DER SPIEGEL 1947 bis 1956 "Dieses Schmierblatt wird leider Gottes gelesen"

Hunger, Trotz und Zuversicht – die erste SPIEGEL-Dekade


Wann beginnt eine gute Erfolgsgeschichte? Am kalendarischen Datum, also am 4. Januar 1947? Oder schon dann, wenn die ganze Geschichte losgeht – Monate vorher? Oder erst dann, wenn sich Erfolg einstellt – Jahre später?

Die Geschichte des SPIEGEL startet unstrittig 1946 in Hannover mit den drei britischen Besatzungssoldaten John Chaloner, Henry Ormond und Harry Bohrer, die sich in den Kopf gesetzt haben, die damals noch recht nationalsozialistischen Deutschen mit halbwegs demokratischen Presseerzeugnissen zu versorgen – mit Zeitungen und, möglichst, auch mit einem Magazin.


DER SPIEGEL

Die erste Ausgabe des SPIEGEL:
Das Titelbild vom 4. Januar 1947

Inhaltsverzeichnis der ersten Ausgabe


Die Geschichten rund um die Gründung des SPIEGEL, die seitdem im Haus kursieren, bilden ein Knäuel aus Legenden, Anekdoten, Halbwahrheiten, das 60 Jahre später schwer zu entwirren ist. Die Anekdote will wissen, dass ein weiterer Engländer, der Pressemajor Robin Kelly, seinen jungen Untergebenen Rudolf Augstein, 22, vom "Neuen Hannoverschen Kurier", zum Kriegsverbrecherprozess ins ehemalige KZ nach Bergen-Belsen schickt, damit der die Aussagen der Angeklagten in Kurzschrift protokolliere. Schnell stellt sich heraus, dass der Junge von Stenografie so viel versteht wie nach ihm fast alle Journalisten – nämlich nichts. Augstein wird fristlos gefeuert, verabschiedet sich gefasst von seinen Kollegen und bemerkt beim Verlassen des Hofs im Pressehaus ein parkendes, jedoch seltsam wippendes Fahrzeug. Bei näherer Betrachtung entdeckt er seinen Eben-noch-Vorgesetzten Kelly in engem, damals verbotenem Kontakt mit einer deutschen Sekretärin.

Die Legende sagt, Augstein habe den Engländer höflich gefragt: "May I help you?"

Die Wahrheit ist: Die Kündigung wird sogleich kassiert. Und schnell merken die Briten, dass ihr Zögling keinerlei Lust entwickelt, dem sonst in der deutschen Medienlandschaft geübten Brauch zu folgen "Wes' Brot ich ess, des' Lied ich sing." Wohl nehmen die Jungredakteure in diesen Hungerzeiten gern am Mittagsmahl der Besatzer und am gespendeten Five o' Clock Tea teil – doch sie spucken auch gern in die Hand, die sie füttert. Chaloner selbst hat sie gelehrt, als "Ikonoklasten", Bilderstürmer, vorzugehen – und das tut die junge Mannschaft mit Genuss: Sie nennt die Politik der Besatzungsmacht "idiotisch". Sie wettert gegen den Mangel an Kohle und Lebensmitteln. Sie schreibt darüber, wie die Besatzer immer mehr Know-how, aber auch Maschinen in ihr Heimatland deportieren.

Ihr mangelt jeder Respekt vor der Obrigkeit. Die Briten wollen die Notbremse ziehen und Deutsche ihres Vertrauens – etwa den späteren Leipziger Literaturpapst Hans Mayer oder den Osnabrücker Verleger Achilles Markowsky – an die Spitze hieven; aber es ist schon zu spät. Die Ikonoklasten bleiben dran.

Augstein wechselt vom "Kurier" zum neu entstehenden Blatt "Diese Woche", daraus wird – nach nur fünf Ausgaben – auf holzigem Papier DER SPIEGEL, Auflage 15 000, Preis eine Reichsmark, Umfang 26 Seiten, Erscheinungstag Samstag. Das war noch kein Erfolg. Der kommt mühsam und in Maßen: Papierknappheit und Währungsreform müssen überwunden, redaktionelle Mitarbeiter und Bürogeräte beschafft werden. Die erste Jahresbilanz 1947 rechnet 15 Fahrräder zu den Aktiva und schließt mit einem Umsatz von 277 000 Reichsmark.

Für die Redaktion werden angeworben der – eben noch rassisch Verfolgte – spätere Schriftsteller Ralph Giordano als Korrespondent für Hamburg, der Anekdotensammler und spätere Bonner Hofchronist, Walter Henkels, der Ex-HJ-Kameradschaftsführer und frühere Unteroffizier Hans Detlev Becker als künftiger Redaktionsmanager; auch den ziemlich überzeugten Kommunisten Bernt Engelmann will Katholik Augstein bei einem Besuch für die Mannschaft gewinnen. Engelmann beschreibt die Begegnung: "Meine Frau raunt mir zu, dem Kleinen keinen Alkohol zu geben, er sei noch im Wachstum und könnte durch den Fusel bleibend geschädigt werden."

