Juno Vai

Alter! - Die Midlife-Kolumne Plötzlich Risikogruppe

Wer über 50 und chronisch krank ist, kann dieser Tage nervös werden. Unsere Kolumnistin über frühe Seuchenerfahrungen und "Corooning" mit schwer pubertierenden Kindern.
Foto: Roman Pawlowski/ Der Spiegel

Bis vor Kurzem war meine Corona-Prophylaxe noch stümperhaft. Auf Bahnreisen tippte ich mit heruntergezogenem Blusenärmel auf verkeimten Touchscreens herum. Um den Hals trug ich ein Bandana meines Sohnes mit lilafarbenen, laserschwingenden Star-Wars-Katzen drauf. Eine Atemschutzmaske schien mir zu alarmistisch, das Tuch konnte ich in unbeobachteten Momenten über Mund und Nase ziehen, um mich irgendwie vor meinem hustenden Sitznachbarn zu schützen. 

Inzwischen habe ich dazugelernt. Mit jedem Tag, an dem weltweit die Zahl der Corona-Infizierten steigt, wächst in meiner Familie die Beklommenheit. Die drastischen Maßnahmen der Behörden, der Kursverfall an den Börsen, die eindringlichen Warnungen von Experten - all das ließ schnell erahnen, dass wir es mit einer wirklich außergewöhnlichen Notlage zu tun haben.

Selbst mein eigentlich empathiefreier Mann hat angefangen, sich zu sorgen. Mit Asthma, mehreren überstandenen Lungenentzündungen und der Autoimmunerkrankung Hashimoto "gehörst du jetzt zur Risikogruppe", stellte er fest. Auch aufgrund des fortgeschrittenen Alters. 

Wie die meisten Menschen in meinem Umfeld reagierte ich zunächst pragmatisch: sagte Theater und Kino ab, sang beim Händewaschen zweimal Happy Birthday, kaufte Desinfektionsmittel, machte die "Flosse", statt jedem um den Hals zu fallen, cancelte unseren Bayern-Urlaub.

Dass Seuchen töten, weiß meine Generation schon seit den Achtzigerjahren.

Dass Seuchen töten, auch in Deutschland, weiß meine Generation schon seit den Achtzigerjahren. Nie werde ich vergessen, wie ich auf dem Höhepunkt der Aids-Krise meinen guten Freund Holger im Krankenhaus besuchte. Er lächelte mich an, herausfordernd und verletzlich, wie es seine Art war. "Ich hab ein Loch im Bauch, so groß, dass du eine Coladose reinstellen kannst", rief er. "Willste mal sehen?"

Ich wollte nicht. Das HI-Virus hatte sich durch Holgers Körper gefressen, seine Aidserkrankung hatte die Darmentzündung Morbus Crohn im Schlepptau. "Halt durch, Hase", sagte ich halbherzig. Wenige Wochen später war Holger tot.

Allein 2018 starben weltweit geschätzt 770.000 Menschen an ihrer HIV-Infektion. Aids galt anfangs als "Lustseuche", etwas, das nur Schwule, Stricher und Junkies ereilte. Aufgrund seines Übertragungsweges war das HI-Virus ausgrenzend, Homophobie fördernd, die Gesellschaft spaltend - der Nazi unter den Erregern. Jeder, der damals selbst einen Aidstest gemacht hat, wird sich an die Angst vor dem Tod, aber auch vor der drohenden Stigmatisierung erinnern.

Im Fall von Aids regierte Panik, dennoch behielt der Einzelne zumindest eine Art von Kontrolle: Er konnte Kondome benutzen, um sich zu schützen, er konnte auch ganz auf Sex verzichten. Aber er durfte noch rausgehen, arbeiten, Hände schütteln.

Das Coronavirus auf Abstand zu halten, ist Experten zufolge schwierig. Langfristig werden wohl 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung erkranken, die Entwicklung eines Impfstoffs könne bis zu zwei Jahre dauern, heißt es. Die Zeit bis dahin wird uns verändern, unsere Umgangsformen, das Familienleben, unsere Arbeitswelt, Politik und Wirtschaft, einfach alles.

Derzeit steht vieles zur Disposition – persönliche Freiheit, berufliche Existenzen, körperliche Nähe. Die Pandemie appelliert an Instinkte, die Menschen um mich herum legen Vorräte an, meiden ihren Nächsten, versuchen, ihre Sippe und sich selbst irgendwie durchzubringen.

Soziale Isolation lautet das Zauberwort, auch meine Familie hat sich eine Kontaktsperre auferlegt. Anfangs war das Schrumpfen meines Aktionsradius ein fast meditativer Zustand: Meine Welt wurde sehr klein und überschaubar. Vater, Mutter, zwei Kinder - unsere Kernfamilie igelte sich ein, "Corooning" war angesagt, wenn auch ohne ausgiebiges Kuscheln. Eine angenehme Form des sozialen Detoxings, die Konzentration aufs Alltägliche: kochen, Wäsche waschen, Holz hacken, reden. 

