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Hubertus Blume

Wohnen auf dem Land Eine Gemeinschaft, auf die man sich verlassen kann?

Der Berliner Shan Blume will mit seiner Familie idyllisch auf dem Land leben, zusammen mit anderen Menschen, undogmatisch und kreativ: Ein Wagnis auf 60.000 Quadratmetern.
Von Sarah Heidi Engel aus SPIEGEL Wissen 1/2021

Für seinen Traum vom Wohnen streifte Shan Blume wie ein Schatzjäger durch Brandenburg. Wann immer er konnte, setzte er sich in sein Auto, ließ Berlin hinter sich, fuhr über Landstraßen und durch kleine Ortschaften. Er suchte einen Platz zum Leben und Arbeiten. Nicht nur seine Familie und er sollten dort ein neues Zuhause finden. Blume, damals 34 Jahre alt, hatte etwas Größeres im Sinn: ein Areal für eine kleine Gruppe von Menschen. Ein Areal für Miteinander und Individualität, Gemeinschaft und Rückzug.

Ein halbes Jahr lang fuhr Blume durch die Gegend. Er kletterte mit Freunden über Zäune, wanderte durch verwilderte Gärten, sah sich unbewohnte Häuser an und ging zu Zwangsversteigerungen. Am Ende fand Blume seinen Wohntraum im Internet. Ein riesiger Hof mit 60.000 Quadratmetern Nutzfläche, erbaut am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Gutshaus mit vier weiteren Wohnhäusern und mehreren Nebengebäuden steht 50 Kilometer vor Berlin, im brandenburgischen Müncheberg. »Ein waghalsiges Projekt«, sagt Blume heute.

Der Creative Director ist in Berlin geboren und auf dem Land groß geworden. Mit vier Jahren, sein jüngerer Bruder war noch nicht auf der Welt, zog Blume mit seinen Eltern von der Hauptstadt in einen 250-Seelen-Ort im Landkreis Celle. Die Kinder genossen das Leben in Osterloh, mit ihren BMX-Rädern pesten sie durch den Wald, am Osterfeuer traf sich das Dorf. Gleichwohl gab es in Natur und Garten genug Platz, zum Freisein und Alleinsein.

Schon in Phase eins zogen Langhaarziegen ins Projekt ein.

Schon in Phase eins zogen Langhaarziegen ins Projekt ein.

Foto: Hubertus Blume

Shan Blume hat einen 7-jährigen Sohn und eine 13-jährige Tochter, seine Frau bringt eine 5-jährige Tochter mit in die Patchworkfamilie. Er wünschte sich für seine Kinder, genauso gelassen groß werden zu können wie er. Und er wünschte sich einen Ort für ein urbanes Leben auf dem Land. Auch andere Familien, Paare oder Singles sollten dort wohnen, zusammen arbeiten, kreative und nachhaltige Ideen entwickeln und sich gegenseitig unterstützen. Seine Eltern verstanden ihn gut, und so unterstützten sie ihn bei der Übernahme des Hofs.

Projekte wie das der Familie Blume gibt es in Deutschland immer häufiger. Viele fragen sich, wie sie in Zukunft leben und alt werden wollen. Auf dem Land und in der Stadt entstehen Mehrgenerationenhäuser, in denen junge Familien, Singles und Senioren mehr als nur Nachbarn sind. Sie helfen einander im Alltag, erledigen Einkäufe oder hüten die Kinder der anderen. Andernorts werden alte Höfe und Fabrikgelände zu Wohn- und Arbeitsflächen umgebaut. Hinter den Projekten stehen nicht nur Architekturbüros oder Stadtentwickler, sondern auch immer häufiger private Initiativen.

Vor mehr als acht Jahren unterzeichneten die Eltern von Shan Blume den Kaufvertrag. In Berlin hatte ihr Sohn Mitstreiter für sein Projekt gefunden. »Wir waren eine Gruppe von rund zehn Leuten. Kreative, Künstler und Handwerker«, sagt er. Alle einte die Begeisterung für den Hof und der Wunsch, gemeinsam zu leben und zu arbeiten. Dass ihr Projekt nicht nur viel Zeit und Geld, sondern auch viele Nerven kosten würde, das war der Familie Blume damals nicht so klar.