Legende: Der Schnaps fließt. Engelmann kommt und geht bald wieder. Ein anderer Kommunist, Herbert von Gualteri, genannt der "Rote Baron", entwickelt das erste SPIEGEL-Layout und kehrt dem Blatt den Rücken. "HDB" (= Becker) aber bleibt und organisiert den Laden perfekt. Er schreibt 1949 an der berüchtigten "Becker-Fibel" mit, das später fälschlich sogenannte SPIEGEL-Statut, ein Vademecum/Grundgesetz aller SPIEGEL-Storys, in dessen Präambel bereits die Botschaft steckt: "Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Darum sollten alle SPIEGEL-Geschichten einen hohen menschlichen Bezug haben."

Exakt ist festgelegt, wie eine gute Geschichte gebaut sein soll: Sie beginnt mit einem aktuellen Aufhänger, einem höchst dramatisch-emotionalen Einstieg. Danach wird in möglichst personalisierter Form die innere Problematik angerissen. Es folgt eine dramaturgisch derart aufbereitete Schilderung der Aktualität, dass dabei Hintergründe klar werden. Falls es dem Autor nicht an Mut gebricht, darf er nun eine persönliche Prognose der weiteren Entwicklung wagen, bevor er – ganz wichtig! – den Leser mit einem Schlussgag entlässt.

Ihm wird, so rezensierte Hans Magnus Enzensberger 1957 Sprache und Ästhetik des Magazins, "eine Überlegenheit suggeriert, die er in Wirklichkeit nicht besitzt. Was dem Leser angeboten wird, ist die Position am Schlüsselloch."

Keine schlechte Perspektive in den frühen Jahren der Bonner Republik.

Das Einzige, was es im Überfluss gab, war der Mangel – an Heizmaterial, an Lebensmitteln, Textilien, Bewegungsfreiheit, Rechtssicherheit. Und doch sind im frühen SPIEGEL der späten Vierziger Aufsätze erschienen, deren Aussagekraft zwei Generationen später noch gilt.

Etwa die Titelgeschichte in Heft 42/1948: Sie ist ein immer noch vorzügliches Porträt von Konrad Adenauer, damals Präsident des verfassunggebenden Parlamentarischen Rats und davor Kölner Oberbürgermeister: "Leidenschaften hat er nicht. Er raucht nicht und trinkt nicht. Dafür mag er Schokolade für sein Leben gern."

Keine Legende: Adenauer bedankt sich schriftlich bei dem Autor, dem er bald ans Zeug geht und 14 Jahre später im Bundestag "gemeinen" Landesverrat vorhalten wird. 1948 schreibt er artig: "Ihr Artikel findet im allgemeinen Anklang." Und er bittet um Abzüge von zwölf Fotos, die ihm besser erschienen "als hier von einem Berufsfotografen gemacht".

Das ist der Beginn einer spannungsreichen Beziehung. Nicht immer danach wird der SPIEGEL so einfach bei Kanzlern vorgelassen wie einige Tage später, im November 1948, als Augstein unangemeldet an der Tür des Alten, damals 72, in Rhöndorf klingelt und zunächst von Tochter Libeth aufgehalten wird. Da sprechen der Alte und der Junge erstmals über ihr höchst kontroverses Thema der folgenden Jahre – die Wiederbewaffnung Deutschlands –, und Adenauer, so Augstein später, soll ihm versichert haben, er dürfe jederzeit unangemeldet wieder auftauchen, "wenn Sie etwas so Wichtiges haben".

Nächster Gast im Hause Adenauer am Zennigsweg wird im August 1949 die junge SPIEGEL-Redakteurin Eva Windmöller, die den Tag der ersten Bundestagswahl inmitten der Familie des kommenden Kanzlers verbringt, bis um 23.39 Uhr, noch lange vor Bekanntgabe des Wahlergebnisses, Konrad Adenauer die Runde verlässt, um ins Bett zu gehen.

Es war wohl, würde heute ein Medienprofi sagen, der personalisierte Approach des Magazins, der den politischen Akteuren, den Lesern gefiel und die Auflage auf 90 000 Stück steigerte. Was heute Gesellschaftsmagazine seriell und ritualisiert, von Agenten umsorgt, über ihrer Kundschaft ausschütten, wirkte damals, als die General-Anzeiger-Presse ehrfurchtsvoll das Wirken der Obrigkeit beschrieb, brandneu, ungehört, unerhört.

Auch Adenauers Gegenspieler, der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher, empfing zu jener Zeit einen SPIEGEL-Mitarbeiter – im Krankenzimmer, fünf Tage nachdem dem Armamputierten das linke Bein genommen wurde.