Alter! – Die Midlife-Kolumne

In der Jugend erlebt man vieles zum ersten Mal: den ersten Kuss, die erste Reise ohne Eltern. Wenn man die Marke 50 streift, geschieht auch viel Neues: die ersten Hitzewallungen, das erste künstliche Gelenk. Und einiges sieht man plötzlich anders. Warum früher trotzdem nicht alles besser war, davon erzählen an dieser Stelle unsere vier Kolumnistinnen und Kolumnisten im Wechsel. Alle Kolumnen finden Sie hier.

Ich genoss die Ruhe, die Nähe zu meinen Lieben. Allzu selten gewährt uns die hyperaktive Welt ein solches Innehalten, die Möglichkeit, das Tempo zu drosseln und sich auf sich selbst zu besinnen. Was für eine Chance mitten in der Not!

Doch die Freude am eben noch politisch unkorrekten, jetzt plötzlich verordneten Eskapismus währte nicht lange. Meine Kinder sind schon pubertätsbedingt auf Krawall gebürstet, die neuartige Form des "Stubenarrests" macht sie nicht gerade geschmeidiger. Es wird gestritten, gemault, gepöbelt. Auch ich bin zusehends gereizt und empfinde es insgeheim als Zumutung, dass mein Sohn sich weigert, warme Jacken zu tragen, um kurz darauf schniefend und hustend durch die Küche zu schlurfen. 

Ich pflege urplötzlich auch apokalyptische Visionen. Erinnere mich an Polizeimeldungen, wonach häusliche Gewalt an Weihnachten und Neujahr zunimmt, also genau dann, wenn Sippen zwangsvereint werden. Was wird in dysfunktionalen oder einfach nur unglücklichen Familien passieren, wenn sie wegen Sars-CoV-2 monatelang dazu verdammt sind, aufeinanderzuhocken?

Wohin lenkt man Aggressionen, die nicht im Fitnesscenter, beim Boxen oder Karate abgebaut werden können? Was passiert, wenn sexuelle Energie nicht mehr bei Prostituierten abgeladen werden kann, weil auch die in Quarantäne sind? Wenn keiner mehr in den Klubs tanzen und alles rauslassen kann? "Mir graut es schon davor, wenn den Crystal-Meth-Junkies auf der Straße der Stoff ausgeht, weil die Grenzen dicht sind", sorgt sich ein Freund aus Neukölln.

Dabei sind wir doch alle gerade noch damit beschäftigt, uns an die neuen Anforderungen anzupassen. Eine kurze Nachfrage in meinem engsten Umfeld ergibt: Eine Freundin flieht gerade mit zwei Katzen im Gepäck vor dem Notstand in Spanien. Drei Paare haben für den Sommer ihre Hochzeit geplant und bangen nun um ihre Party des Jahres. Eine Geschiedene kann ihre beiden Kinder nicht sehen, weil die nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet mit dem Vater in Quarantäne sind. Eine Freundin in England berichtet, ihre Kinder müssten weiter zur Schule gehen, die Regierung habe beschlossen, "durchzuseuchen" - also dem Darwinschen "survival of the fittest" den Vorrang zu geben.

Würde ich zurücktreten für eine jüngere Mutter, die noch ihre Kinder großziehen muss?

Corona wirft unendlich viele Fragen auf, auch moralische. Erschütternd, die verzweifelten Appelle italienischer Ärzte, die wegen Mangel an Beatmungsgeräten gottgleich entscheiden müssen, wer lebensverlängernde Maßnahmen erhält. Und wer nicht.

Würde ich als Ältere zurücktreten für eine jüngere Mutter, die noch ihre Kinder großziehen muss? Vom bequemen Schreibtisch aus bejahe ich die Frage. Ich hatte ein erfülltes Leben. Hätte ich vor 150 Jahren gelebt, wäre ich vermutlich keine 40 geworden. Mäuse- und Hundebisse in der Kindheit hätten mir Wundstarrkrampf oder Tollwut beschert, mein Asthma wäre mit Kaffee kuriert worden. Und spätestens meine Lungenentzündungen hätten mir den Garaus gemacht.

Aber wie werde ich reagieren, wenn es in Deutschlands Krankenhäusern tatsächlich zu Engpässen kommt und ich mit rasselndem Atem in der Ambulanz hocke? Wenn sich jede einzelne Zelle im Leib gegen das Sterben sträubt und der nackte Überlebenswille hochkommt? Wer weiß.

Deshalb: Bitte nicht an die Ausnahmesituation gewöhnen und nachlassen. Sondern weiter Abstand halten und zweimal Happy Birthday singen beim Händewaschen. Auch wir Mittelalten werden es euch danken.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, weltweit seien 770.000 Menschen an einer HIV-Infektion gestorben. Diese Zahl von UNAIDS bezieht sich aber nur auf das Jahr 2018. Wir haben den Satz korrigiert.