Zonenrand Expedition in eine unbekannte Welt

Im Zonenrandgebiet war die DDR-Grenze alltägliche Realität, doch als die Mauer fiel, stand ihr Hinterland plötzlich offen. Maximilian Schneiderat zog es sofort magnetisch an die Grenze und hinüber in den Osten. Dort öffnete sich ihm eine unbekannte Welt.

Jörg Kramer

Aufgewachsen bin ich mit diesem Metallmonster. Irgendwie war sie schon immer da gewesen, diese unüberwindliche Barriere. Mit dem Zaun hat man gelebt, im Zonenrandgebiet im Westen. Man wusste, oder glaubte zu wissen: da beginnt eine andere Welt, eine unbekannte und bedrohlich düstere. Man hat sich nicht vorgestellt, was da hinter den nächsten Bergen ist oder wo die Straße hinführt, die am Horizont verschwand.

Eine "terra incognita" war das - wie ein schwarzes Loch, ein Abgrund, mit Minen und Selbstschussanlagen. Ein abgeschnittener Teil der Welt, der irgendwie da war und auch doch wieder nicht. In der Erinnerung sind gut geteerte Feldwege, die ins Nichts führten. Der schwarz-rot-goldene Pfahl und das gebieterische Schild "Halt! Hier Grenze!". Die Friedlichkeit dieser Orte wurde nur von dem Motorgeräusch der Grenzer-Trabis auf Patrouille unterbrochen. Eine Idylle der Natur an der Schnittstelle des Kalten Krieges.

Als es im Herbst der Jahres 1989 zur friedlichen Revolution in der DDR kam, war es wie in einem Film. Die berühmte Pressekonferenz - und auf einmal stand alles auf dem Kopf. Das lässige Wort eines übermüdeten Funktionärs öffnete das eisern verschlossene Tor. Wie er wohl ausgehen wird dieser Film, das war die Frage, die die Spannung steigerte.

Am vorläufigen Nadelöhr der Weltgeschichte

Dann plötzlich die Invasion aus dem Osten. Neue Geräusche und Gerüche aus der DDR erreichten den Westen. Nun gab es auch für mich kein Halten mehr. Die Verlockungen des Unbekannten zogen mich magisch an - also hinüber in den Osten, in die unbekannte Welt. Da musste ich unbedingt hin.

Im Dreiländereck von Thüringen, Hessen und Niedersachsen gab es jetzt einen zum Grenzübergang umgebauten Feldgrenzposten. Das Zaungitter, das immer so unüberwindlich erschienen war, hatte Platz gemacht für eine hastig hingeschotterte Holperpiste als neue Verbindung zwischen hüben und drüben. Ein Containerchen als provisorisches Grenzerhäuschen, kein Schlagbaum, und Autoschlangen in beide Richtungen.

Jede Menge Grenzgänger gab es nun an diesem vorläufigen Nadelöhr der Weltgeschichte. Aufregung und eine anregende Spannung war dem abweisenden Dunkel gewichen. Stoßweise stockend ging es in dem knallgelben VW-Käfer gen Osten. Die Grenzer waren eifrig routiniert mit Stempeln und Listen bewaffnet. Das Ernste in ihren Gesichtern war verschwunden, es war ihnen etwas von ihrer Autorität, die ich von Besuchen in Berlin kannte, abhanden gekommen.

Ich fuhr ohne einen Reisepass, nur mit meinem Personalausweis ausgestattet - das kostet dann gegen Stempel mit Quittung auch noch einmal 10 Mark West. Aber egal, Hauptsache ich komme rüber in den Osten.

Zeitsprung um Jahrzehnte

Sofort war klar: Das hier ist ein anderes Land, nicht zu vergleichen mit dem so gewohnten Westen. Hier war das Gemisch aus Grau und Grau mit einzelnen Farbparolen garniert, gewürzt mit den Zweitakter-Abgasen und dem Geruch von Braunkohlebrand, diesem typischen DDR-Geruch. Ein Zeitsprung um Jahrzehnte zurück. Hatte es bei uns vielleicht vor dreißig, vierzig Jahren auch so ausgesehen? Fast surreal.

Vieles hatte ich erwartet und irgendwie doch völlig daneben gelegen. Diese DDR-Welt war im Umbruch und die Menschen aufgewühlt und unruhig. Und der spannende Film ging weiter. Ich nahm meine Mark-der-DDR-Banknoten, die mich an Spielgeld erinnerten und die ich gegen West-Mark erstanden hatte. Dann begab mich in das einzige Farbengeschäft des Ortes Heiligenstadt. Ölfarben, gut und günstig, und auch jede Menge davon, so hatte man es mir gesagt. Schnell war klar, warum es so viele Ölfarben zu kaufen gab. Pinsel, Leinwand oder Keilrahmen gab es überhaupt nicht, nicht einmal gegen Westmark. Egal her mit den Tuben, die die Aufschrift "Made in DDR" trugen.

Alle Farben da und vorhanden. Rums, rein in die große Tasche, dutzendweise aus den großen Fächern des Einbau-Holzregals. Einen halben Zentner Maler-Heroin für den Discountpreis eines 50-Mark-Scheins (West). Geschenkt die kleinen Warnhinweise auf den Tuben, die diese heutzutage zu Sondermüll degradiert hätten.

Rätselhafte Faszination

Der müde und schwere Arm des Süchtigen im Beuterausch erholte sich schnell nach dem Verstauen des Schwermetalls im Kofferraum des Autos. Der Spaziergang durch diesen lebendigen Gegensatz zu meinen westdeutschen Gewohnheiten ließ mich tagwandeln, so unerwartet anders war die Atmosphäre. Der Kontrast zwischen materiellem Überfluss und Mangel, die deutsche Gemütlichkeit im biederen Gewande gegen den Schein der Weltläufigkeit. Die rätselhafte Faszination einer fremden Kultur mit gleicher Sprache und derselben Wurzel.

Zum ersten Male wurde mir offensichtlich, dass das Lebensgefühl hinter dem Monster aus Streckblech entspannter, menschlicher und freundlicher war, als es der Kalte Krieg in mein Hirn hineingemeißelt hatte. Die Bereicherung hält bis heute und hat sich tief eingeprägt, als eines jener Dinge, die man nie versteht, wenn man es nicht selbst erlebt hätte.

Heute riecht es im Osten von Berlin manchmal wieder wie damals, aber es ist nicht wirklich das alte DDR-Gefühl. Der Geruch vom Kohlenbrand der alten Öfen, der immer seltener werdende Zweitaktergeruch und das fast ausgestorbene Tuckern der Trabis wechseln lassen sich heute nur noch vereinzelt erleben, nicht mehr gleichzeitig und damit verdichtet, wie das DDR-Erlebnis damals. Geblieben sind nur noch die einzelnen Teile dieser Erinnerung, die am Verblassen ist und so, wie sie damals war, nie mehr wiederkehren wird.

Zum Weiterlesen:

18 Jahre nach dem Mauerfall: Deutschland wird volljährig

Die Nacht des Mauerfalls: "Wir fluten jetzt"

Eine deutsche Biographie: Der Mauermann



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