Zu seiner aufklärerischen, enthüllenden Funktion findet das neue Blatt im Sommer 1950, als der Bundestag die Hauptstadtfrage – Bonn statt Frankfurt – entscheidet. Am 27. September berichtet der SPIEGEL, für ein Votum zugunsten Bonns seien diverse Abgeordnete mit Beträgen zwischen jeweils 1000 Mark und 20 000 Mark geschmiert worden (SPIEGEL 39/1950). In der übernächsten Ausgabe meldet Augstein stolz: "115 SPIEGEL-Exemplare verkauften die Händler des Bonner Bundeshauses in 48 Minuten. Dann hatten sie nichts mehr zu verkaufen."

Bonn hat seinen ersten Parteien-Skandal, der SPIEGEL seine erste Polit-Affäre. Und schon damals prasselt die Kritik nicht auf die Täter, sondern auf die Enthüller von jener, laut FDP, nur halbwegs seriösen Zeitung, jenem "Revolverblatt" (CDU/CSU). Darüber tagt der erste Parlamentarische Untersuchungsausschuss der jungen Republik, "SPIEGEL-Ausschuss" genannt, über 34 Wochen in 37 Sitzungen, protokolliert auf 2000 Seiten; am Ende steht freilich nur die gesicherte Erkenntnis, dass an Parlamentarier Geld für ein bestimmtes Abstimmungsverhalten gezahlt wurde – offen bleibt, von wem, an wen, warum.

Die Mehrheit des Gremiums hielt es nämlich für legitim, wenn Zeugen "über die Person eines Geldgebers die Aussage verweigern". Genau ein halbes Jahrhundert später nutzt der Ehrenwortgeber und Altkanzler Helmut Kohl diese Vorlage für sich und seinen Fall; damals wie heute gilt der edle Spender vage als "Ehrenmann" oder "befreundetes Industriekonsortium".

Kohls Vorbild Adenauer übermittelt dem Magazin schon 1952 seine erste Kriegserklärung: Er stellt mit seinem Vertrauten Herbert Blankenhorn schriftlich Strafantrag wegen "Verleumdung" beim Amtsgericht Bonn und lässt die noch nicht verkauften SPIEGEL-Exemplare bundesweit beschlagnahmen – die einzige derartige Aktion gegen den SPIEGEL bis heute.

Das einzige Druckverbot seiner Geschichte hatte den SPIEGEL schon 1948 ereilt: Damals intervenierte das holländische Königshaus bei der britischen Besatzungsmacht, weil sich das Magazin über die Beine der Königin Juliana, konkret deren "säulenhaften Unterbau", lustig gemacht und zugleich enthüllt hatte, dass Prinzgemahl Bernhard SS-Sturmführer ehrenhalber gewesen war. Der SPIEGEL 43/1948 darf nicht erscheinen.

Vier Jahre später geht es bei der bundesweiten Beschlagnahmeaktion um die "Affäre Schmeißer": Behauptungen eines französischen Ex-Agenten, er habe Adenauers Intimus Blankenhorn Zuwendungen gewährt und dafür Informationen zur Weiterleitung nach Paris erhalten.

Das Ausspionierte las sich, etwas kryptisch, im SPIEGEL 28/1952 so: In Paris war man der Ansicht, dass man Adenauer "im Falle eines russischen Einmarschs benötige, um die Deutschen zum Widerstand aufrufen zu können". Erwogen wurde, im Kriegsfall "mit Adenauer an der Spitze eine deutsche Exilregierung zu gründen".

Zur selben Zeit verteidigt der Kanzler beim Tee mit Journalisten sein Vorgehen: "So weit sind wir schon gekommen; solche Dinge wie das, was im SPIEGEL steht – dieses Schmierblatt wird ja leider Gottes gelesen –, das trägt zur Untergrabung der Autorität in ganz starkem Maße bei."

Und er fährt fort: "Wer sich so benimmt, wie das der SPIEGEL tut – ich wünschte, es könnten noch drei bis vier Nummern hintereinander beschlagnahmt werden."

Dieser Wunsch erfüllt sich nicht. Nach drei Jahren, am Beginn der Hauptverhandlung, ziehen Adenauer und Blankenhorn ihre Klagen zurück, nachdem der SPIEGEL erklärte, er habe sie nicht beleidigen wollen. Man vergleicht sich. Blankenhorn wird ein Freund des Hauses, ein "Vertrauensmann zu Adenauer" (Augstein).

Die Auflage steigt auf 121 200. Die Zahl der Legenden sinkt.

Das erste farbige Titelbild erscheint Ende Januar 1956 – (un-)sinnigerweise mit der farbigen Sängerin Eartha Kitt auf dem Cover.

Andersfarbige Menschen werden damals, im Magazin wie außerhalb, "Neger" genannt; ihre Musik heißt ganz unbefangen "Negermusik".

Vergangene Zeiten.


Den Rückblick auf die fünf weiteren Dekaden finden Sie in dem Heft "DER SPIEGEL – 60 Jahre Zeitgeschichte". Es liegt dem SPIEGEL 2/2007 bei, der am kommenden Montag, 8. Januar, erscheint.

Lesen Sie dort die Geschichte des SPIEGEL von 1947 bis heute, ausgewählte Artikel aus sechs Jahrzehnten und Interviews mit Zeitzeugen.


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