die Damen und Herren Grossmaulpolitiker, die würden keinen einzigen Soldaten nach Afghanistan senden, müssten sie selbst auch mal ein paar Tage hin...
Philipp Viethen, 24.12.2011
3.
"Jedes Kleidungsstück bekam einen Nagel zugewiesen, damit er beim nächsten Alarm nur noch blind zugreifen musste" Es ist schon traurig, wenn ein Oberstleutnant, den man in einen Einsatz schickt, anscheinend nicht einmal über Kenntnisse der Grundausbildung (Alarmstuhl - da werden die Klamotten systematisch drapiert, damit man sie sofort griffbereit hat) verfügt und die Transferleistung mit den Nägeln noch als Innovation und Pfiffigkeit darstellt.
Christian Fischer, 24.12.2011
4.
Da hat eben die Last des Friedens zugeschlagen... Die Bundeswehr war seit ihrer Gründung bis zum Jahr 1989 eine reine Abschreckungsarmee mit einer Einsatzwahrscheinlichkeit nahe Null. Und wenn, dann hätte dies im Atomkrieg geendet... Also ein sehr komfortabler Arbeitgeber mit guter Bezahlung, wenig Risiko und vielen Annehmlichkeiten. In dieser ganzen Zeit hat sich für die Soldaten der Normallfall eingestellt, dass sie bei guter Gesundheit (abgesehen von Übergewicht und internistischen Problemen) in Pension gehen. Vergessen wurde schnell, dass der Normallfall des Dienstenedes eines Soldaten historisch betrachtet Verwundung oder Tod sind. Denn dafür ist er da. Um zu gehorchen, zu kämpfen und zu sterben. Als ich dies zum ersten Mal als Ausbilder den mir damals anvertrauten Soldaten die ich für den Auslandseinsatz fit machen sollte gesagt habe, ist fast allen der Zeit- und Berufssoldaten der Ausbildungseinheit das Gesicht entgleist. Da haben sie vermutlich zum erten Mal begriffen, was sie eigentlich erwartet. Dazu kommt, dass man die Soldaten seitens der Politik feigerweise nicht als Soldaten in einen Krieg geschickt hat, sondern in eine obskure Aufbaumission, als Art leidlich bewaffnetes THW. Sie hatten weden den Auftrag als Soldaten zu handeln noch die technischen Mittel dazu noch die Berechtigung (wobei es ohnehin eine Frechheit ist, dass Juristen und Politiker in Form von sinnlosen Einsatzregeln Vorgaben machen wie der Auftrag zu erfüllen ist). Das war und ist eine politische Frechheit ohne Gleichen. Wenn ein Soldat erfolgreich sein soll und überleben können soll, dann darf es nur einen Auftrag an ihn geben: "Der Feind ist wo immer er angetroffen wird mit allen Mitteln zu vernichten". Der einzige der sich annähernd soldatisch verhalten hat war Oberst Klein. Und ja, es sterben auch Zivilisten. Und? Wen stört es? Wo ist das Problem? Das hat in Luftmarschall Harris in Dresden auch nicht interessiert. Und es war am Ende erfolgreich. Und nebenbei. Wenn ein ausgewachsener Stabsoffizier in einer Gefechtsituation nachts wenn er ruht keinen "Alarmstuhl" baut wie man es jedem Rekruten in der Grundausbildung einbleut, sondern seine Ausrüstung abends wie im heimischen Schlafzimmer auf dem Boden herum liegen läßt, dann verstehe ich die Welt nicht mehr...
Thomas Preuß, 26.12.2011
5.
>... Wenn ein ausgewachsener Stabsoffizier in einer Gefechtsituation nachts wenn er ruht keinen "Alarmstuhl" baut wie man es jedem Rekruten in der Grundausbildung einbleut, sondern seine Ausrüstung abends wie im heimischen Schlafzimmer auf dem Boden herum liegen läßt, dann verstehe ich die Welt nicht mehr... Einen Alarmstuhl zu bauen, wenn kein Stuhl da ist, ist schwierig. Wer noch nie einem ersten oder zweiten Einsatzkontingent angehört hat (egal wo), solte sich hier vielleicht nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Frohe weihnacht!
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