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Großeltern und Enkel "Oma, ich versteh das alles nicht. Ich will dich drücken"

Wie verändert die Corona-Pandemie die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkeln? Marianne und Reinhard Kopp erzählen: von Videoanrufen, Umarmungen - und von einem ungewohnten Schmerz.
Von Nike Laurenz

Sie kennen sich, solange sie denken können. Marianne und Reinhard Kopp haben schon als Kinder zusammen gespielt, da wussten sie noch gar nicht, was Heiraten ist. Als sie sich später wieder trafen, beim Theologiestudium, und er ihr Nachhilfe in Griechisch gab, war alles klar. Sie heirateten an einem Datum, das extra schön klingt, am 7.7.1977. Die Ehe ging los, Reinhard Kopp arbeitete als Pastor, Marianne Kopp kümmerte sich um Haushalt und die vier Kinder.

Sie lebten in Leipzig, in Boizenburg an der Elbe, in Gera, Dresden, und irgendwann kamen sie an: in Illerrieden bei Ulm, dort kauften sich die beiden ein Haus mit Garten. Die Kinder wurden groß und die Tochter bekam selbst welche: erst einen Jungen, später ein Mädchen. Marianne und Reinhard Kopp sahen wieder zwei Menschen aufwachsen, inzwischen sind die beiden neun und elf Jahre alt. Fast jeden Tag kamen sie zu Besuch oder umgekehrt. So nah waren sie sich, als Corona auf Deutschland traf.

Seitdem ist das Leben, in dem vieles klar und sicher war, verändert. Marianne und Reinhard Kopp, beide 66, fragen sich jetzt: Wie wird diese Ausnahmesituation die Beziehung zu unseren Enkelkindern verändern? Wenn sie davon erzählen, klingen sie aufgeregt, traurig.

Marianne Kopp: Nachmittags um 16 Uhr ging es los. Es war fast jeden Tag dasselbe: Wenn der Schulbus kam, der die Kinder nach Illerrieden brachte, dann kamen mit diesem Bus die beiden Kinder zu uns. Zum Vespern, so sagt man das hier in Süddeutschland. Kuchen essen, Schulaufgaben machen, die Kinder sind hier auf dem Grundstück herumgesprungen. Und wir haben immer viel erzählt. Unsere Tochter, die Mutter der Kleinen und des Großen, ist alleinerziehend und arbeitet als Sozialpädagogin. Deswegen waren die Kinder so viel bei uns.

Reinhard Kopp: Ich weiß noch, dass Bayern als Erstes alles dicht gemacht hat. Keine Schule mehr, nichts. Und weil wir unweit der Grenze zu Bayern wohnen, hatte der Große, der dort aufs Gymnasium geht, schon früh keinen Unterricht mehr. Da kam dann schon die Frage auf: Wo denn jetzt hin mit dem Jungen? Meine Tochter hatte viele Termine, die fand das toll, dass die Kinder nach der Schule oft zu uns kamen.

Marianne und Reinhard Kopp am Küchentisch in Illerrieden: "Wo denn jetzt hin mit dem Jungen?"

Marianne und Reinhard Kopp am Küchentisch in Illerrieden: "Wo denn jetzt hin mit dem Jungen?"

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Marianne: Unsere Tochter rief eines Mittags an und fragte mich, ob der Junge denn trotz allem weiter zu uns kommen kann. Ich sagte: "Ja, natürlich! Klar!" Da erzählte meine Tochter, wie bitterlich die Kleine geweint habe: "Mama, das kannst du nicht machen, wenn mein Bruder weiter zu Oma und Opa geht, dann sterben die!"

Reinhard: Die hat eine furchtbare Angst bekommen.

Marianne: Es ging dann so schnell, auch in Baden-Württemberg schlossen die Schulen. Es kam der Moment, da entschloss meine Tochter: Wir machen jetzt einen Schnitt. Sie hat die Kinder eingepackt und mit an den Bodensee genommen, wo ihr Lebensgefährte in einem Haus lebt. Von da aus konnte sie Homeoffice machen, Hausbesuche bei Familien waren ab jetzt sowieso nicht mehr möglich. Aber keiner konnte ahnen, wie lange die drei dort bleiben würden. Die sind einfach weg gewesen.

