Familienchronik einer Fotografin Deanna Dikeman fotografierte ihre Eltern beim Tschüss-Sagen. 27 Jahre lang
Manchmal dauert es ewig, bis man es weiß: Ich bin jetzt selbst so erwachsen, wie ich als Kind immer dachte, dass ich es sicher nie sein würde. Ich werde meine Eltern überdauern. Wahrscheinlich.
Dann beginnt die Phase im Leben, in der man sich fragt: Wie häufig werden wir uns bis dahin noch sehen? Was werde ich sehen, wenn wir uns sehen?
Und manchmal brechen sich all diese Gedanken in einer Szene Bahn, die einiges zugleich sein kann, erleichternd, befreiend, schmerzend: Wenn man die Eltern besucht hat und wieder wegfährt. Tschüss, bis zum nächsten Mal. Nein, erst im Dezember wieder. Küsschen. Tschüss, nun wirklich, tschüss. Ich muss los.
Man gibt Gas, oder der Zug fährt los. Die Erleichterung kommt. Oder der Schmerz.
Die amerikanische Fotografin Deanna Dikeman hat Bilder von diesem einen Moment gemacht. 27 Jahre lang. Sie fotografierte ihre Eltern, wenn sie vor dem Haus standen und winkten, wenn sich die Tochter nach einem Besuch wieder aufmachte in ihr eigenes Leben.
Deanna Dikemans Eltern im Dezember 1995
Foto:Deanna Dikeman
Dezember 1997
Foto:Deanna Dikeman
Dikemans Eltern verkauften ihr Haus in Sioux City, Iowa, Anfang der Neunziger, als sie selbst schon 70 waren. Sie blieben in der Stadt, statteten das neue Haus mit ihren alten Möbeln aus, erzählte Dikeman dem Magazin »New Yorker« .
Wenn Dikeman, damals 30, ihre Mutter und ihren Vater besuchte, brachte sie ihre Kamera mit. Sie wollte den Ruhestand ihrer Eltern dokumentieren, eigentlich, doch vor allem hielt sie immer wieder diese eine Szene fest, durch das heruntergekurbelte Autofenster: die Eltern im Vorgarten, auf der Türschwelle, vor der Garage, auf der Einfahrt. Die Familie beim Abschiednehmen.
Oktober 2000
Foto:Deanna Dikeman
27 Jahre später hat Dikeman eine Chronik vorgelegt, die zeigt, wie sich alle Leben verändert haben, auch das der Fotografin. In 27 Jahren hat sie ein Baby bekommen, einen Jungen, der vom Kleinkind zum Pubertierenden wurde, ihr Vater starb, die Mutter kam in ein Altenheim, in dem sie nur sechs Monate später verstarb. Das Haus ist am Ende leer. Die einen Leben gehen vorbei, die anderen weiter, neue beginnen.
Und Dikeman hat die Antwort auf diese Frage: Was werde ich sehen, wenn wir uns sehen?
März 2004
Foto:Deanna Dikeman
März 2007
Foto:Deanna Dikeman
Juli 2009
Foto:Deanna Dikeman
Juni 2010
Foto:Deanna Dikeman
Die Antwort ist ein Schnelldurchlauf, faszinierend und verstörend zugleich. Sonne, vertrautes Lachen, Arme, die noch kräftig winken können, dann ist Dikemans Mutter allein, und dann ist niemand mehr da, den man besuchen könnte: Dikemans Eltern sind tot. Finales Tschüss.
Juni 2012
Foto:Deanna Dikeman
Dezember 2015
Foto:Deanna Dikeman
Mai 2017
Foto:Deanna Dikeman
Oktober 2017
Foto:Deanna Dikeman
Aber es ist nicht so, dass Dikeman mit ihren Bildern die Geschichte von zwei Einsamen erzählt, die Angst machen vor dem Altern. Die zwei Menschen, die ihre Tochter verabschieden, sind keine Zurückgelassenen, das Narrativ wollte Dikeman nicht bedienen.
Die Fotografin ist nie die, die aufbricht, während die Senioren verharren. Nicht: modern Life gegen Stillstand, nicht: neu gegen gebraucht. Keiner muss sich beleidigt fühlen. Vielmehr erzählt diese Zeitreise von dem höchst natürlichen Vorgang der Abnabelung, von den Vor- und Nachteilen, die dieser Vorgang mit sich bringt: für beide Seiten. Was Dikeman durch das Autofenster sieht, ist sowohl ihre Vergangenheit als auch ihre Zukunft – das eine gibt es ohne das andere nicht.