Heute spricht Blume von zwei Phasen des Hofes. In der ersten Phase habe der Großteil der Bewohnerinnen und Bewohner in einem »De-luxe-Campingmodus« verweilt. Sie räumten den Hof auf, beseitigten Unrat und bezogen die Häuser. Für eine warme Stube befeuerten sie Holzöfen, frisches Wasser gab es aus Kanistern. Die Gruppe baute Bühnenbilder, verschönerte die Außenfassaden oder plante einen Freiluft-Dancefloor im Garten. »Es war eine improvisierte Zwischennutzung, eine dekorierte Ruine«, sagt Blume.

Fünf Jahre nach dem Kauf des Hofes fing Blume bei null an. Aus den Fehlern der Vergangenheit hat er gelernt.

Er begann früh, seine Wohnung im alten Gutshaus zu renovieren, engagierte Bauarbeiter. Blume sagt, er habe zwei kleine Kinder und den Wunsch nach einem Zuhause gehabt. Mit der Zeit habe sich aber immer mehr gezeigt: Seine Bedürfnisse und die der Gruppe gingen weit auseinander. Der Hof war zwar belebt, sie veranstalteten Festivals und Seminare, doch strukturell passierte wenig. So habe sich die Gruppe mit seinen Eltern nicht auf eine Rechtsform für das Wohnprojekt einigen können, erinnert sich Blume. Die Bewohner hätten basisdemokratische Entscheidungen gefordert, unabhängig von individuellen Investitionen in das Areal. »Ein schöner Gedanke, der in der Realität nicht funktioniert«, sagt der Berliner. »Die Verantwortung liegt schließlich beim Besitzer.«

Heute, in Phase zwei, sind von den ursprünglichen Mitstreiterinnen und Mitstreitern nur noch Blume und seine Familie übrig. Die Fronten hätten sich irgendwann so verhärtet, dass sie kurz vor einer Räumungsklage gestanden hätten, sagt der 42-Jährige. »Um Freundschaften und das Projekt nicht zu gefährden, zeigte ich die falsche Toleranz, drückte mehr als zwei Augen zu.« So scheiterte nicht nur ein Teil seiner Freundschaften, sondern auch die erste Projektphase. Fünf Jahre nach dem Kauf des Hofes fing Blume bei null an. Aus den Fehlern der Vergangenheit hat er gelernt.

Die Kinder stromern umher, holen sich ihr Essen dort ab, wo es etwas gibt

Die Kinder stromern umher, holen sich ihr Essen dort ab, wo es etwas gibt

Foto: Hubertus Blume

Durch die dunklen Haare von Shan Blume ziehen sich feine graue Strähnen. Hinter ihm lodert ein Feuer im Kamin, ab und an schleicht sein kleiner Sohn durch das Bild. »Wir haben es uns gemütlich gemacht«, sagt Blume in die Kamera seines Mobiltelefons. »Aber eigentlich leben wir auf einer Baustelle.« Er lacht und geht nach draußen. Langsam lässt er die Kamera übers Gelände schweifen. Häuser säumen alle vier Seiten des Hofs, das Kopfsteinpflaster ist herausgerissen. »Bald geht es hier mit dem Ausbau der Zu- und Abwasserleitung weiter«, sagt Blume. Stück für Stück wird das Areal mit Adern versorgt, Stadtwasser, Erdgas und Glasfaser verlegt. »Das Netz wird hier draußen besser sein als in Berlin.«

»Das Areal braucht die Gemeinschaft, aber niemand kann sie erzwingen.«

Initiator Shan Blume

Links vom alten Gutshaus liegt das Feldhaus. In den vier Wohnungen sind die Renovierungen so gut wie abgeschlossen. Die Wände wurden neu verputzt, Eichenparkett verlegt, Bäder gefliest und Küchen eingebaut. Das schwarze Blechdach und die energetische Fassade fehlen noch. Langsam steigt Blume die Treppe in das Obergeschoss hinauf, läuft durch die Tür der rechten Wohnung. Hier haben Blumes Eltern ein kleines Feriendomizil. Vor einigen Wochen kochte sein Vater Hubertus Blume dort zum ersten Mal: Wels aus dem Backofen mit Süßkartoffeln, Paprika, Gemüsezwiebeln und Knoblauch. »Einfach, aber lecker«, sagt der 75-Jährige wenig später am Telefon. Er freut sich, dass es mit dem Projekt vorangeht, unterstützt seinen Sohn. »Der Hof hat eine immense Größe. Das kann niemand allein beackern.«