Reinhard: Wir konnten auch nicht mitkommen. Die Regeln waren sehr streng hier und wir dachten: Die anderen da unten besuchen? Können wir nicht bringen, da werden wir erwischt und jemand zeigt uns an. Aber wir haben sofort angefangen mit der Videotelefonie. Über WhatsApp-Video. Die Kinder können ja mit Handys umgehen.

Marianne: Meine Tochter erzählte mir gleich zu Anfang, dass es der Kleinen so schlecht gehe am Bodensee. Die Kleine hat dort gesessen und gesagt: "Ich habe so Bauchweh, ich habe so Heimweh." Sie hat körperlich gelitten, weil sie so gern zur Oma wollte. Unsere Enkelin ist eine, die viele Streicheleinheiten braucht. Wenn es in der Schule oder mit Mama Ärger gibt, kommt sie immer gern zu uns, eine Runde kuscheln.

Reinhard: Wir haben uns mehrmals die Woche übers Video gesehen. Die Kleine hat gesagt: "Jetzt zeig ich euch mal was, ich habe mir hier eine Spielecke eingerichtet!" Der Große hat erzählt, dass er sich eine eigene Autobahn gebaut hat. Und wir haben gesagt: "Euch geht es so gut da. Ihr habt Mama, ihr habt ein großes Grundstück zum Spielen und viel mehr Platz als zu Hause in der Wohnung. Seht ihr, wie gut ihr es habt?"

Marianne: Wir haben uns verkniffen, zu sagen: "Mensch, ist das alles furchtbar und schlimm." Wir haben gesagt: "So schlimm ist es doch gar nicht."

Reinhard: Obwohl es manchmal schlimm war.

Marianne: Es war unnormal. Ungewohnt. Schmerzhaft auch.

Reinhard: Und das hat sich gesteigert. Am Anfang war es noch nicht so schmerzhaft, als wir dachten, das wird schon nicht so lange dauern. Je länger es dauerte, desto größer wurde die Ungewissheit, was macht das mit uns, was macht das mit den Kindern? Was wird aus dem intensiven Verhältnis, das wir haben? Hatten? Auf das wir ja sehr stolz sind.

Im Wohnzimmer bei den Kopps: "Einfach weg gewesen"

Im Wohnzimmer bei den Kopps: "Einfach weg gewesen"

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Marianne: Die Kinder fanden es auch aufregend, der Große hat einmal gesagt: "Gut, dass ich nicht später geboren wurde, sonst hätte ich das hier alles nicht mit erlebt!"

Reinhard: Aber man konnte spüren, wie befremdlich die Situation gleichzeitig für sie war. Sie waren immer so glücklich, uns zu sehen, da haben wir dann gemerkt, dass ihnen auch was fehlt. Wir fehlten.

Reinhard: Wir haben die Kinder noch nie so lange nicht gesehen. In all den Jahren nicht. Fünf Wochen waren sie weg.

Marianne: Seitdem sie Babys waren, sind wir in ihrer Nähe. Das ist eine ganz besondere Verbindung. Wir klammern nicht, wir haben ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Unsere Tochter hilft uns viel. Und wir ihr.

Reinhard: Aber meine Frau und ich sind auch keine Leute, die sich langweilen. Während die Kinder weg waren, haben wir geackert. Wir haben die vergangenen Jahre nach der Maxime gelebt: Unkraut ist auch ganz hübsch! In den Wochen ohne Kinder haben wir die Hecke geschnitten, ein Hochbeet bepflanzt, das Gewächshaus auf Vordermann gebracht. Und dann sind wir noch im Kreisseniorenrat...

Marianne: Wir verschimmeln nicht vorm Fernseher, wir haben viel zu tun.

Reinhard: Als sie endlich wiederkamen, war schnell klar: Corona hat unsere Beziehungen nicht verschlechtert. Aber verändert.

