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Arbeitsteilung im Homeoffice Kinder, Küche und Corona

Aktuell arbeiten mehr Mütter und Väter als sonst von zu Hause aus und kümmern sich gleichzeitig um ihre Kinder. Gelingt dadurch eine gerechte Teilung - oder verstärken sich die traditionellen Rollen?
Von Heike Kleen

Jahrelang hat es sich in vielen deutschen Haushalten folgendermaßen eingespielt: Der Mann arbeitet Vollzeit und bringt das meiste Geld nach Hause, die Frau geht einer Teilzeitbeschäftigung nach und kümmert sich in ihrer "Freizeit" um Kinder und Haushalt.

Vielleicht hilft der Vater mit, doch die tägliche Fürsorge-Arbeit und die verbundene mentale Last, die weder gesellschaftlich anerkannt ist noch honoriert wird, bleibt bis heute Sache der Mütter. Das zeigen die Statistiken: Viermal mehr Care-Arbeit leisten Frauen laut einer Studie der "International Labour Organisation ", und auch der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung dokumentiert: "In allen Haushaltsformen übernehmen Frauen mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer ."

Natürlich gibt es Ausnahmen. Ob diese Aufgabenverteilung selbst gewähltes Schicksal oder ein resistenter Ausläufer des Patriarchats ist, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden, denn plötzlich ist alles anders. Die Kinder sind zu Hause, ununterbrochen. Hier sollen sie lernen und spielen, sich bewegen und regelmäßig etwas essen. Beide Eltern sind viel präsenter als sonst, sie müssen sich um all das kümmern und gleichzeitig ihren Lebensunterhalt erwirtschaften. Zwar bewältigt jede Familie diese Aufgabe auf ihre Weise, doch die Corona-Pandemie spült auf engstem Raum überall die gleiche unbequeme Frage an die Oberfläche: Wer kümmert sich in der Krise um Familie und Gedöns? 

Zeitreise in die Fünfzigerjahre

"Aktuell sind es vor allem die Mütter, die das zu spüren bekommen", erklärte die Schriftstellerin Simone Buchholz in der "Zeit" . Wie sie haben viele Frauen das Gefühl, seit Mitte März eine Zeitreise in die Fünfzigerjahre angetreten zu sein.

Plötzlich sind sie immer zu Hause, stehen oft am Herd, räumen ständig irgendetwas weg und sind zuständig für sämtliche Kinderfragen. "Mamaaaaaa?" heißt es von morgens bis abends, mit diesem Wort fängt fast jeder Kindersatz an, ganz egal, ob es um eine zweite Socke oder die dritte Ableitung geht. Würden Mütter für jedes "Mamaaaaaa?" einen Cent bekommen, wäre das Problem der Altersarmut gelöst - nur leider verwandelt sich dieser Ausruf nicht automatisch in ein "Papaaaaaa?", wenn der Erzeuger ebenfalls zu Hause ist.

Daran sind nicht die Kinder Schuld, sondern die über Jahre gewachsenen Strukturen: Wer häufiger da ist, wird erster Ansprechpartner. Dadurch haben meist die Mütter mehr Erfahrungen darin, die Kinder zu beschäftigen und fühlen sich schneller zuständig, sie haben das Erdkundebuch schon mal gesehen, sie wissen, wo der Klebestift liegt und mit welchem Mittagessen alle Familienmitglieder auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

In den sozialen Netzwerken lässt sich beobachten, dass in erster Linie Frauen seit Beginn der Kontaktsperre Basteltipps und Bewegungsspiele teilen, Links zu brauchbaren Kindersendungen verschicken und Tagespläne erstellen, um Strukturen zu schaffen. Sie sehen es als ihre Aufgabe an, die Arbeit mit der Kinderbetreuung in Einklang zu bringen.

Wessen Job ist wichtiger?

Homeoffice heißt das neue Zauberwort, das dieses Problem lösen soll, nur leider lassen Kinderbetreuung und Homeoffice sich so gut vereinbaren wie Kopfrechnen und dabei ein Lied singen. Trotzdem ist vielerorts zu hören, dass Mütter sich an dieser Quadratur des Kreises versuchen, während der Partner sich weniger eingeschränkt um seine Arbeit kümmert.