Es sei schade, dass der erste Anlauf gescheitert sei, sagt Hubertus Blume. »Alle waren mit Elan und Enthusiasmus dabei. Aber wäre etwas schiefgegangen, hätte ich dafür haften müssen.« Aktuell überlegen sein Sohn und er, wie sie das Areal wirtschaftlich und rechtlich aufstellen. Auf 1200 Quadratmeter Wohnfläche gibt es Platz für zwölf Parteien. Häuser und Wohnungen sollen nach der Renovierung zur Miete, Atelier- und Arbeitsflächen zur Pacht angeboten werden. Mit dem Verein »Kulturhof Müncheberg« wollen die Blumes unter anderem Ausstellungen oder Workshops initiieren.

Alle packen mit an, wenn gegärtnert wird. Auch die Kleinsten.

Alle packen mit an, wenn gegärtnert wird. Auch die Kleinsten.

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Hubertus Blume

»Wir sind zu groß für einen Hof, aber zu klein für ein Dorf«, sagt Shan Blume. Er wünscht sich keine Kommune, sondern ein undogmatisches, unorthodoxes Leben. »Das Areal braucht die Gemeinschaft, aber niemand kann sie erzwingen.« Sollten spätere Bewohner und Bewohnerinnen keine Lust auf Rasenmähen oder Hofpflege haben, könne auch ein Gärtner oder Hausmeister engagiert werden – vorausgesetzt, jeder leiste seinen Beitrag.

Aus dem vergangenen Jahr weiß Shan Blume, wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl ganz natürlich entstehen kann. Als im Frühling die Corona-Pandemie das Leben durcheinanderwirbelte, Schulen und Kitas schlossen und viele von zu Hause aus arbeiteten, trafen sich auf dem Hof der Blumes junge Familien, Pärchen und Singles. Gemeinsam verbrachten sie hier den Shutdown.

»Schon unsere Vorfahren lebten in Stämmen, das liegt in unseren Genen.«

Hofbewohnerin Sofia Burchardi

Zu ihnen gehörte Claudia. Von ihrer Haustür zum Hof braucht die Fotografin eine Stunde. Mitte März zog die 42-Jährige mit ihren beiden Töchtern nach Müncheberg. Sie ließ sich offen, wie lange sie bleiben würden, freute sich auf das Landleben. Zugleich sorgte sie sich vor Langeweile und Lagerkoller. Würden sie sich mit den anderen verstehen? Wie sehr würde der Kiez fehlen? Mit einer Bekannten teilten sie sich eine Wohnung im Gartenhaus. Im Mai folgte ihr Lebensgefährte, die Familie blieb – mit kleinen Unterbrechungen – den ganzen Sommer.

Jeder soll sich entwickeln können. Daher ist Kreativität so wichtig auf dem Hof.

Jeder soll sich entwickeln können. Daher ist Kreativität so wichtig auf dem Hof.

Foto: Studio Shan Blume

»Der Spagat zwischen Privatem und Beruf fiel mir dort leichter«, sagt Claudia. »Unser Tagesablauf war organisierter.« Die Familien wechselten sich mit Homeschooling, Kinderbetreuung und Kochen ab. Arbeiten auf dem Hof wurden verteilt, es galt die Regel: Alles kann, nichts muss. Manche halfen beim Holzschichten, andere mähten den Rasen. Gemeinsam bauten sie eine Außentoilette und töpferten in der Werkstatt. Die Kinder stromerten umher, holten sich ihr Essen dort ab, wo es etwas gab. »Jeder konnte die Gemeinschaft suchen oder sich zurückziehen. Erklärungen waren nicht nötig, die Bedürfnisse der anderen wurden akzeptiert«, erinnert sich Claudia. »Meinem Anspruch an Zusammenleben kam das sehr nah.«