Marianne: Alles, von dem es vorher viel gab, ist jetzt weniger geworden. Die Kinder sind nicht mehr ständig und stundenlang da, sie sind jetzt mehr auf Stippvisite. Der Große hat noch keine Schule, die Kleine geht jeden Tag zwei Stunden hin, die Grundschulen haben hier wieder offen. Das Besuchsprozedere läuft jetzt so: In der Schule geht unsere Enkelin nicht aufs Klo und nach Hause kommt sie nicht mit dem Bus. Sie geht nach Hause, zieht sich aus, die Sachen kommen in die Wäsche, und sie geht duschen, mit Haare waschen. Dann zieht sie sich neue Sachen an. Erst dann kommt sie zu uns. Wir wissen, dass das keine Ansteckung verhindern könnte, aber es fühlt sich so sicherer an. Alles, damit sie Opa und Opa sehen kann.

Schaukel ohne Enkel: "Seitdem sie Babys waren, sind wir in ihrer Nähe"

Schaukel ohne Enkel: "Seitdem sie Babys waren, sind wir in ihrer Nähe"

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Reinhard: Der Junge kommt öfter. Am Bodensee haben die Kinder fünf Wochen niemanden gesehen. Außerdem muss der Junge kommen, weil wir das bessere Internet haben. Das ist sehr schnell, da kann er seine Schulaufgaben besser abrufen als zu Hause.

Marianne: Natürlich ist uns klar, dass es wichtig ist, Kontakte so gering wie möglich zu halten, Experten empfehlen sogar, dass sich Großeltern von ihren Enkelkindern ganz fernhalten sollen. Deswegen sind wir so vorsichtig: Wenn wir rausgehen, tragen mein Mann und ich Mundschutz und Baumwollhandschuhe, wir machen nur die nötigsten Gänge. Aber wir haben festgestellt, dass wir ohne die Familie nicht können, und sie nicht ohne uns. Wenn sie kommen, sagen sie Hallo, wir sagen auch Hallo, keine Umarmung. Sie spielen mehr allein und beim Essen passen wir auf, dass wir nicht zu sehr beieinander hocken. Wir haben im Haus eines der ehemaligen Kinderzimmer zum Spielzimmer umfunktioniert. Da sind sie jetzt oft.

Reinhard: Das pendelt sich alles gerade ein. Wir sind noch ganz am Anfang, wir wissen noch vieles nicht, das ist jetzt das Leben.

Marianne: Einmal kam es vor, dass die Kleine zu mir kam und sagte: "Oma, ich versteh das alles nicht. Ich will dich umarmen. Ich will dich drücken." Dann haben wir unseren Mundschutz aufgezogen, ich habe mich mit ihr in den Sessel gesetzt, und wir haben die Gesichter voneinander weggedreht und uns ganz fest in den Arm genommen. Das hat ihr gutgetan. Und mir.

Reinhard: Ich habe keine Angst vor Corona, auch nicht vor einer zweiten Welle, obwohl wir mit unseren 66 Jahren Risikokandidaten sind. Ich habe gerade ein sehr diffuses Empfinden, das ist schwer zu beschreiben. Man lebt bewusster, wenn man so behutsam miteinander umgehen muss.

Marianne: Manchmal denke ich: Wenn das hier ein Film wäre, dann hätte ich längst abgeschaltet, so ein Quatsch! Aber das ist kein Quatsch, uns passiert das gerade wirklich, und wir müssen jetzt gut aufpassen, dass wir einander schützen, viel reden, viel erklären. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Beziehungen nicht unter Corona leiden.

Reinhard: Regelmäßig die Kinder sehen, das machen wir ja nicht nur für die, das machen wir auch für uns. Nicht jeder ist so nah dabei, wenn die eigenen Enkelkinder groß werden. Nicht jeder versteht sich so gut mit ihnen. Was haben wir für ein Glück!? Wenn ich die beiden jetzt sehe, dann merke ich, was vorher Normalität war, das ist jetzt ein Geschenk.

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