Schließlich schweben unausgesprochen die Fragen im Raum, die schon im normalen Alltag für Zündstoff sorgen: Wessen Job ist wichtiger? Wer ist flexibler und kann besser zurückstecken? Die Psychologin und Paartherapeutin Sandra Konrad sagt: "Die liegengebliebenen, unter den Teppich gekehrten Probleme können in der Corona-Ausnahmesituation zu Stolperfallen werden. Aber Konflikte sind an sich nichts Schlimmes, sie zeigen nur an, wo nachjustiert werden muss."

Gerade in der Krise steckt jedoch derjenige zurück, der es auch sonst tut - und hält plötzlich mehr Bälle in der Luft als je zuvor. Mütter kennen das Gefühl, bei der Vereinbarung von Kindern und Beruf regelmäßig an Grenzen zu stoßen. Der aktuelle Zustand fühlt sich für sie wie ein weiterer Rückschritt an. Sie finden sich stärker als zuvor in der traditionellen Aufgabenteilung wieder, das Leben besteht aus Kindern, Küche, Corona. Und es wächst die Angst, bei einem Jobverlust aus dieser Falle so schnell nicht wieder herauszukommen.

Das muss sich ändern - und die Vorzeichen dafür stehen nicht schlecht: Noch nie war die tägliche Fürsorge-Arbeit, die in einer Familie aufgebracht werden muss, für alle so sichtbar wie jetzt. Auch von Männern werden Lobeshymnen auf diejenigen gesungen, die sich aufopferungsvoll um andere Menschen kümmern. Jetzt ist die Gelegenheit gekommen, sich in den eigenen vier Wänden daran zu versuchen! Die Corona-Ferien - wie Kinder sie nennen, für Eltern die wohl längste Geduldsprobe der Welt - könnten zum Testgelände für eine neue Arbeitsteilung werden.

Gleichberechtigung in der Krise

Wie verteilen wir die Aufgaben gerechter, wenn alle zu Hause sind? Das beginnt mit der Kommunikation. Doch die scheint gerade Frauen Probleme zu bereiten. Sandra Konrad hat sich in ihrem Buch "Das beherrschte Geschlecht" mit unbewussten Rollenvorgaben auseinandergesetzt und erklärt: "Vielen Frauen fällt es schwer, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, zu formulieren und insgesamt zu fühlen, dass sie ein Recht darauf haben, etwas einzufordern. Das liegt daran, dass sie oft als unattraktiv wahrgenommen oder gezeichnet werden, wenn sie klar verhandeln und Forderungen stellen." Damit das aufhört, gibt es hier erste Hilfestellungen für die Corona-Arbeitsteilung:

  • Die Kinderbetreuung auf gerade und ungerade Tage oder auf Vor- und Nachmittage verteilen, mal ist der eine zuständig, mal die andere.

  • Der begehrtere Arbeitsplatz, der weiter vom Familienepizentrum entfernt ist, wird im Wechsel belegt (und sei es nur zur Erholung).

  • Kinder dürfen an Papa-Tagen lernen, dass Väter genauso gute Ansprechpartner sind und ebenfalls sämtliche Alltagsprobleme lösen können.

Auch die Arbeitswelt muss sich verändern, noch nie war das Verständnis für Eltern bei Vorgesetzten so groß wie in diesen Tagen, in denen Kleinkinder durch Videokonferenzen purzelten. Diesen Teil der Lässigkeit sollten wir uns über Corona-Zeiten hinaus bewahren:

  • Kinder gehören zum Leben dazu - und Männer sollten für gelegentliches Homeoffice nicht mehr kämpfen müssen als Frauen.

  • Eine längere Elternzeit, Teilzeit oder Homeoffice machen Eltern nicht zu weniger wertvollen Mitarbeitern, diese Modelle brauchen für einen Imagewandel positive Signale von Arbeitgebern, damit sie von beiden Geschlechtern gleichermaßen angenommen werden.

Wir dürfen nach der Krise nicht vergessen, dass Pflege- und Fürsorgearbeit überlebensnotwendig ist. Auch die, die sich unentgeltlich um Kinder kümmern, Angehörige pflegen und ihre Nachbarn versorgen, sind Leistungsträger unserer Gesellschaft - und je mehr Frauen und Männer sich diese Aufgaben teilen, desto besser geht es uns allen.

LeserInnenaufruf: Kennen Sie das Problem, dass sich Arbeit und Familie aktuell noch schwieriger vereinbaren lassen als sonst? Wie gehen Sie in Ihrer Partnerschaft mit der Aufgabenverteilung um? Haben Sie Tipps und Tricks? Dann schreiben Sie uns an: familie@spiegel.de .

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