Juno Vai

Alter! - Die Midlife-Kolumne Nicht kiffen, kein Sex - und immer schön die Außenspiegel einklappen

Irgendwas stimmt nicht mit der neuen Generation. Plötzlich erklären mir Mittzwanziger, wie ich mich im öffentlichen Raum zu verhalten habe. Ich mag ja alt sein - aber wenigstens bin ich nicht frühvergreist.
Kolumnistin Juno Vai

Kolumnistin Juno Vai

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Roman Pawlowski/ DER SPIEGEL

Ich lebe seit Kurzem wieder in der Stadt und habe festgestellt: Es wird sehr viel geschrieben hier. Ganz atypisch fürs digitale Zeitalter ist meine Welt plötzlich voller Zettel. Einer klebt neben meiner Haustür, ein anderer am Auto, der nächste an meinem Lieblingsbaum.

Interessanterweise sucht hier niemand eine Wohnung, einen Babysitter oder entfleuchte Katzen. Nein, die Zettel in meinem Viertel sind Botschaften, Aufrufe, unter dem Deckmantel der Freundlichkeit verfasste Appelle an das soziale Gewissen.

So bittet das im Souterrain neu eingezogene Paar, das Qualmen auf der Eingangstreppe freundlicherweise zu unterlassen (Smiley), weil das Baby durchs Fenster zur Straße mitraucht (trauriger Smiley). Zur Illustration der verletzten Unschuld hat die Mutter rote Blümchen aufs Blatt gemalt. Ein verständlicher Aufruf, der meine rauchenden Nachbarinnen beschämte und unverzüglich dazu brachte, auf die Zigarette vor der Haustür zu verzichten.

Ich war gerührt von so viel Gemeinschaftssinn. Und versuchte mich zu erinnern, wie es war, als meine Kinder klein waren und noch in diesem Haus wohnten. Damals lebte ironischerweise ausgerechnet in der Souterrainwohnung der Jungeltern ein Hardcorekiffer, der regelmäßig großflächige Cannabis-Schwaden produzierte, die in jede Ecke unseres Schlafzimmers krochen und es sich dort gemütlich machten. Der Mann hatte nicht viel Geld, das Gras, das er konsumierte, war von minderer Qualität und roch entsprechend.

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Aber habe ich mich je beschwert? Nein. Weder über ihn noch über die dauergrillende Großfamilie im Hof oder unseren Techno-Nachbarn, der gern mal bis zwölf Uhr (mittags) feierte. Auch nicht über die großfüßigen Hobbits, die über uns wohnten und ebenso laut kopulierten, wie sie Möbel verrückten und Hausgeburten durchstanden. Zu meckern galt in meinen Kreisen als unfein und wurde als Verletzung ungeschriebener Gesetze empfunden. Ich übte mich in Toleranz - dafür ertrug die Hausgemeinschaft meine unfassbar invasiven Kinder, die im Übrigen gerade Rap-grölend und pubertätskreischend mit mir ihren Wiedereinzug gehalten haben. Und immer noch lächelnd geduldet werden.

Das Killerargument Kind

Rücksichtnahme ist für mich immer auch ein Tauschgeschäft, eine bilaterale Angelegenheit, ein bestenfalls ausgeglichener Deal. Mal nerve ich dich, dann nervst du mich, zwischendurch ist heilige Ruhe. Das Wohl der Kinder allerdings scheint in meinem Umfeld gerade zum Killerargument zu avancieren, dem man nichts entgegensetzen darf.

Im Treppenhaus meiner Nachbarn klebt seit Kurzem eine anonym verfasste Mahnung, doch bitte das Kiffen zu unterlassen. Und noch während ich überlege, ob die Lust zu rauchen nicht genauso menschlich ist wie furzen, weinen, kreischen oder Sex zu haben, erreicht mich folgender Zettel, ausgerechnet aus Berlin, früher mal die Hauptstadt des Rummachens:

Aushang in Berlin

Aushang in Berlin

Foto: Privat

Selbst Sex scheint heutzutage ein Störfaktor zu sein, den es zu eliminieren gilt - natürlich im Namen der armen Kleinen, die dadurch traumatisiert werden könnten.

Ich nehme keine Drogen, rauche nicht und halte unseren Hinterhof auch nicht mit sexuellen Eskapaden auf Trab. Ich habe sogar selbst ein gewisses Talent zum Querulantentum. Aber dass sich plötzlich überwiegend junge Menschen spießiger aufführen als meine Eltern es je getan haben, finde ich in hohem Maße verstörend.

Kindness, Baby!

