Aufstand in der DDR Der Tag, an dem Stalin brannte

Am 17. Juni 1953 wartete der zwölfjährige Peter Model in Halle an der Saale vergeblich auf die Straßenbahn. Mit einem Nachbarjungen machte er sich zu Fuß auf den Weg - bis ein unüberhörbares Klirren schlagartig Erinnerungen an das Ende des Krieges wachrief.

Peter Model

Als ich mir vor der Burg Giebichenstein die Zeit vertrieb, weil die Straßenbahn nicht kam, ahnte ich nicht, dass in der DDR gerade ein Volksaufstand ausgebrochen war. Und dass ich schon bald Unfassbares miterleben würde. Zwölf Jahre alt war ich damals, im Juni 1953. Neben mir saß auf einem Mauerstück ein Nachbarsjunge, den ich heimlich beneidete. Denn er wohnte im Innern der Burg, weil sein Vater dort Hausmeister war. Und die Mutter war Schaffnerin und hatte an dem Tag Dienst auf der Straßenbahnlinie 7 in Halle an der Saale.

Vieles ging mir an dem warmen Sommertag durch den Kopf, als wir warteten und die Beine baumeln ließen. Bei Kriegsende im April 1945 waren hier die Amerikaner über die Saale gekommen. Die Kröllwitzer Brücke wurde im letzten Augenblick gesprengt. Fliegeralarm und Bombennächte lagen endlich hinter uns. Zum ersten Mal sah ich damals einen Schwarzen, in fremder Uniform.

Wenige Wochen später folgten die russischen Soldaten, die kläglicher anzusehen waren. Sie saßen auf Fuhrwerken, die von mageren Pferden gezogen wurden, und schliefen auf Stroh. Panzer rollten durch die Straßen, dieses Mal kamen sie von Osten her. Die Eisenmonster sollten danach noch oft an meinem Fenster vorbeiklirren, meistens nachts.

Brodelnde Menschenmasse

Von der Straßenbahn war immer noch nichts zu sehen, obwohl sie nach der Turmuhr längst um die Kurve am Gasthof 'Zum Mohren' hätte biegen sollen. Wir entschlossen uns, der Mutter entgegenzulaufen, immer den Schienen nach. Lutherlinde - Museum - Reileck: Der vertraute Weg führte uns in Richtung Innenstadt. Plötzlich starrten wir gebannt die Ludwig-Wucherer-Straße hinauf und folgten nicht mehr den Schienen der Linie 7. Denn wie ein Lindwurm näherte sich eine brodelnde Menschenmasse aus Frauen und Männern. Staunend näherten wir uns und wurden von dem Strom mitgetrieben.

Aus einem großen Gebäude im Paulusviertel wurden Fahnen aus den Fenstern geworfen. Papier wirbelte umher, eine Schreibmaschine flog auf das Pflaster. Zwei Autos wurden angezündet. Jeder Junge wusste, dass die dicken, schwarzen BMW-Limousinen 'Bonzenwagen' waren. In solch einem schönen Auto fuhr auch der Präsident der Republik! An dem Tag war aber alles anders. Wir beobachteten Schlägereien und sahen blutige Gesichter von Uniformierten. "Weiter!" hieß es im Befehlston. Die Menge strömte zum Reileck. Mitten auf der Kreuzung griff ein Mann zu einem Megaphon, das zur Ausrüstung eines Postens der Verkehrspolizei gehörte. "Auf, zum Roten Ochsen!" rief er. Das war das Gefängnis.

Am Reileck waren zwei haushohe Porträts montiert, Öl auf Leinen. Stalin brannte nun, die Stofffetzen flatterten im Wind. Unglaublich! Als er März 1953 starb, mussten wir an der Schule noch Ehrenwache an der Gipsbüste des "Vaters aller Werktätigen" halten. Die Ausgabe der SED-Bezirkszeitung "Freiheit" erschien mit einem dicken Trauerrand, ebenso wie die Briefmarken. Und jetzt knüppelte die schreiende Menge sogar noch auf das andere Großbild ein, das Karl Marx zeigte. Nach hitzigen Diskussionen durfte dieses Gemälde aber schließlich hängen bleiben. "War doch ein Deutscher", wurde erregt erklärt.

Versteinerte Blicke

Bei den Fahnen des zuvor gestürmten Parteigebäudes hatte man es nicht so genau genommen, es brannten auch schwarz-rot-goldene. Russische Lastwagen fuhren heran, auf den offenen Ladeflächen standen Offiziere und deren Frauen mit Kopftüchern. Die Gesichter waren versteinert, ihre Blicke auf den brennenden Stalin werde ich nie vergessen. Auf einem Laster mit halleschem Kennzeichen erblickte ich junge Männer, von denen einige selbstbewusst ihre Arbeitskleidung mit Schweißerbrille trugen. Einen von ihnen erkannte ich genau. Mit G., etwa 18 Jahre alt, hatte ich drei Wochen in einem Ferienlager in Wettin verbracht. Wir hatten zusammen Ball gespielt und am Lagerfeuer gesessen… und nun war er unter den Aufständischen! "Das sind unsere Kumpels von Leuna und Buna", hörte ich es um mich herum raunen. Keiner der Arbeiter war bewaffnet.

Auf zum Roten Ochsen! Ein Transport-LKW ohne Aufbauten rammt rückwärts gegen das Tor vor dem alten Ziegelbau. "Aufmachen, aufmachen!" brüllten die Menschen. Die Gefängnisverwaltung hatte im Innenhof des Gefängnisses einen Polizei-LKW als Rammbock postiert. Ich hörte ein Krachen und berstendes Holz, dann ergoss sich ein schwacher Wasserstrahl über die Köpfe derjenigen, die gegen das Tor anrannten. Der Strahl wurde stärker, Steine flogen. Von links und rechts traten dunkelblau uniformierte Wärterpolizisten mit Karabinern in den Händen ängstlich aus der Einfahrt heraus.

Auf einmal nahm ich aus der Ferne das altbekannte kalte Klirren von Panzern wahr. "Lauft weg! Weg hier, lauft!" wurde geschrien. Ich war schon längst allein, ohne den Nachbarsjungen, und floh mit anderen über Mauern und durch Gärten, bis ich zu Hause ankam. Auf dem Heimweg sah ich, wie Frauen an Bäckerläden für Brot anstanden. Ausnahmezustand! Die Alten erklärten uns, was das bedeutete: keine Versammlungen mit mehr als drei Personen, nächtliches Ausgehverbot, Schießbefehl. Noch jahrelang sollte dieser weiße Zettel an unserem Haus kleben. Unterschrieben war er von dem Stadtkommandanten der Roten Armee, dem wahren Herrscher in Halle. 1959, als ich das Abitur in der Tasche hatte, verließ ich dann die DDR.



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