Konflikte, Streit unter den Kindern oder Diskussionen der Erwachsenen seien nicht ausgeblieben, sagt die Fotografin, dann aber schnell besprochen worden. Auch weil man nicht voreinander flüchten könne. Das Leben in einer Gemeinschaft fordere vor allem Respekt und Feingefühl. »Niemand kann hier seinen Dickkopf durchsetzen.«

Die gemeinsame Zeit habe die Bewohnerinnen und Bewohner zusammengeschweißt, sagt Sofia Burchardi. Mit ihren beiden Söhnen und ihrem Partner wohnte sie von März bis Juni vergangenen Jahres in der Wohnung unter Claudia. »Wir waren keine Kleinfamilie mehr, sondern ein Dorfstamm.« Die Künstlerin erinnerten die Wochen auf dem Hof an ihre eigene Kindheit. Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr wuchs sie in Nepal auf, danach zog die Familie auf eine kleine Insel in der dänischen Südsee. »Schon unsere Vorfahren lebten in Stämmen, das liegt in unseren Genen.« Die 39-Jährige weiß, dass dieses Zusammenleben Enge und Freiheit zugleich mit sich bringt.

Sie habe bei dem Projekt viel über sich selbst und ihre eigenen Grenzen gelernt, sagt Burchardi. Jeder müsse sich fragen: Was wünsche ich mir? Was kann ich zur Gemeinschaft beitragen? Sie kümmerte sich viel um die Kinder der Familien, baute mit ihnen ein Baumhaus, brannte Tonfiguren im Ofen. Das größte Geschenk war für sie die Nähe zur Natur. Nicht nur ihre Kinder spazierten stundenlang durch den Wald, auch sie fand dort Ruhe.

»Einer muss den Anfang wagen, sonst kann nichts entstehen.«

Hofbesitzer Hubertus Blume

»Jedes Jahr stellen wir uns die Frage, ob wir ganz nach Müncheberg ziehen sollen«, sagt Burchardi, die den Hof schon aus der Anfangsphase kennt. Doch auf die Vorzüge der Stadt will ihre Familie noch nicht verzichten. Wie Claudia möchte sie weiter temporär auf dem Hof leben, am Wochenende oder in den Ferien zu Besuch zu kommen, Veränderungen nicht ausgeschlossen.

Interessentinnen und Interessenten für das Leben auf dem Hof gibt es genug. Oft kommen Besucher vorbei, sie haben von Freunden davon gehört oder im Internet darüber gelesen – das Projekt stand vor zwei Jahren auch auf der Shortlist des Social Design Award. Der »Kulturhof Müncheberg« stellt sich auf Plattformen wie bring-together vor, die gemeinschaftliche Lebens- und Wohnideen mit Suchenden vernetzen. »Junge Menschen genießen die Anonymität der Großstadt«, sagt Hubertus Blume. »Sobald sie älter werden und eine Familie gründen, suchen sie nach einer Gemeinschaft, auf die sie sich verlassen können.«

Trotzdem zögerten viele. Oft käme die Frage, wer noch auf den Hof ziehe. »Sie wollen ein Nest, in dem schon drei Eier liegen«, sagt Hubertus Blume. »Aber einer muss den Anfang wagen, sonst kann nichts entstehen.« Er glaubt, Perfektionismus und Angst vor Veränderung bremsten manche. Dabei seien Begeisterung und Engagement gefragt, um das Projekt in eine gute Zukunft zu führen.

Sein Sohn Shan Blume hat sich entschieden. Er wohnt bereits in Müncheberg, seine Frau will mit ihrer Tochter im Sommer nachkommen. Auch seine beiden Kinder haben neben dem Stadtleben in Berlin hier ein zweites Zuhause. Blume wünscht sich, dass auf dem Hof jeder nach seiner Fasson glücklich wird. Manchmal fragt er sich, ob sich sein Engagement lohnt. Ob eine kleine Datsche ihn weniger Zeit, Kraft und Nerven gekostet hätte. Aber wäre er damit genauso glücklich?

Für Blume gibt es keinen Weg zurück. Er sagt, selbst wenn er scheitern sollte: Was er auf dem Hof lerne, wiege alles auf.

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