Was ist los mit den Leuten? Woher diese Verzweiflung im Angesicht des Menschlichen? Ist es der zunehmende Stress, der jede Sekunde ohne Lärmbeschallung kostbar werden lässt? Ist es Neid auf all jene, die sich trotz grassierenden Funktionalitätswahns noch Hemmungslosigkeit gönnen?

In der Coronakrise feiern Verbote und Regeln ihr großes Comeback, wir sind zu mehr Verantwortlichkeit aufgerufen. Frühvergreiste Zettel-Schmierer hat es aber auch vorher schon gegeben. Sie ziehen in ein urbanes Szeneviertel und erwarten, dass es dort zugeht wie in der Kleinstadt. Sie sind groß geworden mit Social Media, Communitys und dem neurotischen Zwang zur Dauerbewertung ihrer selbst und anderer. Ist das der Grund, warum sie so bedenkenlos sozialen Druck ausüben? Auf diese passiv-aggressive, immer etwas vorwurfsvolle Tour, die sich hinter politisch korrekter "Kindness" versteckt?

Solch trendiges Gesäusel nervt mich dermaßen, dass ich neulich fast erleichtert war, als ein sehr unfreundlicher Psycho der alten Schule in mein Leben trat. Ich hatte mein Auto kurz, korrekt und verkehrsgerecht in einer Parkbucht abgestellt, ohne wie gewohnt die Spiegel einzuklappen. Als ich drei Minuten später wiederkam, fand ich folgende "Visitenkarte" an meiner Scheibe:

Awareness-Kampagne von "Lerne Parken"

Awareness-Kampagne von "Lerne Parken"

Foto: Privat

Da hatte sich also jemand die Mühe gemacht, Vordrucke anfertigen zu lassen, um Autofahrer zur Ordnung zu rufen. "Parke ordentlich und werde endlich ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft", heißt es im Kleingedruckten. Momentan bin ich noch wertlos, weil ich meine Spiegel nicht eingeklappt habe. Der oder die Verfasserin will mir aber zum sozialen Aufstieg verhelfen, in dem er/sie dieselben abtritt. Da bin ich echt froh, weil ich sie dann auch nicht mehr einklappen muss.

Man kann nun orakeln, was mit diesem armen Menschen wohl los sein mag. Vielleicht fühlt er sich nicht wahrgenommen, marginalisiert und verdrängt, in seinem Lebensraum eingeschränkt. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen mit Autofahrern gemacht. Vielleicht ist er einfach ein Arschloch.

Clash der Lebenszyklen

Ich bin eine simple Seele und sehe das so: Für die meisten von uns verläuft das Leben in überschaubaren Zyklen, ob das drei, vier oder sieben sind, kann man bei den alten Griechen nachlesen. In jeder Phase liegt der Fokus auf etwas anderem. In der Jugend testen wir Grenzen und feiern, in Ausbildung und Beruf müssen wir funktionieren und performen, wenn wir eine Familie gründen, wollen wir sie umsorgen und beschützen, im Alter kämpfen wir gegen unsere Unsichtbarkeit und den körperlichen Verfall.

In jedem dieser Abschnitte sind wir ziemlich gut darin, den alterstechnisch möglicherweise anders gelagerten Fokus unserer Mitmenschen auszublenden. Und genau da kommt es zu Konflikten. Man kann dann Zettel schreiben und aufhängen. Man könnte aber auch an eine gute, alte Tugend wiederbeleben: Das Sich-Hineinversetzen in andere.

Während ich das hier schreibe, haben sich ein Dutzend Leute in meinem Hinterhof versammelt. Das tun sie seit Corona täglich, sie leben, essen und telefonieren dort. Nur zwei Parteien haben Zugang zum Hof, der grün ist, ein bisschen verzaubert - aber vor allem ein riesiger Resonanzraum. Es sind 34 Grad im Schatten, drei Kinder vergnügen sich seit Stunden kreischend in einem Planschbecken. Das schmatzende Geräusch ihrer Füße auf dem Plastikboden und das Spritzen des Wassers sind so übernatürlich laut, dass es mir vorkommt, als stünde das Becken direkt in meinem Schlafzimmer.

Ich bin genervt. Das Fenster zu schließen, ist keine Option. Meckern auch nicht.

Dann erinnere ich mich plötzlich daran, wie meine Mutter uns früher in kleinen Plastikwannen auf dem frisch gemähten Rasen planschen ließ. Wie wir bei Gewitter auf die Straße gerannt sind und quiekend vor Vergnügen in Pfützen getanzt haben. Wie wir uns auf Sommerfeldern unter riesigen Sprengern abgekühlt haben. Ich gehe zurück in der Zeit und versetze mich in die kleinen, kreischenden Hofkinder hinein. Und die Wut ist verflogen.

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